Stadion

Berlin, Jahnstadion (Bild: Eisern2009, PD, 2009)

Berlin: Cantian-Stadion soll fallen

Das Berliner Cantianstadion im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark (eine Umbenennungsdebatte läuft) ist auf der Abschussliste. Der Senat zumindest sieht an der Stelle der Traditionssportstätte einen Neubau – als Teil eines Inklusionsparks für behindertengerechte Wettkämpfe. Dabei hat die Stadt (zumindest so ungefähr) die Austragung der Special Olympics 2023 im Blick, so dass die Abrissarbeiten bereits 2020 beginnen könnten. Zudem sei vor allem die Haupttribüne „marode“, ein Neubau also unumgänglich. Die Betriebserlaubnis für die bestehende Anlage läuft in diesen Tagen aus.

Das Gelände diente zunächst militärischen Übungszwecken, bis es im frühen 20. Jahrhundert zum Austragungsort für Fußballspiele wurde. Ein umfassender Umbau erfolgte 1951/52 unter dem Architekten Rudolf Ortner anlässlich der III. Weltfeststpiele. Die Stahlbetonkonstruktion der heutigen viergeschossigen Haupttribüne wurde 1987 noch zu DDR-Zeiten fertiggestellt, pünktlich zur 750-Jahrfeier der Stadt. Eine letzte Sanierung erfolgte 1998. Gegenüber der Tageszeitung „junge welt“ verwies Piero Sassi, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Bauhaus-Universität Weimar und Koordinator des Netzwerkes UEDXX (Urbanism of European Dictatorships during the XXth Century Scientific Network), auf die Bedeutung und den Bauhausbezug des Stadions: „Die Architekten Selman Selmanagic und Rudolf Ortner, die am Dessauer Bauhaus studierten, haben jeweils die ersten Entwürfe und den endgültigen Plan für das Areal des Sportparks vorgelegt.“ (kb, 4.6.19)

Berlin, Jahnstadion (Bild: Eisern2009, PD, 2009)

Lužniki Staion, Moskau, 1980 (Bild: RIA Novosti archive, image #487039 / Vladimir Rodionov / CC-BY-SA 3.0)

Alle reden vom Fußball …

… wir nicht. Also selten. Eine Ausstellung in Moskau bringt uns aber doch dazu: Bis zum 26. August beleuchtet die Schau „Arhitektura Stadionov“ im Ščusev-Museum für Architektur Sportarenen Russlands und der ehemaligen Sowjetunion. Den sowjetmodernen Großbauten treten hier die jüngst eröffneten, modernen Fußballtempel gegenüber, die eigens für die Weltmeisterschaft (um)gebaut wurden.

Stadien hatten als Austragungsort von Sport- und Massenveranstaltungen einen besonderen Stellenwert in der sowjetischen Architektur. Renommierte Baumeister wie Nikolaj Kolli, Nikolaj Ladovskij oder Dimitrij Iofan beteiligten sich mit engagierten Beiträgen an der Suche nach der idealen sozialistischen Sportarena. Bei prestigeträchtigen internationalen Wettkämpfen sollten die Bauten ebenso wie die sowjetischen Sportler die Überlegenheit des politischen Systems demonstrieren.  Die Ausstellung versammelt Modelle und noch nie gezeigte Pläne mit Beispielen aus Moskau, St. Petersburg, Minsk, Jerevan und anderen Städten. Teils blieben die aufwändigen Entwürfe ungebaut, teils kann man sie derzeit in modernisierter Form täglich im Fernsehen bewundern. (jr, 3.7.18)

Lužniki Staion, Moskau, 1980 (Bild: RIA Novosti archive, image #487039, Vladimir Rodionov, CC BY-SA 3.0)

Silverdome (Bild: Dave Hogg from Royal Oak, MI, USA, CC by SA 2.0)

Der resistente Dome

Die Sprengung von Großbauten, bevorzugt der Nachkriegsmoderne, lockt immer wieder tausende Schaulustige an den Ort des Geschehens. Auf Videoplattformen erzielen entsprechende Aufnahmen verlässlich hohe Klickzahlen. Wenn wir uns für gewöhlich auch von diesem Katastrophentourismus distanzieren, empfehlen wir dieses Video von der Sprengung des Silverdome-Stadions in Pontiac, Michigan, ausdrücklich.

