Tankstelle

Würzburg, Army-Tankstelle (Bild: lgs Würzburg)

Würzburg: Rettung für die Army-Tankstelle?

Zugegeben, es mag in Deutschland noch schnittigere 1950er-Jahre-Tankstellen geben. Diese hier allerdings bedeutet offenbar einer nicht zu kleinen Gruppe von Menschen etwas, und so wurde nun eine Petition zu ihrem Erhalt gestartet. Die Rede ist von der 1952 errichteten Zapfstation der ehemaligen Leighton-Barracks der US-Army in Würzburg. 2008 gaben die Amerikaner den Standort auf, und seither wird hier der neue Stadtteil Hubland errichtet. Bis Anfang Oktober fand zudem die Landesgartenschau auf dem 25 Hektar großen Areal statt. Mitten im grünen Treiben stand die Tankstelle als letztes übriggebliebenes Gebäude der einstigen Kasernen – farblich aufgefrischt und hübsch dekoriert als „American Diner“. Doch nach dem Ende der Gartenschau soll nun auch sie abgerissen werden.

Unter anderem die Siedlervereinigung Würzburger Sieboldshöhe und die Kunsthistorikerin Dr. Antje Hansen, Vorsitzende des Vereins der Würzburger Gästeführer, möchten nun den Verlust des Zeitzeugens verhindern. Auch eine Dokumentation zur Geschichte des Leighton-Barracks-Geländes würde der Bereinigung zugunsten einer Grünanlage zum Opfer fallen. Als Abriss-Argumente führt die Stadt Würzburg die schlechte Bausubstanz und vermeintlich kontaminierten Boden an – einer Nutzung während der Landesgartenschau stand dies freilich nicht im Weg. Mittlerweile fordert auch die Würzburger SPD-Stadtratsfraktion in einem Eilantrag den Erhalt der Tankstelle und die Suche nach einer geeigneten Nutzung. (db, 9.10.18)

Würzburg, Army-Tankstelle (Bild: lgs Würzburg)

Oldenburg, Avia-Tankstelle 2018 (Bild: Matti A. Bohm)

Oldenburg: Tankstelle gerettet?

Die denkmalgeschützte Oldenburger Tankstelle an der Ecke Kaiserstraße/Bleicherstraße ist in letzter Minute vor dem Abriss gerettet worden. Der vormalige Eigentümer hatte den Tankstellenbetrieb Ende Juni eingestellt. Aufmerksame Ex-Kunden beobachteten, dass bereits wenige Tage später ein Abbruchunternehmen die Gebäude vermessen hatte. Einer von ihnen informierte die Nordwest Zeitung: Er wusste um den Denkmalstatus der Avia-Station und mutmaßte, dass der neue Eigentümer Tatsachen schaffen wolle, bevor die Behörden eingreifen können. Offenbar hatte er Recht: Ein Sprecher der Verwaltung bestätigte der NWZ sowohl, dass die Tankstelle unter Schutz stehe als auch, dass tatsächlich ein Abriss zugunsten einer Wohnbebauung geplant gewesen sei. Die Stadt habe den Investor Capital Real dann auf den Denkmalstatus hingewiesen.

Nach der vorläufigen Rettung wurde indes gleich weiter an der 1955 errichteten Zapfstation geknabbert: Eine Tankstellenbau-Firma demontierte Tankks und Zapfsäulen. Das markante Flugdach, Hauptgrund der Unterschutzstellung blieb aber an Ort und Stelle. Nach einem Gespräch mit der Unteren Denkmalschutzbehörde erklärten die Investoren und die beauftragten Architekten von Neun Grad Architektur, nun Teile der Tankstelle in den Neubau zu integrieren. Neun Grad kann sich eine gastronomische Nutzung im Erdgeschoss vorstellen. Alle Pläne wolle man mit der Denkmalbeörde abstimmen. Klingt spannend … (db, 15.7.18)

Oldenburg, Avia-Tankstelle (Bild: Matti A. Bohm)

Hannover, Caltex-Tankstelle (Bild: PD)

Die Tanke ist museumsreif

Sie ist ein, wenn nicht der Ort der Nachkriegsmoderne: die Tankstelle. Unter elegant geschwungenen, weit auskragenden Dächern versprach sie mit ein bis zwei Zapfsäulen neue Energie für die meist ebenso eleganten Gefährte der Wirtschaftswunderjahre. Dank deren sprunghafter Vermehrung schossen in den 1950ern auch die Tankstellen wie Pilze aus dem Boden. Heute sind sie jedoch fast ausnahmslos durch Großbauten mit mehreren Reihen von Zapfsäulen und integriertem Supermarkt verdrängt worden, die in der Erinnerung des Kunden schon bei der Ausfahrt keinen Platz mehr beanspruchen.

