Umbau auf der Zeil

Es mag keine reine Schönheit gewesen sein, doch es hat unzweifelhaft Abwechslung und Charakter in die architektonisch stets im Umbruch befindliche Frankfurter Zeil gebracht. Das Eckhaus Schäfergasse 2/Zeil 88 ist ein Konglomerat verschiedenster Zeiten und Stile: Im Erdgeschoss stecken die Reste eines Gründerzeit-Baus, darüber thronen stilvolle 1950er – Ende der 1970er verkleidet in rotbraunen Terrazzo-Platten und durch goldeloxierte Alufenster veredelt. Einer der Reize des hinreißend geschmacksunsicheren Hauses war es bisher, dass man stets rätseln konnte, wann es gebaut wurde – lustigerweise lag man mit seinen Vermutungen nie wirklich daneben …

Bald dürfte es damit vorbei sein. Die Modekette Pimkie, seit Jahren Betreiber des Ladengeschäfts, baut in großem Stil um. Seit einigen Wochen ist das Haus eingerüstet und gibt dort, wo es bereits entkernt ist, seine Zeitschichten für einen kurzen Moment frei: gelbe Sandsteinornamente, bunte Mosaikfliesen, dazu offenbar aus Trümmerschutt wiederverwendete, rußgeschwärzte Ziegelsteine – bald verschwindet all dies unter einer 20-Zentimeter-Dämmung. Ob die Terrazzofassade bleibt, lässt sich noch nicht sagen. Das Bauschild, das eine Umgestaltung des Dachgeschosses und den Rückbau der Vordächer verkündet, verheißt nichts Gutes. Wir nehmen Wetten an, ob die zu erwartende Travertinfassade hellbeige, mittelbraun, umbra, dunkelbeige oder eierschalenfarben wird. Wie der Bau bis vor wenigen Monaten aussah, finden Sie hier. (db, 19.5.17)

Frankfurt, Zeil 88 im Umbau (Bild: D. Bartetzko)

Warum wird Architektur umgebaut?

Warum wird Architektur umgebaut?

Hannover, Kröpcke, Baustelle, 2011 (Bild: Landeshauptstadt Hannover)
Umbau im laufenden Betrieb: „Neugestaltung“ des Kröpcke-Centers in Hannover (Bild: Landeshauptstadt Hannover)

Umgebaut wird, seit gebaut wird – doch vor allem die Architektur der Moderne ist gerade akut von diesem immer rascher wiederkehrenden (gefühlten oder faktischen) Veränderungsdruck betroffen. Zum Thema „Umbau“ veranstaltet das DFG-Graduiertenkolleg 1913 „Kulturelle und technische Werte historischer Bauten“ vom 17. bis zum 18. März 2017 eine epochenübergreifende Tagung.

Zum einen spiegelt Architektur die gesellschaftspolitischen, ästhetischen und stilistischen Vorstellungen ihrer Zeit, dementsprechend wandeln sich die Ansprüche an Architektur mit einer veränderten weltanschaulichen Haltung. Zum anderen können sich auch Funktionsbedürfnisse wandeln und mit ihnen die dazugehörigen Bauwerke. Für die geplante Tagung werden unter dem Titel „Umbauten: Funktionswandel und weltanschauliche Anpassung“ noch Beiträge aus den Fachbereichen der Archäologie, Baugeschichte und Bauforschung, Denkmalpflege, Kunstgeschichte und benachbarten Disziplinen gesucht, die sich über die beschreibendende Analyse von Bauphasen hinaus mit dem Thema des Umbaus befassen. Eingeladen sind alle Studierenden im Master‐ oder Promotionsstudium sowie Post‐Docs, die ihr Forschungsprojekt mit Bezug zum Tagungsthema in einem 20-minütigem Vortrag vorstellen wollen. Sie können ihr Exposé (2.000 bis 3.000 Zeichen) und einen Kurzlebenslauf bis zum 1. November 2016 senden an: elke.richter@b‐tu.de oder anke.bluemm@b‐tu.de. (ps, 6.10.16)

Delikates im Wartesälchen

Schicker als früher: Der umgebaute Verkehrspavillon am Koblenzer Friedrich-Ebert-Ring. (Bild: Thillmann Architekten)
Schicker als früher: der umgebaute Verkehrspavillon am Koblenzer Friedrich-Ebert-Ring (Bild: Thillmann Architekten)

Okay, er mag arg schick geraten sein, der ehemalige Verkehrspavillon in Koblenz. Doch hat er nun eine Nutzung gefunden, die ihm eine Zukunft sichert. 2011 wurde der Zeitungskiosk aufgegeben und das desolate Gebäude stand vor einer unsicheren Zukunft. Der Koblenzer Architekt und Kirchenbaumeister Otto Schönhagen plante den kleinen Bau 1950 als Teil des Friedrich-Ebert-Rings, der die Altstadt umgibt. Vorbild waren großstädtische Straßenbahn-Wartehallen wie etwa in Köln.

Das Büro Thillmann Architekten hat den mittlerweile denkmalgeschützten Pavillon 2013 zu einem Mini-Restaurant umgestaltet – nun ist es das „Wartesälchen“. Ein Imbiss war dieses Gebäude zwar nie, doch das Ergebnis ist sehr nahe an dem, wie es in den Fünfzigern hätte sein können – inklusive Retro-Tresen in edlem Holz und Neon-Schriftzug in zeittypischen Lettern. Neben der „Heimat“ in Frankfurt/Main ist somit ein weiteres unscheinbares „Verkehrshäuschen“ gerettet. Der Preis der inneren Neugestaltung erscheint nicht zu hoch … (db, 14.9.14)