Schlagwort: Sowjetunion

Emmanuil Evzerikhin, Kundgebung mit Lokomotive,1937 (Bild: © Courtesy: private collection)

Station Russia

Die transsibirische Eisenbahn ist wohl die berühmteste Zugverbindung der Welt. Unzählige Legenden ranken sich um die Trasse von Moskau nach Vladivostok, die Ernennung zum Weltkulturerbe wäre keine Überraschung. So ist es nur konsequent, dass Russland seinen Pavillon bei der Architekturbiennale 2018 ganz dem Thema Eisenbahn widmet. Der jüngst erschienene Begleitband beleuchtet die vielschichtige Geschichte der russischen Schiene.

Wenngleich der Bau der Transsib auf die Zarenzeit zurückging, hatte die Eisenbahn doch gerade in der Sowjetunion einen besonderen Stellenwert. Das Land besaß ein eigenes Eisenbahnministerium, der Bau der Baikal-Amur-Magistrale diente der KPdSU bis in Breschnews Tage als propagandistischer Dauerbrenner. Die gemischtgeschlechtlichen Liegewagen, in denen man sich für die oft tagelangen Reisen häuslich einrichtete, brachten schließlich das Prinzip der Kommunalka auf die Schiene. Eisenbahnenthusiasten haben noch bis zum 25. November die Chance, die ganze Welt der russischen Eisenbahn auf der Architekturbiennale zu erleben. Gibt es eigentlich eine Direktverbindung von Moskau nach Venedig …? (jr, 7.8.18)

Kundgebung in der UdSSR, 1937 (Bild: Emmanuil Evzerikhin, © Courtesy: private collection)

Molok, Nikolai, Station Russia, Gestaltung von Andrey Shelyutto und Irina Chekmareva, Englisch od. Russisch, Cantz Verlag, Berlin 2018, ISBN 978-3-7757-4458-4.

Lužniki Staion, Moskau, 1980 (Bild: RIA Novosti archive, image #487039 / Vladimir Rodionov / CC-BY-SA 3.0)

Alle reden vom Fußball …

… wir nicht. Also selten. Eine Ausstellung in Moskau bringt uns aber doch dazu: Bis zum 26. August beleuchtet die Schau „Arhitektura Stadionov“ im Ščusev-Museum für Architektur Sportarenen Russlands und der ehemaligen Sowjetunion. Den sowjetmodernen Großbauten treten hier die jüngst eröffneten, modernen Fußballtempel gegenüber, die eigens für die Weltmeisterschaft (um)gebaut wurden.

Stadien hatten als Austragungsort von Sport- und Massenveranstaltungen einen besonderen Stellenwert in der sowjetischen Architektur. Renommierte Baumeister wie Nikolaj Kolli, Nikolaj Ladovskij oder Dimitrij Iofan beteiligten sich mit engagierten Beiträgen an der Suche nach der idealen sozialistischen Sportarena. Bei prestigeträchtigen internationalen Wettkämpfen sollten die Bauten ebenso wie die sowjetischen Sportler die Überlegenheit des politischen Systems demonstrieren.  Die Ausstellung versammelt Modelle und noch nie gezeigte Pläne mit Beispielen aus Moskau, St. Petersburg, Minsk, Jerevan und anderen Städten. Teils blieben die aufwändigen Entwürfe ungebaut, teils kann man sie derzeit in modernisierter Form täglich im Fernsehen bewundern. (jr, 3.7.18)

Lužniki Staion, Moskau, 1980 (Bild: RIA Novosti archive, image #487039, Vladimir Rodionov, CC BY-SA 3.0)

Rodtschenko, Lengiz (Bild: Bröhan-Museum, (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2017)

The Paper Revolution

2017 feierte die Russische Oktoberrevolution ihren 100. Geburtstag, nicht nur in Russland erinnerten zahlreiche Ausstellungen und Veranstaltungen daran. Wer das Jubiläum noch ein bisschen länger begehen möchte, hat bis zum 21. Januar in Berlin die Gelegenheit dazu. So lange ist die Ausstellung „The Paper Revolution. Sowjetisches Grafikdesign der 1920er und 1930er Jahre“ im Bröhan-Museum noch zu sehen. Die im November 2017 eröffnete Schau ist eine Kooperationsveranstaltung mit dem Moscow Design Museum.

