Das neue Heft ist da: Pretty Ugly

Moderne hat zurückhaltend und nobel zu sein. Was machen wir aber mit den Bauten der 1970er und 1980er Jahre, die spät- und postmoderne Freude an dem Spiel mit Formen und Farben zeigten? Das Winter-Heft von moderneREGIONAL „Pretty Ugly – zu schön, um modern zu sein“ (Redaktion: Daniel Bartetzko) wandelt auf den Spuren eines Stils, der uns größtenteils noch zu nah ist, um seine Werte erkennen zu können.

Im Leitartikel sinniert Till Briegleb über die Schönheit, den Geschmack und die Vergänglichkeit der späten Moderne. Karin Berkemann staunt über einen opulenten 1980er-Jahre-Bau im hessischen Langen. Jan Kampshoff setzt ein gescheitertes Zukunftsprojekt ins Bild: das Habiflex in Dorsten. Karin Hartmann untersucht die Unwirtlichkeit einer modernen Fußgängerzone, der Königsplätze in Paderborn. Christian Holl betritt den postmodernsten Straßenzug der Mainmetropole, die Frankfurter Saalgasse. Uta Winterhager freut sich an farbfrohen Kölner Hochhausfassaden. Turit Fröbe fotografiert Bausünden in ganz Deutschland. Und schließlich spricht Daniel Bartetzko mit Ursulina Schüler-Witte über den Berliner Bierpinsel. (db,  18.1.16)

Wer sagt, der Klassizismus müsse vorbei sein: Pfaffenhausen, RAICO-Firmensitz (Bild: Gnathostomata, GFDL oder CC BY SA 3.0)

Zweimal Spätmoderne bitte!

Mainz, Rathaus (Bild: Symposiarc, GFDL oder CC BY SA 3.0-2.5-2.0-1.0)
Als Arne Jacobsen mal fünf Minuten nicht aufgepasst hat: die – sage wir einmal authentische – Weinstube im Mainzer Rathaus (A. Jacobsen/O. Weitling, 1974) (Bild: Symposiarc, GFDL oder CC BY SA 3.0-2.5-2.0-1.0)

Es gehört zu den selbsternannten Privilegien ehrenamtlicher Architekturblogger, die angenehmeren Modernetermine eines Tages um eine Käsewurst herum gruppieren zu dürfen. In diesem Fall gehörte der Vormittag der Tagung, mit der ICOMOS seine deutsche Gründung vor 50 Jahren im Mainzer Rathaus feiert. Am Abend beging das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt die Vernissage seiner Ferdinand-Kramer-Ausstellung. Und besagte Käsewurst fand sich auf dem Weihnachtsmarkt im Schatten des Mainzer Doms, wo natürlich auch eine tierfreie Champignonpfanne zu erwerben wäre.

 

„The invisible work“ (M. Kuipers)

So, oder zumindest so ähnlich stellt man sich eine UNO-Vollversammlung vor: Viele Delegierte, viele Sitzungen, viel international. Dazu mag auch der Veranstaltungsort, das Mainzer Rathaus (Arne Jacobsen/Otto Weitling, 1974), mit seinem kreisrunden Ratssaal beigetragen haben. Passend zum 50. Gründungstag von ICOMOS Deutschland stand die gesamte Tagung im Zeichen der jüngeren Denkmale und eine Expertenrunde widmete sich speziell der „späten“, der Postmoderne. Moderiert wurde die Sektion vom Architekten Alex Dill (DOCOMOMO, Karlsruhe), der sich neue Bewertungskriterien und gleich noch einen neuen positiveren Begriff für diese Stilepoche wünschte. Die Referentenliste war honorig: Die Architektin Ana Tostoes (DOCOMOMO, Lissabon) stellte die im besten Fall unsichtbare, weil Eingriffe verhindernde Arbeit der dortigen Moderneretter vor. Der Architekt Philipp Meuser (Berlin) reiste virtuell zur jüngeren Baukunst im orientalischen Teil der ehemaligen Sowjetrepublik. Und nicht zuletzt führte der Architekt Wilfried Posch (ICOMOS Österreich) durch das Werk seines Kollegen Roland Rainer (1910-2004).

