Schlagwort: Thüringen

Haifa (Bild: Ausstellung "Erfurt/Haifa" der Bauhaus-Universität Weimar, Foto: Jens Hausprung)

Erfurt/Haifa

Erfurt in Thüringen, Haifa in Israel – die beiden Städte verbindet seit 2000 eine offizielle Partnerschaft und schon sehr viel länger ein architektonisches Band. Beide Städte werden bis heute sichtbar geprägt durch das Neue Bauen, die Moderne der 1920er und 1930er Jahre. Mit der nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland fand die Architekturmoderne ein abruptes Ende, während sie im Gebiet des sich erst formierenden Staates Israel für eine neue Heimat der von den Nazis Vertriebenen stand.

Dieser baukünstlerischen Brücke widmet sich nun ein gemeinsames Ausstellungsprojekt von Bauhaus-Universität Weimar und Achava-Festspiele, kuratiert von Ines Weizman, Jens Hauspurg und Mark Escherich, co-kuratiert von Waleed Karkabi und Adi Roitenberg. Gezeigt werden forschende Beobachtungen zu Bauten und Stadträumen in Erfurt und Haifa. Architekturen, Themen und Phänomene der Internationalen Moderne werden einander dialogisch gegenübergestellt und in ihren geografischen und historischen Kontext eingeordnet. Die Ausstellung „Erfurt/Haifa. Architektur dialogisch – das gemeinsame Erbe der Moderne in Erfurt und Haifa“ ist vom 20. bis zum 30. September 2018 zu sehen in der Erfurter Peterskirche (Petersberg, 99084 Erfurt). Die Ausstellungseröffnung wird am 20. September um 19 Uhr gefeiert, es gibt am 22. September um 18.15 Uhr eine Kuratorenführung, am 30. September wird um 17 Uhr die Finissage begangen. (kb, 11.9.18)

Blick auf Haifa (Bild: Ausstellung „Erfurt/Haifa“ der Bauhaus-Universität Weimar, Foto: Jens Hausprung)

Telefon "Modell Frankfurt" von Fuld & Co, ausgestellt im Frankfurter Ernst-May-Haus (Bild: Christos Vittoratos, CC BY SA 3.0, 2011)

Tipps zum TofD: Moderne in der Mitte

Zum TofD brauchen Sie ein schnelles Auto, eine Klon-Maschine oder hohe Entschlussfreude – hier sind unsere Tipps für die Mitte der Republik: Im Frankfurter Ernst-May-Haus (Im Burgfeld 136, Frankfurt-Heddernheim) von 1927 werden die Ursprünge des sozialen Wohnungsbaus anhand originaler Ausstattungsstücke sichtbar. Am 9. September ist das Haus von 12 bis 17 Uhr geöffnet, eine Führung findet um 15.30 Uhr statt (Kontakt: Christina Treutlein, Ernst-May-Gesellschaft e. V., 069 15343883, post@ernst-may-gesellschaft.de). In Hannover zeigt sich die Nachkriegsmoderne von ihrer eleganten Seite: Das Arne-Jacobsen-Foyer (Herrenhäuser Straße 3 a, Hannover-Herrenhausen) wurde 1966 zum 300-jährigen Bestehen des Großen Gartens von Arne Jacobsen gestaltet und eingerichtet. Am 9. September ist der Bau von 11 bis 18 Uhr geöffnet, Führungen gibt es um 14, 15 und 16 Uhr (Kontakt: Olaf Höfer, Landeshauptstadt Hannover, Herrenhäuser Gärten, 0511 16846356, olaf.hoefer@hannover-stadt.de; Inga Samii, Landeshauptstadt Hannover, Herrenhäuser Gärten, 0511 16841485, inga.samii@hannover-stadt.de).