Nach der Revolution gewährte die junge UdSSR avantgardistischen Künstlern große Entfaltungsfreiheit, umgekehrt begriffen viele Kulturschaffende den radikalen gesellschaftlichen Wandel als Inspirationsquell. Der Konstruktivismus setzte ästhetische Maßstäbe, die weit über die Grenzen des Staates hinaus große Beachtung fanden. Sogar kommunistische Propangandaplakate avancierten zu anspruchsvollen Kunstwerken. Die Ausstellung versammelt grafische Arbeiten, darunter Plakate, Bücher, Zeitschriften und Postkarten von Künstlern wie Aleksandr Rodčenko, Varvara Stepanova, Gustav Klutsis, Ėl‘ Lisickij oder Anton Lavinskij. (jr, 7.1.18)

Aleksandr Rodčenko: „Lengiz“ (Bild: Bröhan-Museum, © VG Bild-Kunst, Bonn 2017)

Schlögel, Das sowjetische Jahrhundert (Bild C.H. Beck)

Das sowjetische Jahrhundert

Karl Schlögel gehört zu den Pionieren der Osteuropahistoriker. Lange vor der Öffnung  russischer Archive entwickelte er sich zu einem renommierten westeuropäischen Experten der sowjetischen Geschichte. Kürzlich publizierte Schlögel mit „Das sowjetische Jahrhundert“ ein Grundlagenwerk, das in seiner Methodik von historiographischen Gepflogenheiten deutlich abweicht. Es präsentiert dem Leser die „Archäologie einer untergegangenen Welt“ und rekonstruiert die Geschichte der UdSSR anhand von ikonischen Alltagsgegenständen, Kulturpraktiken und Objekten des Landes. Statt einer herkömmlichen Kulturgeschichte entsteht somit ein vielschichtiges Porträt einer historisch spezifischen Lebenswelt, vom sowjetischen Parfum über Datscha und Kommunalka bis zur legendären Großbaustelle Magnitogorsk.

Wer den Autor live erleben möchte, hat diese Woche in Berlin die Möglichkeit dazu. Am Mittwoch, 13. Dezember, lädt die Max-Lingner-Stiftung zum Themenabend „Zehn Tage, die die Welt erschütterten“. Im Fokus steht die russische Revolution, als Diskutanten sind Schlögel und sein Kollege Wladislaw Hedeler geladen. Los geht es um 19 Uhr im Max-Lingner-Haus (Beatrice-Zweig-Straße 2, 13156 Berlin). (jr, 11.12.17)

Schlögel, Karl, Das sowjetische Jahrhundert. Archäologie einer untergegangenen Welt, C.H. Beck, München 2017, ISBN 978-3-406-71511-2 .

Ausstellung "Zentrifugale Tendenzen" (Bild: Tchouban Foundation, Berlin)

Tallinn – Moskau – Nowosibirsk

Die Ausstellung „Zentrifugale Tendenzen. Tallinn – Moskau – Nowosibirsk“ ist die Fortsetzung der Reihe visionärer und gesellschaftskritischer Architektur im Berliner Museum für Architekturzeichnung (Tchoban Foundation). Nach den Ausstellungen der Werke von Lebbeus Woods, Peter Cook und der Sammlung von Alvin Boyarsky wird die sogenannte Papierarchitektur aus der ehemaligen Sowjetunion vorgestellt. Der Begriff Papierarchitektur wurde in den 1980ern durch den Architekten, Kurator und einen der Protagonisten dieser Bewegung, Juri Awwakumow, geprägt. Er wird für nicht realisierte, lediglich für die Schublade geplante, Bauvorhaben benutzt.

Dies wird dem Phänomen jedoch nicht gerecht. Denn mit Papierarchitektur ist vor allem eine in den 1980er Jahren in der Sowjetunion geborene Architekturbewegung gemeint, die als Protest gegen die Routine der staatlichen Planungsbüros entstanden ist. Die Ausstellung präsentiert etwa fünfzig Zeichnungen, die sich in drei Gruppen untergliedern lassen: die Tallinner Schule, die Papierarchitektur aus Moskau und die aus Nowosibirsk. Zu sehen sind Werke namhafter Künstler, darunter Leonhard Lapin, Juri Awwakumow, Alexander Brodsky und weitere Architekten. Zu der Ausstellung ist ein Katalog erschienen. Die Präsentation ist noch bis zum 18. Februar 2018 zu sehen. (kb, 17.11.17)

