Die “Tatort”-Villa fällt

Hoch im Norden, in Bosau am Plöner See, wurde bundesrepublikanische Fernsehgeschichte geschrieben: In einem Luxushaus am Seeufer spielen etliche Szenen des Tatort-Krimis “Reifezeugnis”, der im März 1977 erstmals ausgestrahlt wurde. Die brisante Geschichte über das Liebesverhältnis zwischen Lehrer und Schülerin schlug damals hohe Wellen – und machte die 16-jährige Hauptdarstellerin Nastassja Kinski zum Star. Auch Regisseur Wolfgang Petersen sollte bald Weltkarriere machen, Lehrer-Darsteller Christian Quadflieg in die erste Schauspielerriege aufsteigen. Und Klaus Schwarzkopf als stiller “Kommissar Finke” war damals ohnehin Garant hoher Einschaltquoten. Die Nummer 73 von 1071 (Stand 15. November 2018) Tatort-Krimis zählt zu den Klassikern.

Doch jetzt wird der Drehort dem Erdboden gleichgemacht: Der 1965 vom Hamburger Architekten Herbert Hagge gestaltete Bungalow muss sechs Eigentumswohnungen weichen. Die letzten Besitzer haben ihn aus Altergründen verkauft, und wie üblich hat ein abrisswilliger Investor das meiste Geld für den unverfälschten Luxusbau locker gemacht: 242 Quadratmeter Wohnfläche, ausgelegt mit edlem Travertin, ein schwarz gefliestes Badezimmer, drei Kamine (einer drinnen, zwei draußen), im Wohnzimmer eine Deckenheizung (!) – das kann alles in den Container, wenn die spätere Rendite stimmt. Den grandiosen Bungalow können Sie fortan hin und wieder noch in der ARD-Mediathek anschauen; ein Bild der Neubauplanungen ersparen wir Ihnen … (db, 17.11.18)

Titelmotiv: Tatort: Reifezeugnis (Bild: ARD)

Nicht nur für Tatort-Fans

Nicht nur für Tatort-Fans

Wie wär´s mit einer Spritztour, Madame? Sieghardt Rupp 1971 als Zollfahnder Kressin (Bild: WDR)
Wie wär’s mit einer Spritztour? Sieghardt Rupp als Zollfahnder Kressin (Bild: WDR)

Sicher, der Schauspieler Sieghardt Rupp hat nie als Architekt reussiert. Auch steht sein Gesamtwerk oder Teile davon nicht unter Denkmalschutz. Dennoch widmen wir uns hier dem im Juli 2015 von der Öffentlichkeit unbemerkt verstorbenen Österreicher: Denn er trat von 1971 bis 1973 im Tatort als “Zollfahnder Kressin” auf. Und nicht nur der stets etwas raubeinige Frauenheld Kressin (Vorname unnötig), sondern auch die Drehbuchschreiber und Regisseure der insgesamt 7 Filme zählten zu den zentralen (Medien-) Kulturschaffenden der Siebziger. Wolfgang Menge schrieb die meisten Bücher; Peter Beauvais, Tom Toelle, Rolf von Sydow und Michael Verhoeven führten Regie. Die Folge “Tote Taube in der Beethovenstraße” (1973) schrieb und leitete der US-Regisseur Samuel Fuller.

Der gebürtige Bregenzer Rupp trat nach seinem Studium am Wiener Reinhardt-Seminar in etlichen Spielfilmen auf, darunter auch in Sergio Leones “Für eine Handvoll Dollar” (1965). Zum 85. Geburtstag wollte ihn nun das Film Archiv Austria mit einer Retrospektive ehren, erst durch die Recherche der Archiv-Mitarbeiter wurde sein Tod bekannt. Wenn Sie also demnächst in Wien unterwegs sind, schauen Sie doch mal im Metro Kinokulturhaus vorbei – dort läuft noch bis zum 28. Juni die Sieghardt-Rupp-Filmreihe. Das Programm finden Sie hier. (db, 7.6.16)

Schauplatz Tatort

Es gibt nur zwei wahre Glaubensrichtungen: Die einen schauen am Sonntag Rosamunde Pilcher, die anderen wählen den Tatort. Nun gibt es einen Grund mehr, zu dieser ältesten Krimireihe im deutschen Fernsehen umzuschalten. Seit 1970 wurde die Sendung mehr als 850-mal ausgestrahlt. Jeden Sonntag sehen mehr als 8 Millionen Zuschauer zu. Und jedes Ermittler-Team setzt regelmäßig eine andere deutsche Großstadt oder Region in Szene.

Mit ihrem Buch „Schauplatz Tatort“ blicken die Autoren Udo Wachtveitl, Alexander Gutzmer, Guido Walter und Oliver Elser erstmals hinter die Kulissen auf die Film-Architektur der Serie. Durch Interviews mit unterschiedlichen Akteuren wie einem Regisseur, einem Designer und natürlich den Kommissaren erhält der Leser spannende Informationen rund um die Schauplätze und ihre architektonische Inszenierung. Und in vielen grafischen Übersichten kommt im Buch jede Krimi-Region zu ihrem Recht. (kb, 1.6.14)

Udo Wachtveitl u. a., Schauplatz Tatort. Die Architektur, der Film und der Tod, Verlag Callwey, 2013, gebunden, 192 Seiten, 29 x 26 cm, ISBN 978-3766720528.

Damit lässt sich die Zeit bis zum nächsten Tatort gut überbrücken (Bild: Callwey-Verlag)