„Buy the World a Coke“

von Jürgen Tietz (18/4)

Kaffee, Tee, Milch, Orangensaft zum Frühstück. Säfte, Softdrinks oder pures Wasser zwischendurch. Ein Wein oder Bier nach vier. Trinken ist mehr als das Stillen eines Grundbedürfnisses. Trinken hat seine eigenen Orte, seine eigene Kultur, hat seine Geschichten und seine Gefäße. Kanne, Glas und Tasse erzählen dabei ebenso etwas über Gegenwart und Vergangenheit, wie die Getränke, die wir zu uns nehmen, oder die Orte, an denen wir uns dafür versammeln. Trinken ist Notwendigkeit und Genuss in einem. Ohne Flüssigkeit wird es schon nach zwei, drei Tagen kritisch für uns. Um zu leben müssen wir ausreichend trinken – zwei, drei, viele Liter am Tag. Aus der Flasche, aus dem Wasserhahn, aus dem Glas. Oder aus den Trinkbrunnen, wie sie in Zürich überall stehen, an denen man sich ohne Bedenken jederzeit laben kann. Sauberes Wasser ist Lebenselixier. Es ist kein Luxus aber auch keine Selbstverständlichkeit. Deshalb finanziert die Hamburger Stiftung „Viva con Agua de St. Pauli“ u. a. aus dem Erlös der eigenen Mineralwassermarke Trinkwasserprojekte, wo immer sie benötigt werden.

In der Vitrine

Von meiner Großmutter geerbt, steht bei mir in der Vitrine neben den bunten geschliffenen Weingläsern, den etwas klobigen „Römern“, ein Kaffeeservice der Königlichen Porzellan Manufaktur (KPM). Dekor: Kurland, unverkennbar frühklassizistisch, ein Klassiker aus Berlin. Wer sich lieber ein moderneres Trinkgefäß wünscht, dem bietet sich das Trinkgeschirr von Hedwig Bollhagen im legendären Streifendekor an, brandenburgisch regional, oder das wunderbare Service Urbino (KPM). Trude Petri hat es 1931 entworfen. In seiner eleganten Funktionalität ist es fast noch mehr „Bauhaus“ als das Service „TAC 1“ des Bauhausgründers Walter Gropius, das die Firma Rosenthal seit 1969 produziert. Zu Beginn der 1970er Jahre stand bereits der postmoderne Trinkkultus vor der Tür all jener Einbauküchen, die auf Margarete Schütte-Lihotzkys Frankfurter Küche zurückgehen. Alessi sei Dank und dem legendären Wasserkessel von Michael Graves sowie der „La Cupola“ Espressomaschine von Aldo Rossi, die die l’architettura della citta auf den Herd zauberte. Und weil die Postmoderne aktuell ihre eigene Renaissance durchläuft, erlebt sie ihre Auferstehung auch als Trinkgefäß in Adam Nathaniel Furman’s „1st Floor Mugs“.

Ein Stuhl und ein starker Café

Trinkgenuss als gestaltete Umwelt reicht zurück bis in die schimmelfeuchten Weinkeller des Mittelalters, bis in die Brauereien der Mönche oder zu jenen faszinierend filigranen Häuschen, die sich zwischen den Reben der Weinberge erheben, zu den Teehäuschen und Pavillons der europäischen Landschaftsgärten. Wie eng Baukultur und Trinkkultur verwoben sind, unterstreicht die Architektenkammer Rheinland-Pfalz mit ihrem alle drei Jahre ausgelobten Architekturpreis „Architektur und Wein“. Und die Weingüter der Stararchitekten Christian de Portzamparc im Bordeaux, Frank O. Gehry in Rioja oder Herzog und de Meuron in Kalifornien sind heute die Baudenkmale von Morgen.