Ausstellung „Zentrifugale Tendenzen“ (Bild: Tchoban Foundation, Berlin)

Helden am Ende

Helden am Ende (Bild: Campus Verlag)
Helden am Ende (Bild: Campus Verlag)

Heldinnen und Helden waren in den Gesellschaften des Realsozialismus allgegenwärtig. Wandmosaiken, Historiengemälde oder Illustrierte Zeitungen kündeten ohne Unterlass von den Leistungen der zu Stars avancierten Kosmonauten, Stachanovisten und Piloten. Doch wie war der permanente Enthusiasmus dieser Personen mit der Betonung der Propaganda vereinbar, es handele sich dabei um gewöhnliche Menschen, um „einen von uns“? Der von Monica Rüthers und Alexandra Köhring herausgegebene Sammelband „Helden am Ende“ hakt nach und fragt nach heroischen Erschöpfungszuständen und deren Darstellung.

Die Beiträge werfen einen umfassenden Blick auf die Bildwelten des Sozialismus, die ihren Helden nur selten eine Pause gönnten und sie etwa im Sport als ebenso unermüdlich wie entsexualisiert präsentierten. Möglichkeiten zur Darstellung der Erschöpfung boten aber Ausnahmezustände wie ein schweres Grubenunglück, das sich 1960 in der DDR ereignete. Eine zeitgenössische Fotodokumentation inszenierte einen völlig erschöpften Rettungshelfer als Helden im Ausnahmezustand. Das sowjetische Kino problematisierte gar die Heroenszenierung selbst, indem es eine alterne Fliegerheldin in den Blick nahm. In der sowjetischen Nachkriegsgesellschaft aus der Zeit gefallen, sieht sich die Protagonistin mit dem Schicksal einer Heldin von gestern konfrontiert. (jr, 3.11.16)

Rüthers, Monica/Köhring, Alexandra (Hg.), Helden am Ende. Erschöpfungszustände in der Kunst des Sozialismus. Campus Verlag, Frankfurt 2014, 978-3593501000.

Kulturaustausch

Berlin, VII. SED-Parteitag, 18. April 1967, Ulbricht küsst Breschnev (Bild: Bundesarchiv Bild 83-F0418-0001-038, CC BY SA 3.0, Foto: Urlich Kohls)
Ulbricht und Breschnew tauschen „Ideen“ aus: Berlin, VII. SED-Parteitag, 18. April 1967 (Bild: Bundesarchiv Bild 83-F0418-0001-038, CC BY SA 3.0, Foto: Ulrich Kohls)

Von der aktuellen Forschung wird entweder über- oder unterschätzt, welche kulturelle Bedeutung der UdSSR in den Volksrepubliken Mittel- und Osteuropas zukam. So wie die Geschichtsschreibung vor 1989 immer wieder den Austausch mit dem „großen Bruder“ hervorhob, verneinte man diesen nach 1989 nur allzu gerne. Zudem unterstellte man den großen militärischen oder außenpolitischen Ereignissen – 1953 in Ost-Berlin, 1956 in Budapest, 1968 in Prag, 1989 in Berlin – einen überproportionalen Einfluss.

Dem möchte die Tagung „La place du grand frère. Cultural Exchanges Between the Soviet Union and the Popular Democracies during the Communist Era“ abhelfen, die vom 16. bis 17. Juli 2016 in Bukarest stattfinden soll. Hierfür werden noch Themenvorschläge gesucht, die sich konzentrieren auf den kulturellen Austausch in den Bereichen Theater, Literatur, Musik, bildende Künste, Architektur und Film – mit Schwerpunkt auf den beteiligten Institutionen, den kulturellen Akteuren, dem Austausch von Wissen und Gütern oder den geographischen Begegnungspunkten. Das Paper (Titel und Abstract von max. 500 Wörtern) kann mit einer Kurzbiographie (max. 10 Zeilen) bis zum 26. Juni 2016 gesendet werden an: popescualinaa@yahoo.fr und luciadragomir@gmail.com. Konferenzsprache ist vorwiegend Französisch, aber auch englische Papers werden akzeptiert. (kb, 19.6.16)