Doch gerade weil die klassische Tankstelle nahezu ausgestorben ist, hat das Thema derzeit Konjunktur. Bereits 2015 dokumentierte eine Ausstellung umgenutzte Autostopps der 1950er Jahre. Nun widmet sich das Horex-Museum im Bad Homburg dem Thema. Eine Sonderausstellung zeigt Arbeiten des Fotografen Tim Hölscher, der entsprechende Bauten nicht nur mittels Bildbearbeitung in ihren ursprünglichen Zustand zurückversetzt. Städtischer Kontext, später angebrachte Werbetafeln und moderne Einrichtung müssen weichen, so dass die ursprüngliche Architektur wieder zum Vorschein kommt.  Jüngst erschien mit „Schöner Tanken! Tankstellen und ihre Geschichten“ außerdem ein umfassend bebilderter Band auf dem Büchermarkt, der sich der Großelterngeneration der Autooase widmet. Goldene Zeiten also für Fans der klassischen Tankstelle – sogar für die nicht motorisierten. (jr, 9.5.18)

Hannover, Tankstelle Caltex, Typ 3 (Bild: PD)

TofD: Einfach mal wieder auftanken

Die 2014 als Fahrradwerkstatt wiedereröffnete Ex-Tankstelle an den Hamburger Grindelhochhäusern kann beim TofD ebenfalls besichtigt werden (Bild: Stadt Hamburg)
Die 2014 als Fahrradwerkstatt wiedereröffnete Ex-Tankstelle an den Hamburger Grindelhochhäusern kann beim TofD ebenfalls besichtigt werden (Bild: Stadt Hamburg)

Auch für Freunde des automobilen Kulturguts hat der Tag des offenen Denkmals vom 11. bis zum 13. September einiges zu bieten. Alleine in Hamburg gibt es fünf denkmalgeschützte Tankstellen. Das jüngste vorgestellte Projekt ist die Sanierung der Zapfstation an den Grindelhochhäusern, die 1953 durch die Architektengemeinschaft Grindelberg errichtet wurde. Der Benzinverkauf wurde schon in den 1980er Jahren eingestellt, lange residiert dort eine Autohändlerin. Nach kurzem Leerstand beherbergt der Bau seit 2014 eine Fahrradwerkstatt samt Kaffeebar zum Auftanken von Koffein. Der Verein Freunde der Denkmalpflege e. V. bietet hier am Sonntag (13. September) von 13 bis 16 Uhr Führungen.

Auch die bundesweit bekannte Tankstelle Brandshof, 1953 von Wilhelm Mastiaux und Ulrich Rummel entworfen, öffnet wieder ihre Pforten für Architektur-Interessierte. Hier gibt es zwar heute kein Benzin mehr, doch werden Besucher garantiert einige Oldtimer zu sehen bekommen: Die heutigen Betreiber führen dort eine kleine Gastronomie und ein Ingenieurbüro – und laden regelmäßig zu Oldtimertreffs ein. Samstag und Sonntag (12. und 13. September) gibt es von 11 bis 17 Uhr Kaffee und Kuchen; jeweils um 12 Uhr findet eine Führung durch die todschicke „Gasolin“-Station statt. (db, 25.8.15)

Abgetankt

Die Tankstellen der 50er Jahre präsentieren sich heute oft zweckentfremdet (Bild: Joachim Gies)
Die Tankstellen der 50er Jahre präsentieren sich heute oft zweckentfremdet (Bild: Joachim Gies)

Tankstellen sind heute in der Regel kleine Supermärkte. Wer am Sonntag nochmal schnell zur Tanke will, hat nicht unbedingt ein Auto. Vielleicht füllt er seinen Lottoschein aus, besorgt Brötchen für den Frühstückstisch oder kauft die beim Großeinkauf vergessene Butter. Die Zeiten, in der Tankstellen ausschließlich dem Erwerb von Kraftstoff dienten und dem Statussymbol Auto mit baulicher Eleganz beikamen, scheinen jedenfalls vorbei zu sein.