Einen tiefen Blick in die andere Seite der Nachkriegsmoderne macht Erfurt möglich: Das Stasi-Unterlagen-Archiv (Petersberg Haus 19, Erfurt) verwahrt auf 4,5 Regalkilometern Akten, etwa 1,7 Millionen Karteikarten, zahlreiche Fotos, Filme, Dias und ca. 250 Säcke Material, das die Stasi zu vernichten versuchte. Am 9. September sind Besucher zwischen 12 und 18 Uhr willkommen, Führungen gibt es stündlich, zudem verschiedene Vorträge rund um das Jahr 1968 (Kontakt: Andreas Bogoslawski, 0361 55194826, Andreas.Bogoslawski@bstu.bund.de; Oliver Parchwitz, 0361 55194806, Oliver.Parchwitz@bstu.bund.de). (kb, 3.9.18)

Telefon „Modell Frankfurt“ von Fuld & Co, ausgestellt im Frankfurter Ernst-May-Haus (Bild: Christos Vittoratos, CC BY SA 3.0, 2011)

Lloyd-LT-600-Bus (Bild: Norbert Schnitzler, GFDL oder CC BY SA 3.0, 2006)

Tipps zum Tofd: Industrie und Denkmal

Am 9. September lohnt zwischen 11 und 17 Uhr ein Blick in die der Bremer Lloyd-Halle 4 (Richard-Dunkel-Straße 122-124, 28199 Bremen-Neustadt). In der ehemaligen Endmontagehalle (1953/54, R. Lodders) produzierte man Lloyd-Kleinwagen des Borgward-Konzerns. Heute zeigen hier der Freundeskreis VFW 614, der Borgward-Club und Bremer AirBe e. V. historische Verkehrsmittel. (Kontakt: Günter Mail, Freundeskreis VFW 614, Tel.: 0151 58784922, g.mail@freundeskreis-vfw614.de, oder Werner Hilscher, Borgward Club e. V., 0171 1936757, werner-hilscher@t-online.de). Nicht weniger erhellende Erkenntnisse verspricht der Luftschutz-Musterstollenanlage Friesenstraße (Friesenstraße 16, (BVG: U-Bhf. Platz der Luftbrücke), 10965 Berlin Friedrichshain-Kreuzberg Kreuzberg), der am 8. (!) September um 11, 12, 13, 14 und 15 Uhr zu Führungen geöffnet ist (Treffpunkt: vor dem Tor Friesenstraße 16, Eingang Polizeigelände, max. 15 Personen, Anmeldung erforderlich: 4. bis 6. September, 10 bis 14 Uhr, 030 46068009). Auf dem Gelände befand sich in den 1930er Jahren die sog. Reichsanstalt der Luftwaffe für Luftschutz, wo eine Musteranlage aus Luftschutzgängen für die Baubehörden angelegt wurde.

Doch lieber was Süßes? In Thüringen lädt das Museum Heinerle-Berggold Schokoladen GmbH (Raniser Straße 11, 07381 Pößneck) am 9. September zwischen 11 und 17 Uhr zum Besuch. Die Firmenausstellung zeigt die 140-jährige Firmengeschichte seit 1876: historische Verpackungen, Dosen und Werbematerialien, teilweise noch aus den Gründerjahren um 1880. Zum Tag des offenen Denkmals können werksfrisch hergestellte Süßwaren verkostet und die Ausstellung besichtigt werden. (Kontakt: Lisa Schreck, Heinerle-Berggold Schokoladen GmbH, Marketing, Tel.: 03647 5378, E-Mail: marketing@heinerle-berggold.de) (kb, 30.8.18)

Lloyd-LT-600-Bus (Bild: Norbert Schnitzler, GFDL/CC BY SA 3.0, 2006)

Walter Ulbricht mit Stadtmodell (Quelle: privat)

Wahrheit oder Pflicht?

Als die Moderne noch an die Zukunft glaubte, wollte sie nicht weniger als die Welt neu gestalten. Entsprechend entstanden in der DDR für Städtebaukonzepte, die einer Utopie, einer sozialistischen Neuordnung sehr nahe kommen sollten. Die breite Spanne – zwischen gewünschten und möglichen, verwirklichten und verfehlten Projekten – zeigt nun eine neue Publikation anhand von vier Beispielen aus Thüringen: Mit Weimar steht Erfurt hier dafür, wie schwierig es war, die ambitionierten Neubaupläne in Städte mit großem kulturhistorischen Erbe einzufügen.