Back in the USSR

Back in the USSR (Bild: Jovis Verlag)
Die Bushaltestellen der Sowjetunion sind erneut Thema eines Bildbandes (Bild: Jovis Verlag)

2014 wiesen wir auf den schönen Bildband ‚Soviet Bus Stops‘ hin. Er wurde in streng limitierter Auflage von 1.500 Exemplare gedruckt und zeigte Aufnahmen Christopher Herwigs. Der Fotograf hat in der ehemaligen Sowjetunion über 30 000 Kilometer zurückgelegt, um die Bushaltestellen der Nachfolgestaaten der einstigen Supermacht zu porträtieren. Sein Beispiel hat offenbar Schule gemacht: Nun erschien ein Bildband des Fotografen Peter Ortner, der sich dem gleichen Thema widmet. Herwigs Buch ist inzwischen unter dem zweisprachigen Titel ‚Sovetskie Avtobusnye Ostanovki – Soviet Bus Stops‘ neu aufgelegt worden.

Die Aufnahmen der beiden Bildbände zeigen Bauten, deren Architekten sich unter dem Deckmantel der scheinbar banalen Bauaufgabe selbst verwirklichten. Die Bushaltestellen an den Landstraßen der Sowjetrepubliken sollten nicht nur vor Wind und Wetter schützen, sondern auch Denkmal und lokaler Identitätsstifter sein. So präsentieren sie sich mal als konstruktivistische Betonskulptur, mal als Tempel des sozialistischen Klassizismus oder auch als überdimensionaler Mongolenhelm. (jr, 2.6.16)

Ortner, Peter, Back in the USSR. Soviet Roadside Architecture from Samarkand to Yerevan, Jovis Verlag, Berlin 2016, Hardcover, Deutsch/Englisch, ISBN 978-3-86859-413-3.

Herwig, Christopher, Sovetskie Avtobusnye Ostanovki – Soviet Bus Stops, Fuell, London 2016, Hardcover, ISBN 978-0-9931911-0-7.

Russisch Quartett

Quartett "Russische Wohungsbauserien" (Bild: Dom Publishers)
Farbenfrohe Ostmoderne: das Bild-Quartett „Russische Wohungsbauserien“ (Bild: Dom Publishers)

Wer sich die Freizeit auf Russisch vertreiben möchte, kann auch weniger blutig davonkommen: mit einem Quartettspiel zu sowjetischen Wohnungsbauserien. Denn tatsächlich gab es keine sowjetische Stadt, die den Standardentwürfen der Ostmoderne entgehen konnte. Diese waren in den 1960er Jahren Grundlage für über 90 Prozent aller Wohnungsbauten.

Der sowjetische Massenwohnungsbau war allgegenwärtig, er formte die Kultur und den Weltblick auf die sowjetischen Bürger. Nun können sich Ostmodernisten damit auch ihre Freizeit vertreiben – ein Tipp, den wir dem Plattenbauportal „Jeder Quadratmeter Du“ verdanken. Das Kartendeck von 37 Blatt von Dom Publishers dokumentiert Wohnungsbauserien in der Sowjetunion, die auf Basis von Standardentwürfen entstanden sind. Die Auswahl repräsentiert die verschiedenen Generationen und macht dadurch die Entwicklung der Serientypen nachvollziehbar. Und wer dann immer noch in Spiellaune ist, kann auf die Quartett-Klassiker zurückgreifen: „Plattenbauten. Berliner Betonerzeugnisse“ und „Stadtbeleuchtung. Berliner Lichtelemente“. (kb, 27.2.16)

Bauten für die Wartegemeinschaft

Soviet Bus Stops (Bild: C. Herbig)
Christopher Herbig fotografierte sowjetische Alltagsarchitektur (Bild: C. Herbig)

„Nur wartende Menschen/und nirgendwo ein Bus“, so besangen einst die Toten Hosen die festgefahrene Gesellschaft im Kuba Fidel Castros. Im „Bruderstaat“ UdSSR konnten sich die Wartenden zumindest an ungewöhnlicher Architektur freuen: die sowjetischen Bushaltestellen präsentierten sich nicht standardisiert, sondern bestachen durch Lokalkolorit und teilweise expressive Bauformen. Man könnte fast glauben, hier wollte jemand der spöttisch beschworenen „sozialistischen Wartegemeinschaft“ ein Denkmal setzen.