Die Ausstellung „Abgetankt“ zeigt vom 4. März bis zum 24. April 2015 im Düsseldorfer Haus der Architekten (Zollhof 1, 40221 Düsseldorf), was aus den Tankstellen der Zeit des „Wirtschaftswunders“ wurde. Die präsentierten Arbeiten sind das Ergebnis einer Spurensuche, auf die sich Joachim Gies im Rahmen der Abschlussarbeit seines Fotografiestudiums begab. Dazu klapperte er über 250 ehemalige Tankstellen in Nordrhein-Westfalen ab. Der Schwung der 50er ist bei vielen der Bauten noch spürbar, allerdings beherbergen sie heute Schnellimbisse, Wohnungen oder Autowerkstätten. Einige sind auch dem Verfall Preis gegeben. Wer es nicht zu Ausstellung nach Düsseldorf schafft, findet eine Auswahl der Fotografien in einem Bildband, der über den Autor zu bestellen ist. (jr, 2.3.15)

So tankt man retro

Bad Liebenwerda, Roßmarkt, 1939 (Bild: by BB (family archive), GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) oder CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/)
So tankte man sein Kraftfahrzeug – hier 1939 am Roßmarkt in Bad Liebenwerda – vor dem Zweiten Weltkrieg  (Bild: by BB (family archive), Copyright: GFDL/CC-BY-SA-3.0)

Vor 90 Jahren mussten die meisten Autofahrer ihren Kraftstoff noch in der Apotheke kaufen. Nicht so in Sterup, denn bei Flensburg – so berichtet der NDR – steht die älteste Tankstelle Schleswig-Holsteins. Sterup lag an einer beliebten Pendlerstrecke zwischen Flensburg und Kappeln. Also stellte eine Autowerkstatt am 30. Oktober 1924 zwei Zapfsäulen direkt an die Straße. Später kam ein Verkaufshäuschen in den geschwungenen Formen der 1950er Jahre hinzu. So diente die historische Tankstelle auch schon als Kulisse für einen Filmdreh.

Die heutigen Betreiber übernahmen die Tankstelle 1968. In den 1970er Jahren erweiterten sie die Anlage um eine Garage zur Wagenpflege. Heute gehört die Steruper Tankstelle zu einer internationalen Kette. Und auch die Benzinpreise werden computergesteuert an die Filiale durchgegeben. Doch in einem Punkt sind sie traditionell geblieben: Es gibt nur wenige Getränke und Süßigkeiten zu kaufen. Schließlich ist man kein Supermarkt, sondern eine Tankstelle – und das seit 90 Jahren. (kb, 29.11.14)

Offene Oldtimer-Tankstelle Hamburg

Hamburg, Billhorner Röhrendamm (Bild: Ajepbah)
Hamburgs Oldtimer-Tankstelle (Bild: Ajepbah)

„Großtankstelle Brandshof“ – hört sich wenig einladend an, ist aber mit viel Retro-Charme ausgestattet. Am Billhorner Röhrendamm 4 in Hamburg-Rothenburgsort entstand 1953 eine Tankstelle im Geist der Zeit: Die Architekten W. Mastiaux und U. Rummel verbanden ein wenig Nierentisch und viel amerikanisches Flair zu einer geschwungenen Schönheit. Als später die Straßenführung verändert wurde, musste man die Tankstelle 1983 schließen. Es folgte zuletzt eine Nutzung als Kfz-Werkstatt.

2010 konnte das frisch gebackene Denkmal, nach liebevoller Sanierung wiedereröffnet werden. Die inzwischen historische Tankstelle beherbergt nun stilecht eine auf Old- und Youngtimer spezialisierte GTÜ-Prüfstation. Im rundverglasten Erfrischungsraum gibt es – ganz im Sinne der Zeitreise – Filterkaffee und ab 4 Uhr Frühstück. Geplant ist darüber hinaus, künftig auch wieder Kraftstoff zu verkaufen. Zum Tag des offenen Denkmals wird – über die regulären Öffnungszeiten von 11 bis 17 Uhr hinaus – am 13. und 14. September 2014 jeweils um 12 Uhr eine Führung angeboten. (kb, 9.9.14)

Freiburg, Turmrestaurant (Bild: historische Abbildung, nach 1951)

Autohaus in Aspik

Besonders wertvolle Stücke kommen in die Vitrine, so viel weiß jeder noch von der Oma mit den Untersetzern und Zierdeckchen. Wenn das einem Stück Architekturmoderne passiert, kann es manchmal ganz andere Gründe haben. In Freiburg hat man ein denkmalgeschütztes Ensemble (nun ja, das spektakulärste Sechzehntel davon) hinter Glas gestellt. Das ehemalige Autohaus „Breisgau“ aus dem Jahr 1951 wurde bis 2012 auf seinen dekorativsten Teil reduziert: das zweigeschossige verglaste Turmrestaurant mit der eleganten Wendeltreppe und dem weit ausgreifenden Vordach.