Neben dem Ländlichen der Biergärten und dem Mondänen der Kurhallen, kennzeichnet die meisten Trinkplätze ein großstädtischer Charakter. Dort sind sie die kleinen abendlichen Fluchten in temporärer Gemeinschaft, die Trinkhallen, Kioske und Kneipen. Das Urbane kennzeichnet auch das Wiener Kaffeehaus. Seit 2011 immaterielles Weltkulturerbe, sind dort Kultur und Genuss innig zu einem Gesamtkunstwerk verwoben. Ein Sitzmöbel von Thonet, eine Zeitung von heute, dazu ein Glas Wasser, ein starker Café und fertig ist das Ambiente für die Werkstatt der frühen Moderne, für Joseph Roth, für Karl Kraus, für Peter Altenberg … (Regieanweisung: Im Hintergrund bitte jetzt die leicht grantelnde, schmähdurchwirkte Stimme von André Heller mit seinem wunderbaren Wienlied).

Das Wiener Kaffeehaus war zugleich Exportschlager, auch wenn etwa in Berlin die meisten seiner Ableger längst wieder verschwunden sind: Das Romanische Café, das den beredten Beinamen Café Größenwahn trug, das Schilling, das Möhring. Oder sie zeigen nur noch einen müden Abklatsch der einstigen Eleganz, wie das Kranzler. Geblieben ist nur das Café Einstein. Wobei das ja erst 1979 eröffnete und sich damit recht eigentlich als eine verspätete (postmoderne?) Referenz an eine damals schon fast verblichene Tradition erweist.

What the World wants

Schneller als in den behäbigen Kaffeehäusern gingen die Espressi stets über die Tresen der zahllosen italienischen Bars, ein 1.000-Lire-Schein, zwei Löffel Zucker und Ciao (lange her). Heute bilden Starbucks und Co im standardisierten Design eine globale Kaffeeheimat zwischen New York und Shanghai, lactose- und glutenfrei, dafür W-Lan inklusive. Getränke sind Teil des Lebensgefühls. Und das wandelt sich. So gehören die englischen Pubs ebenso zu einer aussterbenden Gattung wie die Berliner Eckkneipen, in denen es zu jeder Molle einen Korn gab. Apropos England: Nationale Getränkeklischees besitzen eine erstaunliche eigene Dynamik wie der britische Hang zum Tee. Dessen Herkunft aus China oder Indien ist seit Jahrhunderten fest in die regionale Tradition verwoben und zur Touristenattraktion avanciert. Staunend schaue ich stets auf’s Neue auf die zahllosen asiatischen Gäste der britischen Metropole, die in geduldiger Schlange bei „Fortnum and Mason“ in der Piccadilly Street warten, um dort ihren Darjeeling zu kaufen, den sie dann wieder mit nach Asien nehmen. Auch getrunkene Lebensgefühle funktionieren eben nicht verstandesbasiert. Der Martini gerührt und nicht geschüttelt im denkmalwürdigen Filmambiente von Ken Adam, der Whiskey im schweren Kristallglas bei Don Draper und natürlich die „zuckersüße“ Verheißung von 1971 der Schlussszene bei „Mad Man“ im legendären Flaschendesign: What the world wants today – it’s the real thing.

Na, den Geschmack schon auf der Zunge? Die Coca-Cola Fabrik aus Billy Wilders legendärem Film „Eins, Zwei, Drei“ gibt es übrigens noch in Berlin-Lichterfelde – als Autowerkstatt. Mehr vom passenden Mad-Man Ambiente bietet die Pan-Am-Lounge in Berlin, einen originalen Ausflug in jene Zeit als die Welt noch groß und das Fliegen etwas Besonderes war. Keine Frage: Don Draper wäre Pan Am geflogen. Doch während das kreisrunde New Yorker Pan Am Worldport Terminal von 1960 seit ein paar Jahren verschwunden ist, mutiert Eero Saarinens TWA-Flughafen Gesamtkunstwerk gerade zum Hotel – Moderne global.