Der Fotograf Christopher Herwig hat diesem bislang kaum beachteten Stück Architekturgeschichte nun einen eigenen Bildband gewidmet. Für das Projekt legte er eine Strecke von über 30 000 km zurück und bereiste 13 Nachfolgestaaten der Sowjetunion. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: die porträtierten Bushaltestellen präsentieren sich mal als Miniaturmoschee in der kasachischen Steppe, mal als konstruktivistische Betonskulptur. Andernorts trifft man aufs überladene Schmuckkästchen voll sozialistisch-realistischem Kitsch oder auch einen überdimensionierten Mongolenhelm. Wer noch ein Exemplar ergattern möchte, sollte sich beeilen: der durch crowdfunding finanzierte Bildband wurde in einer streng limitierten Auflage von 1500 Exemplaren gedruckt, Restexemplare gibt es nur noch auf Nachfrage! (jr, 19.10.14)

Herwig, Christopher, Soviet Bus Stops. Limited edition photo book by Christopher Herwig, 2014, 128 Seiten, 28,5 x 21,5 cm.

Sowjetmoderne. 1955-1991

Sowjetmoderne (Bild: Parkbooks)
Sowjetmoderne (Bild: Parkbooks)

Langsam hat es sich auch im Westen herumgesprochen, dass in Moskau nach 1945 beeindruckende moderne Bauten entstanden. Aber die 14 nicht-russischen ehemaligen Sowjetrepubliken? Das Buch “Sowjetmoderne” verspricht zu eben jenen wenig vertrauten Provinzen unbekannte Geschichten. Reich bebildert, bestechend fotografiert und ausführlich beschrieben geht es um die Bauten der Jahre 1955 bis 1991 im Baltikum, im Kaukasus, in Osteuropa und in Zentralasien.

Für diese Übersicht forschte eine Gruppe des Architekturzentrums Wien über Jahre. Man arbeitete mit Fachleuten vor Ort zusammen, erstellte Karten und deutete die einzelnen Bauten. Viele der Zeitzeugen konnten für diese umfassende Publikation noch befragt und ihre Geschichten geschrieben werden. Entstanden ist die Gesamtschau auf einen “zweiten Kontinent des architektonischen Modernismus”. (kgb, 16.7.14)

Katharina Ritter u. a. (Bearb.), Sowjetmoderne. 1955-1991. Unbekannte Geschichten, hg. vom Architekturzentrum Wien, Parkbooks, 2012, gebunden, 20,5 x 26,5 cm, rund 1.000 größtenteils farbige Abbildungen, ISBN 978-3-85881-394-7.

LEITARTIKEL: Gedächtnis der Städte

von Monica Rüthers (16/2)

Moskau, Ausstellungsgebäude Garage (Bild: Vladimir Jarockij)
Das Café „Jahreszeiten“ wurde von Rem Koolhaas 2008 zum Museum für Gegenwartskunst  umgestaltet. Die Leiterin Darija Žukova ist auch Ehefrau von Roman Abramovič (Bild: V. Jarockij)

Nach Machtwechseln versuchen die neuen Herrscher jeweils, Raum und Zeit symbolisch neu zu besetzen: durch andere Gedenk- und Feiertage, durch den Sturz und die Errichtung von Denkmälern, durch die Umbenennung von Straßen, Plätzen und Einrichtungen, durch die Planung von repräsentativen Gebäuden, Ensembles und ganzen Städten. Gerade Moskau ist ein Beispiel dafür, wie wechselnde Leitbilder als Risse im Gewebe der Stadt sichtbar bleiben. Die zerklüftete Stadtlandschaft lässt sich als soziales Gedächtnis deuten, wenn man sie zu lesen vermag. Zugleich widerspricht sie der Vorstellung von einer „schönen“ Stadt. Angesichts der Besonderheiten der „sozialistischen Stadt“ stellt sich die Frage, wie Ikonen der Architekturgeschichte, größere Ensembles und einzelne Stadien der Stadtentwicklung zu gewichten sind. Sie stehen neben älteren „historischen“ Baudenkmälern, die bereits zu Sowjetzeiten geschützt und erhalten wurden.

