Untergrund

Berlin, U-Bahnhof "Konstanzer Straße" (Bild: Ingolf, CC BY SA 3.0, 2013)

Glückszahl: 13 Berliner U-Bahnhöfe unter Schutz

Gute Nachrichten aus der Hauptstadt: Weitere 13 Berliner U-Bahnstationen der Nachkriegsmoderne stehen, so weist es die jüngst online aktualisierte Denkmalliste aus, unter Schutz – damit sind es jetzt insgesamt 22 Untergrundbahnhöfe. Das Beste daran, (fast) alle freuen sich darüber, allen voran sicher das Landesdenkmalamt Berlin und die „Initiative Kerberos“. Und eine mit vielen Akteuren breit aufgestellte Ausstellung mit Tagung (bzw. eine Tagung mit Ausstellung) ist auch schon in der Röhre.

 

„Einzigartiges Erbe“

Aber der Reihe nach: Im August 2018 hat die Berliner Kulturverwaltung nochmal ein gutes Dutzend U-Bahnhöfe der Nachkriegsmoderne in die Denkmalliste eingetragen. Bereits 2016 trommelte die „Initiative Kerberos“ für die Baukunst im Berliner Untergrund – und warnte vor dessen Zerstörung durch Sanierungsmaßnahmen. In einem offenen Brief wandten sich die Architekturhistoriker und Stadtplaner Verena Pfeiffer-Kloss, Frank Schmitz und Ralf Liptau gemeinsam mit den Architekturgeschichtsprofessoren aller vier Berliner Universitäten an die Öffentlichkeit. „Nicht nur unsachgemäß, sondern geradezu lieblos“, nennt Schmitz rückblickend den damaligen Umgang mit der Moderne. Liptau betont die Bedeutung der U-Bahnstationen als „einzigartiges baukulturelles Erbe“, fielen sie doch angesichts der damaligen deutsch-deutschen Teilung programmatisch opulent aus.

Im Verlauf des Jahres 2016 kamen dann zunächst die nachkriegsmodernen U-Bahnhöfe „Fehrbelliner Platz“ (Rainer G. Rümmler) und „Schloßstraße“ (Ralf Schüler/Ursulina Schüler-Witte) unter Schutz. Das Landesdenkmalamt beauftragte „Kerberos“ mit der Begutachtung der übrigen Stationen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Daraufhin folgten 2017 sieben postmoderne Stationen der 1980er Jahre in Spandau auf die Denkmalliste. Mit den aktuell 22 geschützten nachkriegsmodernen U-Bahnstationen sieht Pfeiffer-Kloss „jetzt den Westberliner U-Bahnbau von der frühen Nachkriegszeit bis in die späten 1980er Jahre“ abgebildet.

 

Berlin als Vorreiter

Mit dieser vernetzten Unterschutzstellung nachkriegsmoderner U-Bahnhöfe ist Berlin deutschlandweiter Vorreiter. Inzwischen haben die Denkmalämter im Rheinland und in München mit einer vergleichbaren Begutachtung begonnen. Für das Frühjahr 2019 ist die Tagung „Underground Architecture Revisited“ in Planung: Das Landesdenkmalamt Berlin, die Berlinische Galerie und die Initiative Kerberos wollen damit die Möglichkeiten der denkmalgerechten Sanierung von U-Bahnstationen in ganz Europa ausloten. Begleitet wird die Tagung von einer Ausstellung zum Berliner U-Bahnbau der Nachkriegsmoderne in der Berlinischen Galerie – eine Aktion, die moderneREGIONAL mit Überzeugung als Medienpartner begleiten wird. (db/kb, 11.11.18)

 

Frisch unter Denkmalschutz

Die meisten dieser Bahnhöfe entstanden nach Plänen des Berliner Baubeamten Rainer G. Rümmler. In den 1960er Jahren verewigten sich dessen Vorgänger Bruno Grimmek bzw. der damalige Senatsbaudirektor Werner Düttmann im Untergrund.

