Rathaus Gernsbach vor Teilabriss

Mit großer Mehrheit hat der Gemeinderat der Stadt Gernsbach im Nordschwarzwald Ende November die Verwaltung mit der weiteren planerischen Entwicklung der Rathaussanierung beauftragt. Die Stadtverwaltung ist in zwei miteinander verbundenen Gebäuden untergebracht. Der in den 1850ern errichtete Altbau-Teil in der Igelbachstraße ist denkmalgeschützt, der als Neubau bezeichnete Gebäudekomplex an der Gottlieb-Klumpp-Straße wurde 1976 fertiggestellt. Und für ihn bedeutet die Mehrheitsentscheidung wohl das Aus: Neben der “uneinheitlichen, nicht mehr zeitgemäßen Ausstattung” fallen vor allem grobe technische Mängel wie das undichte Flachdach und veraltete Heiz-, Wasser- und Abwassersysteme, defektee Sanitäranlagen, fehlende Lüftungsanlagen und ein unvollständiger Brandschutz stark ins Gewicht. Auch die Gebäudeelektrik entspreche nicht mehr den aktuellen Richtlinien. Zudem sind nicht alle Bereiche im Rathaus barrierefrei zugänglich. 

Die Verwaltung hat zwei Lösungswege erarbeitet, welche zum einen die Sanierung beider Gebäudeteile, zum anderen die Sanierung des historischen Baus bei Abriss und Neubau des neueren Komplexes beinhalten. Nach Abwägung der Vor- und Nachteile beider Vorschläge sprach man sich für die zweite Variante aus, da man bei einem Neubau den arbeits-, bau- und brandschutztechnischen Vorschriften am besten gerecht werden könne. Die Nutzeranforderungen könnten “auf diese Weise flächenoptimiert umgesetzt werden. Gleichzeitig bekräftigt der Gemeinderat, hierbei eine möglichst klimaneutrale Umsetzung anzustreben. Der grobe Kostenrahmen für dieses Vorhaben liegt bei 11,8 Millionen”, heißt es in einer Pressemitteilung der Stadt. „Der Gemeinderat hat die deutlichen Vorteile der zweiten Variante erkannt. Auf der Basis dieser Entscheidung entwickeln wir die Pläne für die Neugestaltung des Rathauses innerhalb des Sanierungsgebiets Altstadt II nun weiter. Hierbei kann es aufgrund der finanziellen Situation unserer Stadt nur um eine mittelfristige Umsetzung gehen“, erläutert Bürgermeister Julian Christ die anstehenden Schritte. Somit wird der 1970er-Jahre-Bau wohl zumindest noch eine gewisse Gnadenfrist erhalten. (db, 25.11.21)

Gernsbach, Rathausanbau (Bild: Stadt Gernsbach)

Bremer Abriss

Das 1983 aufgestellte “Boule-Spiel” des Künstlers Bernd Uiberall dürfte bald woanders stehen. Das Gebäude dahinter ist bald weg: Eine Anwohnerinitiative ist vor wenigen Tagen mit einem Eilantrag gescheitert, den Abriss der ehemaligen Bremer Landeszentralbank zu verhindern. Somit fällt nach der gerade trotz aller Proteste abgebauten Cremonbrücke in Hamburg ein weiteres prominentes Gebäude des Büros Pysall, Stahrenberg und Partner den Baggern zum Opfer. Auf dem 7000 Quadratmeter großem Grundstück in Filetlage soll eine Wohnbebauung entstehen. Der Hamburger Großinvestor Evoreal plant 179 Wohnungen nach einem Entwurf der Architekten Schenk Fleischhaker. Vorgesehen ist ein Ensemble aus frei finanziertem und öffentlich gefördertem Wohnungsbau, das auch ein elfgeschossige Wohnhochhaus vorsieht. An ihm machte sich die Kritik der Anwohner fest.

Der Wettbewerb für die 1980-83 in der Kohlhökerstraße errichtete Landeszentralbank startete bereits 1972. Der Siegerentwurf von Pysall, Stahrenberg und Partner wurde entsprechend vor Baubeginn noch einmal aktualisiert. Auch im Architekturführer Bremen ist der Bau (noch) aufgeführt. Nach Auflösung der Landesbanken übernahm die Bundesbank die Immobilie und betrieb dort eine Filliale, bis 2015 war zudem der Bremer Rechnungshof Mieter. Danach trennte sich die Bank von dem Gebäude, da man die Bauunterhaltungskosten als zu hoch einschätzte. Und nun wird nach nicht einmal 40 Jahren erneut eine Menge an grauer Energie in die Atmosphäre geblasen … (db, 4.11.21)

Bremen, ehem. Landeszentralbank (Bild: Blutgretchen, CC BY-SA 3.0)

Quo vadis, Karstadt?

Seit Jahren sind die Kaufhauskonzerne in der Dauerkrise. Nach dem Aus für etliche Galeria-Kaufhof-Häuser hat am 18. September in Braunschweig nun auch die Karstadt-Filliale am Gewandhaus nach 43 Jahren ihre Pforten geschlossen. Ursprünglich sollte das Aus schon drei Monate früher kommen, doch der Mietvertrag wurde um eine letzte Ausverkaufs-Frist verlängert. Jetzt ist aber endgültig Schluss, zuletzt wurden ohnehin nur noch Restposten abverkauft. Teile des Sortiments sollen nun in das Braunschweiger Karstadt-Haupthaus integriert werden. Was aus dem Gebäude am Gewandhaus wird, ist bislang unklar. Vom Eigentümer Friedrich Knapp (New Yorker) gab es hierzu bislang keine Aussage. Der Bau, dessen Fassade seinerzeit mit 50.000 Essener Bieberschwänzen verkleidet wurde, ist dabei ziemlich prominent und war auch schon in moderneREGIONAL zu sehen – und zwar in Turit Fröbes Sammlung schöner Bausünden. Der Architekt der Fassade ist vor wenigen Monaten gestorben. Es war der Pritzker-Preisträger Gottfried Böhm.

Im Gesamtwerk Böhms zählt das 1976-78 gebaute Kaufhaus tatsächlich zu seinen ersten rein kommerziellen Bauten. Doch geriet es durch seine ungewöhnliche, fensterdurchsetzte Fassade auch schon wieder zu einem Kunstwerk – das manche schräg finden, manche anbiedernd und viele grandios. Der “Spiegel” benannte die historisierenden Kaushausfassaden der Spätmoderne 1981 als “Camouflage“, im Artikel wird auch Böhms Entwurf erwähnt. Einen längeren, fundierten Beitrag von Ulrich Knufinke über den nun geschlossenen Bau findet man im Buch Achtung Modern! , 2017 erschienen als Zusammenfassung einer Veranstaltungsreihe der Jahre 2013/14. Nun bleibt nur zu hoffen, dass die Baukunst nicht dem Kommerz geopfert und es keinen allzu langen Leerstand in bester Einkaufslage geben wird, (db, 19.9.21)