Der Silverdome schert sich dabei nämlich kein bisschen um die Sehgewohnheiten des einsturzharrenden Publikums. Auf die Sprengung, die ihn in die Knie zwingen sollte, reagiert er unbeeindruckt. Aufgrund von Kabelproblemen kamen nur 90 % des Sprengstoffs zur Explosion – zu wenig für die soliden Stahlträger des Stadions. Der 1975 eröffnete Bau diente verschiedenen Sportmannschaften als Heimspielstätte, war Austragungsort der Fußball-Weltmeisterschaft sowie des Super Bowl und bot 1987 einer Messe des Papstes Raum. Seit 2011 stand der Bau jedoch leer und verfiel zuhends. 2015 entschied man, dass er einer neuen Bebauung zu weichen habe. Seine Widerstandskraft hat dieses Schicksal leider nur hinausgezögert: eine zweite Sprengung am Folgetag verlief erfolgreich. Aber solche Videos zeigen wir hier natürlich nicht. (jr, 10.12.17)

Silverdome Pontiac, Michigan (Bild: Dave Hogg from Royal Oak, MI, USA, CC BY SA 2.0)

60 Jahre „Wunder von Bern“

Die berühmte Spieluhr des Wankdorfer Stadions wurde restauriert (Bild: Sandstein)
Nur die Spieluhr des Wankdorf-Stadions überlebte (Bild: Sandstein)

Ignorieren wir – nur für ein paar Zeilen – den aktuellen Anlass. Denn, was ist schon Brasilien gegen Bern. Gegen das „Wunder von Bern“, das in diesem Jahr genau 60 Jahre zurückliegt. Der fußballerische Sieg hat es bis zum Film und Musical gebracht: ein hart erkämpftes 3:2 gegen Ungarn, das den Optimismus der deutschen Nachkriegszeit entzündete. Der architektonische Ort des Spiels hingegen ist heute – fast – verloren.

Die Stadt Bern schnürt eigene Tourismus-Pauschalen zum großen Anlass – mit der echt authentischen Begegnung mit Zeitzeugen. Im Hotel Belvédère von Spiez wurde eine kleine Ausstellung zum Jubiläum eröffnet. Nur das „historische“ Wankdorf-Stadion mit seinem markanten Uhrenturm wurde 2001 niedergelegt. Die neue Sportstätte, das Stade de Suisse, bewirbt den neuen alten Ort nun als glamourösen Veranstaltungsraum – als den authentischen Ort des „Wunders von Bern“. (kgb, 30.6.14)

Santiago, Bernabéu Stadium (Bild: Little Savage, CC BY SA 4.0)

Sitzen im Fußballstadion

von Matthias Marschik (17/4)

Bis zum Ende der 1950er Jahre war die Welt im (Fußball-)Stadion zwar nicht in Ordnung, aber geordnet: Gestaffelte Eintrittspreise unterschieden zwischen guten und schlechten Plätzen, schufen eine alters-, klassen- und auch geschlechterspezifische Hierarchie. Die Trennung in Sitz- und Stehplätze wurde zum genauen gesellschaftlichen Gradmesser. Es gab teurere (auf der Längsseite) und billigere (hinter den Toren und in den Kurven) Stehplätze und noch mehr Kategorien bei den Sitzen. Wie im Theater konnte man sein ökonomisches und soziales Kapital zur Schau stellen und in symbolisches Kapital umwandeln. Den Höhepunkt bildete die gedeckte und regengeschützte Tribüne, – und dort ganz speziell die Ehrentribüne, auf der sich die Spitzen der verschiedenen Kapitalsorten auf speziellen Sitzgelegenheiten zusammenfanden.

 

Ungehobelte Hornbrillenträger

Dennoch, ähnlich wie in den großen Theater- oder Konzertsälen, bildete das gemischte Publikum eine große Einheit: Auf den Steh- wie Sitzplätzen unterstützte und bewunderte man das eigene Team bedingungslos. Vielfach wurde darüber geklagt, dass sich die noblen Gäste auf den teuren Rängen übler aufführten als das junge oder proletarische Publikum auf den billigen Plätzen. So waren in Wien „Stadtpelz“ und „Hornbrillenträger“ beliebte – und auch antisemitisch gefärbte – Bilder für den reichen oder intellektuellen Mob.

Hier wurde die gegnerische Mannschaft geschmäht, die eigene bejubelt oder verdammt, der Schiedsrichter beschimpft, aber auch untereinander gestritten oder sogar gerauft. Vor allem dann, wenn die Stadiongemeinschaft durch Eindringlinge in Gestalt von Auswärtsfans gestört wurde. Diese Begegnungen konnten ganz unterschiedlich ausfallen: Blieb man einmal ganz unter sich (welcher Arbeiter konnte es sich schon leisten, etwa den HSV nach München zu begleiten), konnte ein andermal die Auswärtsmannschaft sogar mehr Fans aktivieren als das Heimteam. Meinungsverschiedenheiten (meist verbal ausdiskutiert, manchmal handgreiflich ausgetragen) standen natürlich auf der Tagesordnung. Aber dennoch funktionierte das Stadiongefüge zumeist ohne größere Brüche. Saßen oder standen hier doch Menschen nebeneinander, die sich zwar nicht hinsichtlich des bevorzugten Vereins, dafür aber bezüglich ihres gesellschaftlichen Status ähnlich waren.