 

Eleganter geht nicht

Eigentlich sollte es ja eine Borgward-Vertretung werden, doch 1951 wurde in Freiburg ein Opel-Autohaus eröffnet. Der lokale Architekten Wilhelm Schelkes hatte einen futuristischen Stahl-Glas-Bau geschaffen, dessen Eleganz er mit amerikanisch anmutendem Fortschrittsoptimismus würzte. Seit 1986 unter Denkmalschutz, blieb das Turmrestaurant als einziger Rest des Autohauses „Breisgau“ stehen. Das übrige Gelände wurde mit Wohnblocks bebaut, dazwischen eingezwängt schirmte man die einstige Raststätte noch mit einer gläsernen Schallschutzwand vom Straßenverkehr ab. Heute dient der gläserne Turm gastronomischen Zwecken, inzwischen schon in den Händen des zweiten Betreibers. Das Vordach erweist sich dabei als durchaus praktisch, als regensicherer Biergarten mit Fünfziger-Flair. Nur das Türmchen ist anspruchsvoller: im Sommer rasch zu warm, im Winter schwer beheizbar und nur über die Außentreppe zu erreichen.

 

Moderne in Bewegung

Eine besondere Form des Nachruhms ist dem Turmrestaurant aber in jedem Fall sicher: Auf einem Familienausflug sahen die Fallers, die im Schwarzwald Bausätze für die Modellbahn produzierten, das futuristische Autohaus – und nahmen es zum Vorbild für eines ihrer erfolgreichsten Produkte. Hier kann der (bei Faller runde) Restaurantaufsatz nicht nur mit verschiedenen Werbeemblemen verziert werden, er verfügt auch noch über Beleuchtung und einen kleinen Drehmotor. Doch mehr wollen wir jetzt gar nicht verraten – das Freiburger Turmrestaurant und sein Modellbauableger werden im kommenden Sommer Teil unserer Ausstellung „märklinMODERNE“ sein. Wer selbst Teil des Projekts sein will, ist herzlich eingeladen, sich an unserem Crowdfunding zu beteiligen: www.startnext.com/maerklinmoderne. (kb/db, 20.9.17)

Dorsten, ehemalige Tankstelle, heute Schnellimbis (Bild: Sebastian Louven, CC BY SA 3.0, 2012)

Insel mit Zapfsäule

von Till Schauen (19/1)

Fluchtpunkt und Ausgangspunkt für Fluchten, Treffpunkt und Transit-Stützpunkt, Supermarkt oder Ort der Erlösung aus der Not. Das leuchtende Logo in der Nacht verspricht ein baldiges Ende für allerlei Qual: „Hurra, wir bleiben doch nicht liegen!“ – „Die Party ist gerettet!“ – „Mama, ich muss soo nötig!“ Wer Auto fährt, begegnet Tankstellen. Insofern kommt so gut wie jede Person im westlichen, automobil geprägten Kulturkreis mit ihnen in Berührung. Sie sind die zentrale Immobilie zur Mobilie.

 

Zwischenstopp für Drei

Die Grundzüge ihrer Gestaltung sind seit der Frühzeit unverändert: Insel mit Zapfsäule, verglastes Häuschen, Wetterschutz. Ach ja: großes Logo. Es stimmt, dieses Ensemble hat über die Jahrzehnte und in allen Regionen Varianten entwickelt – im wesentlichen aber ist es seit den 1920er Jahren gültig, genau wie das Automobil, das seine Grundform etwas früher fand. Wie passend.

Wie das Auto entwickelte die Tankstelle einen ganzen Katalog an Nebenfunktionen, manche nur mittelbar mit dem eigentlichen Zweck verbunden. Nicht zuletzt deswegen ist die Tankstelle ein Kino-Topos geworden, zu finden, wenn es um projiziertes Fortwollen geht. Das zeigt sich bereits an einem ihrer frühesten Kino-Auftritte: „Die Drei von der Tankstelle“ von 1930. Drei adrette Burschen betreiben die ebenso adrette „Kuckuck“-Station und lassen sich das Leben nicht verdrießen, obwohl es böse war zu ihnen. Und natürlich ist die Tankstelle nur Zwischenstopp, auch für die Drei.

Weg hier! Die zehrende Sehnsucht nach dem Besseren, Sinnvolleren, Glamouröseren bildet den ideellen Gegenpol zum nicht minder brennenden „Schnell hin!“ drängender Bedürfnisse, wie eingangs angerissen. Beide Pole sind von großer Kraft, zwischen ihnen schwebt die Tankstelle als ewiger Nicht-Ort: reinfahren, vollgurgeln, zahlen, weiter.