Alte Fabrik und neue Kunst

Der Wandel der Getränkekultur lässt sich wohl an kaum einer anderen Baugattung so unmittelbar ablesen, wie an der Geschichte der Brauereien. Sofern sie nicht übereifrigen Stadtplanern zum Opfer gefallen sind, wurden sie gerne in Kulturquartiere transformiert wie das Dortmunder „U“ (Gerber Architekten). Alte Fabrik und neue Kunst gehen gut zusammen. So auch bei der ehemaligen Kindl-Brauerei in Berlin-Neukölln (Dr. Krekeler Generalplaner, Büro grisard’architektur) wo neben zeitgenössischer Kunst auch die Braukunst wieder zu Ehren kommt. Und manchmal gehen Denkmallust und Brauereikultur auch unerwartete Umnutzungsallianzen ein, wie bei der Stone-Brewery, die ihre Existenz dem Draft-Beer-Hype verdankt. Sie hat seit zwei Jahren ihr Domizil in einer riesigen historischen Halle auf dem Gelände des ehemaligen Gaswerks in Berlin-Marienfelde (Innenraumgestaltung Schoos Design, St. Monica).

Stadt bewegt sich, sie fließt

So, vor lauter Getränke- und Denkmalgeschichte habe ich mächtigen Hunger bekommen. Zum Schluss also ein Frühstück am Samstagmorgen in der Kreuzberger „Markthalle Neun“. Erbaut 1891. Ob das einer der derzeit angesagtesten (und überlaufensten) Orte im ach so hippen Berlin ist, ist mir ehrlich gestanden völlig egal. Und zwar genau solange, wie ich trotz jeder Menge Touristen bei „bone.BERLIN“ in der Markthalle ehrliche regionale Produkte bekomme und dazu einen ausgezeichneten Café sowie köstliche frische Saftkompositionen. Das Gesamtprodukt stimmt hier, seit 2011. Der Ort, das Essen, die Menschen – das Trinken. Das ist gelebte Ganzheitlichkeit im urbanen Kontext. Ja, ein bisschen Gentrifizierung ist trotz Anwohnerinitiative nicht zu verleugnen. Aber Stadt bewegt sich nun mal, sie fließt. In der Markthalle wird Bewährtes bewahrt und mit Neuem gemixt. Und das sogar denkmalgerecht. Und vor allem lecker. Was will man mehr? Prost!

Titelmotiv: „I’d like to buy the world a coke“, Coca-Cola-Werbung, 1971 (Bild: youtube-Still, Project ReBrief)

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Herbst 18: „Geht aufs Haus!“

"Buy the World a Coke"

„Buy the World a Coke“

LEITARTIKEL: Jürgen Tietz über Trinken als Kunst.

Die Trinkhalle

Die Trinkhalle

FACHBEITRAG: Martin Bredenbeck kurt in Bad Neuenahr.

Die Forschungsbrauerei

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FACHBEITRAG: Ralf Giebl aus einem Münchner Sudhaus.

Der Entenflötenkessel

Der Entenflötenkessel

FACHBEITRAG: Karin Berkemann auf Pomo-Spurensuche.

Opa und die Colafabrik

Opa und die Colafabrik

PORTRÄT: Reiner Kolodziej erinnert sich an Berlin.

"Ernst gibt es genug"

„Ernst gibt es genug“

INTERVIEW: Hendrik Bohle über den Milchpilz.

Ostbrause

Ostbrause

FOTOSTRECKE: Limonaden- und Cola-Etiketten der DDR.

Die Trinkhalle

von Martin Bredenbeck mit Fotos von Axel Hausberg (18/4)

Wasser ist unentbehrlich. Dass es heute als Grundnahrungsmittel dient, dass international ein Grundrecht darauf gefordert wird, ist eine eher junge Geschichte. Denn bis weit ins 19. Jahrhundert war die Qualität des Wassers oft nicht dazu angetan, es unabgekocht zu genießen. Mit Bier, Wein und Säften war man dagegen auf der sicheren Seite. Allerdings, und das wussten schon die sprichwörtlichen Alten Griechen, kann Wasser auch ein Heilmittel sein. Egal, wie seine Wirkung zu unterschiedlichen Zeiten erklärt wurde: durch chemische Analyse, Molekülresonanz, Mondphasen oder auch durch einfache Magie. Zum Heilen, Vorbeugen und Lindern, zum Wohlbefinden und zur Stärkung nutzen wir Wasser seit Jahrhunderten. Nicht nur baden konnte man in den heißen oder kalten Quellen, sondern die Wässer auch trinken – aus guten Gründen aber als getrennte Vorgänge.