 

Träge Couchpotatoes

Bis in die 1960er Jahre bildete das Stadion ein funktionierendes, streng reglementiertes System. Es war männlich, es war „weiß“, und jeder wusste, wo er hingehört: Frauen gehörten nicht ins Stadion (oder bestenfalls auf die Ehrentribüne), Migranten und Minderheiten auf die Unterliga-Sportplätze ihrer jeweiligen Vereine, und die Mehrheitsmänner verteilten sich nach strengen Regeln im Stadion. Wurde man älter oder stieg sozial auf, wechselte man vom Steh- zum Sitzplatz, von den billigeren zu den teureren Rängen. Manche Vereinsanhänger haben so in ihrem Leben das ganze Stadionoval umrundet.

Doch in den frühen 1960er Jahren veränderte das Fernsehen nachhaltig die Sportwelt. War es anfangs der Reiz des Neuen, der die Stadien zugunsten der TV-Live-Übertragung leerte, war es bald die Bequemlichkeit, die viele zu Hause blieben ließ. Die heimische Couch schien komfortabler als der Sitz im Stadion, zumal wenn das Wetter schlecht, das Spielergebnis absehbar oder der Termin ungünstig war. Je professioneller das Fernsehen mit Farbe, Zeitlupen, Kamerawechseln, Wiederholungen, Interviews und einem informativen Rahmenprogramm wurde, desto deutlicher entwickelten sich das Erleben vor Ort und am Bildschirm auseinander: Suchten die einen noch immer die Authentizität des Stadions, bevorzugten die anderen das vielfältige Erleben des Fernsehens. Gemeinsam war ihnen – nicht erstaunlich in den konsumfreudigen „Wirtschaftswunderzeiten“ – lediglich die Bequemlichkeit. Lümmelte man zu Hause mit Bier, Chips und Zigarette auf dem Sofa, rüsteten auch die Stadien auf: Man erweiterte die Tribünen, schuf neue (ergonomische) Sitzplätze. Nun reichten die Sitzreihen fast an die Outlinien heran. Die Rangordnung blieb vorerst aber noch erhalten, wurde durch erste exklusive VIP-Tribünen sogar noch verstärkt.

 

Junge Wilde

Aufgebrochen wurde die Struktur erst in den 1970er Jahren, als sich der Vereinsanhänger zum fußballinteressierten Konsumenten entwickelte. Es ging nicht mehr um die bedingungslose Unterstützung des eigenen Klubs, sondern um ein attraktives Spiel. Während bei den bedeutenden Spielen das Stadion voll war, kamen zu den unwichtigeren immer weniger Zuschauer (und Zuschauerinnen). Weil die Menschen nun angelockt werden mussten, bauten Klubs und Stadionbetreiber immer bequemere Sitze für ein freilich immer passiveres Publikum. Im Gegensatz dazu galt Fußball immer mehr als Sport der Unter- und unteren Mittelschichten. Aber auch unter den verbliebenen Anhänger_innen eines bestimmten Klubs änderte sich deren Zusammensetzung: Die „besseren Kreise“ wanderten zu Sportarten wie etwa dem Tennis ab. Verstärkt wurde dies durch die Sportfeindlichkeit der 1968er, die gerade den Fußball als Teil einer entfremdeten Massenkultur ablehnten.

Am anderen Ende entstand jedoch eine neue aktive Gruppe, welche die Tradition der Anhängerschaft fortführte. Es bildeten sich jugendliche Fankulturen mit neuen Ansprüchen und einem anderen Erscheinungsbild: Kutten und Schals, Transparente und Fahnen vor allem auf den billigen Plätzen, den Stehsektoren hinter den Toren und eben in den „Kurven“. Dadurch wurde der ehemals einheitliche, nur durch Auswärtsfans gestörte Raum des Stadions aufgebrochen. Nicht zufällig sahen sich die jungen Fans nun als Sub- und Gegenkultur. Forderte die Sitzplatztribüne mehr Bequemlichkeit und bessere Unterhaltung, wollten sie vermehrte Authentizität und aktive Teilhabe. Die Klubs gerieten in die Zwickmühle: Brachte das Publikum auf den teuren Plätzen auch mehr Einnahmen, waren es doch gerade die Fans, die für Stimmung und Unterstützung sorgten.

