Last Call

Die Rahmendaten sind bekannt: Weniger Mitglieder und weniger Geld lassen die beiden großen christlichen Konfessionen ihren Gebäudebestand überprüfen. Am Ende der Diskussionen stehen immer häufiger Schließung, Umnutzung oder Abriss. Nach Einschätzung der Initiative „Zukunft – Kirchen -Räume“, die zu Jahresbeginn startete, ist mittelfristig jede dritte Kirche in Nordrhein-Westfalen (NRW) davon betroffen.

Gemeinden, die nach neuen Nutzungsideen für ihre Kirche suchen, können sich noch bis zum 14. Juli 2019 bewerben. Die Initiative präsentiert erfolgreiche Nutzungsbeispiele auf der Themenhomepage. Ausgewählte Gemeinden erhalten zudem individuelle Beratung von Experten, den Austausch mit Gleichgesinnten und individuelle Workshops zur Ideenfindung. Der Call „Zukunftskonzept Kirchenräume“ ist Teil von „Zukunft – Kirchen – Räume“, einem Kooperationsprojekt der Landesinitiative StadtBauKultur NRW, der Architektenkammer Nordrhein-Westfalen und der Ingenieurkammer-Bau Nordrhein-Westfalen unter Mitwirkung der (Erz-)Bistümer und Landeskirchen in Nordrhein-Westfalen und Unterstützung des M:AI Museum für Architektur und Ingenieurkunst NRW und der RWTH Aachen. (kb, 6.6.19)

Duisburg, die als Kulturkirche genutzte Liebfrauenkirche (Foto: Christian Huhn)

Fluch und Segen?

Die Situation ist nicht neu, aber sie spitzt sich zu: Immer mehr – vor allem moderne – Kirchenbauten werden geschlossen, umgenutzt oder abgerissen. In NRW sollen von den rund 6.000 Räume in den nächsten Jahren rund 30 Prozent leerstehen (Jörg Beste, Synergon 2018). Daher zeigt das Museum für Architektur und Ingenieurkunst NRW (M:AI) die Ausstellung „Fluch oder Segen? Kirchen der Moderne“. Ausstellungsort ist St. Gertrud in Köln: Die 1965 geweihte Sichtbetonkirche des Architekten Gottfried Böhm wird seit 2010 auch für Ausstellungen und Installationen genutzt. Mit Projektionen inszeniert „Fluch oder Segen?“ den Raum und erläutert seine Hintergründe.

Im zweiten Teil der Ausstellung sollen aktuelle Projekte die baulichen wie inhaltlichen Verschiebungen durch eine neue Neunutzung vermitteln. Ausstellungspartner ist „Zukunft.Kirchen.Räume“ von StadtBauKultur NRW, das innovative Kirchennutzungen bündeln und Gemeinden im Umbruch unterstützen will. Die Ausstellungseröffnung wird gefeiert am 8. September 2019 um 15 Uhr. Im Anschluss ist die Ausstellung, die von Ursula Kleefisch-Jobst, Peter Köddermann und Karen Jung kuratiert wurde, bis zum 10. November 2019 zu sehen in St. Gertrud (Krefelder Straße 57, 50670 Köln). (kb, 28.6.19)

Köln, St. Gertrud (Foto: © Michael Rasche)

Karte bedrohter (hellgrün), geschlossener (schwarz), abgegebener (violett), umgenutzter (dunkelgrün) und abgerissener (rot) Kirchenbauten des Historismus und der Moderne in NRW (Auszug der moderneREGIONAL-Karte „invisibilis“)

Die dritte Kirche

„Zukünftig werden 25 bis 30 Prozent der nordrhein-westfälischen Kirchenbauwerke außer Dienst gestellt werden“ – da ist es, das Viertel oder gar Drittel, das schon so lange (fast) unausgesprochen im Raum steht. Jetzt hat sich die „Landesinitiative StadtBauKultur NRW“ des Problems angenommen. Am 14. Februar 2019 startet das Projekt „Zukunft – Kirchen – Räume“ mit einer Auftaktveranstaltung und der feierlichen Onlinestellung der dazugehörigen Homepage. Kurz vor Beginn sprach moderneREGIONAL mit dem Architekten Tim Rieniets, Professor für Stadt- und Raumentwicklung in Hannover und – bis 2018 als Geschäftsführer von StadtBauKultur NRW – Initiator des Projekts. (11.2.19)

moderneREGIONAL: Herr Prof. Rieniets, wie kommt es zu dieser großen Zahl von fast einem Drittel der nordrhein-westfälischen Kirchen, die künftig aus der liturgischen Nutzung genommen werden?

Tim Rieniets: Diese Zahl ist natürlich mit etwas Vorsicht zu genießen, da man nur schwierig an verlässliche und vollständige Werte kommt. Daher haben wir uns bei der Landesinitiative StadtBauKultur NRW die beiden Kommunen vorgenommen, in denen es ein Kirchenkataster gibt: Bochum und Gelsenkirchen. Hier sind bereits rund ein Drittel der Kirchenräume von Schließung betroffen. Und wir glauben, diese Entwicklung kommt auch auf viele andere Kommunen in NRW zu.

mR: Warum werden diese Kirchen geschlossen?

