Alles nur Fassade?

Sollten Sie sich beim Bummel durch die Neustädte immer sicher sein („Dieses Haus wurde erbaut im Zeichen des Skorpion,  im Jahr des Herrn 1954, am 35. April, bei Sonnenaufgang …“), brauchen Sie das hier nicht. Aber für alle anderen hat dir Architekturhistorikerin Turit Fröbe im gestandenen Dumont Verlag eine kleine „Sehhilfe“ zusammengestellt. In diesem Stilbuch für Modernisten geht es um die Formen der 1950er bis 1980er Jahre: Brutalismus, Hightech, Postmoderne u. v. m.

In Fröbes „Bestimmungsbuch für moderne Architektur“ legt sie alle ihre Erkenntnisse offen: Woran sieht sie, und bald auch wir, wann das moderne Haus erbaut wurde? Ihre Ausgangspunkte sind die Fenster. Lässt das Gebäude eine Vorliebe für quadratische oder querrechteckige Fensterformate erahnen? Welche Materialien wurden verwendet: Messing, Fliesen oder Mosaik? 1950er-Jahren! Vorsicht, es könnte auch ein aktuelles Retrogebilde sein. Aber mit diesem kleinen Leitfaden werden Sie auf Ihrem nächsten Stadtspaziergang „gelutschte“ Ecken und Flugdächer ebenso entlarven wie Historismen und „Sprossen in Aspik“. Also auf zum gehobenen Klugschiss, hilft enorm beim Daten … (kb, 30.9.18)

Turit Fröbe, Alles nur Fassade? Das Bestimmungsbuch für moderne Architektur, Dumont Verlag, Köln 2018, 176 Seiten, 500 farbige Abbildungen, ISBN 978-3-8321-9947-0.

Die Kunst der Bausünde

Fügt sich ein Neubau nicht ins Stadtbild ein, ist man mit dem Urteil „Bausünde“ schnell bei der Hand. Monumentale Bürobauten im Stil des Brutalismus werden ebenso darunter gefasst wie triste Wohnhochhäuser. Die Bausünde scheint im Gegensatz zur guten Architektur leicht auszumachen.

Und doch gilt es auch hier klar zu unterscheiden. Turit Fröbe tut dies auf originelle Weise mit dem Buch „Die Kunst der Bausünde“. Die Autorin greift den vielfach verwandten Begriff auf und untergliedert ihn in die gute und die schlechte Bausünde. Erstere kann trotz umstrittener Ästhetik nachhaltig zur städtischen Identität beitragen. Letztere bleibt gesichtslos und findet sich in vielen Städten wieder. Das Buch porträtiert überregional bekannte sowie lokal prominente Bausünden von Berlin bis Gießen. Die Kommentare fallen dabei meist liebevoll-ironisch aus und öffnen humoristisch den Blick auf eine bislang verkannte Kunstform. (jr, 6.7.14)

Turit Fröbe: Die Kunst der Bausünde, 180 Seiten, gebunden, 23 x 17,8 cm, Quadriga Verlag 2013, ISBN: 978-3-86995-053-2.

Turit Fröbe eröffnet einen neuen Blick auf die vielgscholtene Bausünde (Bild: Bastei Lübbe Verlag)

Turit Fröbe

Turit_Fröbe_Copyright_Privat * 1971, Studium der Kunstgeschichte und Klassische Archäologie in Marburg, Aufbaustudium „Europäische Urbanistik“ an der Bauhaus-Universität in Weimar, 2005-15 wiss. Mitarbeiterin an der Universität der Künste Berlin, derzeit dort Gastprofessorin, aktiv im Projekt Die Stadtdenker, veröffentlichte 2006 den ersten Abrisskalender, 2013 den Band Die Kunst der Bausünde.

Beiträge: Gute Bausünden (16/1).