Die Buchvorstellung wird am 14. Juni 2018 um 19.30 Uhr (Einlass: 19.00 Uhr) in Erfurt (Galerie Waidspeicher, Michaelisstraße 10, Erfurt) ergänzt durch den Vortrag „‚Unser Erfurt, einzigartig‘ – Stadtplanung nach 1945“ vom Architekturhistoriker und Denkmalpfleger Dr.-Ing. Mark Escherich. Er rekonstruiert die Erfurter Innenstadtplanung von der unmittelbaren Nachkriegszeit bis 1980. In diesen Jahren wandelten sich, nicht nur in Erfurt, die Stadtvorstellungen rasant. Innenbereiche galten als überaltert und erneuerungsbedürftig. Sie lösten heute utopisch anmutende Pläne aus, die seit den 1970er Jahren kritisiert und abgewandelt wurden. (kb, 22.5.18)

Scheithauer, Simon /Escherich, Mark/Nehring, Jens/Spiegel, Daniela/Meier, Hans-Rudolf (Hg.), Utopie und Realität. Planungen zur sozialistischen Umgestaltung der Thüringer Städte Weimar, Erfurt, Suhl und Oberhof (Forschungen zum baukulturellen Erbe der DDR 6), Bauhaus Universitätsverlag Weimar, Weimar 2018, 244 Seiten, 20,3 x 1,5 x 24,9 cm, ISBN 978-3957732446.

Walter Ulbricht mit Stadtmodell (Quelle: privat)

Gotha, Pero-Werk (Bild: Jan Knobel)

Industriekultur in Thüringen

Im Europäischen Kulturerbejahr „Sharing Heritage“ widmet sich das Thüringer Themenjahr „Industrialisierung und soziale Bewegungen“ 2018 – pünktlich zum 200. Geburtstag von Karl Marx – dem Industriellen Erbe. Zwölf Referenten aus sechs Bundesländern kommen im Vorfeld nach Erfurt und Arnstadt. Das Symposion „Industriekultur in Thüringen“ findet vom 12. bis 13. Juni 2017 im Milchhof Arnstadt (Quenselstraße 16, 99310 Arnstadt) statt. Auf dem Programm stehen geführte Tagestouren ebenso wie Vorträge und Workshops. Die Elemente der Veranstaltung sind teils öffentlich, teils nur gegen Voranmeldung zu besuchen.

Da Symposion will auch für Thüringen eine „Straße der Industriekultur“ in Angriff nehmen und diese in das europäische Netzwerk der „European Route of Industrial Heritage“ einfügen. Zugleich geht es darum, das Bewusstsein um die Bedeutung des baulichen und technischen industriellen Erbes in Thüringen zu schärfen. Geplant sind fünf Themenschwerpunkte: Erfahrungen in anderen europäischen Regionen, die Lebensqualität in den Städte, das urbane Nebeneinander von Wohnen, Gewerbe, Handel und Erholung, die Einbeziehung der Unternehmen vor Ort sowie die Umlenkung der öffentlichen Mittel weg vom Abriss hin zur Erhalts- bzw. Notsicherung. (kb, 27.5.17)

Gotha, Pero-Werk (Foto: Jan Kobel)

Volkenroda, Christuspavillon, 2010 (Bild: Till Knobloch, CC BY SA 3.0)

500 Kirchen. 500 Ideen.

Manche hängen (aus gutem Grund) Teesiebe in die Fenster, manchen öffnen ihre Türen für Radfahrer: Um seine Kirche unterhalten zu können, muss man sich (nicht nur) in Thüringen schon etwas einfallen lassen. Auf der Projekthomepage „StadtLand: Kirche“ versammelt eine virtuelle Karte über 800 Kirchenbauten, darunter auch einzelne moderne Exemplare von der Christuskirche in Pottiga (1929) bis zum Christuspavillon (2000/01) im Kloster Volkenroda. Sie alle gehören zur Aktion „500 Kirchen 500 Ideen. Querdenker für Thüringen 2017″. Pünktlich zum Reformationsjahr, mit Blick auf die anstehende Internationale Bauausstellung (IBA), suchte die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland „Neu-, Um- und eben auch Querdenker“.

