Quo vadis, Karstadt?

Seit Jahren sind die Kaufhauskonzerne in der Dauerkrise. Nach dem Aus für etliche Galeria-Kaufhof-Häuser hat am 18. September in Braunschweig nun auch die Karstadt-Filliale am Gewandhaus nach 43 Jahren ihre Pforten geschlossen. Ursprünglich sollte das Aus schon drei Monate früher kommen, doch der Mietvertrag wurde um eine letzte Ausverkaufs-Frist verlängert. Jetzt ist aber endgültig Schluss, zuletzt wurden ohnehin nur noch Restposten abverkauft. Teile des Sortiments sollen nun in das Braunschweiger Karstadt-Haupthaus integriert werden. Was aus dem Gebäude am Gewandhaus wird, ist bislang unklar. Vom Eigentümer Friedrich Knapp (New Yorker) gab es hierzu bislang keine Aussage. Der Bau, dessen Fassade seinerzeit mit 50.000 Essener Bieberschwänzen verkleidet wurde, ist dabei ziemlich prominent und war auch schon in moderneREGIONAL zu sehen – und zwar in Turit Fröbes Sammlung schöner Bausünden. Der Architekt der Fassade ist vor wenigen Monaten gestorben. Es war der Pritzker-Preisträger Gottfried Böhm.

Im Gesamtwerk Böhms zählt das 1976-78 gebaute Kaufhaus tatsächlich zu seinen ersten rein kommerziellen Bauten. Doch geriet es durch seine ungewöhnliche, fensterdurchsetzte Fassade auch schon wieder zu einem Kunstwerk – das manche schräg finden, manche anbiedernd und viele grandios. Der „Spiegel“ benannte die historisierenden Kaushausfassaden der Spätmoderne 1981 als „Camouflage„, im Artikel wird auch Böhms Entwurf erwähnt. Einen längeren, fundierten Beitrag von Ulrich Knufinke über den nun geschlossenen Bau findet man im Buch Achtung Modern! , 2017 erschienen als Zusammenfassung einer Veranstaltungsreihe der Jahre 2013/14. Nun bleibt nur zu hoffen, dass die Baukunst nicht dem Kommerz geopfert und es keinen allzu langen Leerstand in bester Einkaufslage geben wird, (db, 19.9.21)

Auf zum Umlauftank

Die „Rosa Röhre“ der TU Berlin (1974) zählt mittlerweile zu den Ikonen des experimetellen Bauens. Aanhand weitgehend unbekannter, historischer Fotos, Pläne und neu produzierter Filme zeigt die Ausstellung „Architektur als Experiment“ den Entwurfsprozess und die denkmalgerechte Instandsetzung des von Ludwig Leo gestalteten Umlauftanks im technikgeschichtlichen Kontext. Geplant fürs Frühjahr 2020 – und von mR hier angekündigt – fiel die Veranstaltung zunächst der Corona-Pandemie zum Opfer. Jetzt aber ist es soweit!

Bis zum 25. Oktober kann man die Ausstellung nun in der BHR OX bauhaus reuse auf der Mittelinsel des Berliner Ernst-Reuter-Platzes besuchen – fast in Sichtweite des behandelten Objekts. Entstanden ist sie in Zusammenarbeit mit der Wüstenrot-Stiftung und der Zeitschrift Arch+. Das Buch über das (Sanierungs-) Projekt Umlauftank ist bereits im März bei Spectorbooks erschienen. (db, 29.9.20)

Berlin, Umlauftank (Bild: Marcus Ebener, 2017)

Gymnasialer Denkmalschutz

Neustadt an der Weinstraße wird eher mit der deutschen Demokratie oder (sic!) Pfälzer Wein in Verbindung gebracht. Dabei gibt es hier auch für Liebhaber der Architektur des 20. Jahrhunderts einiges zu sehen. Unter anderem den Elwetritschenbrunnen (1978, Gernot Rumpf), die Hauptpost (1929-31) und die Verwaltung des Regierungsbezirks Pfalz (1954/55. Hinzu kommen diverse Geschäftshäuser mit stylishen 19650er/60er-Jahre-Fassaden, die bis heute eher zufällig überlegt haben. Nun haben die „jungen Denkmäler“ der kreisfreien Stadt Zuwachs bekommen: Seit wenigen Wochen steht auch das Kurfürst-Ruprecht-Gymnasium unter Denkmalschutz.

Gebaut wurde die dreigeschossige Anlage 1967-69 nach Plänen des Neustädter Architekten Gerhard Dürr (*1932). Das „KRG“ erinnert von der Form her an ein Quadrat, charakteristisch ist das offene Atrium, das es im Innern beherbergt. Ausschlaggebend für die Unterschutzstellung war laut des Neustädter Denkmalpflegers Dr. Stefan Ulrich, dass das Gebäude seit seiner Einweihung weitgehend unverändert geblieben sei. 2009 wurde das Flachdach saniert, einige Nutzungen im Innenraum angepasst, mehr sei nicht geschehen. „Landesweit gibt es nur zwei oder drei vergleichbare Schulgebäude aus derselben Epoche“, erklärte Ulrich der Zeitung Rheinpfalz. Der Architekt Gerhard Dürr zeichnet für etliche weitere Schul- und Verwaltungsbauten verantwortlich, darunter das ebenfalls 1969 eröffnete Pflegeheim Paul-Gerhard-Haus in Neustadt und das Schulzentrum Böbig, zu dem das Kurfürst-Ruprecht-Gymnasium als Einzelbau gehört. (db, 28.9.20)

Neustadt, Kurfürst-Ruprecht-Gymnasium (Bild: Mundartpoet, CC0)