Kesselhaus unter Druck

In Stuttgart wird gerade über ein Kultur- und Technikdenkmal diksutiert. Die Furtbachklinik möchte sich räumlich erweitern und dabei steht das alte Kesselhaus scheinbar im Weg. Der Verein Geschichtswerkstatt Stuttgart-Süd klärte nun Interessierte über die Bedeutung und wechselvolle Geschichte des Technikzeugen auf. Der Komplex wurde vom CVJM 1903 als Vereinshaus errichtet, um junge Männer sinnvoll zu beschäftigen, auf dass sie sich nicht im sündigen Großstadttreiben verlieren würden. Das Haus gehörte um die Jahrhundertwende zu den am besten ausgestatteten seiner Art und verfügte über das erste öffentliche Schwimmbad Stuttgarts. Später folgten dann Nutzungen als Lazarett, Aufnahmelager für DDR-Flüchtlinge und zuletzt als eine Klinik für psychisch kranke Menschen.

Von Beginn an wurde die großzügige Anlage vom Kesselhaus und den riesigen Dampfmaschinen mit Strom, Wasser und Elektrizität versorgt. Die Maschinen liefen bis in die 1990er Jahre, danach wurde es still im und um das Kesselhaus. Nun scheint das außerordentlich gut erhaltene Technikerbe dem aktuellen Besitzer ein Dorn im Auge zu sein. Das man den Bau auch mühelos in die Erweiterung mit einbeziehen kann, zeigte ein Vorschlag der Architekten Sorg + Frosch. Diese durften vor dem Liegenschaftsamt allerdings nicht vorsprechen. (jm, 28.7.19)

Stuttgart, Kesselhaus der Furtbachklinik (Bild: Geschichtswerkstatt Stuttgart-Süd)

Stuttgart: Zurück auf Bauhaus?

Vor knapp einer Woche, am 9. Juli hat sich in Stuttgart ein Verein gegründet, der für die Brenzkirche die Zeit zurückdrehen will. Zurück auf das Jahr 1933, als der Gottesdienstraum nach Entwürfen des Architekten Alfred Daiber nahe der Weißenhofsiedlung im Stil des Neuen Bauens eingeweiht worden war. Aus einem Quader mit Rundungen und Dachreiter machte Rudolf Lempp 1938 – im Sinne der nationalsozialistischen Bauvorschriften – einen gradlinigen Anblick mit „deutschem“ Satteldach auf Schiff und Turm. Der Wiederaufbau nach Kriegszerstörungen, ebenfalls unter Lempp, fügte 1947 weitere Veränderungen vor allem im Innenraum hinzu. 1983 kam die Brenzkirche unter Denkmalschutz.

Seit einigen Jahren wird über eine Rückführung auf die Gestaltung von 1933 diskutiert, verbunden mit einer zeitgenössischen und nutzungsfreundlichen Neuinterpretation des Innenraums. Eine Debatte, die durch das Bauhausjubiläum und die Internationale Bauausstellung, die 2027 in Stuttgart stattfinden soll, aktuell weiter befeuert wird: Genießt die Fassung von 1938/47 Bestands- und Denkmalschutz gegenüber der Ursprungsidee von 1933? Würde ein Rückbau gar die Veränderungen der NS-Zeit geschichtsklitternd unsichtbar machen? Karl-Eugen Fischer, Pfarrer der Brenzkirche, hingegen erklärt gegenüber den „Stuttgarter Nachrichten“: Lempp habe aus dem Bau „eine hässliche Dorfkirche“ gemacht. Dem wolle die Gemeinde – inhaltlich wie baulich – in den kommenden Jahren ein modernes, an den demokratischen Grundsätzen der Bauhaus-Zeit orientiertes Kirchenbild entgegensetzen. (kb, 13.7.19)

Titelmotiv: Stuttgart, Brenzkirche, um 1933 (Bild: historische Postkarte)

Stuttgart: Wie weiter mit der Calwer Passage?

Zum Abschied wurde getanzt: In diesem Sommer endete das Nutzungsexperiment „Fluxus“ in der Calwer Passage mit einer fulminanten Party samt Dancefloor in den bereits leergeräumten Ladenräumen. Ab November 2014 bot „Fluxus“, die „Temporary Concept Mall“ kleinen Läden und jungen Kreativen einen Ort am Stuttgarter Rotebühlplatz – und das zu bezahlbaren Mietpreisen. Die Initiative nutzte damit erfolgreich ein Interim nach einem Eigentümerwechsel und belebte so zugleich eine denkmalgeschützte Einkaufspassage. Die Architekten Kammerer, Belz und Partner hatten hier 1975 bis 1978 einen gläsernen Bogengang mit Marmorböden geschaffen. 1978 mit dem Paul-Bonatz-Preis ausgezeichnet, orientierte sich die postmoderne Einkaufszone an der Mailänder Galeria Vittorio Emanuele II am Mailänder Dom aus dem Jahr 1867.

Inzwischen wird das zur Theodor-Heuss-Straße hin an die Passage angrenzende, dreiteilige Gebäude der 1970er Jahre abrissbereit gemacht. An seine Stelle soll bis 2020 ein Neubau treten – wieder mit Büros, Läden, Cafés und Wohnungen. Nach Entwürfen des Architekten Christoph Ingenhoven ist eine begrünte Passage vorgesehen, die Calwer Passage bleibt erhalten und wird bis zur Langen Straße verlängert. Einige ehemalige Fluxus-Mieter haben eine neue Heimat in der nahegelegenen Eberhardstraße gefunden. Für die Passage selbst sieht der Stuttgarter Investor Ferdinand Piëch eine Zukunft für „inhabergeführten, kleinteiligen Einzelhandel“. (kb, 20.11.18)

Stuttgart, Calwer Passage (Bild: Bundesarchiv B 145, Bild F078962-0029, 1988, CC BY SA 3.0)