Gesucht waren Nutzungsideen für den großen Kirchenbestand. Ob Post-, Markt- oder Gartenkirche, 2016 hatte man per Aufruf gute Ideen gesammelt. Die Ergebnisse werden jetzt vom 13. Mai bis 19. November in der gleichnamigen Ausstellung in der Erfurter Kaufmannskirche (Am Anger) präsentiert. Angekündigt werden eine Medieninstallation und ein „Ideengenerator“. Begleitend zur Ausstellung findet ein umfangreiches Rahmenprogramm statt, bestehend aus einem Kolloquium, drei Salongesprächen, fünf Touren und zwei internationalen Werkstätten. Aus der Fülle der Ideen sollen bis zu fünf IBA Kandidaten nominiert und bis zum IBA Finale 2023 baulich umgesetzt werden. Die Austellung ist täglich von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei. (kb, 3.5.17)

Volkenroda, Christuspavillon (Bild: Till Knobloch, CC BY SA 3.0)

Für Spontane: Konferenz „LeerGut“

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Bitte beachten: Anmeldeschluss ist MORGEN!

Die Konferenz „Leergut. Positionen zum Umdenken, Umprogrammieren und Umnutzen von Leerstand“, die vom 30. Juni bis zum 1. Juli im Eiermannbau in Apolda stattfinden wird, will nicht weniger bieten als dies: innovative und überraschende Beispiele für die Finanzierung, den Betrieb, die Gestaltung, aber auch Nutzung leerstehender Gebäude und brachgefallener Standorte in nicht wachsenden Regionen.

Ein Ziel, das aktueller ist denn je, müssen wir doch heute z. B. drängend flüchtende Menschen unterbringen oder bezahlbare Wohnungen für Bedürftige anbieten. Für Projektakteure und fachlich Interessierte versteht sich die Konferenz als Gelegenheit zur Information und Vernetzung. Neben internationalen Projekten und Impulsen wird die Thüringer IBA Prozesse zum Thema LeerGut vorstellen und einen Einblick in das IBA Initiativprojekt Eiermannbau geben. Eine temporäre Ausstellung zeigt darüber hinaus Thüringer LeerGut-Beispiele, Fakten zum Thüringer Leerstand und internationale Referenzprojekte zur Aktivierung leerstehender Standorte abseits der Metropolen. Die Teilnahme an der Konferenz, eine Veranstaltung der IBA Thüringen in Kooperation mit der Wüstenrot Stiftung, ist kostenlos, weitere Informationen und die Anmeldungsformalitäten (Anmeldeschluss ist der 23. Juni!) gibt es online. (kb, 22.6.16).

Wandern ist grenzwertig

Innerdeutsche Grenze zwischen Hessen und Thüringen (Bild: Hans Josef Lücking)
Ein Stück ehemalige innerdeutsche Grenze zwischen Hessen und Thüringen (Bild: Hans Josef Lücking)

Naheliegende Wortspiele sind das eine, der geschichtliche Hintergrund das andere. Je weiter – erfreulicherweise – die reale deutsch-deutsche Grenze hinter uns liegt, desto verwaschener wird die Erinnerung an ihren exakten Verlauf. Verschiedene Projekte – jüngst die Berliner Lichtinstallation zum Mauerfall-Jubiläum – versuchen dies mit sinnfälligen Mitteln zu ändern. Einige von ihnen nutzen den Tourismus-Trend zu Natur und Wandern, um zusätzliche Inhalte zu transportieren.