Vom Sehen und Gesehenwerden

Die große Zeit der Heilbäder war das 19. Jahrhundert. In Bad Ems, Baden Baden, Wiesbaden, Karlsbad, Spa und vielen weiteren bekannten Orten Europas kurten, tranken und badeten die adeligen und kulturellen Eliten, bürgerlich begleitet. Ein echtes „shared heritage“, für das auch der Welterbetitel angestrebt wird. Böse Zungen mögen behaupten, dass wie in den Opernhäusern und Museen das Sehen und Gesehenwerden im Mittelpunkt stand. Jedenfalls entwickelte sich rund um die heilsamen Wässer ein gesellschaftliches Leben, das seinen baulichen Ausdruck fand: Kurhäuser, Kurhotels, Trinkhallen, Wandelgänge und weitere historistische Ensembles prägen viele Kurorte bis heute und bilden ihr Kapital.

Aber nun zu Bad Neuenahr. Der berühmte Apollinarisbrunnen, entdeckt von einem Winzer, wurde 1852 im damaligen Wadenheim erbohrt. Vier Jahre später wurden die Heilquellen erschlossen und 1858 ein erstes Heilbad eröffnet, das mit Erlaubnis der Preußischen Regierung den wohlklingenden Namen Neuenahr führen durfte. Aus Wadenheim ging durch Zusammenschluss mit zwei weiteren Orten 1875 die Gemeinde Neuenahr hervor. Im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts erlebte sie eine erste Blütezeit. Die 1880 eröffnete Ahrtalbahn sorgte für den Zustrom an Kurgästen, die Infrastruktur wurde weiter ausgebaut. In wenigen Jahren entstanden um 1900 die bis heute stadtbildprägenden Anlagen, darunter das Thermal-Badehaus (1899-1901), das Kurhotel und das Kurhaus (1903-05). Gerade letzterer Bau, heute Spielcasino, steht für den Glanz des Kurortes zu dieser Zeit. Die neubarocke Formensprache zeigt hohen gestalterischen Anspruch und greift auf die Schlossarchitektur zurück. Das Thermal-Badehaus ist ebenfalls reich geschmückt, dieses Mal im Stil des Klassizismus. Im Historismus war eben vieles gleichzeitig möglich.

Bad Neuenahr startet in die Moderne

Für Erholung an der frischen Luft sorgten die reizvolle Landschaft und der von Peter Joseph Lenné geplante Kurpark. Daneben wuchsen Pensionen und Hotels in die Höhe, auch gehobene Wohnhäuser und Villen. Leider sind viele Vertreter gerade des Bautypus Hotel mittlerweile der Substanzerneuerung zum Opfer gefallen. Die Stadt erfreut sich regen Zuzugs von Senioren, und entsprechende Wohnungen werden angeboten. Ihre gestalterische Qualität lässt freilich zu wünschen übrig, doch das ist eine andere Geschichte.

Die staatliche Anerkennung des Heilcharakters der Neuenahrer Quellen erfolgte erstaunlich spät, erst 1927. Seitdem darf sich die Gemeinde Bad Neuenahr nennen. In diesen Zusammenhang gehört ein einzigartiges Bauvorhaben, das zu seiner Zeit wenige Parallelen hat. 1927 schrieb die Kur AG den Wettbewerb für einen neuen Kurkomplex aus. Auch der Kurgartenbereich sollte umgestaltet werden, in seinem Kern eine neue Trinkhalle. Die alte gusseiserne Trinkhalle wurde abgerissen und sogar der Verlauf der Oberstraße verlegt. Damit wollte man die relevanten Einrichtungen zu einer Einheit zusammenzuschließen. Der Wettbewerb hatte deutschlandweit hohe Resonanz. Das Preisgericht setzte sich aus der deutschen Architektur-Avantgarde der 1920er Jahre zusammen – genannt sei nur Ernst May, der zwei Jahre zuvor als Stadtbaurat das Neue Frankfurt ausgerufen hatte.