 

„More than 10 million new projects“ (F. Kramer)

Schnitt. Das heutige, nachkriegsmoderne Frankfurt (oder das, was Revitalisierung und Wärmedämmung davon übrig gelassen haben) wäre ohne ihn nicht denkbar: Ferdinand Kramer (1898-1985). Schon vor dem Zweiten Weltkrieg hatte er unter und mit Ernst May am Neuen Frankfurt mitgebaut. Ins projektreiche amerikanische Exil gezwungen, kam Kramer nach Kriegsende so rasch als ihm möglich zurück und baute „sein“ Frankfurt wieder auf. Hier waren es als Baudirektor der Universität vor allem Räume für Forschung und Lehre. Dass Kramer dabei nicht immer zimperlich mit den baulichen Überlebenden des Kriegs umging, zeigt eines der augenzwinkernden Exponate der Ausstellung: ein Sandsteinfuß. Diesen schickte Kramer einem seiner Kritiker, denn für den neuen Haupteingang zum historischen Universitätsbaus hatte er ein neubarockes Portal beräumen lassen.  Auf diesen Rest des baulichen Vorgängers klebte und unterschrieb Kramer die Nachricht: „Dem Empörten zum Trost! Vom Barbar. Dieser Stein fiel mir vom Herzen am 17. 5. 53, 17 Uhr nachmittags.“

 

„Dem Empörten zum Trost!“ (F. Kramer)

Frankfurt am Main, Philosophicum (Bild: Privatarchiv Kramer, Foto: Ferdinand Kramer)
Ferdi Kramer fotografiert Ferdi Kramer: einer seiner radikal schlichten und hochdemokratischen, heute oft missverstandenen Frankfurter Universitätsbauten, das Philosophicum (Bild: Privatarchiv Kramer, Foto: F. Kramer)

Der Kampf für die späten Blüten der Moderne, darin waren sich beide Veranstaltungen mehr als einig, drängt. Man nehme allein das Mainzer Rathaus, das heute ebenso denkmalgeschützt wie umstritten ist. Auch die Frankfurter Kramer-Bauten stehen mitten im Umbruch: Erste wurden abgerissen, das Philiosphicum wird aktuell für Wohnzwecke umgestaltet und die Mensa dient jüngst als Unterkunft für Flüchtlinge. Was also tun? Keiner der Akteure hatte ein Patentrezept, aber alle empfahlen das genaue Hinsehen: Was steht, was passiert in meinem näheren Umfeld? In diesem Sinne: Besuchen Sie die Kramer-Ausstellung und seine verbliebenen Bauten. Flanieren Sie durch das Mainzer Rathaus – und es spricht sicher nichts gegen einen kulinarischen Abstecher in Domnähe. (db/kb, 27.11.15)

SPOILER: Best of 1990s

von Karin Berkemann (20/4)

Wo die Bauhistoriker ein leicht wohliges Schaudern überkommt, da warten die Kulturdenkmale der kommenden Jahre. Doch während viele Inventarisationsprojekte noch mit den 1970er Jahren beschäftigt sind und die 1980er Jahre in der Forschung erst langsam Beachtung finden, liegen die Architekturen der 1990er Jahre allzu oft im wissenschaftlichen Niemandsland. Dabei treffen sich in der Bundesrepublik der Nachwendezeit sehenswerte Strömungen: die exaltierte Postmoderne und der wiederentdeckte Internationale Stil, die behutsame Umnutzung und das ökologische Siedlungsexperiment. Mit dem Projekt „Best of 90s“ will moderneREGIONAL ab 2021 ausgewählte Bauten dieser Architekturwende virtuell vorstellen und neu ins öffentliche Bewusstsein rücken. Damit kann eine Grundlage geschaffen werden, um das Bauen der 1990er Jahre vorausschauend und wertschätzend zu sichten – bevor Sanierungsstau und Gentrifizierungswelle für unwiderrufliche Verluste sorgen.

Deutscher Bauherrenpreis 1992: Ingolstadt, Hindenburgstraße 55–61, 1990 Umgestaltung eines Wohnbaus von 1974, Büro Thomas Sieverts, Bonn/Büro Elfinger, Zahn und Partner, Ingolstadt (Bildquelle: stadtplanungsamt-ingoldstadt.de)

Die Auswahl

„Best of 90s“ sichtet zwischen 1990 bis 1999 fertiggestellte Bauten in der frisch wiedervereinigten Bundesrepublik Deutschland nach klaren Kriterien: Für das Online-Format werden je Bundesland ein Beispiel für den Neubau und ein Beispiel für das Bauen im Bestand ausgewählt. Dabei sollen sich die unterschiedlichen Gattungen (z. B. öffentliches Bauen, Industriebauten, Wohnbauten) sowie die verschiedenen Jahre annähend gleichmäßig wiederfinden. Für ein dreijähriges Projekt bietet es sich an, zunächst dem Blick des Untersuchungszeitraums zu folgen. Dieser Ansatz muss dann aus heutiger Perspektive kritisch überprüft und ergänzt werden. Daher sollen in den 1990er Jahren – bei regelmäßig, bundesweit und objektbezogene ausgeschriebenen Preisen – prämierte (Um-)Bauten in die engere Wahl kommen.

