Moderne 2.0

Moderne 2.0

Ingenieur, Zahnräder betrachtend, Chemnitz, 1951 (Foto: Seidel, Bild: Bundesarchiv Bild 183-12173-0001, CC BY SA 3.0)
Spaß sieht für jeden anders aus: Ingenieur, Zahnräder betrachtend, Chemnitz, 1951 (Foto: Seidel, Bild: Bundesarchiv Bild 183-12173-0001, CC BY SA 3.0)

„Wie sollten wir die Essenz der Moderne wahrnehmen?“ Dieser großen Frage stellt man sich in Chemnitz ganz praktisch und schaut während des Workshops „Moderne 2.0“ vom 10. bis zum 11. September 2016 auf die beiden Berufsgruppen, welche die Moderne besonders geprägt haben: Zum einen gibt es den Ingenieur, der in seinem Wesen strukturiert, orientiert an Anforderungen, oft gemessen an der Effizienz seines erstellten Produktes. Zum anderen ist da der Künstler, befreit vom richtig oder falsch, vom Nachweis seiner Behauptungen, oft bewertet nach der Ästhetik seines Werks.

Dem Chemnitzer Workshop, der sich selbst als „interdisziplinärer Experimentalraum für Künstler und Ingenieure“ versteht, geht es um den Dialog und Austausch dieser so unterschiedlichen Denk- und Arbeitsweisen. Die Präsentation der Ergebnisse, Beobachtungen und Erkenntnisse des Workshops erfolgen auf dem “RAW Festival“ im Rahmen der 7. Tage der Industriekultur vom 23. bis 25. September 2016 im ehemaligen Reichsbahnausbesserungswerk Chemnitz. Es sind ca. 16 Workshop-Plätze zu vergeben, die Teilnahme ist kostenfrei, Interessierte werden gebeten sich mit ein paar Informationen (Name, Alter, Beruf, was reizt an diesem Workshop und was ist das Werkzeug?) zu bewerben bei: Bettina Hofmann, 0371/690 68-16hofmann@cwe-chemnitz.de. (kb, 20.6.16)

Ein Jahrhundert für Experten

Ein Jahrhundert für Experten

Building Europe on Expertise zeichnet das 20. Jahrhundert als Expertengeschichte nach (Bild: Palgrave Macmillan)
„Building Europe on Expertise“ zeichnet das 20. Jahrhundert als Expertengeschichte nach (Bild: Palgrave Macmillan)

Der Glaube an Wissenschaft und Fortschritt verband die verschiedensten politischen Utopien des letzten Jahrhunderts miteinander. Diktatorische Regime propagierten ihn ebenso wie demokratische Staatsführungen. Die praktische Realisierung einer – wie auch immer gearteten – neuen Welt lag hier wie dort in der Hand von Experten, von Stadtplanern, Ingenieuren, Naturwissenschaftlern oder Architekten. Das Bild des unpolitischen, international vernetzten Spezialisten, der mit kühlem Kopf universelle Lösungen erarbeitet, erfreute sich großer Beeliebtheit – und machte manchen Vertreter dieser neuen Elite zum nationalen Symbol. Die jüngst erschienene Monographie „Building Europe on Expertise“ zeichnet die Historie des langen 20. Jahrhundert als transnationale Expertengeschichte nach.

Den Ausgangspunkt der Untersuchung bildet die akademische Professionalisierung der technisch-wissenschaftlichen Elite Europas Ende des 19. Jahrhunderts. Der Weg führt über die Weltausstellungen und die CIAM, über Le Corbusier und Wernher von Braun bis hin zum europäischen Raumfahrtprogramm und den Verträgen von Lissabon. Dabei zeigt sich ein Wechselspiel von Rationalismus und Realpolitik, von transnationaler Vernetzung und nationalstaatlicher Vereinnahmung der Experten. Der Autoren Martin Kohlrausch und Helmut Trischler eröffnen mit dem Band neue Perspektiven auf die Geschichte Europas und identifizieren das letzte Jahrhundert überzeugend als Jahrhundert für Experten. (jr, 26.1.15)

Kohlrausch, Martin/Trischler, Helmut, Building Europe on Expertise. Innovaters, Organizers, Networkers, Palgrave Macmillan, London/New York 2014, Englisch, 416 Seiten, ISBN 978-0230308053.

Wie Bilder Dokumente wurden

Ein Foto ist unbestechlich, so der immer wieder beschworene und nicht minder häufig verworfene Mythos. Seit ihrer Erfindung vor rund 180 Jahren rangieren Lichtbilder irgendwo zwischen Kunst und Quelle. Ein im Berliner Kadmos-Verlag erschienener Sammelband sucht nachzuzeichnen, „wie Bilder Dokumente wurden“. Dabei stützen sich die Beiträge auf einen Begriff, der zwar bereits in den 1890er Jahren vereinzelt verwendet und diskutiert, aber erst in den 1920er Jahren allgemein mit der Fotografie verbunden wurde. Trotzdem könne die Kategorie „dokumentarisch“, wie die Herausgeberin Renate Wöhrer in ihrer Einleitung zusammenfasst, rückwirkend auch auf ältere Lichtbilder angewendet werden. Denn die Definition werde „in einem Zusammenspiel von Darstellungspraktiken und Begriffen permanent neu ausgehandelt“.

Das Foto ist die bessere Zeichnung

Diesem Entwicklungsprozess folgt die Publikation in vier Teilen – und damit entlang einem Zeitstrahl von der Erfindung der Fotografie Mitte des 19. bis hin zu deren künstlerischer Aneignung Ende des 20. Jahrhunderts. Zu Beginn wird herausgearbeitet, wie die Fotografie im ausgehenden 19. Jahrhundert an die Stelle der Zeichnung trat, als deren quasi automatisierte und damit vermeintlich unbestechliche Schwester. Es folgen exemplarische Studien u. a. aus der Anthropologie, Ethnologie und der erkennungsdienstlichen Praxis, als das Foto die Rolle des Papiers einnahm und ihm um 1900 hohe Beweiskraft zugeschrieben wurde. Damit wies man auch dem fotografischen Engagement der Amateure eine dokumentarische Kraft zu, die bei der wissenschaftlichen Inventarisierung einer untergehenden Historie hilfreich sein sollte.

Von der Quelle zur Kunst

Weitere Beiträge umreißen den Weg eines Dokuments durch das zunehmend professionalisierte Archiv- und Registraturwesen, in das auch die Fotografie Schritt für Schritt eingebunden wurde. Nicht umsonst waren es die 1920er Jahre, die mit der Neuen Sachlichkeit auch die „Wahrhaftigkeit“ der Fotografie als künstlerischen Wert erkannten und als Stilform etablierten. In der Zusammenschau fügen sich die Einzelbeiträge zu einer kleinen Kulturgeschichte der Fotografie, mit einem besonderen Blick auf deren Rollenzuweisungen. All dies ist erhellend – nur ein großzügigerer Einsatz fotografischer Abbildungen hätte in einer derart reflektierten Beschreibung des Mediums nicht nur den Leser erfreut, sondern sicher auch zur vertieften Erkenntnis beigetragen. (kb, 18.3.19)

Wöhrer, Renate (Hg.), Wie Bilder Dokumente wurden. Zur Genealogie dokumentarischer Darstellungspraktiken (Kaleidogramme 119), Kadmos Verlag, Berlin 2015, 340 Seiten, ISBN 978-3-86599-240-6 (Broschur).

Titelmotiv: Der Fotograf Robert Capa im Spanischen Bürgerkrieg, Mai 1937 (Foto: Gerta Taro, PD)