TR: NRW war nach dem Zweiten Weltkrieg durch ein starkes Bevölkerungswachstum und Zuwanderung geprägt, darunter auch viele katholische und evangelische Christen. Hinzu kamen ausgesprochen baufreudige Landeskirchen und Bistümer mit einem optimistischen Blick in die Zukunft. Doch so stark, wie damals alles gewachsen ist, so radikal kam auch der demographische Wandel. Mit der sinkenden Zahl an Kirchenmitgliedschaft und vor allen an Gottesdienstbesuchen werden dann teils auch die Kirchengebäude in Frage gestellt.

mR: Dann trifft es vor allem die Kirchen des 20. Jahrhunderts?

TR: Nicht nur, auch Bauten aus dem 19. Jahrhundert sind darunter. Aber sicher wurde in den Nachkriegsjahrzehnten besonders viel gebaut – und besonders gerne an dezentralen Standorten in damals neu entstehenden Stadtteilen. Wenn heute Gemeinden zusammengelegt werden, dann stehen zuerst die abgelegeneren Kirchenräume zur Disposition. Das hat wohl auch emotional-geschmäcklerische Gründe: Für viele Menschen entsprechen historisch anmutende Bauten eher ihrem heimeligen Bild von Kirche. Mit der Moderne wird oft noch gefremdelt. Bis in die 1970er Jahre hinein galt auch der Historismus als wertlos. Das hat sich inzwischen geändert, so könnte es auch mit den Nachkriegsbauten gehen.

mR: Nicht jede von Schließung bedrohte Kirche hat das Glück, von einem großen Architekten an prominenter Stelle errichtet worden zu sein. Was wird aus den zunächst unscheinbaren Stadtteilkirchen?

TR: Große Kirchen in prominenter Lage haben es natürlich einfacher, Menschen zu finden, die sich für ihren Erhalt einsetzen. Aber es gehört zum Anspruch unseres Projekts „Zukunft – Kirchen – Räume“, dass auch die Stadtteilkirchen eine Chance bekommen. Es geht nicht nur um Exzellenz. Vielleicht ist es ja gerade dieser zunächst unscheinbare Raum, der jetzt in seinem Quartier eine neue Bedeutung erlangen kann.

 

Virtuelle Karte bedrohter (hellgrün), geschlossener (schwarz), abgegebener (violett), umgenutzter (dunkelgrün) und abgerissener (rot) Kirchenbauten des Historismus und der Moderne in NRW (Auszug aus der moderneREGIONAL-Karte „invisibilis“)

 

mR: Was genau erwartet uns am 14. Februar?

TR: Eine Homepage, wie es sie noch nicht gibt! In drei Sparten werden Informationen bereitgestellt, damit von einer Schließung betroffene Gemeinden und Initiativen durchstarten können: Erstens werden rund 60 beispielhafte Umnutzungen aus ganz NRW vorgestellt. In einer zweiten Kategorie findet sich viel baufachliches Wissen für diese außergewöhnliche Aufgabe – von der Ideenfindung bis hin zu den Besonderheiten des Kirchenrechts. Und an dritter Stelle haben wir die Kontaktdaten von Fachleuten zusammengestellt, die bei diesen Prozessen helfend zur Seite stehen können: Ingenieure, Architekten und Moderatoren.

mR: Gemeinden und Initiativen können sich bei Ihnen bewerben.

TR: Zunächst hoffen wir, dass möglichst viele Interessierte in und über NRW hinaus die Homepage nutzen. Aber natürlich ist eine individuelle Beratung durch nichts zu ersetzen. Wer als Gemeinde oder gemeinnützige Initiative noch ganz am Anfang des Prozesses steht, kann sich bei unserem Offenen Projektaufruf bewerben. Eine Jury wählt rund acht Projekte aus, die über rund zwei Jahre intensiv begleitet werden.

mR: Warum engagieren Sie sich als Landesinitiative für diese Bauten? Das ist doch eigentlich ein innerkirchliches Thema …

TR: Wir haben es hier mit einem bedeutsamen gesellschaftlichen Transformationsprozess zu tun. Nachdem sich die Entwicklung schon seit mehreren Jahrzehnten angebahnt hat, manifestiert sie sich nun im Stadtraum. Da wird unser baukulturelles Erbe massiv in Mitleidenschaft gezogen. Wir dürfen diesen Wandel nicht allein dem Immobilienmarkt überlassen oder hoffen, dass die Kirchen diese Aufgabe alleine bewältigen können. Wir müssen diesen Wandel– gemeinsam mit den Kirchen, der Denkmalpflege und anderen Partnern – aktiv mitgestalten. Dann können wir in 20 oder 30 Jahren zurückblicken und sagen: Wir haben das Beste daraus gemacht!

Das Gespräch führte Karin Berkemann.

Ab dem 14. Februar 2019 freigeschaltet: die Projekthomepage.

Das von StadtBauKultur NRW initiierte Projekt „Zukunft – Kirchen – Räume. Kirchengebäude erhalten, anpassen und umnutzen“ findet in Kooperation mit der Architektenkammer Nordrhein-Westfalen und der Ingenieurkammer-Bau Nordrhein-Westfalen unter Mitwirkung der (Erz-)Bistümer und Landeskirchen in Nordrhein-Westfalen und Unterstützung des M:AI Museum für Architektur- und Ingenieurkunst NRW und der RWTH Aachen statt.

Titelmotiv: Köln-Buchforst,
die kulturell genutzte Auferstehungskirche (Bild: K. Berkemann), die Bildnachweise zu den anderen Fotografien öffnen beim Klick auf das jeweilige Motiv.