Hidden Urbanism

Hidden Urbanism

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Hidden Urbanism (Bild: dom-publishers)

Die Moskauer Metro steht vor einer historischen Expansion. Bis 2017 soll das Streckennetz um 80 Kilometer erweitert werden – das ist rund ein Viertel des derzeitigen Gesamtnetzes. Grund genug, einen ausführlichen Blick auf die U-Bahn zu werfen, die 1930 mit dem Anspruch erbaut wurde, weltweit die schönste ihrer Art zu werden. Die Publikation Hidden Urbanism tut dies und porträtiert den Untergrund von Russlands Hauptstadt in beeindruckenden Fotografien und vertiefenden Aufsätzen.

Die prunkvollen stalinbarocken Stationen der 1930er sind inzwischen wohl hinlänglich bekannt. Der Band belässt es daher nicht bei einem Porträt dieser unterirdischen Paläste, sondern setzt die Fahrt in die publizistisch weit weniger ausgeleuchteten Tunnel der Metro fort. So entsteht eine umfangreiche Dokumentation, die bis in die Gegenwart reicht und den stetigen Ausbau der Metro auch als Instrument der Stadtentwicklung versteht. Das Buch beschränkt sich dabei nicht nur auf architektonische Aspekte, sondern bezieht auch Design und Corporate Identity ein. (jr, 30.9.16)

Kuznetso, Sergey/Zmeul, Alexander/Kagarov, Erken, Hidden Urbanism. Architecture and Design of the Moscow Metro 1935 – 2015, hg. von Philipp Meuser und Anna Martovitskaya, 352 Seiten, Hardcover, ISBN 978-3-86922-412-1 (Englisch), 978-3-86922-413-8 (Russisch) DOM publishers, Berlin 2016.

Jenga auf Georgisch

Jenga auf Georgisch

Ehem. Gerorgisches Straßenbauministerium (Bild: Ausstellungszentrum am Ringturm)
Das ehemalige  Georgische Straßenbauministerium (Bild: Ausstellungszentrum am Ringturm)

Der georgische Hauptstadt Tiflis kam traditionell durch ihre geografische Lage eine besondere wirtschaftliche und politische Bedeutung zu. Dies schlug sich auch in Architektur und Planung nieder, die von Baumeistern aus ganz Europa geprägt wurde und verschiedene Baustile rezipierte. Die Ausstellung „Tiflis. Architektur am Schnittpunkt der Kontinente“ im Wiener Ringturm (Schottenring 30, 1010 Wien) porträtiert Tiflis noch bis zum 27. April 2016.

Neben den Bauten des 19. Jahrhunderts, die bis heute für die Erscheinung der Stadt konstitutiv sind, widmet sich die Schau auch dem bewegten 20. sowie dem 21. Jahrhundert, die der Stadt mehrere Bebauungspläne und eine heterogene Auswahl an Bauten bescherten. Neben Stalinbarock, Ostmoderne und brandneuer Repräsentationsarchitektur finden sich so skurrile Beispiele wie das ehemalige georgische Ministerium für Straßenbau. Das Gebäude aus dem Jahr 1975 wirkt, als hätten kaukasische Riesen Jenga gespielt und die Lust verloren, bevor der Turm eingestürzte. Das Ergebnis ist ein aufgeständerter Bau in Hanglage, der einen kleinen Bach überspannt und aus mehreren übereinander gestapelten Gebäuderiegel besteht. Der Architekt, George Tschachawa, musste trotz des gewagten Entwurfs nicht mit Gegenwind rechnen: Zum Zeitpunkt des Baus war er praktischerweise Verkehrsminister und somit auch Bauherr. (jr, 24.4.16)

Moskauer Metro wird 80

Für eine alte Dame wirkt sie ziemlich agil: Um die 2,4 Milliarden Passagiere befördert die Metro in Moskau jährlich. Und trotz ihres Alters legt sie großen Wert auf ihr Äußeres. Statt Graffiti und übergroßen Werbeplakaten präsentiert sie den Pendlern Kronleuchter, Mosaiken und kitschigen Stalinbarock. Für die realsozialistische Welt galt sie als „Mutter aller Metros“: Von Kiew bis Pjöngjang orientierten sich die U-Bahn-Planer am Moskauer Vorbild.

Heute darf die Metro in keinem Moskau-Reiseführer mehr fehlen und erfreut sich unter den Besuchern der russischen Hauptstadt großer Beliebtheit. Der Bau der Metro war eines der Prestigeprojekte der sowjetischen Führung während der forcierten Industrialisierung der UdSSR Anfang der 1930er Jahre. Während man oberirdisch noch heftig über die städtebauliche Zukunft des „Neuen Moskau“ stritt, wurden unter der Erde in einem Gewaltakt Fakten geschaffen. Die prächtigen Metrostationen kollektivierten als volkseigene Paläste, so die Propaganda, den Luxus der ehemaligen Oberschicht. Drüber hinaus sollten sie die Arbeiter wohl auch für manches gebrochene Versprechen der Revolution entschädigen. Im Frühjahr 1935 wurde die erste Teilstrecke der „schönsten Metro“ der Welt eingeweiht. (jr, 13.3.15)

Die Metrostation Komsomol’skaja begrüßt die Moskauer mit Stuck und Kronleuchter (Bild: Lite, CC-BY-SA 3.0)