Ausgeshoppt in Ulm

In Ulm, beziehungsweise vor den Toren Ulms, soll ein großer Umbruch anstehen. Das Blautalcenter (1997, Rhode Kellermann Wawrowsky), eines der ersten großen Shoppingcenter seiner Art, steht schon länger auf der Kippe. Nun ist die Entscheidung gefallen: Das Blautalcenter soll ab 2023 schrittweise abgerissen werden, um einem neuen Stadtquartier mit knapp 1000 Wohnungen Platz zu machen. Geplant ist, die Tiefgarage des Centers zu erhalten und für die Bewohnenden und den dort gleichzeitig entstehenden Einzelhandel in kleineren Dimensionen zur Verfügung zu stellen. Peter Liptau hat auf seine Abschiedsrunde durch das Blautalcenter die Kamera mitgenommen. (pl, 1.4.22)

Wohnungen statt Blautalcenter?

1997 erreichte die Ära der großen Einkaufsmalls auch Ulm. Mit dem Blautalcenter wurden für 74 Millionen Euro gut 700.000 Kubikmeter (Bruttorauminhalt) und rund 160.000 Quadratmeter (Bruttogrundfläche) auf das Areal der ehemaligen Magirius-Werke an der Blaubeurer Straße gestellt. Nach den Entwürfen des Düsseldorfer Büros Rhode Kellermann Wawrowsky gruppierte man entlang der rund 500 Meter langen überdachten Einkaufsstraße rund 100 Geschäfte, darunter eine üppig bemessene gastronomische Zone unter einem halbbogenförmig aufgefächerten Dach. Den Eingang markierte zeittypisch ein gläserner Zylinder mit aufgeständertem Flugdach. Auch die Materialien von ‘Wellblech’ bis Leimbinder rufen laut und vernehmlich später 1990er Jahre. Zu ihre Einweihung galt die Anlage als die größte Mall Baden-Württembergs.

Seit den 2010er Jahren kriselt es – über den Fluss hinweg entstand in Neu-Ulm das sehr ähnlich aufgestellte Glacis-Center. Nach ersten Leerständen in den Geschäftsräumen des Blautalcenters sanierte man die Anlage 2015 – erneuerte einige Bodenfliesen, fügte dem Entrée einen Eingangsbogen hinzu und bot mit einem Drachenschiff eine neue Attraktion für die jüngeren Besucher:innen. Doch als sich die Schieflage nicht beseitigen ließ, zuletzt lag der Leerstand bei 40 Prozent, wurden neue Konzepte diskutiert – von der Umwidmung der Flächen für Fitness- und Wellenessanbieter bis zum Umbau für Wohnzwecke. Nun wurde bekannt, dass das Blautalcenter Anfang des Monats für 38 Millionen Euro an die “Blautal Grundstücks GmbH” verkauft wurde. Die Stadt signalisiert, dass sie sich – trotz eines eigentlich eng gesteckten Bebauungsplans – offen zeigt für alternative Konzepte. Diese könnten vom Umbau bis zum Abriss und Neubau für Wohnzwecke reichen. (kb, 19.2.22)

Ulm, Blautalcenter (Bild: kulturnetz-tuebingen.de)

Dem Hocker eine Ausstellung

Es soll Frauen geben, die haben Sitzschuhe: hochhackige, maximal unbequeme Fußbekleidungen, die sich während einer Festivität ästhetisch hervorragend machen, aber nur auf dem Stuhl oder Sofa auszuhalten sind. Das Gegenstück in der Designwelt wäre der Ulmer Hocker. So formschön und platzsparend er sein mag, so vielseitig verwendbar als Beistelltisch oder Bücherregal, so wenig taugt er für lange Sitzanlässe. Aber darum geht es ja auch nicht. Wer einen solchen Designklassiker des 20. Jahrhunderts sein Eigen nennt, sendet damit die klare Botschaft, dass hier ein Kenner wohnt. Denn “kaum ein Gegenstand ist unscheinbarer als dieser und doch hat keiner mehr Aufmerksamkeit auf sich gezogen” – dies sagen die Macher:innen der Ausstellung „Der Ulmer Hocker: Idee – Ikone – Idol“. Damit widmet sich das HfG-Archiv erstmals einem der bekanntesten Entwürfe der Hochschule für Gestaltung Ulm (HfG).

Als Urheber des Ulmer Hockers werden Max Bill, Hans Gugelot und Paul Hildinger porträtiert. Daneben werden vorgestellt die technischen Aspekte, die Herstellung und die damalige wirtschaftliche Situation der HfG – zur typischen Funktionalität mag die “permanente Unterfinanzierung” der Hochschule wesentlich beigetragen haben. Ergänzend zu dieser historischen Präsentation – denn das stilvolle Sitzmöbel wurde über die Jahrzehnte hinweg in Ulm und darüber hinaus tatsächlich genutzt – wurden Interessierte über einen (inzwischen abgeschlossenen) “Open Call” über die Plattform nextmuseum.io dazu ermuntert, den Ulmer Hocker fotografisch zu inszenieren. Diese Ergebnisse sind nun ebenfalls Teil der Ausstellung, die durch ein teils virtuelles Begleitprogramm und einen Katalog ergänzt wird. Die Schau ist in Ulm bis zum 27. Februar 2022 zu sehen. (kb, 18.10.21)

Ulm, Hochschule für Gestaltung, Blick in die Gipswerkstatt, 1960er Jahre (Bild: HfG-Archiv Ulm)