Fesseln für den Dnepr

Die Natur galt in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vielen Architekten, Bauingenieuren und Städtebauern als fortschrittsfreie Zone, die es zu unterwerfen galt. Das reichte bis hin zu so wahnwitzigen Plänen wie dem Atlantropa-Projekt, das eine teilweise Trockenlegung des Mittelmeeres vorsah. Auch für die forcierte Industrialisierung der UdSSR in den 1930er Jahren war die Zähmung der widerspenstigen natürlichen Umwelt ein Leitmotiv. Sie hinterließ im gesamten Land ein vielfältiges bauliches Erbe. Ein Vortrag von Thomas Flierl macht dies am Beispiel des Dnepr-Staudamms der ukrainischen Industriestadt Zaporož’e deutlich.

Der Staudamm und das zugehörigen Wasserkraftwerk wurde in den Jahren 1927 bis 1932 erbaut und stellten die energetische Basis für die Industrialisierung der Ost-Ukraine dar. Das Wasserkraftwerk und die zeitgleich errichtete Wohnstadt für Zaporož’e gehörten zu den Großprojekten des ersten Fünfjahrplans und entstanden unter der Federführung des sowjetischen Konstruktivisten Viktor Vesnin (1882–1950). Der Vortrag „>Der gefesselte Dnepr< oder >Der sozialistische Angriff auf die Natur<“ findet am 20. Juli 2018 um 19 Uhr im Berliner Max-Lingner-Haus (Beatrice-Zweig-Straße 2, 13156 Berlin) statt. (jr, 19.6.18)

Dnepr-Staudamm, Zaporož’e (Bild: PD)

Von der Idee eines „sozialistischen Erbes“

Die Geschichte des Denkmalschutzes versteht sich heute rückblickend als Produkt der westlichen Moderne – und lässt dabei die sozialistische Welt weit außen vor. Doch nach 1945 war der Umgang mit dem kulturellen Erbe auch in den sozialistischen Staaten – von China, den UdSSR, des Ostblocks bis zu Asien, Lateinamerika und Afrika – ein identitätsstiftender Faktor. In der aktuellen Forschung bleibt Beitrag der Experten aus diesem Teil der Welt zumeist unbeachtet. Diesem Mangel will jetzt eine Tagung abhelfen.

Für die Konferenz „State Socialism, Heritage Experts and Internationalism in Heritage. Heritage Protection after 1945“, die vom 21. bis 22. November 2017 in Exeter stattfinden soll, werden bis zum 20. Juni noch Themenvorschläge gesucht. Mögliche Schwerpunkte könnten sein: das erwachende Interesse am baulichen Erbe in der sozialistischen Welt nach 1945, die transnationale und transkulturelle Verbreitung der Idee des Kulturerbes über den Eisernen Vorhang hinweg, die Rolle sozialistischer Experten im internationalen Diskurs, die Rolle internationaler Institutionen wie UNESCO, ICOMOS, ICCROM oder UIA, die Rolle des Kalten Kriegs, nationaler Traditionen, und internationaler Kooperationen bei der Entwicklung der Idee eines „sozialistischen Erbes“. Willkommen sind Abstracts (300-500 Worte) mit einem begleitenden Kurz-CV unter der Adresse: Natalie Taylor, N.H.Taylor@exeter.ac.uk. Ausgewählten Teilnehmer werden bis zum 20. Juli 2017 benachrichtigt. (kb, 5.5.17)

Buzludzha (Bild: Mark Ahsmann, CC BY SA 4.0)

Das rote Bauhaus

Das rote Bauhaus

Das rote Bauhaus (Bild Berenberg Verlag)
Das rote Bauhaus (Bild: Berenberg Verlag)

Das Jahr 1929 bedeutete für viele Architekten Westeuropas und der USA eine existentielle Bedrohung. Der Börsencrash ließ großangelegte Bauprojekte zerplatzen und zwang städtische Baubehörden zu drastischen Sparmaßahmen. Ganz anders sah die Situation in der UdSSR aus: im Zuge der forcierten Industrialisierung wurde allenorts geplant und gebaut. Viele westliche Planer – und nicht nur politisch links orientierte – unterschrieben in der Hoffnung auf entsprechende Bauaufträge Arbeitsvertäge in der Sowjetunion. Eine neue Mongrafie von Ursula Muscheler folgt ihnen auf ihrer Reise in den Osten.

Unter den Spezialisten fanden sich bekannte Architekten und Städtebauer wie Ernst May und Bruno Taut. Auch die politisch Mitglieder der Bauhaus-Brigade Rot Front unter der Leitung des ehemaligen Bauhausdirektor Hannes ­Meyer brannten für diearchitektonischen Aaufgaben, die sie sich vom Aufbau des Sozialismus versprachen. Vor Ort sahen sie sich mit einer unbekanten Planungskultur und Bauwirtschaft sowie den aufkeimenden Säuberungen Stalins konfrontiert. Das Buch wirft einen Blick auf diese oftmals noch unbekannte Geschichte des Neuen Bauens in der Sowjetunion der 1930er. (jr, 23.2.17)

Muscheler, Ursula, Das rote Bauhaus. Eine Geschichte von Hoffnung und Scheitern, Berenberg Verlag, Berlin 2016, ISBN 978-3-946334-10-1.