Sun City Nowosibirsk

Die drittgrößte Stadt Russlands liegt in der westsibirischen Steppe: Nach Moskau und St. Petersburg hat es Nowosibirsk in die oberste Liga der Sowjetmetropolen geschafft. Die heutige Großstadt wurde um die Jahrhundertwende mit dem Vordringen der Eisenbahn gegründet. 1903 erhielt der Ort die Stadtrechte, 1926 den Namen Nowosibirsk, „Neu-Sibirien“. Heute gilt die einstige Neugründung als einer der kulturellen und wirtschaftlichen Mittelpunkte des Landes.

In ihrer neuen Publikation „Sun City Nowosibirsk“ porträtieren die drei Herausgeber – Stephan Lanz, Stefanie Peter und Kathrin Wildner – „ausgewählte urbane Transformationsprozesse“ – wie den Wandel der Großwohnsiedlungen oder wiederkehrende Planungen für den Marx-Platz. Es geht um die Prozesse, wenn Volks- in Privateigentum übergeht, wenn staatliche Planung vom Druck des Kapitals eingeholt wird. Textbeiträge, Fotoserien und ein Glossar dokumentieren und kommentieren so aus verschiedenen Perspektiven den Wandel von der sozialistischen zur kapitalistischen Stadt ebenso wie den Umgang mit dem sprichwörtlichen sibirischen Winter im öffentlichen Raum. Die Buchvorstellung findet morgen, am 15. Juli 2018, ab 19 Uhr in Berlin in der Floating University (Lilienthalstraße, 10965 Berlin-Kreuzberg) statt. (kb, 14.7.18)

Lanz, Stephan/Peter, Stefanie/Wildner, Kathrin (Hg.), Sun City Nowosibirsk. Transformationen einer sibirischen Metropole (metroZones14), Spector Books, Leipzig 2018, ISBN 9783959051651.

Nowosibirsk (Bild: Brücke-Osteuropa, PD, 2007)

Alle reden vom Fußball …

… wir nicht. Also selten. Eine Ausstellung in Moskau bringt uns aber doch dazu: Bis zum 26. August beleuchtet die Schau „Arhitektura Stadionov“ im Ščusev-Museum für Architektur Sportarenen Russlands und der ehemaligen Sowjetunion. Den sowjetmodernen Großbauten treten hier die jüngst eröffneten, modernen Fußballtempel gegenüber, die eigens für die Weltmeisterschaft (um)gebaut wurden.

Stadien hatten als Austragungsort von Sport- und Massenveranstaltungen einen besonderen Stellenwert in der sowjetischen Architektur. Renommierte Baumeister wie Nikolaj Kolli, Nikolaj Ladovskij oder Dimitrij Iofan beteiligten sich mit engagierten Beiträgen an der Suche nach der idealen sozialistischen Sportarena. Bei prestigeträchtigen internationalen Wettkämpfen sollten die Bauten ebenso wie die sowjetischen Sportler die Überlegenheit des politischen Systems demonstrieren.  Die Ausstellung versammelt Modelle und noch nie gezeigte Pläne mit Beispielen aus Moskau, St. Petersburg, Minsk, Jerevan und anderen Städten. Teils blieben die aufwändigen Entwürfe ungebaut, teils kann man sie derzeit in modernisierter Form täglich im Fernsehen bewundern. (jr, 3.7.18)

Lužniki Staion, Moskau, 1980 (Bild: RIA Novosti archive, image #487039, Vladimir Rodionov, CC BY-SA 3.0)

Fesseln für den Dnepr

Die Natur galt in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vielen Architekten, Bauingenieuren und Städtebauern als fortschrittsfreie Zone, die es zu unterwerfen galt. Das reichte bis hin zu so wahnwitzigen Plänen wie dem Atlantropa-Projekt, das eine teilweise Trockenlegung des Mittelmeeres vorsah. Auch für die forcierte Industrialisierung der UdSSR in den 1930er Jahren war die Zähmung der widerspenstigen natürlichen Umwelt ein Leitmotiv. Sie hinterließ im gesamten Land ein vielfältiges bauliches Erbe. Ein Vortrag von Thomas Flierl macht dies am Beispiel des Dnepr-Staudamms der ukrainischen Industriestadt Zaporož’e deutlich.

Der Staudamm und das zugehörigen Wasserkraftwerk wurde in den Jahren 1927 bis 1932 erbaut und stellten die energetische Basis für die Industrialisierung der Ost-Ukraine dar. Das Wasserkraftwerk und die zeitgleich errichtete Wohnstadt für Zaporož’e gehörten zu den Großprojekten des ersten Fünfjahrplans und entstanden unter der Federführung des sowjetischen Konstruktivisten Viktor Vesnin (1882–1950). Der Vortrag „>Der gefesselte Dnepr< oder >Der sozialistische Angriff auf die Natur<“ findet am 20. Juli 2018 um 19 Uhr im Berliner Max-Lingner-Haus (Beatrice-Zweig-Straße 2, 13156 Berlin) statt. (jr, 19.6.18)

Dnepr-Staudamm, Zaporož’e (Bild: PD)