Resozialisierung die Zweite

Auch in diesem Semester widmet sich die TU München (die Professur NB (Prof. Putz) und der Lehrstuhl RKK (Prof. Danzl) im Rahmen des Forschungsnetzwerkes REUSED) unter dem Titel „Resozialisierung“ mit dem zweiten Teil ihrer Vortragsreihe unserem heutigen Umgang mit dem baulichen Erbe einer „Sozialistischen Moderne“. Diesmal liegt der Schwerpunkt auf Bauwerken, die „neue typologische, konstruktive oder formale Wege“ beschritten haben. Denn gerade das Experimentelle solcher Projekte stelle die Erhaltung und Nutzung vor jeweils eigenständige Herausforderungen: Wie lassen sich etwa die damaligen gemeinschaftlich-sozialistischen Wohnvorstellungen mit den heutigen Bedürfnissen vereinbaren? Die Vortragsreihe will nicht allein aussagekräftige Einzelbeispiele vorstellen, sondern daraus in der gemeinsamen Diskussion allgemeine Schlussfolgerungen für den weiteren Umgang mit diesem besonderen baukulturellen Erbe ableiten.

Die Online-Vorträge finden jeweils dienstags ab 18.30 Uhr statt – als Zoom Webinar (ID: 667 7157 8976). Am 20. April eröffnet Alexey Ginzburg mit dem Narkomfin-Kommunehaus in Moskau. In der Folge werden die Laubenganghäuser in Dessau (4. Mai, Philipp Oswalt/Andreas Buss), das Hansen House in Szumin (18. Mai, Tomasz Fudala), die Schalenbauten von Ulrich Müther und die Mehrzweckhalle in Magdeburg (1. Juni, Matthias Ludwig bzw. Sophie v. Mansberg/gmp und Josephine Schöffel/Carbocon) und die Sozialistischen Moderne (1955-1991) (15. Juni, Dumitru Rusu) vorgestellt. Den Abschluss bildet ein Vortrag über den Jugoslawischen Pavillon in Brüssel (29. Juni, Rika Devos). Für die Teilnahme an der Vortragsreihe wird um Registrierung (Studierende und Gäste) unter diesem Link gebeten. moderneREGIONAL begleitet die Veranstaltungsreihe als Medienpartner. (kb, 13.4.21)

Magdeburg, Mehrzweckhalle (Ulrich Müther, 1969) (Bild: Marcus Bredt/gmp, 2020)

Architektur an der Adria-Magistrale

Wir bedauern schon jetzt, bei Ihnen möglicherweise Fernweh auszulösen. Doch was die Herausgeberinnen Antonia Dika und Bernadette Krejs gerade im Jovis-Verlag veröffentlicht haben, ist die ideale Urlaubslektüre: Die Forscherinnen der TU Wien haben im Rahmen einer Exkursion mit Architektur-Studierenden entlang der kroatischen „Jadranska Magistrala“ (Adria-Magistrale) die Überbleibsel des sozialistischen Massentourismus untersucht. Entstanden ist ein Reiseführer, der aus einer Sammlung von sechs Essays samt ergänzender Karten besteht. Bemerkenswert ist der charmante Ansatz des Buches mit dem Titel „Mapping the Croatian Coast. A Roadtrip to Architectural Legacies of Cold War and Tourism Boom“. Reisen und dabei reflektieren, so könnte man das Ziel zusammenfassen.

Haludovo Hotel (Bild: Thorsten Shroeteler, CC BY-SA 4.0)

Haludovo Hotel (Bild: Thorsten Schroeteler, CC BY SA 4.0)

Mitte der 1940er Jahre kam erstmals die Idee auf, eine Autobahn entlang der kroatischen Küste zu errichten. Rund zwanzig Jahre sollten bis zur endgültigen Fertigstellung im Jahr 1965 vergehen. Für den Reiseverkehr bildete die Küstenstraße sozusagen das Rückgrat. Nachdem die ersten Fahrzeuge die Küstenstraße unter die Räder nahmen, blühte Ende der 1960er Jahre der internationale Tourismus im Land auf. An exponierten Hängen und Plateaus bauten Hotelketten neue Destinationen für anspruchsvolle Kunden. Die Architektur orientierte sich an internationalen Vorbildern der Moderne. Zwischen Reminiszenzen an Frank Lloyd Wrights Fallingwater-Haus und zeitgenössischen Interpretationen des Dogenpalasts in Venedig scheint sich beispielsweise der Hotelkomplex Haludovo in Malinska zu bewegen. Wo früher nebst Hydrokulturen auf gelbem Teppichboden eingecheckt wurde, liegen heute Trümmer. Nur die Deckenverkleidung im Tetris-Design und die plastischen Stützen erinnern noch an den Luxus im Sozialismus. Die organische Badelandschaft im Außenbereich hat außer Regen schon lange kein Wasser mehr gesehen.

