Stadtmöblierung für daheim

Der beliebte Begriff der Stadtmöblierung lebt davon, dass er ein Wort aus dem Inneren einer Wohnung mit Augenzwinkern in den Außenraum überträgt. Der Kölner Designer Tim Kerp hat sich nun entschlossen, diesen Weg kreativ umzukehren. Für sein Projekt “Assemblage de Cologne” nimmt er sich architektonische Szenarien aus der Rheinmetropole zur Anregung, um ungewöhnliche Möbel und Ausstattungsstücke zu gestalten. Das, aktuell (noch) digitale Ergebnis, nennt er Konzeptmöbel: “Markante Farben, Formen und Materialien des Stadtbildes werden in virtuellen Collagen zu neuen Objekten arrangiert.” Das 4711-Gebäude in Köln-Ehrenfeld etwa inspirierte Kerp zu einer mintgrünen Kommode, aus dem Fernsehturm wird eine stilvolle Lampe. Sein Tisch-Entwurf steht auf Füßen, die (samt Schloss) einem Fahrradständer entlehnt sind. Aus dem poppig gelben Gestänge der Straßenbahn wird ein Stuhl mit Getränkehalter.

Unter den Kerp-Entwürfen darf natürlich auch das Kölsch-Glas nicht fehlen, hier in Gestalt einer Vase. Somit werden nicht die gängigen touristischen Highlights verarbeitet (der Dom fehlt z. B. völlig), sondern ausschließlich moderne Identifikationsorte und Punkte aus dem Alltagsleben. Damit nähert sich Tim Kerp (*1980) seiner Heimatstadt auf eine ihm beruflich vertraute Weise. Nach einer Lehre zum Grafiker hatte er an der FH Aachen Produkt- und Interiordesign studiert. Seit 2009 lebt und arbeitet er wieder am Rhein, nun mit einem eigenen Studio – mit dem Schwerpunkt “Wohn- und Stadtmöbel”. Seit 2017 gehört er zur Gruppe „Generation Köln“, einem von Sabine Voggenreiter (Passagen) angestoßenen Ausstellungsformat. Seine “Assemblage de Cologne” kann man schon virtuell erkunden, eine ausführlichere Online-Präsentation ist in Vorbereitung. (kb, 8.5.21)

“Assemblage de Cologne – Der Duft der Stadt” – Konzeptmöbel nach dem Vorbild des 4711-Gebäudes in Köln-Ehrenfeld (Bild: Tim Kerp)

Lampugnanis bedeutsame Belanglosigkeiten

„Vor der Kaserne, vor dem großen Tor, steht eine Laterne und steht sie noch davor …“. Diesmal geht es aber nicht um Lili Marleen, sondern tatsächlich um die Laterne – und alles, was vermutlich in ihrem Umfeld steht: Haltestellen, Kioske, öffentliche Toiletten, Telefonzellen, Schachtdeckel, U-Bahn-Eingänge, Uhren, Poller, Ampeln, Baumscheibenabdeckungen, Hausnummern, Straßenschilder, Sonnenschirme, Gastronomiebestuhlungen, Briefkäsen, Müllbehälter, Hydranten. Dinge, so die These der hier zu besprechenden Publikation, die dem Betrachter einer Fotografie allein schon einen Ortsbezug erlauben.

Paris ohne Eiffelturm

Paris (Bild: tsuru0164, via pixabay.com)

Das Lichtbild einer Straßenszene gehört auch ohne Eiffelturm nach Paris, oder nach Berlin ohne Brandenburger Tor. Und das lässt sich daran erkennen, wie die Straße ausstaffiert ist. Wie der Bodenbelag des Trottoirs beschaffen ist. In Berlin wäre da das Kopfsteinpflaster mit der „Hauptspur“ aus großformatigen Steinplatten. Gusseiserne Jugendstil-Pendelleuchten lassen uns sofort an Paris denken, Schinkellaternen hingegen an Berlin oder München. All dies sind scheinbar belanglose Dinge, Nutz-Architekturen und -Objekte. Dinge, die einfach irgendwann verschwunden sind, ohne dass groß Notiz davon genommen wurde. Ein Gullideckel wird ersetzt, eine neue Beleuchtung eingerichtet, das Ampelsystem geändert. Und erst auf alten Fotos stellen wir fest: „Da war ja mal ein Kiosk an der Ecke.“ Oder: „Stimmt, diese Art Parkbänke standen hier früher!“

Der Schachtdeckel erweist sich als wahrer Geschichtsspeicher: Das Material sagt schon viel über die Entstehungszeit aus – Stein, Fließstahl, Beton und Kunststoff. Abgebildete Normen, Firmennamen, Orte und Modellnummern ergeben ein historisches Quellennetz. Da finden sich in Brandenburg noch Exemplare aus der Vorkriegszeit, produziert im heutigen Polen. Im badischen Rastatt hat sich ein Deckel erhalten, hergestellt in „Straßburg am Rhein“, also vor 1918. Und über so manch einem Kellerfensterschacht liegt noch ein Gitter, auf dem der Schriftzug „Mannesmann Luftschutz“ eingepresst ist.

Lampugnani en detail

Gullideckel (Bild: MichaelGaida, via pixabay.com)

Der Anfang ist meist ähnlich und die pragmatische Notwendigkeit steht zu Beginn: Funktion und Nutzung. Jedes der erwähnten Objekte ist ein Ort, an dem Bedürfnisse zu einer Form finden. Trinken, essen, ausruhen, informieren, laufen, auf- und absteigen, kommunizieren, beleuchten, Notdurft verrichten. Hier kommen Leben und Gestaltung zusammen, im Idealfall sogar Leben und Schönheit, so schreibt Vittorio Magnago Lampugnani, Architekturtheoretiker und Autor des frisch erschienen Buchs „Bedeutsame Belanglosigkeiten. Kleine Dinge im Stadtraum“. Ausgehend von seinen Forschungen an der ETH Zürich, kulminierte das Thema im Symposium „StadtRaumDetail“ in der Bauakademie Berlin – als Emeritierungsgeschenk seiner Kollegen.

Auf knapp 180 Seiten will Lampugnani die erwähnten Objekte und Details – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – in Kategorien einteilen. Am Ende steht eine Systematik von Mikroarchitekturen (Kioske, Haltestellen etc.), Objekten (Hausnummern, Denkmäler, Ampeln etc.) und Elementen (Schaufenster, Schachtdeckel etc.). In den jeweiligen Unterkapiteln werden die „Protagonisten“ der Szenerie behandelt, darunter eben auch die Stadtbeleuchtung. Das Buch konzentriert sich vor allem auf die Metropolen Paris, Rom, Berlin und London. Denn hier begannen in der Regel die technischen Neuerungen und hier sind sie vermutlich am besten dokumentiert. Entstanden ist ein erhellender Überblick über all die vermeintlichen Belanglosigkeiten im Stadtraum, die da waren und noch sind. (pl, 22.11.19)

Lampugnani, Vittorio Magnago, Bedeutsame Belanglosigkeiten. Kleine Dinge im Stadtraum, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2019, 192 Seiten, 26 x 18cm, Klappenbroschur mit vielen Abbildungen, ISBN 978-3-8031-3687-9.

Titelmotiv: Buchcover (Bild: Verlag Klaus Wagenbach)