Architektur an der Adria-Magistrale

Wir bedauern schon jetzt, bei Ihnen möglicherweise Fernweh auszulösen. Doch was die Herausgeberinnen Antonia Dika und Bernadette Krejs gerade im Jovis-Verlag veröffentlicht haben, ist die ideale Urlaubslektüre: Die Forscherinnen der TU Wien haben im Rahmen einer Exkursion mit Architektur-Studierenden entlang der kroatischen „Jadranska Magistrala“ (Adria-Magistrale) die Überbleibsel des sozialistischen Massentourismus untersucht. Entstanden ist ein Reiseführer, der aus einer Sammlung von sechs Essays samt ergänzender Karten besteht. Bemerkenswert ist der charmante Ansatz des Buches mit dem Titel „Mapping the Croatian Coast. A Roadtrip to Architectural Legacies of Cold War and Tourism Boom“. Reisen und dabei reflektieren, so könnte man das Ziel zusammenfassen.

Haludovo Hotel (Bild: Thorsten Shroeteler, CC BY-SA 4.0)

Haludovo Hotel (Bild: Thorsten Schroeteler, CC BY SA 4.0)

Mitte der 1940er Jahre kam erstmals die Idee auf, eine Autobahn entlang der kroatischen Küste zu errichten. Rund zwanzig Jahre sollten bis zur endgültigen Fertigstellung im Jahr 1965 vergehen. Für den Reiseverkehr bildete die Küstenstraße sozusagen das Rückgrat. Nachdem die ersten Fahrzeuge die Küstenstraße unter die Räder nahmen, blühte Ende der 1960er Jahre der internationale Tourismus im Land auf. An exponierten Hängen und Plateaus bauten Hotelketten neue Destinationen für anspruchsvolle Kunden. Die Architektur orientierte sich an internationalen Vorbildern der Moderne. Zwischen Reminiszenzen an Frank Lloyd Wrights Fallingwater-Haus und zeitgenössischen Interpretationen des Dogenpalasts in Venedig scheint sich beispielsweise der Hotelkomplex Haludovo in Malinska zu bewegen. Wo früher nebst Hydrokulturen auf gelbem Teppichboden eingecheckt wurde, liegen heute Trümmer. Nur die Deckenverkleidung im Tetris-Design und die plastischen Stützen erinnern noch an den Luxus im Sozialismus. Die organische Badelandschaft im Außenbereich hat außer Regen schon lange kein Wasser mehr gesehen.

„Mapping the Croatian Coast“ (Bild: Buchauszug, Jovis-Verlag)

Neben den (einst) mondänen Resorts rücken in den Beiträgen auch verlassene Militärgelände in den Blick. So führt das Buch weg vom üblichen Gedränge in den Altstädten von Dubrovnik oder Split, hin zu einer nicht minder interessanten Epoche der Geschichte Kroatiens. Oft sind die noch jungen Bauten derart verfallen, dass ein Besuch einer archäologischen Expedition gleicht. Der Leser soll niedrigschwellig auf die mal ruinösen, mal anderweitig genutzten, stets spektakulären Architekturen aufmerksam gemacht und zum Nachsinnen über deren Zukunft eingeladen werden. Spielerisch laden künstlerisch aufbereitete Überblickskarten zum intuitiven Erkunden ein. Praktischerweise wurde auch an einen robusten Schutzumschlag gedacht, damit das Buch auch bei Wind und Wetter oder einem Strandspaziergang nicht gleich zerbröselt. (mk, 6.8.20)

Kroatien (Bild: Kristina Sassenscheidt)

Kroatische Küste (Bild: Kristina Sassenscheidt, 2014)

Dika, Antonia/Krejs, Bernadette (Hg.), Mapping the Croatian Coast. A Road Trip to Architectural Legacies of Cold War and Tourism Boom, Berlin 2020, Jovis-Verlag, 144 Seiten, 8 Faltkarten, 108 Farb- und Schwarz-Weiß-Abbildungen, Englisch, ISBN 978-3-86859-648-9.

Fotostrecke

Kroatien (Bild: Kristina Sassenscheidt)
Kroatien (Bild: Kristina Sassenscheidt)
Kroatien (Bild: Kristina Sassenscheidt)

Titelmotiv und alle Aufnahmen der Fotostrecke: Kristina Sassenscheidt, Kroatische Küste, 2014

Haus Dahinden im Angebot

Sie haben knapp 3,5 Millionen Euro unterm Kopfkissen und wissen nicht, wohin damit? Hier wäre das Richtige für Sie: eine Sichtbeton-Villa aus den 1970ern nahe Zürich, die deutlich von Frank Lloyd Wrights „Falling Water House“ inspiriert ist. Ruhige Nachbarschaft, viel Grün rundum sowie wahrscheinlich ein Teil der stylishen Einrichtung, die auf den Maklerbildern zu sehen ist, sind verlockend. Dazu gibt es 160 Quadratmeter Wohnfläche verteilt auf fünfeinhalb Zimmer und einen in Waschbeton eingefassten Pool. Natürlich hat die Traumvilla eine Geschichte: Es handelt sich um das ehemalige Wohnhaus des Architekten Justus Dahinden, das dieser 1971/72 für seine Familie gebaut und bis 2017 bewohnt hatte.

Derzeitige Mieter sind der Architekt Marco Bakker und Dorothee Messmer, die Direktorin des Kunstmuseums Olten. Zuletzt war hier das auch Kunstprojekt „Open Curtain“ der in Zürich lebenden Britin Clare Goodwin zu sehen. Und nun wartet man auf zahlungskräftige Architekturliebhaber. Justus Dahinden (*1925), der sein Studium an der ETH Zürich absolvierte und bis 1996 an der TU Wien lehrte, zeichnet unter anderem verantwortlich für das Ferrohaus in Zürich (1970), die Bibliothek der TU Wien (1984) und weltweit etliche Kirchenbauten. In Deutschland entstanden unter anderem die Kirche St. Paulus in Ingelheim (1980/81), in München das ikonische Restaurant „Tantris“ (1971) sowie das Freizeitcenter „Schwabylon“ (1973, abgerissen 1979). (db, 21.11.19)

Zürich, Haus Dahinden (Bild: Marco Bakker)