 

Von gestaltungsfrei bis kunstvoll

Tankstellen kann man gestaltungsfrei anlegen, auch ein zehnjähriges Kind kann mit Lego eine funktionale Zapfstation bauen. Umso interessanter ist es, solch eine Anlage zu gestalten. Die fiktive „Kuckuck“-Tankstelle ist Bauhaus-inspiriert in ihrer Klarheit, das Wetterdach bleibt aus filmtechnischen Gründen klein, aber mit ihren großen Fensterflächen und der geschickten Aufteilung würde sie noch heute verdienten Zuspruch bekommen – selbst wenn die üppigen Blumenkübel wahrscheinlich der Funktionslogik zum Opfer fielen. Tatsächlich brachte die erste Blüte der Tankstelle nach Weimarer Art ähnliches hervor, wenngleich nicht viele Exemplare überlebt haben. Die Shell-Tankstelle in Kamenz (um 1930) ist eins der raren Beispiele neben den Service-Einheiten früher Parkhäuser, etwa den 1929/30 errichteten Kant-Garagen in Berlin.

Häufiger erhalten sind Tankstellen nach Gusto Drittes Reich, die die Niedlichkeit und Ornamentik völkischer Formvorstellungen mit dem aufkommenden Massen-Individualverkehr kombinierten. Besonders Autobahntankstellen jener Zeit wirken deshalb monströs: Man beachte die Raststätten Rhynern an der A 2, Reinhardshain an der A 5 und besonders das Rasthaus am Chiemsee. Trutzigkeit funktioniert allerdings nur bedingt, wenn man Kundschaft anziehen möchte. Im Sinne eines Zeitgefühls, das Sehnsüchte nach einem besseren Dasein kristallisiert, passen sie aber durchaus, Faust-aufs-Auge-mäßig.

 

Die reine Funktion

Interessanterweise entstanden parallel, anno 1942, gleich drei Tankstellen-Baumuster in funktional-klarem Stil, die genau deswegen zwar nicht den Segen des Regimes erhielten, aber trotzdem gebaut wurden. Ein Exemplar ist erhalten, direkt an der A 12, Abfahrt Fürstenwalde-West. Dieser Bau schlägt die Brücke zwischen Weimar und der spannungsvollen Moderne der 1950er Jahre mit vielerlei eleganten Formen, durchaus frei von dem Biederbarock, den man der Adenauerzeit gern nachsagt. Manches ging sogar in Serienfertigung wie der Caltex-Typ 3, eine Stahlkonstruktion mit kraftvollem Gegensatz aus geschwungenem Dach und kantigem Kassenhaus. Aus dieser Epoche sind viele Anlagen erhalten, wenngleich die wenigsten in ihrer Urfunktion – klassische Nachnutzer sind Werkstätten, Fähnchenhändler (ihrerseits inzwischen am Aussterben) oder Kleingewerbe-Experimente vom Schlage „Moni’s Lädchen“.

Tja, und die Umweltschutz-Gesetzgebung. Viele Winz-Tanken sind an neuen Rechtsbestimmungen eingegangen. Angesichts ihrer Reste dürfen wir heute romantisch verklärt seufzen und uns vorstellen, wie nett sich hier wohl rast-tanken ließe. Auf vergiftetem Boden versteht sich, was wir als Reisende nicht merken würden. Wohl aber die Nachbarschaft – und schon haben wir noch ein Spannungsfeld, diesmal ein nostalgisch-dialektisches: die Erleichterung übers Verschwinden des Zurückgewünschten.

 

„Tanken als Erlebnis“

Im Unterschied zum (ähnlich strukturierten) Tante-Emma-Laden ist die Kleintanke wirklich perdu. Tatsächlich haben ausgedehnte Tankanlagen vielerorts Tante Emmas Rolle übernommen für kleinteiligen Alltagsbedarf, wenn der Weg zum Aldi am Stadtrand sich nicht lohnt oder sonst nix mehr offen hat. Das ist freilich erst ein Nachwende-Phänomen, wenngleich die ersten Experimente mit „Tanken als Erlebnis“ schon in den 1970er Jahren begannen. Das war damals aus der Not geboren, denn mit dem Ölpreisschock 1973 und der aufkommenden Umweltschutzbewegung wandelte sich das Image des Benzins. Nach gut 50 Jahren einer seligen Existenz als Gewährsmittel für freies Fortkommen war es plötzlich teuer, gefährlich und schmutzig obendrein.

Angeschoben von Ölscheichs und Müsli-Freaks begann die westeuropäische Tankstelle ab den 1980ern einen fundamentalen Wandel zum Lifestyleangebot („Stylisher Thermobecher zum Wiederverwenden. Erstfüllung gratis!“) mit Croissant („Laugen oder Butter?“), Zeitschriftenwand und ntv im Dauerbetrieb. Dieser Wandel ist nicht vollendet, inzwischen aber von einem anderen Moment getrieben, denn das Ende des Treibstoff-Konsums ist absehbar. Kurioserweise wird dieses Ende für viele Tankstellen wahrscheinlich nicht das Aus bedeuten.

