Identitätskrise in Gießen

Gießen entschied sich nach der schweren Zerstörung im Zweiten Weltkrieg für eine radikale nachkriegsmoderne Umgestaltung – mit Cityring, autogerechter Überbauung („Elefantenklo“) und Behördenhochaus. Dies brachte der Stadt viele Spötter ein, prägte aber auch ihre Identität. In den letzten Jahren bemühte man sich aber zunehmend um ein neues Image und eine Umgestaltung des Zentrums. Das Behördengebäude am Berliner Platz ist längst abgeräumt, das Rathaus aus den 1960ern wurde durch einen Neubau ersetzt. Nun steht auch die gegenüberliegende, 1966 eröffnete Kongresshalle zur Disposition.

Ein Abriss des denkmalgeschützten Baus ist wohl nicht zu befürchten. Die regierende Jamaika-Koalition in der Gießener Stadtverordnetenversammlung teilte jedoch jüngst mit, einen „hochbaulichen Realisierungswettbewerb“ auszuloben. Dabei könnte die Kongresshalle umgebaut oder erweitert werden. Bereits beschlossen ist der Abbruch eines Anbaus aus den 1980er Jahren, der bislang die Tourist-Info beherbergt. Die Kongresshalle wurde nach Plänen des schwedischen Architekten Sven Markelius‘ entworfen. Der multifunktionale Gebäudekomplex setzt sich aus mehreren kubischen Baukörpern zusammen und bildete ein nachkriegsmodernes Gegenstück zum nahen Jugendstiltheater. (jr, 19.10.17)

Kongresshalle Gießen (Bild: Ralf Lotys (Sicherlich), CC BY SA 3.0)