Um nicht dem einseitigen Blick eines Auslobers (häufig Industrie- oder Interessenverbände) zu erliegen, werden hierfür verschiedene Preise kombiniert. Darüber hinaus beraten und begleiten fachkundige „Paten“ aus den einzelnen Bundesländern – zugesagt haben bereits Kirsten Angermann (Uni Weimar/ICOMOS) für Thüringen, Dr. Martin Bredenbeck (LVR-Amt für Denkmalpflege) für NRW und Dr. Andreas Butter (IRS Erkner) für Brandenburg – das Projekt, um mögliche Schieflagen zu vermeiden. Sie werden nicht allein in die Objektauswahl einbezogen, sondern können in einem Fachbeitrag oder Porträt selbst zu Unrecht bislang unterschätzte Beispiele aus ihrem Bundesland vorstellen. So fügt sich die Perspektive der Bauzeit mit dem heutigen fachlichen Urteil zu einem runden Bild.

Deutscher Bauherrenpreis 1994/Hugo-Häring-Preis: Karlsruhe, Ökologische Siedlung Geroldsäcker, 1993, Büro Löffler + Schneider, Karlsruhe (Bildquelle: loeffler-schmeling-architekten.de)

Die Präsentation

Die sich so ergebenden Auswahl von insgesamt 32 Objekten (zwei Objekte je Bundesland) wird über gut 2,5 Jahre hinweg online veröffentlicht: ein Bauporträt je Monat. Dafür wird bewusst das Online-Format gewählt. So kann moderneREGIONAL kostengünstig und breitenwirksam auf sein bereits geknüpftes Netzwerk zurückgreifen. Durch den Veröffentlichungsrhythmus wird stufenweise eine eigene Leserschaft aufgebaut, die Aufmerksamkeit für das Vorhaben wachgehalten und ein transparenter Einblick in die Arbeitsverläufe gegeben. Zusätzlich können die Paten ihren heutigen Blick in einer offenen Textform einbringen: Überblicksartikel zu weiteren, bislang unbeachtet gebliebenen Bauten dieser Ära aus dem jeweiligen Bundesland, Interviews mit Architekten und Bewohnern, Fotostrecken o. ä. Am Projektende sollen somit rund 50 Beiträge online stehen.

In dieser ausgewogenen Mischung ist das Projekt bewusst „coronaproof“ gehalten: Das bundesweite Netzwerk der Paten und mR-Autoren stellt den Zugang zu den Bauten sicher, selbst wenn der Bewegungsradius zweitweise eingeschränkt werden sollte. Zudem kann das Online-Format flexibel auf neue Entwicklungen reagieren, z. B. Objekte aus einzelnen Bundesländern vorziehen oder zurückstellen bzw. die offener gehaltenen Texte der Paten (Interviews, Fachbeiträge o. ä.) einstreuen. Im Mittelteil und am Ende des Projektzeitraums soll das Projekt im Kreis der Paten evaluiert werden: Wie ist die Resonanz? Wie lassen sich die gewonnen Ergebnisse verstetigen? Gemeinsam mit den Paten und weiteren Projektpartnern besteht zudem die Option, die Inhalte gebündelt in Druckform und/oder als (Wander-)Ausstellung zugänglich zu machen.

Flöha/Sachsen, Samuel-von-Pufendorf-Gymnasium, 1996, Büro Allmann, Sattler, Wappner, München (Bild: André Karwath, CC BY SA 2.5, 2008)

Bild/Titelmotiv: Architekturpreis Beton 1997/Deutscher Architekturpreis 1997: Flöha/Sachsen, Samuel-von-Pufendorf-Gymnasium, 1996, Büro Allmann, Sattler, Wappner, München (Bild: André Karwath, CC BY SA 2.5, 2008)

Herbst 2020: Schöner sparen

LEITARTIKEL: Mit leichtem Schaudern

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Kirsten Angermann über spätmoderne „Sparkassenarchitektur“ – mit Fotografien der mR-Leser.

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Klaus Jan Philipp über den dramatischen Auftritt der Kreissparkasse Ludwigsburg.

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Raffael Dörig über die Bank-Innenaufnahmen des Fotografen Beat Jost.

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Eva Seemann über bislang übersehene Bauten des Architekten Helmut Striffler.

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SPOILER: Best of 1990s

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moderneREGIONAL startet 2021 ein Online-Projekt zur Architektur der 1990er Jahre.