Auch in Thüringen kann man sich deutsch-deutsche Geschichte erlaufen. Der Kolonnenweg markiert auf 300 km den ehemaligen Grenzstreifen. Von Bad Lauterberg bis Untersuhl folgen 15 Wanderetappen dem „grünen Band“. Virtuell können sich Wanderer über die historischen Hintergründe der Wanderstrecke informieren. Ein Begleitbuch – „Thüringer Grenz-Wege“, erschienen im Klartext-Verlag, herausgegeben von Paul-Josef Raue – gibt Tipps für die Wanderstrecke mit historischem Mehrwert. (kb, 8.11.14)

Das Schloss in der Republik

Berlin, Schloss bei der Sprengung 1960 (Bild: Bundesarchiv Bild-Nr. 83-07964-0001)
Das Berliner Schloss bei Sprenungsarbeiten im Jahr 1950 (Bild: Bundesarchiv Bild-Nr. 83-07964-0001)

Mit dem „Wiederaufbau“ des Berliner Stadtschlosses brach auch wieder die Grundsatzdiskussion auf: Was fängt eine moderne Demokratie mit einem historischen Schloss an? Dieser Frage spürt die Tagung „Das Schloss in der Republik. Monument zwischen Repräsentation und Haus der Geschichte“ – zugleich das Herbstsymposion der Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten – in den Dornburger Schlössern bei Jena vom 17. bis zum 18. Oktober 2014 nach. Die Vorträge beleuchten das Thema anhand bundesweiter Beispiele: Prof. Dr. Ulrich Schütte spricht über Repräsentationsstrategien der Fürstenschlösser nach 1945, Dr. Guido Hinterkeuser beleuchtet das Berliner Schloss unter den beiden deutschen Diktaturen (1933-51/63), Dr. Franz Nagel berichtet über Thüringer Schlösser zwischen Denkmalwert und Nutzungsdruck nach 1945 u. v. m.

Für den Festvortrag konnte Dr. Cajetan von Aretin/München gewonnen werden. Die Exkursion führt am Samstagnachmittag durch das Schloss Schwarzburg. Anmeldungen sind noch bis zum 6. Oktober möglich unter: stiftung@thueringerschloesser.de. Die Teilnahmebestätigung erfolgt durch Anmeldung und Überweisung der Tagungsgebühr (25,- €, ermäßigt 18,- €) und evtl. des Exkur­sionsbeitrages (18,- €) bis zum 8. Oktober 2014 unter Angabe des Namens auf das Konto der Stiftung bei der Kreissparkasse Saalfeld-Rudolstadt: IBAN: DE03 8305 0303 0000 0001 24, BIC: HELADEF1SAR. (kb, 12.9.14)

Ruhla hat sein Kulturhaus wieder

Ruhla, Kulturhaus, 2009 (Bild: Kosmos)
Das Kulturhaus in Ruhla – hier 2009 noch vor seiner Sanierung – wurde 1951 im modernen Stil errichtet (Bild: Kosmos)

Die SED verordnete der gesamten DDR 1949 „Kultur auf dem Lande“. In der Folge entstanden in den Dörfern und Kleinstädte zahlreiche, häufig überdimensionale Kulturhäuser. Die meisten von ihnen schwanken zwischen dem nationalsozialistischen Monumentalbau und dem russisch geprägten Zuckerbäckerstil. Nicht so im thüringischen Ruhla, dessen Kulturhaus bereits 1951 eingeweiht werden konnte. Der Uhren- und Maschinenbauort erhielt eines der seltenen DDR-Kulturhäuser im Stil der klassischen Moderne.

In den folgenden Jahrzehnten mehrfach umgebaut, verlor der Bau im Erdgeschoss seine – zur Straße hin freistehenden – Stützen. Nach der Wende wurde u. a. ein Verkauf diskutiert. Doch schließlich investierte die Kommune 2009/10 in das Kulturhaus Ruhla und ließ es vom Architekturbüro Lehmann & Partner sanieren. Dabei wurden viele bauzeitliche Details wiederhergestellt, darunter das Fensterband und die Stützen. Am 29. Juli 2014 konnte das runderneuerte Kulturhaus von der Bevölkerung wieder in Besitz genommen werden. (kb, 3.8.14)

PORTRÄT: Das Gloria in Weißenfels

von Sarah Huke (Heft 14/1)

Weißenfels, Gloria (BIld: Francesca Richter, Weißenfels)
Ein Hauch von Großstadt (Bild: Francesca Richter, Weißenfels)

Durch Weißenfels weht ein Hauch von Großstadt: „Gloria“ steht in großen Lettern auf der erloschenen Lichtreklame eines großen kantigen Gebäudes. Erbaut wurde der Gloria-Palast 1928 als modernes Lichtspielhaus, doch seit 1998 steht er leer und verfällt. Zu lange waren die Besitzverhältnisse unklar. Und auch das Land Sachsen-Anhalt konnte nur gerade so viel Geld bereitstellen, um das historische Lichtspielhaus notdürftig baulich zu sichern. Dabei zählt das Gloria nicht allein zu einem fast verlorenen städtischen Bautypus, sondern auch zu den wertvollen Zeugnissen der Klassischen Moderne.

