Kraxeln statt Kino

Der 1920er-Jahre-Bau in der Stuttgarter Bolzstraße 10 ist ein frühes Beispiel für Fassadismus: Er integriert den Eingangsbereich des einstigen Centralbahnhofs (1840-46), der nach Fertigstellung des Hauptbahnhofs von Paul Bonatz 1922 stillgelegt und abgerissen wurde. Im Neubau öffnete der Ufa-Palast seine Pforten. Nach Kriegsschäden wurde er zügig wiederaufgebaut und öffnete als Kino und Varieté: „Auf Wiedersehen im Metropol“ hieß die Eröffnungsrevue 1949. Später wurde das Metropol zum reinen Kino, nach mehreren Umbauten erfolgte um 2000 eine Sanierung, die viele Einbauten der 1940er wieder freilegte. Der schleichende Niedergang der Kinos und zuletzt die Corona-Krise haben 2020 dafür gesorgt, dass das Traditionshaus seine Pforten geschlossen hat.

Jetzt soll es wohl zur Kletterhalle werden: Die „Element Boulders GmbH“ hat – zur Überraschung der Stadt Stuttgart – einen Mietvertrag unterzeichnet. Die Umgestaltung des denkmalgeschützten Baus soll das Architekturbüro Tennigkeit + Fehrle übernehmen. Hier hat das Denkmalamt jedoch ein Wort mitzureden, und auch der Erste Bürgermeister Fabian Meyer sagte der Stuttgarter Zeitung, dass die Stadt die weitere Kino-Nutzung des Metropols als klares Ziel sehe. Sebastian Selig von der Initiative Rettet das Metropol hält die Umnutzung für eine „Katastrophe für die Stuttgarter Kultur“ und hofft, dass der Denkmalschutz die Pläne verhindert. Sicher ist die Kletterhalle offenbar noch nicht. (db, 18.1.21)

Stuttgart, Metroplo (Bild: Andreas Praefcke, CC BY-SA 3.0)

IBA 2027 im Anrollen

1927 befasste sich die Internationale Bauausstellung in Gestalt der Stuttgarter Weißenhofsiedlung mit der Frage, wie wir zukünftig leben, wohnen und arbeiten wollen. Genau 100 Jahre später findet die Internationale Bauausstellung 2027 wieder in Stuttgart statt und es geht aufs Neue um diese Frage. Diese kommende IBA beschränkt sich dabei nicht nur auf die Stuttgarter City, sondern erweitert sich ins Umland: Zur hierfür erkorenen „StadtRegion Stuttgart“ zählen Böblingen, Esslingen, Göppingen und der Rems-Murr-Kreis.

Nun präsentierte die IBA-Gesellschaft, deren Vorsitzender der Stuttgarter OB Fritz Kuhn ist, die ersten 13 Projekte der 2027er-Ausstellung. Und hier geht es vorrangig um Bauen im Bestand, denn darunter sind eine ehemalige Textilfabrik in Salach, Bahnanlagen in Nürtingen und das Postareal in Böblingen. Weiterhin die denkmalgeschützten Gebäude einer früheren Weberei in Wendlingen, das alte Betriebsgelände von EnBW in Stuttgart-Stöckach sowie ein ehemaliges Krankenhausareal in Sindelfingen. Sie alle sind zur „Revitalisierung“ als gemischte Stadtviertel zum Wohnen und Arbeiten vorgesehen und sollen „ökologisch, sozial, ökonomisch und baukulturell vorbildlich“ sein. mR ist sozusagen in freudiger Erwartung! (db, 17.8.20)

Stuttgart. EnBW-Areal (Bild: EnBW)

Kämpfer für den Bahnhof: Peter Dübbers ist gestorben

Vergangenen Karfreitag ist in Stuttgart der Architekt Peter Dübbers im Alter von 81 Jahren verstorben. Zuletzt machte er vor allem als engagierter Akteur in der langzeitigen Diskussion rund um das Großprojekt Stuttgart 21 von sich reden. Sein Streben galt dem möglichst vollständigen Erhalt des historischen Bahnhofsgebäudes. Mit ausschlaggebend dafür war sicherlich der biografische Hintergrund. Dübbers stammte aus einer Architektendynastie. Sein Großvater war niemand geringeres als Paul Bonatz, der einst den mächtigen Bahnhof plante und als einer der einflussreichsten Lehrer seiner Zeit wirkte. Der Vater, Kurt Dübbers, war langjähriger Professor und Zeitweise Rektor der TU Berlin, deren Hauptgebäude nach seinem Entwurf entstand.

Als sich die Auseinandersetzung um S21 zu nationaler Aufmerksamkeit gelangte, zog Dübbers mit einer Urheberrechtsklage vor Gericht. Die Flügelstutzung des alten Bahnhofes sollte so unterbunden werden. Am Ende siegte die Deutsche Bahn, die mit Regressforderungen auftrumpfte. Trotz alledem setzte sich Dübbers weiter beherzt für die Sache ein, lancierte sogar mehrere Verbesserungsvorschläge. Man täte ihm Unrecht mit dem Begriff des Wutbürgers, welcher untrennbar mit dem S21-Widerstand verbunden wird. Er galt Wegbegleitern eher als zurückhaltender Zeitgenosse. Das änderte nichts an seinem entschiedenen Eintreten für das Vermächtnis seines Großvaters. (jm, 24.4.20)

Stuttgart, Hauptbahnhof (Bild: historische Postkarte/Roger W., CC BY SA 2.0, via flickr.com, 1965)