 

Eine Frage des Überlebens

Ganz nebenbei nämlich gewann die Tankstelle eine ungeplante Zusatz-Funktion: als Versammlungsort für Cliquen. Früher waren dies vor allem junge Leute: Die schnelle Jugend der 1980er und 1990er schätzte ihre Fahrzeuge nicht zuletzt als Symbol eines „Ich-kann-jederzeit-nach-Hollywood-reiten“, ohne jemals dorthin aufzubrechen. Die örtliche Tanke war ein natürlicher Anlaufpunkt, sie bot genug Platz für freitägliche Mini-Motorshows und hatte Getränke, Tabak und Ähnliches greifbar. Außerdem kamen ständig andere Autofahrer vorbei, denen man finstere Blicke zuwerfen konnte. In dieser Hinsicht erwarb die Tankstelle zum ersten Mal eine Eigenschaft, die sie aus dem Nicht-Ort-Nirwana in die Welt zurück holte: Für solche Cliquen ist sie das Zentrum des eigenen Territoriums.

Daran anknüpfend, entwickeln Tankstellen inzwischen gezielt das Konzept des Szene-Treffpunkts, weshalb Straßenarbeiter aller Couleur sie inzwischen als Begegnungsort akzeptieren: Kurierfahrer, Paketboten, Asphaltierer, Taxler. Und gut so! Benzin und Diesel werden in naher Zukunft Nebenangebote werden, die überdachten Freiflächen womöglich bestuhlt zum Besuch einladen, oder zum Boulespiel, Skaten, Nachbarschafts-Hökern. Die Tankstelle als architektonisches Genre könnte überleben, wenn ihr die Wandlung zum Stadtteil-Zentrum gelingt. Mit dem ursprünglichen Spannungsmoment einer solchen Einrichtung wird das dann wenig zu tun haben.

Titelmotiv: Dorsten, ehemalige Tankstelle, heute Schnellimbis (Bild: Sebastian Louven, CC BY SA 3.0, 2012)

Autobahnkapelle Hamm (Bild: David van Keulen, via flickr)

Die Autobahnkapelle

von Karin Berkemann (19/1)

Eine Tankstelle wird zur Kapelle, das ist der Traum eines jeden kirchlichen Schreibers. Passende Wortspiele (Auftanken + Seele) liegen derart auf der Straße, dass sie sich fast schon wieder verbieten. Aber auch ganz nüchtern betrachtet, passen alte und neue Nutzung an der Autobahnraststätte Rhynern bei Hamm bestens zusammen: Reisende haben Bedürfnisse und finden hier einen Ort, um diesen nachzugehen. Wenn dabei dann noch eine denkmalgeschützte Autobahntankstelle erhalten und mit einem neuen Sinn gefüllt wird, bleiben sogar für Modernisten keine Wünsche mehr offen.

Am „Tor Westfalens“

Die Bundesautobahn 2 (A 2) entstand ab 1933 als Ost-West-Achse, die von Oberhausen über Hannover und Magdeburg bis nach Berlin verlaufen sollte. 1938 wurde die Teilstrecke im Westfälischen dem Verkehr übergeben. Bei Rhynern, das seit 1974 zur Stadt Hamm gehört, errichtete man 1939 eine provisorische Raststätte. Den Plan dafür zeichnete kein Geringerer als der Düsseldorfer Architekt Helmut Hentrich, der später im renommierten Büro Hentrich, Petschnigg und Partner (HPP) am Düsseldorfer Dreischeibenhaus (1960) beteiligt sein sollte. Ende der 1930er Jahre hatte er den Weg in den Kreis um Albert Speer gefunden, der zuletzt als „Wiederaufbaustab“ seinen Dienst tat. Nach Kriegsende wurde die Raststätte Rhynern bis 1948 ausgebaut, indem man auf die Entwürfe von Hentrich zurückgriff: Zwei Tankstellen – eine im Süden, eine im Norden – rahmten als „Tor Westfalens“ eine vierspurige Autobahn, begleitet von Parkplätzen, einem Rasthof mit Gastronomie.

Nutzlos mit Verkehrsanschluss

Die durchdachte symmetrische Anlage tat bis Mitte der 2000er Jahre ihren Dienst, bis die A2 auf sechs Spuren ausgebaut wurde. Statt zweier Häuschen erhielt Rhynern nun im Osten eine größere Tankstelle. Doch die Architekturen der 1940er Jahre standen seit 1990 unter Denkmalschutz, sollten also erhalten bleiben. Rasch gründete sich eine Initiative, die aus der nördlichen Tankstelle eine Kapelle machen wollte. Das Modell der Autobahnkirche war in der BRD seit 1958 bekannt und bewährt, mit den Jahren hatte man solche Stationen auch in historischen Räumen einzurichten gelernt – und eine bessere Verkehrsanbindung als in Rhynern war kaum zu finden. Der evangelische Kirchenkreis Hamm übernahm den Vorstoß, der Bund als Eigentümer der Anlagen konnte überzeugt, ein ökumenisch besetzter Förderverein gegründet, die Stadt mit für die Finanzierung gewonnen und der Umbau bis 2009 abgeschlossen werden.

