Umbau als Königsdisziplin

Solange gebaut wird, wird auch umgebaut, angepasst, weiterverwendet. Doch seit der Industrialisierung der Bauwirtschaft und dem Einzug der Moderne ist der Neubau das Maß der Dinge. Die Kunst des Umbauens versank in der Bedeutungslosigkeit. Inzwischen haben sich die Vorzeichen geändert: Die Philosophie, dass nur was neu ist, gut sein kann, entpuppt sich immer deutlicher als ökologische Belastung – und auch als ideologische Sackgasse. Das reformerische Potenzial der Moderne sehen nicht wenige erschöpft, somit wird der Baubestand allmählich als Ressource anerkannt – vielleicht sogar als wichtigste Ressource für die Transformation unserer Städte. So erlebt die Architektur des Umbauens eine Renaissance. Gerade junge Architekten geben mit Projekten überraschende Antworten auf die ökologischen und gesellschaftlichen Fragen der Zeit.

30 (hoffentlich) wegweisende Umbauprojekte bündeln nun die Herausgeber Christoph Grafe und Tim Rieniets in ihrem Band „Umbaukultur. Für eine Architektur des Veränderns“ – angelehnt an die 2017er-Veranstaltung der Baukulturwerkstatt NRW. Ergänzt werden die Beispiele durch Essays u. a. von Andreas Hild und Georg Giebeler über die historische und architekturtheoretische Bedeutung des Umbauens. Womit sie bereits weit übers Thema „Graue Energie“ herausweist. (db, 18.5.20)

Grafe, Christoph/Rieniets, Tim (Hg.), Umbaukultur. Für eine Architektur des Veränderns, hg. mit Baukultur Nordrhein-Westfalen, Verlag Kettler, Dortmund 2020, 264 Seiten, farbige Abbildungen, Softcover.

Dortmund, Baukunstarchiv (Bild Podehl Foto Design)

Staatspreis für die Johanneskirche

Am 25. Februar wird im Erbdrostenhof Münster der mit 7.000 Euro dotierte Rheinisch-Westfälische Staatspreis für Denkmalpflege vergeben. Im Frühjahr 2017 hatte das Land Nordrhein-Westfalen den Preis ausgelobt, mit dem es den privaten und ehrenamtlichen Einsatz für gefährdete Baudenkmäler in Westfalen-Lippe auszeichnen möchte. Denkmaleigentümer konnten Bauten einreichen, die sie innerhalb der vergangenen zwei Jahre vorbildlich instandgesetzt haben. Nach einer Vorauswahl und einer Bereisung sich die Jury entschieden, neben dem dotierten Preis auch fünf undotierte Anerkennungen zu vergeben.

Ausgezeichnet werden: die 1815 erbaute ehemalige Leibzucht des Gräftenhofs Meier zu Heepen in Bielefeld (von den NaturFreunden Bielefeld e.V. als Vereins- und Bootshaus mit Kletterhalle genutzt); die ehemalige Kantorschule im direkten Umfeld der gotischen Dorfkirche in Heiden (zu Wohnzwecken umgebaut); der Hof Grube in Lüdinghausen (erforscht und restauriert); ein Vierständerhallenhaus mit Remise in Marienloh (restauriert); ein Fachwerkbau am Innenstadtrand von Werl (instandgesetzt und umgebaut) – und die Pfarrkirche St. Johannes (1964, L. Tiepelmann) in Telgte. Die moderne Schönheit wurde nach ihrer Profanierung auf Abriss hin diskutiert. Doch Kirche und Kommune fanden eine gute Alternative: Nach einem behutsamen Umbau wird sie nun als Gemeindezentrum und mit für den nahen Kindergarten genutzt. (kb, 16.2.18)

Telgte, St. Johannes (Bild: LWL/Brockmann-Peschel)

Wohnen in der Phrix

Der Name Hattersheim-Okriftel verheißt zunächst einmal wenig Glamour. Doch steht hier eine der beachtlichsten historischen Industrieanlagen des Rhein-Main-Gebiets: die frühere „Phrix“-Papier- und Zellulosefabrik. 1970 wurde die gewaltige Anlage, die direkt an den Main grenzt, geschlossen und stand seither teilweise leer, teilweise wurde sie durch Autohändler und Kleinbetriebe genutzt. Und einige Jahre lang hatte ein Erfinder in einer Halle sein streng abgeschirmtes Versuchslaboratorium. Der Verfall der zwischen 1885 und den 1950ern errichteten Gebäude war indes nicht aufzuhalten: Die Phrix entwickelte sich zu einer der schönsten Ruinenlandschaften Hessens, gab für Fernsehserien wie „Ein Fall für zwei“ und „Tatort“ die malerische Kulisse ab. Seit 2001 hat auch die Phrix-Künstlergemeinschaft ihre Ateliers auf dem Areal, auf dem einst rund 1000 Menschen arbeiteten.

Ob die Kunst weiterhin dort verbleiben wird, ist fraglich. Die Kleinbetriebe haben an diesem Ort auf jeden Fall keine Zukunft mehr: 2016 kaufte die Prinz von Preussen Grundbesitz AG die teils denkmalgeschützten Hallen und hat große Pläne. Hier entstehen in naher Zukunft die „Main Riverside Lofts“, rund 270 Luxuswohnungen, die in die bestehenden Backsteingebäude eingefügt werden. Zum Abriss freigegeben seien nach Auskunft der Eigner lediglich einige Nebengebäude. Ausführende Architekten des 100-Millionen-Euro-Projekts sind Albert Speer & Partner. Baubeginn ist Frühjahr 2018, die Vermarktung der Wohnungen läuft bereits. (db, 6.6.17)

Hattersheim-Okriftel, Phrix-Fabrik, um 2010 (Bild: Karsten Ratzke)