Überwintern in Tel Aviv?

Es gibt viele Gründe, um die Koffer zu packen und dem deutschen Schmuddelwinter in Richtung Tel Aviv zu entfliehen. Gut, da sind auch noch die gute Küche, die gut aufgelegten Menschen, die Erste-Klasse-Architekturmoderne … All dies ist beim Residency-Programm des Liebling-Hauses in Tel Aviv aber nur die Dreingabe, denn eigentlich geht es, natürlich, um Inhalte. Der Bau steht programmatisch mitten in der Weißen Stadt, die in den 1930er und 1940er Jahren im neuen sachlichen Stil errichtet wurden. Jüdische Einwanderer:innen, auch aus Deutschland, brachten neue architektonische Impulse mit, darunter auch viele Bauhaus-Absolvent:innen. Dieses einmalige Ensemble zählt 2003 zum UNESCO-Welterbe, rund 2.000 der 4.000 Gebäude stehen unter Denkmalschutz. ​Mit deutscher Bundesförderung wird unterstützt hier das Projekt „Zentrum Weiße Stadt Tel Aviv“ den Aufbau eines Zentrums für denkmalgerechtes Bauen und Sanieren. Damit soll aus dem Max-Liebling-Haus (1936, Dov Karmi) ein Denkmalschutz- und Architekturzentrum werden.

Im Mittelpunkt des nun ausgelobten Residency-Programms steht die Frage: Wie passt der Welterbestatus zum Gemeinwohl? Wem gehört die Weiße Stadt? Wie können die einzelnen Akteur:innen miteinander ins Gespräch gebracht werden? Ist der Welterbestatus Segen oder Last? Das Liebling-Haus lädt lokale und internationale Kreative aus allen denkbaren Disziplinen dazu ein, sich für das Residency-Programm zu bewerben. Das Programm wie künstlerische Annäherungen und Aktionen anstoßen, um sich kritisch mit dem Thema auseinanderzusetzen. Dabei wird kooperiert mit dem Technion, wobei vergleichend zwei Welterbe-Stätten – Tel Aviv und Wien – in den Blick genommen werden. Das Programm ist auf vier Monate angelegt, vom September bis zum Dezember 2022 (für internationale Teilnehmer:innen nur der September). Bewerben können sich z. B. Künstler:innen, Designer:innen, Schriftsteller:innen, Filmemacher:innen, Architekt:innen, Urbanist:innen, Aktivist:innen, Einzelne und Gruppen aus dem Umfeld von Baukultur, Denkmalpflege, Landschaft, Gemeinschaft, Nachhaltigkeit und Urbanismus. Der Bewerbungsschluss liegt am 30. April 2022, alle weiteren Details können online eingesehen werden. (kb, 21.4.22)

Tel Aviv, Liebling-Haus (Bild: Ulf Heinsohn, CC BY SA 4.0, 2019)

Brutalismus in Israel und NRW

Groß, dunkel und hässlich – das sind nur einige Attribute, mit denen brutalistische Architektur häufig beschrieben wird. Mehr Wertschätzung gegenüber brutalistischen Bauwerken wünschen sich die Veranstalter von „Brutal Different“, eines binationalen Projektes zwischen Israel und Nordrhein-Westfalen. Die virtuelle Konferenz (auf englisch) bildet den Auftakt zu einem mehrjährigen Austausch. Sowohl Israel als auch Deutschland, besonders Nordrhein-Westfalen, verfügen über ein umfangreiches Erbe im Architekturstil des Brutalismus. Der Umgang mit diesen Bauwerken der Nachkriegsarchitektur ist allerdings umstritten. Expert:innen beider Ländern haben deshalb begonnen, die Öffentlichkeit für die historische, ästhetische und gesellschaftliche Bedeutung brutalistischer Architektur zu sensibilisieren und sich offen auszutauschen. Der virtuelle Kongress ist als offener Raum für den Austausch gedacht, um von den Erfahrungen und Perspektiven des jeweils anderen Landes zu lernen.

In der Veranstaltung soll der Vergleich der beiden Länder als Grundlage für Ideen des zukünftigen Umgangs mit brutalistischem Bestand dienen. Darüber hinaus sollen städtebauliche und einzigartige architektonische Qualitäten analysiert sowie die aktuelle Akzeptanz, die Sanierung und mögliche Lösungen diskutiert werden, um die brutalistische Architektur nachhaltiger zu gestalten. Wissenschaftler:innen, Expert:innen und politische Entscheidungsträger:innen aus Israel und Deutschland werden ihr Fachwissen bei dem binationalen Kongress teilen. In den virtuellen Diskussionen, Vorträgen und Gesprächsrunden können Besucher:innen mehr über Gemeinsamkeiten und Unterschiede des deutschen und israelischen Brutalismus erfahren. Die Konferenz findet am Mittwoch, 12. Januar 2022, von 10 bis 16 Uhr statt. Es referieren unter anderem Isaac A. Meir (Architekt, Stadtplaner, Archäologe, Ben-Gurion University of the Negev), Rotem Zeevi, (Architektin, Direktorin der Abteilung für Bauwerkserhaltung, Stadtverwaltung Be’er Scheva); Alexandra Apfelbaum, (Lehrgebiet Baugeschichte, Bauforschung und Denkmalpflege an der FH Dortmund) und Martin Bredenbeck (Wissenschaftlicher Referent im LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland), es moderiert und referiert Karin Berkemann (moderneREGIONAL). Die Konferenz bildet den Auftakt zu einem mehrjährigen Austauschprogramm zur Baukultur in beiden Ländern. Die Online-Anmeldung und die vollständige Übersicht der Referent:innen sowie das Programm findet man online. (db, 23.12.21)

Titelmotiv: Bild via Veranstalter

Bauhaus in Tel Aviv

In den 1980ern sind die Bauten der Klassischen Moderne in Tel Aviv wieder in die Aufmerksamkeit gerückt. Die “Weiße Stadt” wurde dem Bauhaus zugeordnet – als Terminus einer Einordnung. Doch nicht nur ein Baustil wird hier definiert, sondern auch die enge Beziehung zwischen Deutschland und Tel Aviv verdeutlicht. Dies geschah und geschieht, ohne dass es einen architekturgeschichtlich tragbaren Bezug zu der 1919 in Weimar gegründeten und 1925 nach Dessau verlegten Ausbildungsstätte Bauhaus gibt.

Alexandra Klei geht in einem Buch nun der Frage nach, welche Bedeutung eine derartige Zuschreibung innerhalb deutscher Diskurse hat. Dabei wird ein Narrativ offengelegt, bei dem der deutschen Geschichte – hier der Ausgrenzung und Vertreibung der deutschen Jüdinnen und Juden – positive Aspekte abgerungen werden können und zugleich die europäische Dimension der Architekturmoderne ebenso wie die zionistischen Ambitionen, vor allem von Architekt*innen osteuropäischer Herkunft, ausgeklammert werden. Die Analyse dieser Leerstellen stellt einen Beitrag zu einer kritischen Auseinandersetzung mit der Rezeption des Bauhauses dar. (kb, 25.11.20)

Klei, Alexandra, Wie das Bauhaus nach Tel Aviv kam. Re-Konstruktion einer Idee in Text, Bild und Architektur, 2019, Softcover, 16,5 x 22,5 cm, 160 Seiten, 40 Farb- und 10 Schwarz-Weiß-Abbildungen, ISBN: 978-3-95808-244-1.

Tel Aviv, HaYakon-Straße (Bild: Martin Furtschegger, CC BY SA 3.0, 2013)