Nachverdichtung extrem: Aus zwei mach vier

In einem Investorenwettbewerb sollte der Umgang mit den sanierungsbedürftigen öffentlichen Teilen des Mannheimer Collini-Centers ausgelotet werden. Zwar stand den Teilnehmern ein ressourcenschonender Erhalt offen, doch die sieben eingereichten Entwürfe sahen den Abriss des 1975 eröffneten Bürohochhauses und der sogenannten galerie vor (mR berichtete). Der Ablauf des Wettbewerbs war ungewöhnlich: Interessierte durften sich nur bei einem Workshop einen Eindruck von den Entwürfen verschaffen. Zudem mussten sie eine Verschwiegenheitserklärung unterzeichnen, was mit der Anonymität des Verfahrens begründet wurde. Inzwischen steht die favorisierte Planung fest und kann im Modell in der galerie besichtigt werden. Die Namen der Investoren werden aber erst nach der Entscheidung des Gemeinderates über den Zuschlag für das Areal bekannt gegeben. Ob die Bevölkerung dies als transparent wahrnimmt?

Wie der Mannheimer Morgen berichtet, sollen anstelle des Bürohochhauses und der galerie nun gleich vier Gebäude entstehen. Drei sollen östlich, ein niedrigerer Bau westlich des Wohnhochhauses errichtet werden. In unmittelbarer Nähe soll künftig ein Hochhaus aufragen, dass nur wenig niedriger ist als das Wohnhochhaus des Collini-Centers (nebenbei bemerkt das höchste Wohngebäude Baden-Württembergs). In einigen Wohnungen dürfte die Aussicht über die Quadratestadt dahin sein. Dahin ist damit bald auch eines der bedeutendsten Ensembles des Brutalismus in Deutschland … (mk, 17.2.20)

Mannheim, Collini-Center (Bild: Rudolf Stricker, CC0)

Wiesbaden: HSK darf weg

Die Tage des alten Klinikgebäudes der Horst-Schmidt-Kliniken in Wiesbaden-Dotzheim sind wohl gezählt: Ein offener Brief diverser Architekturexperten erhielt zwar eine Antwort, nicht aber die erhoffte Wirkung. Oliver Elser, Kurator des Deutschen Architekturmuseum Frankfurt (DAM), und andere hatten im Oktober 2019 um den Erhalt der 1976-82 errichteten Klinik-Bauten geworben, da sie „ein einzigartiges Ensemble der Nachkriegsmoderne“ seien. Der Betreiber, der Helios-Konzern, lässt seit 2016 in unmittelbarer Nachbarschaft einen Neubau errichten und plant nach dem Umzug Ende 2021, die obsolet gewordenen Altbauten zugunsten einer Wohnbebauung abzureißen.

Das Hessische Landesamt für Denkmalpflege erhebt keinen Einspruch: Die Gebäude seien „durchaus erhaltenswert, aber nicht mit Mitteln der Denkmalliste“, heißt es in einer Stellungnahme der Behörde, die an Oliver Elser ging. Denkmalqualitäten lägen zwar in Teilen vor, insgesamt reichten sie aber nicht für den Schutzstatus aus. Trotzdem weise der Krankenhauskomplex künstlerische Qualitäten wie die „expressiv-skulpturale Form der Kinderklinikgebäude“ und das Anlieferungsgebäude mit seinen offenen Erschließungsgängen auf. Die Merkmale des Brutalismus – die Sichtbarkeit der Baustoffe und der Konstruktion – seien aber nicht die bestimmenden Faktoren des Gesamtkonzepts. Somit wird die auch auf der Seite SOSBrutalism präsentierte HSK wohl den Betonknabbern zum Opfer fallen. (db, 28.1.20)

Wiesbaden, Helios-Dr.-Horst-Schmidt-Kliniken (Bild: Institut für Kunstgeschichte, Johannes Gutenberg-Universität Mainz, via SOSBrutalism)

SOS Brutalismus in Aalen

Die Ausstellung „SOS Brutalismus – Rettet die Betonmonster“, ein gemeinschaftliches Projekt des Deutschen Architekturmuseums Frankfurt und der Wüstenrot Stiftung, zieht weiter: Vom 1. Februar bis zum 29. März 2020 wird sie in der Galerie im Rathaus Aalen zu sehen sein. Bereits am Freitag, den 31. Januar findet um 18:00 Uhr die Vernissage statt, bei der auch DAM-Kurator Oliver Elser sprechen wird. Der aktuelle Ort der 2017 erstmals gezeigten Schau ist natürlich nicht ohne Grund gewählt.

Hintergrund ist der aktuelle Diskurs um die Zukunft des Aalener Rathauses, denn dort stehen demnächst größere Sanierungsmaßnahmen an. Nach einer Vortragsreihe im vergangenen Jahr soll die Ausstellung noch einmal die Qualitäten des Brutalismus und somit auch die architektonische Qualität des Rathauses ins Bewusstsein rufen. Der 1975 nach Plänen des Reutlinger Architekten und späteren Ulmer Baubürgermeisters Helmut Schaber realisierte Bau lehnt sich stilistisch an Kenzo Tanges Verwaltungsgebäude der Präfektur Kagawa im japanischen Takamatsu an. (mk, 22.01.20)

Aalen, Rathaus und Reichsstädter Brunnen (Bild: Stephan Becker, CC BY-SA 4.0)