 

Machtwechsel

Krim, Ferienlager, Artek, 1985 (Bild: RIA Novosti archive image #171678, Vladimir Fedorenko, CC BY SA 3.0)
Auf der Krim wird das Ferienlager Artek, hier im Jahr 1985, aktuell entrümpelt, restauriert, aber auch erweitert und verändert (Bild: RIA Novosti archive, image #171678, Vladimir Fedorenko, CC BY SA 3.0)

Bei der „Wahrung des historischen Erbes“ prallen – auch und gerade in Moskau – viele Akteure, gewachsene Institutionen, Kompetenzen und Traditionen mit unterschiedlichen individuellen und öffentlichen, ideellen und finanziellen Interessen aufeinander. Aus der sowjetischen Tradition heraus identifiziert Efim Freidine zwei Haltungen, die auch die russischen Debatten prägen: die Bewahrung historischer Bauten und Ensembles als dynamische Prozesse, die sich mit ihren Kontexten verändern einerseits und die Restauration historischer Objekte in einen bestimmten „ursprünglichen“ Zustand andererseits. Allerdings bestimmten seit den 1990er Jahren in Moskau weniger denkmalpflegerische Konzepte als vielmehr die Immobilienpreise und die Korruption über das Schicksal historischer Substanz. In letzter Zeit spielt die Politik wiederum die entscheidende Rolle.

Aktuelle Identitätsbedürfnisse zeigen sich an den Baudenkmälern, die saniert werden: der Gor’ki Park und die VDNCh („vystavka dostiženii narodnogo chozjajstva SSSR“, Ausstellung der Errungenschaften der Volkswirtschaft der UdSSR) in Moskau sowie neuerdings das berühmte Ferienlager Artek auf der Krim. Diese Areale sind klassische stalinistische Heterotopien, perfekte Orte, an denen bereits in der sowjetischen Gegenwart die lichte Zukunft genossen werden konnte. Heute erinnern sie an vergangene Macht und Größe in Verbindung mit Freizeit und Vergnügen. Die Anlagen werden unter der Fahne des Denkmalschutzes derzeit feinsäuberlich aktualisiert, entrümpelt, restauriert, aber auch um angrenzende Areale erweitert und verändert.

 

Neue Räume für neue Menschen

Nach der Oktoberrevolution sollte die Sowjetunion ins Industriezeitalter katapultiert werden. Die Utopie des Neuen Menschen und der Neuen Gesellschaft entsprach den Projekten der Neuen Stadt. Die Kreativen aller Länder vereinigten sich um die Hot Spots der Modernisierung wie die Motten um das Licht. Doch Planung war das eine, Umsetzung das andere. Der Schwerpunkt lag auf der Industrialisierung und den dafür nötigen Infrastrukturen, nicht auf dem Städtebau. So blieb die erste Phase von Signalbauten geprägt, die oft neue Funktionen verkörperten, wie Arbeiterclubs und Kommunehäuser. Die vereinzelten modernistischen Projekte blieben eine Randerscheinung. Die wenigen Kommunehäuser waren noch im Bau, als sich der politische Wechsel zum Stalinismus bereits vollzog.

Es gab zwar eine Kampagne gegen den so genannten Formalismus und eine Ächtung mancher KünstlerInnen und ihrer Werke, aber keinen Bildersturm gegen die konstruktivistischen Bauten. Das hätte man sich angesichts der Not gar nicht leisten können. Die Propaganda konzentrierte sich auf repräsentative neoklassizistische Bauten und Infrastruktur. Die konstruktivistischen Gebäude wurden weiterhin (um-)genutzt und weitergebaut.

 

Großprojekte der Stalinzeit

Moskau, Metrostation Majakovskaja (Bild: Andrey Kryuchenko, CC BY SA 3.0)
Die prunkvolle Moskauer Metro, hier die 1938 eingeweihte Station Majakovskaja, zählte zu den Vorzeigeprojekten der jungen Sowjetunion (Bild: Andrey Kryuchenko, CC BY SA 3.0)

Repräsentative Großprojekte prägten die 1930er Jahre: Ausstellungen, Stadtneu- oder Umbauten, die Metro, Regierungsgebäude, Ferienlager und Sanatorien. Diese teuren Prestigeobjekte wurden intensiv beworben und wirkten identitätsstiftend. Nach Stalins Tod 1953 wendete sich das Blatt. Schon 1954 verkündete Nikita Chruščëv beim Architektenkongress, dass nun einfach, günstig und schnell gebaut werden sollte. Neubauviertel prägten zunehmend das Bild sowjetischer Städte. Die Erneuerung des Sozialismus nach Stalin besann sich auf die Werte der Oktoberrevolution und rehabilitierte die Avantgarde der 1920er Jahre.