Unter Bauhauseinfluss

Die Wahl fiel auf die Entwürfe von Hermann Weiser. Zu seiner Zeit zählte er durchaus zu den bekannten Architekten. Als Meisterschüler von Peter Behrens, dem Mitbegründer des Deutschen Werkbunds an der Schwelle zur Moderne, war Weiser geprägt von den damaligen Debatten um eine zeitgemäße Architektur.

Ursprünglich plante Weiser einen Komplex, den Kunst- und Reiseführer heute zweifellos unter „Bauhauseinfluss“ verbuchen würden. Er verzichtete auf traditionelle Stilmittel, wählte stattdessen kubische Formen, große Glasflächen und Flachdächer. Kein Bauhaus, aber doch im Geist des Neuen Bauens. Die Ausführung verzögerte sich bis in die 1930er Jahre, begann 1933 und wurde erst 1937 abgeschlossen. Nun fielen die Bauten markant traditioneller aus: Die Gliederung mit Gesimsen und Pfeilern ist eher ein abstrahierter Klassizismus, sogar nahe an Vorstellungen von Behrens aus den 1910er Jahren. Dadurch wird die Nachbarschaft zum klassizistischen Thermal-Badehaus aber umso interessanter!

Von seltener Liebenswürdigkeit

In dieser Form ist die Anlage bis heute erhalten, ergänzt in den 1970er Jahren um einen Cafétrakt. Die Große Trinkhalle erhielt eine graphische Deckengestaltung aus abgehängten Betonelementen. Die großen Glasflächen, mit ihrem Ausblick auf den Kurgarten, wurden ausgetauscht. Dabei gerieten die Profile der neuen Kunststoffrahmen natürlich breiter.

Doch unbeschadet solcher zeittypischer Veränderungen spricht auch heute viel vom Geist der Neuen Sachlichkeit. Die Anlage steht in einer Reihe mit einigen wenigen deutschen Ensembles, darunter Bad Mergentheim und Bad Elster. Zwar wurden viele Heilbäder in den 1920er und 1930er Jahren modernisiert, aber derart umfangreiche Neubauten blieben die Ausnahme. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden dann wieder zahlreiche, auch sachlich gestimmte Kuranlagen. Für seine Zeit aber darf Bad Neuenahr – in Qualität und Umfang – eine an Einzigartigkeit grenzende Besonderheit beanspruchen. Die drehbare Konzertmuschel, die nach innen wie nach außen – zum Freiluftkonzert – gerichtet werden kann, ist dabei ein Detail von seltener Liebenswürdigkeit.

Von Lenné bis Beton

In Bad Neuenahr ergibt sich der besondere Reiz, die Entwicklung der Badekultur vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart ablesen zu können: von den Höhen der Gartengestaltungskunst eines Lenné bis hin zu den Beton-brut-Ergänzungen der jüngeren Vergangenheit. Bislang mag sich die Stadt Bad Neuenahr-Ahrweiler noch nicht so recht zu diesem kulturellen Erbe bekennen. Dabei liegen dessen herausragende Eigenschaften schwarz auf weiß vor. Zahlreiche bundesweite Denkmalorganisationen haben einen Appell zur Bewahrung dieses Erbes unterzeichnet. Die Stadt, welche die Anlagen vor einigen Jahren von der Kur AG übernahm, argumentiert verständlicherweise mit Modernisierungsbedarf. Ein Erhalt sei aus technischen Gründen nicht möglich. Hier ist noch Überzeugungsarbeit zu leisten. Wichtig ist letztlich die Perspektive. Technische Gutachten könnten prüfen, was machbar ist. Wenn sie freilich als Schlechtachten möglichst viel Schaden nachzuweisen suchen, wird es für das Kulturerbe nicht leichter. Das sind bekannte Prozesse, die sich auch in Bad Neuenahr werden regeln lassen.

