Eine Revolution des Großstädters

Eine Revolution des Großstädters

In Tansania griff May auf sein aus Frankfurt bekanntes Formenreperoire zurück (Bild: Julius Reinsberg)
In Tansania griff May auf sein Frankfurter Formenreperoire zurück (Bild: Julius Reinsberg)

Ernst May verbindet man in erster Linie mit seinen Frankfurter Bauten. In nur fünf Jahren schuf der Architekt und Städtebauer in den 1920ern mit dem Projekt „Das Neue Frankfurt“ rund 15.000 Wohnungen, avantgardistische öffentliche Bauwerke und eine zeitgemäße soziale Infrastruktur: die „Revolution des Großstädters“, wie er es selbst nannte. Doch das Neue Frankfurt machte nur einen kleinen Teil des Œuvres Ernst Mays aus.

Dieses breite Spektrum nimmt der Dokumentarfilm „ERNST MAY. Eine Revolution des Großstädters. Architekt und Stadtplaner auf drei Kontinenten“ von Otto Schweitzer – in Zusammenarbeit mit der ernst-may-gesellschaft, unterstützt vom Kuratorium Kulturelles Frankfurt und von der Hessischen Filmförderung – vergleichend in den Blick. In den 1930er Jahren brachte May seine „Revolution“ in die Sowjetunion, wo er moderne Arbeiterstädte aus dem Boden stampfte. Anschließend wirkte er 20 Jahre als Privatarchitekt in Ostafrika, wo er nicht nur avantgardistische Villen für wohlhabende europäische Siedler baute, sondern auch die Stadt Kampala erweiterte. Vom Frankfurter Stadtteil Ginnheim bis zur Industriestadt Magnitogorsk am Ural, von Arusha am Kilimanjaro bis zum sibirischen Novokuzneck, überall fand das Fimlteam bauliche Spuren Mays. Am 22. Juli 2015 wird die Dokumentation im Kino des Deutschen Filmmuseums erstmals gezeigt. (jr, 8.7.15)

FÜR KURZENTSCHLOSSENE: HEUTE, 18. AUGUST um 19:30 Uhr Filmvorführung in den FRANKFURTER NAXOSHALLEN

Kyrillische Avantgarde

„Eine Ohrfeige für den bürgerlichen Geschmack“ nannten es die russischen Avantgardisten selbstbewusst. Tatsächlich erlebte ihre Kunst im revolutionären Russland eine tiefgreifende Umwälzung. Dies äußerte sich nicht nur in konstruktivistischer Architektur oder den progressiven Kinofilmen Sergej Ėjzenštejns, sondern auch bei Grafik, Typografie und Plakatdesign. Die Unterschiede zwischen Hoch- und Alltagskultur sollten eingeebnet, eine politisch relevante Synthese aus Sprache, Schrift und Bild entstehen. Im Gegensatz zum Umsturz der Bol’ševiki wirkte diese ästhetische Revolution grenzübergreifend stilbildend und wirkt auch heute noch modern.

Das Deutsche Buch- und Schriftmuseum in Leipzig greift dieses Thema mit der Ausstellung „SchriftBild. Russische Avantgarde“ auf. Sie versammelt die Arbeiten zahlreicher russischer KünstlerInnen – darunter Vladimir Majakovskij, Alexandr Rodčenko, Natalija Gončarova, Pavel Tret’jakov und Varvara Stepanova. Die Schau wurde im Rahmen des „Jahres der deutsch-russischen Literatur“ mit dem Staatlichen Museums- und Ausstellungszentrum ROSIZO in Moskau konzipiert. Begleitend erscheint unter demselben Titel ein Bilder- und Lesebuch. Die Ausstellung ist bis zum 4. Oktober 2015 zu sehen. (jr, 13.6.15)

„Neu! Hinschauen!“ – lassen diese Werbelesezeichen Rodtschenkos überhaupt eine Wahl? (Bild: Deutsches Buch- und Schriftmuseum, Archiv von A. Rodtschenko und W. Stepanowa, Moskau)

Moskau: VDNcH wird saniert

Vor dem zentralen Pavillon der VDNcH begrüßt noch immer Lenin die Besucher (Bild: Voytek S)
Vor dem zentralen Pavillon der VDNcH begrüßt noch immer Lenin die Besucher (Bild: Voytek S)

Vystavka dostiženij narodnogo chozjajstva SSSR  –  dieses Wortungetüm, das die Moskauer mit der Abkürzung VDNcH bändigen, stand jahrzehntelang für die Weltausstellung des Sozialismus. Die „Ausstellung der Errungenschaften der Volkswirtschaft der UdSSR“ versammelte seit ihrer Eröffnung 1939 Erzeugnisse aus allen Winkeln der Sowjetunion. Auf dem riesigen Gelände im Norden Moskaus stehen heute noch 32 Pavillons, die meisten im stalinistischem Zuckerbäckerstil. Die russische Regierung entschied sich für eine Sanierung.

Die VDNcH verstand sich als kultureller Mikrokosmos der UdSSR. Die Repräsentanzen der Teilrepubliken integrierten landestypischer Elemente. Der Brunnen „Völkerfreundschaft“ wurde ebenso zum Wahrzeichen wie die benachbarte Skulptur „Arbeiter und Kolchosbäuerin“. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion hieß das Gelände einige Zeit „Allrussisches Ausstellungszentrum“, wurde zum Tummelplatz fliegender Händler. Die Verantwortung für den Erhalt schoben sich die sowjetischen Nachfolgestaaten gegenseitig zu. 2014 erhielt das Gelände seinen historischen Namen VDNcH  zurück. Nach der Sanierung soll es wieder an seine Tradition anknüpfen und nun die russische Wirtschaft repräsentieren. Geplant sind Pavillons für die Raumfahrtbehörde Roskosmos und die Energiekonzerne Gazprom und Rosneft. (jr, 29.10.14)