Doch die Bauten der Stalinzeit waren so monumental präsent und so sehr mit den Attributen des Guten, Schönen und Wahren belegt, dass auch der durch die Geheimrede 1956 eingeleitete Bildersturm nur Stalin und seine engsten Mitstreiter betraf. Die Prestigeobjekte wirkten zwar im Original, viel wichtiger war aber, wie man sie im Bild, auf Postkarten, Briefmarken, in Filmen und in der Presse verbreitete. Unliebsam gewordene Gebäude wurden aus dieser Öffentlichkeit so weit wie möglich ausgeblendet, sie verschwanden von Briefmarken und Postkarten.

 

Nach dem Ende

Die 1990er Jahre waren ein einziger Siegestaumel des spätkapitalistischen Triumphs über den Kommunismus, auf den die marktwirtschaftliche Unordnung folgte. Die Oktoberrevolution hatte die Privatparzelle abgeschafft und damit der Stadtplanung einmalige, wenn auch durch knappe Ressourcen eingeschränkte Möglichkeiten eröffnet. Nun schuf die Privatisierung nicht des Bodens, aber der Wohnungen und Betriebe ganz neue Verhältnisse. In Provinzstädten fiel diese Entwicklung zusammen mit Sanierungsbedarf, Kapitalmangel und nachholender Deindustrialisierung.

In Moskau hingegen, nach wie vor als repräsentative Hauptstadt abgekoppelt vom Hinterland, explodierten seit Mitte der 1990er Jahre die Immobilienpreise. Neue Formen der Kriminalität wie die berüchtigten „Wohnungsmorde“ griffen um sich. Jeder Immobilienboom gefährdet die Bausubstanz – und in Moskau war Nina Baturina, die Frau des Bürgermeisters Jurij Lužkov, die größte Immobilien- und Bauunternehmerin. Die ausufernde Korruption schreckte jedoch zunehmend Investoren ab, weil die Renditen darunter litten.

 

„Retromania“

Byelyaevo forever!
„Byelyaevo forever!“ – ein Buchtitel wurde zum Innbegriff einer neuen – auch denkmalpflegerischen – Wertschätzung für die sozialistische Moderne gefeiert

In Fachkreisen, an Hochschulen und auf Konferenzen herrscht in den letzten Jahren „retromania“ (Simon Reynolds): Die sozialistische Moderne der 1960er bis 1980er Jahre ist beliebt. ArchitektInnen, KünstlerInnen und Studierende sind fasziniert vom Transzendentalen, das diese Bauten ausstrahlen, vom Raster und seinen Variationen, von der Kompromisslosigkeit der „Platte“ und von außergewöhnlichen Architekturen der sozialistischen Hochmoderne. Die Platte ist hip, und wer sie zu schätzen weiß, verrät wahre Kennerschaft. Aber der Funke scheint nicht auf breitere Öffentlichkeiten überzuspringen. Die Bauten sind häufig in schlechtem Zustand, wirken schmuddelig und sind dabei nicht „alt“ genug, um vom Denkmalschutz wahrgenommen zu werden. Hier sind es tatsächlich die immateriellen Qualitäten, die Bedeutungen und Zuschreibungen, die über das Schicksal der Bausubstanz entscheiden. Es geht nur darum, wer die Deutungsmacht besitzt.

 

Literatur

Kulić, Vladimir/Mrdulaš, Maroje/Thaler, Wolfgang (Hg.), Modernism In-Between: The Mediatory Architectures of Socialist Yugoslavia, Berlin 2012.

Chaubin, Frédéric, Cosmic Communist Constructions Photographed, Köln 2011.

Bezjak, Roman, Sozialistische Moderne – Archäologie einer Zeit, hg. von Inka Schube, Hannover 2011.

Ryklin, Michail, Räume des Jubels. Totalitarismus und Differenz, Frankfurt am Main 2003.

Foucault, Michel, Andere Räume, in: Stadt-Räume, hg. von Martin Wentz, Frankfurt am Main u. a. 1991, S. 65–72.