Kunstvolles Understatement

Die Außenanlagen wurden in enger Abstimmung mit der Denkmalpflege wieder nach dem Vorbild der Bauzeit hergestellt. In das entkernte Innere der ehemalgien Tankstelle, die teils noch von der Autobahnmeisterei genutzt wird, brachte man die Kapelle als hölzernen Einbau ein. Der Raum erhält sein Licht durch ein schlichtes hochliegendes Fensterband. Die Ausstattung ist auf Bänke, einen Altartisch, ein Lesepult und einen Kerzentisch beschränkt – alle Teile aus Corten-Stahl aus einer Schmiede der Abtei Königsmünster. Nach außen markiert ebenfalls seit 2009 die haushohe Cortenstahl-Installation „Tor“ des Künstlers Michael Düchting den kirchlichen Ort.

Jährlich rund 20.000 Besucher

Für Besucher steht die Autobahnkapelle Hamm nun von neun Uhr morgens bis neun Uhr abends über ein automatisiertes Schließsystem offen. Der Raum wurde bewusst nüchtern gehalten, was nicht nur dem Protestantismus westfälischer Prägung entspricht, sondern auch dem Anspruch auf einen konfessions-, vielleicht sogar religionsübergreifenden Ruheort. Jährlich nehmen rund 20.000 Menschen diese Einladung an. Die Erinnerung an die alte Funktion einer Tankstelle bleibt eine rein bauliche – von den Zapfsäulen oder ähnlichen technischen Einrichtungen blieb nichts erhalten.

Literatur

Antz, Christian/Berkemann, Karin (Hg.), 100 spirituelle Tankstellen. Reisen zu christlichen Zielen, Freiburg i. Br. 2013, aktualisierte Neuausgabe 2015.

Foto-Porträts zur Autobahnkapelle Hamm auf flickr: Bergfels, Dirk van Keulen, Patrick.

Titelmotiv: Autobahnkapelle Hamm (Bild: Dirk van Keulen, via flickr)

Joachim Gies (Bild: privat)

„Dem Abriss geweiht“

Joachim Gies über sein Fotoprojekt „Abgetankt“ (19/1)

„Tankstellen-Fotograf“, so wird Joachim Gies immer wieder vorgestellt. Er freut sich darüber, denn diese ungewöhnliche Berufsbezeichnung trifft seine Leidenschaft ganz gut: Gies fotografiert seit einigen Jahren ehemalige Tankstellen. Sie unterliegen mehr als andere Bauten einem stetigen Wandel. Irgendwann stehen sie nicht mehr am richtigen Platz. Zu wenig Verkehr, zu wenig Kunden, zu alt in der Ausstattung. Aber auch wenn Preistafeln und Zapfsäulen längst verschwunden sind, bleibt ihre Architektur sichtbar – man muss nur genau hinsehen. Was Gies an diesem Stück Technik- und Kulturgeschichte so begeistert, erzählt er im Gespräch mit moderneREGIONAL.

moderneREGIONAL: Herr Gies, eigentlich war das Projekt „Abgetankt“ – die fotografische Suche nach aufgegeben Tankstellen – das Projekt für Ihre Bachelor-Arbeit. Warum hat Sie das Thema bis heute nicht losgelassen?

Joachim Gies: In meiner Studienzeit hatte ich einen zeitlich vorgegeben Rahmen in der die Arbeit abgegeben werden musste. Schon damals war mir klar, dass das Fotografieren von alten Tankstellen mit dem Ende des Studiums nicht besiegelt sein würde. Es war sozusagen nur der Startschuss. Es gibt noch jede Menge alter Tankstellen, die nur darauf warten von mir abgelichtet zu werden. Ich verstehe es als meine Aufgabe, diese Bauten in Ihrem jetzigen Zustand zu dokumentieren. Aktuell bin ich auf den Spuren alter Minol-Tankstellen im Osten Deutschlands unterwegs. Seit 2015 arbeite ich an diesem neuen Buchprojekt. Das Spannende dabei ist, dass die Gebäude und die „Umnutzungen“ sich sehr von den westlichen Tankstellen unterscheiden.

mR: Wie finden Sie Ihre Fotomotive?