Modernisieren mit Verstand

Klar ist, dass das Kuren (modern auch: Wellness) heute anderen Abläufen folgt als im 19. Jahrhundert. Schon die 1970er Jahre sind für unsere Ansprüche keine Referenz mehr. Andere Angebote werden heute erwartet. Solche Modernisierungen im Bestand zu ermöglichen, ist aber gerade der Kerngedanke der Denkmalpflege. Sie will nicht museal, sondern lebensbezogen bewahren und – neu – nutzen. Insofern ist hier immer auch Bereitschaft zu Veränderungen und angemessenen Weiterentwicklungen gegeben. Und wenn wirklich einmal gar nichts mehr geht, ist auch eine qualitätvolle Neugestaltung denkbar.

Ob dann allerding eine echte Architekturqualität zu erwarten ist, sei dahingestellt. Die Architektur der Gegenwart entsteht allzu oft als virtuell ansprechende Animation, deren handwerklich-materielle Umsetzung stark zu wünschen übrig lässt. Einem Gropius wäre es jedenfalls nicht eingefallen, Fallrohre mitten über ornamentlose weiße Wandflächen zu führen – wie es allzu oft in unseren Neubauten „Typ Bauhaus“ zu sehen ist. Hinzu kommt, dass in Bad Neuenahr natürlich auch mit einer Verdichtung durch größeres Bauvolumen zu rechnen ist. Damit käme der Ensemblecharakter aus dem Gleichgewicht. Und natürlich würde ein Abriss und Neubau auch für die Parkanlage einigen Stress bedeuten.

Weitertrinken!

Ein bisschen Stress, das sei hinzugefügt, ergibt sich schon jetzt: 2019 kommt das Bauhaus-Jubiläum. Ein Jahr lang wird national und international die Avantgarde des frühen 20. Jahrhunderts gefeiert, der eben auch die Neuenahrer Bauten nahestehen. Müsste man hieraus nicht Kapital schlagen? 2022, und das ist quasi übermorgen, richtet Bad Neuenahr die Landesgartenschau aus. Sind dann die Bauten im Kurgarten denkmalgerecht ertüchtigt und strahlen in alt-neuem Glanz, als Schmuckstücke von Seltenheitswert? Oder sind sie zumindest als Schau-Baustelle noch in Renovierung, was sich didaktisch ansprechend vermitteln ließe? Die Unterzeichner des genannten Appells hoffen, dass die Bauten stehenbleiben und eine gute Lösung gefunden wird.

Denn unbeschadet aller heute möglichen angenehmen Alternativen, kann in der Großen Trinkhalle dann die Devise gelten: Weitertrinken!

P. S.: Jüngst beschäftigte sich die Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Kur- und Bädermuseen mit Bad Neuenahr. Auch hier ermunterte man die Stadt zur Bewahrung und Inwertsetzung des Kulturerbes. Das zeigt einmal mehr die Wertschätzung für die Anlagen und soll die Stadt ermutigen, damit konstruktiv-kreativ umzugehen.

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Herbst 18: „Geht aufs Haus!“

"Buy the World a Coke"

„Buy the World a Coke“

LEITARTIKEL: Jürgen Tietz über Trinken als Kunst.

Die Trinkhalle

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FACHBEITRAG: Martin Bredenbeck kurt in Bad Neuenahr.

Die Forschungsbrauerei

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FACHBEITRAG: Ralf Giebl aus einem Münchner Sudhaus.

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FACHBEITRAG: Karin Berkemann auf Pomo-Spurensuche.

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PORTRÄT: Reiner Kolodziej erinnert sich an Berlin.

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INTERVIEW: Hendrik Bohle über den Milchpilz.

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