 

Erschwinglich für jedermann

Nach Ende des Ersten Weltkrieges vergrößerte sich Weißenfels schnell, das Geschäftsleben florierte. Der Bau der Leuna-Werke ab Juli 1916 trug zu dieser Entwicklung bei. Man errichtete Volkshochschulen, Stadttheater und Volksbühnen, um der Bevölkerung auch Literatur, Kunst und Musik näher zu bringen. In den folgenden Jahren entstanden immer mehr kleinere Kinos in der Stadt, doch genügten sie nicht immer den baupolizeilichen Auflagen. Daher beschloss der Kinobesitzer Robert Göpffahrt, ein neues Lichtspielhaus zu bauen, das allen Anforderungen und den neusten technischen Möglichkeiten entsprach.

Der Baugrund für das neue Lichtspieltheater (Bild: Kreisarchiv Weißenfels)
Der Baugrund für das neue Kino (Bild: Stadtarchiv Weißenfels)

Für den Baugrund hinter der Bahnüberführung, zwischen Alt- und Neustadt, wurde aus 15 Bewerbern der Erfurter Architekt Carl Fugmann ausgewählt. Am 5. April 1928 begann der Abbruch des angrenzenden Bürohauses, rasch folgten die Erd- und Mauerarbeiten. Bereits am 12. Mai, so berichtete das „Weißenfelser Tageblatt“, „wurde ein verlötbarer kupferner Behälter mit einer Urkunde, einem Bild des Baues, Inflationsgeld und Stücken der heutigen Währung in den Grundstein eingelassen. […] Hoffnungsreiche Wünsche begleiteten die drei Hammerschläge, die auf einem laufenden Filmstreifen festgehalten wurden.“

 

Täglich kamen Hunderte

Die Baustelle lockte täglich Hunderte an: Zunächst wurden Eisen-Binder verankert und mit Flaschenzügen aufgerichtet, schließlich ohne Leitern in der Luft verbunden und die Eisenkonstruktion zuletzt ausgemauert. Schon nach fünf Monaten weihte man den Gloria-Palast am 18. Oktober 1928 ein. Für jedermann erschwinglich, verfügte das neue Lichtspieltheater über 1.200 Sitzplätze zum Eintritt von 0,60 bis 2,50 Mark. Die Loge im Saal und der Rang boten gepolsterte rote Plüschsessel. Eine geschmackvolle Beleuchtung, edle Hölzer, Wandkacheln und Spiegel stimmten die Besucher auf den Kunstgenuss ein.

Das Gloria in Weißenfels zur Zeit seiner Eröffnung (Bild: historische Postkarte)
Das Lichtspieltheater zur Zeit seiner Eröffnung (Bild: historische Postkarte)

Zur Eröffnung begrüßte das „Weißenfelser Tageblatt“ den Neubau mit der fortschrittlichen Geste: „Gestaute Menschenmassen vor den Eingängen waren gestern das äußere Kennzeichen der Eröffnung des Gloria-Palastes und zwei ausverkaufte Vorstellungen das innere. […] Wer abends von der Merseburger Straße hereinkommt, empfängt einen richtigen großstädtischen Eindruck von dem modernen in Linien gehaltenen und wirkungsvoller Lichtreklame erhellten Gebäude.“

 

Wie in der Großstadt

Architektonisch und konstruktiv ist das Lichtspielhaus für die Kleinstadt besonders. Der flachgedeckte Putzbau in sparsamer Fachwerk-Eisenkonstruktion zitiert das Neue Bauen, wie es u. a. durch das Bauhaus gefördert wurde. Auf einem schiefwinkligen Grundstück bilden ineinander verschobenen Quader zwei Hauptfassaden mit Schlitzfenstern aus. Blickfang ist der Eckabschnitt, den die Gegensätze von niedrig und hoch – Portikus und turmähnlichen Zwischenbau – bestimmen. Letzteren überragt der Leuchtreklamekasten mit dem Schriftzug „Gloria“, einst rundeten noch Lichtschaukästen und -bänder an den Gesimsen das Bild effektvoll ab.