JG: Ich bin immer auf Achse! (lacht). Diese Frage habe ich mir zu Beginn der Fotoserie „Abgetankt“ auch gestellt. Schließlich verlieren alte Tankstellen an Bedeutung. Nach einer Umnutzung als z. B. Restaurant, Laden oder Wohnung werden sie von vielen Menschen nicht mehr als „alte Tankstelle“ wahrgenommen. Ich bin tatsächlich sehr viel im Auto unterwegs und befrage die Menschen vor Ort.

mR: Die Nutzung als Autowerkstatt liegt ja fast auf der Hand.

JG: Diese Nutzung bietet sich bei vielen alten Gebäuden noch an. Meistens befindet sich neben dem Kassenhaus noch die alte Autowerkstatt. Wobei mich als Fotograf eher die ungewöhnliche, nicht alltägliche Nutzung reizt. Autowerkstätten bzw. Händler gehören natürlich unbedingt dazu, aber Wohnhäuser, Reisebüros oder ein Friseursalon zeigen auch, dass eine untypische Nutzung wunderbar funktioniert.

mR: Der Drive-In scheint auch sehr beliebt zu sein?

JG: Ja, die Idee ist toll! Die gute Verkehrsanbindung einer alten Tanke mit den Zu- und Abfahrten ist in den meisten Fällen noch gut erhalten. Eine Currywurst unter dem Tankstellendach beim Vorbeifahren, wie cool ist das denn. Obwohl ich tatsächlich doch aussteigen müsste, um die Architektur zu begutachten.

mR: Manche Tankstelle wird auch zu einem neuen Zuhause. Da gibt es eines Ihrer Fotos mit einem Graupapagei …

JG: Das ist eine meiner Lieblingstankstellen. Ich konnte es zuerst gar nicht glauben. Die Architektur ist ein Traum. Ein filigranes Dach stützt sich auf einer mit Efeu bewachsenen Säule. Das ehemalige Kassenhäuschen ist rundherum verglast. In dem Gebäude wohnt nun die Tankwartin, die viele Jahre die Kunden persönlich am Auto mit Benzin versorgt hat. Und als ob das alles noch nicht genug ist, bewohnt ein Graupapagei, mit dem Namen Werner, das Kassenhäuschen.

mR: Sind Ihnen viele Tankstellen begegnet, die keine Zukunft haben werden?

JG: Leider wird dieses Schicksal tatsächlich viele Tankstellen treffen. Gerade in Großstädten wird der Platz knapp. So habe ich es schon oft beobachten können. Vier Tankstellen aus dem Buch „Abgetankt“ sind bereits verschwunden. Ich denke, dass in der nahen Zukunft der Bautyp „Tankstelle“ keine Da­seins­be­rech­ti­gung mehr haben wird. Für das Tanken wird nur noch eine kleine Elektrosäule notwendig sein.

mR: Und zum guten Schluss: Wo steht Ihre absolute Lieblingstankstelle?

JG: Hier und da und dort! Viele interessante Gebäude und Nutzungen kann man letztlich nicht miteinander vergleichen. Daher habe ich einige Lieblinge – und es kommen immer neue dazu!

Das Gespräch führte Karin Berkemann (19/1).

Das Buch „Abgetankt“ kann online direkt beim Autor, dem Fotografen Joachim Gies erworben werden.

Joachim Gies, Jahrgang 1985, absolvierte sein Foto-Design-Studium er an der FH Dortmund. Zu seinem Bachelor-Abschluss 2014 erschien sein Bildband „Abgetankt“ mit 61 Bildern von Tankstellen im Ruhrgebiet, dem Rheinland, dem Bergischen Land und dem Sauerland. Neben seiner Arbeit als freier Fotograf mit zwei Arbeitsstandorten – Köln und Bremen – setzt Joachim Gies sein künstlerisches Tankstellen-Projekt nun bundesweit fort.

Buchenwald, ehemalige Tankstelle (Bild: Peter Liptau)

Best of #schönetankstelle

mit Fotos unserer LeserInnen (19/1)

Ihre Einsendungen waren um ein vieles einfallsreicher als unser Hashtag, mit dem wir im Dezember 2018 zu einem kleinen Fotowettbewerb einluden: #schönetankstelle. Aber genau darum ging es, um gute Bilder guter historischer Tankstellen. Der Blick unserer LeserInnen richtete sich mal auf noch genutzte, mal auf bereits zweckentfremdete Stationen im deutschsprachigen Raum, einmal in Skandinavien und zweimal in Übersee. In jedem Fall ergaben sich liebevolle Porträts einer prägenden Baugattung der Moderne.

Lutz Schmidt (alias: Pete Mitchell) gewinnt beim moderneREGIONAL Fotowettbewerb #schönetankstelle einen Faller-Tankstellen-Bausatz. Wir gratulieren!