„Mapping the Croatian Coast“ (Bild: Buchauszug, Jovis-Verlag)

Neben den (einst) mondänen Resorts rücken in den Beiträgen auch verlassene Militärgelände in den Blick. So führt das Buch weg vom üblichen Gedränge in den Altstädten von Dubrovnik oder Split, hin zu einer nicht minder interessanten Epoche der Geschichte Kroatiens. Oft sind die noch jungen Bauten derart verfallen, dass ein Besuch einer archäologischen Expedition gleicht. Der Leser soll niedrigschwellig auf die mal ruinösen, mal anderweitig genutzten, stets spektakulären Architekturen aufmerksam gemacht und zum Nachsinnen über deren Zukunft eingeladen werden. Spielerisch laden künstlerisch aufbereitete Überblickskarten zum intuitiven Erkunden ein. Praktischerweise wurde auch an einen robusten Schutzumschlag gedacht, damit das Buch auch bei Wind und Wetter oder einem Strandspaziergang nicht gleich zerbröselt. (mk, 6.8.20)

Kroatien (Bild: Kristina Sassenscheidt)

Kroatische Küste (Bild: Kristina Sassenscheidt, 2014)

Dika, Antonia/Krejs, Bernadette (Hg.), Mapping the Croatian Coast. A Road Trip to Architectural Legacies of Cold War and Tourism Boom, Berlin 2020, Jovis-Verlag, 144 Seiten, 8 Faltkarten, 108 Farb- und Schwarz-Weiß-Abbildungen, Englisch, ISBN 978-3-86859-648-9.

Fotostrecke

Kroatien (Bild: Kristina Sassenscheidt)
Kroatien (Bild: Kristina Sassenscheidt)
Kroatien (Bild: Kristina Sassenscheidt)

Titelmotiv und alle Aufnahmen der Fotostrecke: Kristina Sassenscheidt, Kroatische Küste, 2014

Cité Gagarine: Experiment beendet

In Paris endet dieser Tage ein jahrzehntelanges Experiment: 1963 hatte der russische Kosmonaut Juri Gagarin einen nach ihm benannten Wohnkomplex eingeweiht. Mit der Cité Gagarine wollte die Kommunistische Partei von Frankreich zumindest auf regionaler Ebene ein Zeichen setzen – ideologisch unterstützt durch den Nationalhelden des Großen Bruders. In 376 Wohnungen auf 13 Geschossen sollten vorwiegend Arbeiterfamilien einen sozial würdigen und gemeinschaftlich orientierten Platz finden. Für den Entwurf des T-förmigen Beton-Backsteingebäudes zeichneten die Architektenbrüder Henri und Robert Chevallier verantwortlich.

Ab den 1970er Jahren sank der Stern des ehrgeizigen Vorhabens mit dem Niedergang der Industrieansiedlungen in dieser Region von Paris. Der Wohnkomplex geriet zum sozialen Brennpunkt. In diesen Tagen wird die Cité Gagarine abgerissen. Noch bis kurz vor knapp hatten Initiativen vor Ort mit künstlerischen Interventionen um den Erhalt des Wohnkomplexes gerungen. Vergeblich, denn an die Stelle der Cité Gagarine soll – nach 16 Monate währenden Abbrucharbeiten – ein „grünes Viertel“ treten: mit 1.400 Wohnungen für eine ausnehmend großbürgerliche Zielgruppe. Gestern verabschiedeten sich Architekturfreunde und ehemalige Bewohner von der Cité Gagarine mit einer „Maxi-Fete“. (kb, 1.9.19)

Paris, Cité Gagarine (Bild: historische Abbildung)