Weißenfels, Gloria (BIld: Francesca Richter, Weißenfels)
Der Kinosaal heute – bei moderneREGIONAL die ersten Innenaufnahmen seit Jahren (Bild: Francesca Richter, April 2014)

Im Jahr 1940 erweiterte man das Kino um einen Luftschutzbunker und baute im Eingangsbereich 1941 eine schützende Überdachung. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurde die Immobilie in der DDR enteignet und in den neugegründeten VEB Lichtspielbetrieb eingegliedert. Mit der Wiedervereinigung übernahm die UFA das Gebäude, 1998 wurde es stillgelegt. Ein neuer Betreiber wollte einige Jahre später einen „Tanzpalast“ einrichten. Doch nachdem das Saalinventar ausgebaut war, scheiterte das Unternehmen. Seitdem steht der bemerkenswerte Bau der Klassischen Moderne leer und verfällt.

 

Eines der Letzten seiner Art

Weißenfels, Gloria (BIld: Franziska Richter, Weißenfels)
Reste der originalen Ausstattung (Bild: F. Richter)

Der Gloria-Palast bleibt eines der letzten Beispiele für den Bautyps „Lichtspieltheater“ aus der Zeit der Klassischen Moderne in Sachsen-Anhalt. Deshalb ist es umso trauriger, dass die Zeit an der Bausubstanz nagt. Es sind nicht nur die historischen Lichtspielhäuser, die aus den Stadtbildern verschwinden und einen Teil der Sozialgeschichte des Landes vergessen machen. Mit jedem Bau der klassischen Moderne geht auch ein Zeichen verloren, wie neu und großstädtisch dieser Stil einmal wirkte. Dass – auf Initiative der Stadt Weißenfels – nun ein Insolvenzverwalter auf das „Gloria“ ansprechbar ist, lässt für die Zukunft hoffen.

 

das wurde draus …

Der Präsident des Landesverwaltungsamt und der Weißenfelser Oberbürgermeister öffneten das stillgelegte Gloria am 24. Mai 2014 im Rahmen der Intititive „In liebevolle Hände abzugeben“, um auf die Chancen denkmalgeschützer Bauten aufmerksam zu machen. Im Dezember 2014 erhielt das moderne Baudenkmal – auf Antrag der Kommune, mit Förderung der Landesdenkmalpflege – ein Notdach. Im Frühjahr 2015 denkt der Weißenfelser Oberbürgermeister laut darüber nach, im Gloria die Stadtbücherei unterzubringen und in dieses Konzept den bestehenden Saal mit Bühne zu integrieren …

 

Ein Rundgang durch das Gloria

Werfen Sie mit den Bildern von Francesca Richter erstmals seit Jahren wieder einen Blick in das stillgelegte Weißenfelser Lichtspieltheater!

 

Literatur und Quellen

Köhler, Myrta, Vier Kinos von Carl Fugmann, in: Baunetzwoche 241

Bach, Gerhard, Der Gloria-Palast, in: Weißenfelser Heimatbote 17, 2008, 4, S. 103-106

Findeisen, Peter, Alte Lichtspielhäuser in Sachsen-Anhalt. Noch kein Nachruf, in: Denkmalpflege in Sachsen-Anhalt 15, 2007, 1, S. 16-37

Kreisaktenarchiv Weißenfels, historische Bauakte, Merseburgerstraße 3

Stadtarchiv Weißenfels, Weißenfelser Kreisblatt, 19. Oktober 1928

Stadtarchiv Weißenfels, Weißenfelser Kreisblatt, 19. Februar 1897