Müther in Kisten

Es ist eine Form von Neid, die wohl nur Archivmenschen untereinander verstehen. Wenn die Autorin dieses Beitrags bewundernd vor einer Regalreihe voller blassgrauer säurefreier Kartons voller Fotos, Akten und Pläne steht, allesamt feinsäuberlich beschriftet und fast noch unberührt. Denn das Müther-Archiv an der Hochschule Wismar wurde vor wenigen Tagen, am 1. Juni 2022, eröffnet. Es macht den Nachlass des Bauingenieurs und Bauunternehmer Ulrich Müther (1934–2007) zugänglich, der mit seinen Hyparschalen die Ostmoderne bereicherte.

Wismar, Müther-Archiv (Bild: Karin Berkemann, 2022)

Zwischen Binz und Berlin

Müther machte besonders mit seinen schwungvollen Schalenbauten von sich reden, die er jeweils in Zusammenarbeit mit Architekten entwarf. Mit der Rettungswache in Binz, dem Berliner Ahornblatt und der Magdeburger Hyparschale realisierte er ikonische Bauten der DDR. Aber auch die Bushaltestelle in Binz, das Inselparadies in Baabe, die Schwimmhalle und das Dach des Cliff-Hotels in Sellin, die Kurmuschel in Sassnitz oder die Ostseeperle in Glowe sind einen Besuch wert. Nach der Wende war Müther weiter aktiv, jedoch zunehmend weniger – zu seinem Spätwerk zählt etwa die Michael-Kirche der Christengemeinschaft in Hannover (1992). In den 2010er Jahren mauserten sich Müthers Bauten rasch vom Geheimtipp zum Tourismusfaktor. Auf Rügen führt nun ein Rundweg zu den schönten Schalen und in der ehemaligen Strandwache von Binz können Architekturnerds heiraten.

Wismar, Müther-Archiv (Bild: Karin Berkemann, 2022)

Robotron und Rennschlitten

Schon seit 2006 besitzt die Hochschule Wismar die Pläne, Zeichnungen, Akten, Modelle, Fotografien, die Handbibliothek, einen Rennschlitten, Mobiliar und diverse technische Geräte aus dem Büro Müthers – darunter der originale Robotron-Computer! Doch erst 2016/17 kamen endlich die Gelder zusammen, u. a. durch eine Förderung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, um diesen architekturhistorischen Schatz für Forschung und Lehre zu heben. Strenggenommen stehen die Archivkisten schon seit 2020 in den Räumen bereit, doch coronabedingt musste der feierliche Auftakt auf 2022 verschoben werden. Für die Eröffnung versammelte man sich zum Anstoßen auf der Dachterrasse des Architektur-Fakultätsgebäudes, direkt neben der großen Müther-GFK-Experimentalschale. Und zum Abschluss noch eine gute Nachricht: Wer den Weg nach Wismar scheut, kann sich in der Online-Datenbank informieren oder seine Dosis Schalenbau im Juni weiter südlich erhalten. Die Tagung zum Thema findet am 29./30. Juni 2022 an der ETH Zürich statt: “Candela – Isler – Müther. Concrete Shells in Mexico, Switzerland, and Germany”.(kb, 15.6.22)

alle Bilder: Wismar, Müther-Archiv (Bild: Karin Berkemann, 2022)

Millionen für Magdeburg

Über Jahre hinweg gammelte in Magdeburg an der Elbe die Hyparschale vor sich hin. Der Schalenbau wurde 1969 nach Plänen von Ulrich Müther errichtet und gilt als wichtiges Zeugnis der Ostmoderne. 1997 wurde das Kulturdenkmal baupolizeilich gesperrt. Zuletzt musste die Konstruktion mit einem Stützturm vor dem Einsturz gesichert werden.

2017 zeichnete sich dann endlich eine gute Lösung für das ehemalige Messe- und Ausstellungszentrum ab: Die Stadt Magdeburg nahm die Sanierung selbst in die Hand nehmen. Das Innere soll als Mehrzweckhalle hergerichtet werden. Nun gab das Bundesbauministerium bekannt, die Maßnahme mit satten fünf Millionen Euro zu fördern. Die Sanierung soll noch in diesem Jahr starten, mit einer Fertigstellung wird für 2022 gerechnet. (kb, 16.11.19)

Hyparschale, Magdeburg (Bild: Ola2, CC BY SA 3.0)

Der Schwung der Schale

Seit Kurzem rückt das Werk von Ulrich Müther (1934–2007) wieder in den Blick der Öffentlichkeit. Der Bauingenieur und Bauunternehmer machte besonders mit seinen schwungvollen Schalenbauten von sich reden. Mit der Rettungswache in Binz, dem Berliner Ahornblatt und der Magdeburger Hyparschale plante er ikonische Bauten der DDR. In den 1960er Jahren hatte er sich auf diese besondere Bauform spezialisiert. Er folgte damit einem internationalen Trend, dem u. a. Félix Candela in Mexiko, Pier Luigi Nervi in Italien, Eero Saarinen oder Heinz Isler zuzurechnen sind. Müther hinterließ – vor allem in Mecklenburg-Vorpommern – insgesamt rund 70 Solitärbauten.

Im Welt-Erbe-Haus Wismar (Lübsche Straße 23, 23996 Wismar) startet am 28. Mai 2019 um 17 Uhr die Ausstellung “Der Schwung der 60er. Frühe Schalenbauten von Ulrich Müther”, die im Anschluss bis zum 15. Sepember 2019 zu sehen sein wird. Hier dreht sich alles um die Anfänge Müthers im Schalenbau – von seinem ersten umgesetzten Projekt am Ende seines Studiums bis hin zu prominenten Gesellschaftsbauten wie dem “Teepott” in Warnemünde. Diese Entwicklung wird anhand von Modellen, Zeichnungen, Fotografien und weiteren Zeitdokumenten überwiegend aus dem Müther-Archiv der Hochschule Wismar lebendig. (kb, 11.5.19)

Erich Kaufmann/Ulrich Müther, Messehalle “Bauwesen und Erdöl” in Rostock-Schutow, 1966 (Bild: © Müther-Archiv, Hochschule Wismar)