 

Fans, Hooligans, Ultras

Der Konflikt eskalierte in den 1980er Jahren gleich auf drei Ebenen: Zum Ersten kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen den Fangruppen, die ihre Identifikation mit dem Klub offensiv auslegten. Zum Zweiten spaltete sich die Anhängerschaft in Fans, Hooligans und Ultras. Dies führte zu Gewalt auch innerhalb der Unterstützer_innenszene eines Vereins, besonders, als der Rechtsextremismus auf den Stehplätzen einzog. Und zum Dritten verschärften sich die Kämpfe im Stadion. Es ging nunmehr generell um die „richtige“ Art und Weise, Fußball zu leben. Der Konflikt zwischen Tribüne und Fankurve spaltete fast jeden Verein. Selbst die Entscheidung zwischen Stehen (aktiv) oder Sitzen (passiv) wurde zur Glaubensfrage. Das Stadion zeigte ein Neben-, oft sogar Gegeneinander unterschiedlicher Gruppierungen. Verein und Mannschaft reichten als Klammer nicht mehr aus.

Weil das etablierte Publikum auf den Sitzplatztribünen freilich seine Interessen durchzusetzen wusste, antworteten die Vereine baulich. Die stärkere Trennung der „Subkulturen“ führte so zu „Hochsicherheitsstadien“. Als „gewaltbereit“ und „gefährlich“ eingestufte Gruppen wurden in Käfige gesperrt, durch Zäune und Stacheldraht, durch Polizisten und deren Hunde abgeschottet, durch Ordner und Kameras überwacht. Vor allem aber schloss man Publikum und Spielfeld voneinander ab. Es war absehbar, dass diese Strategie kurzfristig funktionierte, die Eskalation längerfristig aber nur vor die Stadien verlagerte.

 

Hungrige Konsumenten

Kein Wunder also, dass der Fußball in den 1990er Jahren massiv kommerzialisiert wurde, dass die Auseinandersetzung um den Sport zum Kampf um Identitäten geriet. Nach schweren Unfällen – allen voran die Massenpanik von Hillsborough, als 1989 fast hundert Menschen starben und mehr als 700 verletzt wurden – strukturierte man das Publikum neu. Die Käfige wichen einer notfalls sogar zum Spielfeld offenen Organisierung. Die auf das Spiel gerichteten Fernsehkameras wurden durch auf das Publikum blickende Überwachungskameras ergänzt. Für eine solche permanente Beobachtung müssen die Stadionbesucher freilich ruhiggestellt werden: Das All-Seater-Stadion ist inzwischen in allen größeren Ligen üblich und bei internationalen Begegnungen verpflichtend. Die Fans wurden damit an die Sitzplatzkultur angepasst, aus aktiven sollten passive Konsument_innen werden.

Die 2000er Jahre veränderten die Fußballkultur und die Stadien massiv: Wenn die Vereine mit Merchandising und dem Verkauf von Fernsehrechten weit höhere Einnahmen erzielen als mit den Eintrittsgeldern, werden die Sportstätten äußerlich zwar zu architektonisch aufwändigen, nach innen aber aus- und verwechselbaren Konsumtempeln. Der Umbau zu reinen Sitzplatzstadien mit ausgedehnten VIP-Bereichen dient der Preissteigerung und der Vermarktung vor allem für Tourist_innen. Die Stimmung in den Stadien droht zu sinken, wenn vor allem junge Fans mit geringem Einkommen auf den eigenen Fernseher, auf Kaffeehäuser, Kneipen und Pubs ausweichen, während andere nur noch die unteren Ligen besuchen. Auch die Einführung personalisierter Tickets, die wochenlang vorher erworben werden müssen, lehnen viele Fans ab. Der Trend geht ganz klar in Richtung einer abgesicherten amerikanisierten Unterhaltungs- und Familienkultur. Die Zuschauer_innen jubeln kurz beim Torerfolg, konsumieren das Match ebenso wie das kulinarische Angebot und verhalten sich ansonsten wie ein Theaterpublikum mit gelegentlichem Szenenapplaus. Der Fußball selbst tritt immer mehr in den Hintergrund oder wird Mittel zum Zweck.

 

Künftige Stimmungs(be)sucher

Das Fußballspiel ist immer noch kein beliebiges Unterhaltungsangebot, dem wirken ganz unterschiedliche Kräfte entgegen: Zum Ersten baut das Fernsehen, besonders das Pay-TV, auf die besondere Stimmung in den Stadien. Zum Zweiten setzen immer mehr Vereine ganz bewusst auf Tradition und lautstarke Unterstützung. Und zum Dritten gibt es noch immer genügend Fangruppen, die aus dem Stadionbesuch einen Teil ihrer kollektiven Identität ziehen und damit auch um ihre Stehplätze kämpfen. Somit ist das letzte Kapitel des Themas Fußballstadion noch nicht geschrieben.

Titelmotiv: Santiago, Bernabéu Stadium (Bild: Little Savage, CC BY SA 4.0)