  1. U-Bahnhof Parchimer Allee (Werner Düttmann, 1960-63, Eröffnung 1963)
  2. U-Bahnhof Alt-Tempelhof (Bruno Grimmek, 1961-62, Eröffnung 1966)
  3. U-Bahnhof Westphalweg (Rainer G. Rümmler, 1963-64, Eröffnung 1966)
  4. U-Bahnhof Alt-Mariendorf (Rümmler, 1962-64, Eröffnung 1966)
  5. U-Bahnhof Möckernbrücke (U7) (Rümmler, 1962-65, Eröffnung 1966)
  6. U-Bahnhof Zwickauer Damm (Rümmler, 1967-69, Eröffnung 1970)
  7. U-Bahnhof Kleistpark (Rümmler, 1967-69, Eröffnung 1971)
  8. U-Bahnhof Eisenacher Straße (Rümmler, 1968-70, Eröffnung 1971)
  9. U-Bahnhof Nauener Platz (Rümmler, 1969-1975; Eröffnung 1976)
  10. U-Bahnhof Konstanzer Straße (Rümmler, 1969-73, Eröffnung 1978)
  11. U-Bahnhof Richard-Wagner-Platz (Rümmler, 1973-78, Eröffnung 1978)
  12. U-Bahnhof Jungfernheide (Rümmler, 1974-77, Eröffnung 1980)
  13. U-Bahnhof Mierendorffplatz (Rümmler, 1974-77, Eröffnung 1980)

Titelmotiv: Berlin, U-Bahnstation „Konstanzer Straße“ (Bild: Ingolf, CC BY SA 2.0, 2013)

Die Berliner Passerelle in den "Tributen von Panem" (Bild: youtube-Still, The Hunger Games)

Die Farbe der Angst ist Orange

Der Moment, als die Unterführung dicht hinter den Flüchtenden explodiert, ist nur filmische Fiktion. Noch, denn die Passerelle am Berliner Messedamm soll bald geschlossen werden. Eine Machbarkeitsstudie für den Knotenpunkt Messedamm/Masurenallee/Neue Kantstraße wurde just von der Verkehrsverwaltung ausgeschrieben. Von deren Ergebnis will man die Zukunft des Fußgängertunnels abhängig machen. Zwar sei die 1975 fertiggestellte Anlage gut in Schuss, aber ihr Konzept überholt und der Unterhalt unbezahlbar. Für Cineasten aber hat die orange gekachelte Passerelle, spätestens mit ihrem explosiven Auftritt in „Die Tribute von Panem“, längst Kultcharakter erlangt. Was also tun mit dem „Tunnel des Grauens“ (Tagesspiegel)?

 

Adieu Autogerechte Stadt?

Viel unterirdische Moderne verschwindet in den letzten Jahren, nicht nur in Berlin. Hier waren es z. B. der Straßentunnel vor dem Bikinihaus oder die Unterführung unter dem Alex. Dabei wurden sie einst mit großem Fachwissen erdacht, um die wachsenden Verkehrsströme zu entflechten. Mitte der 1970er Jahre forderte der ICC-Standort zwischen Messedamm und S-Bahngelände die Planer heraus. Da beim entstehenden Internationalen Congress Centrum (ICC) mit zahlreichen „verkehrserzeugenden Veranstaltungen“ zu rechnen war, wollte man es an die S-Bahn anschließen, die nahen Straßenkreuzungen funktional verbessern und ein „EDV-gesteuertes Wegweisungssystem“ einsetzen. Am Ende der überlegten Planungen stand ein vernetztes System aus ober- und unterirdischen Verkehrswegen. Busse sollten oberirdisch zum ICC oder zum nahen Omnibusbahnhof gelangen, Privatwagen ihr Ziel eine Ebene tiefer erreichen. Und für die Fußgänger war ein eigenes Zwischengeschoss vorgesehen.

Ab 1973 wurden die bisherigen Fußgängertunnel unter der Masurenallee und dem Messedamm sowie zwei Spannbetonbrücken zum damaligen Messekreisel abgebrochen, um Platz zu schaffen für neue Versorgungsleitungen und das Parkhaus Süd. 1974 errichtete man eine Stützwand, 1974/75 den Autotunnel zum ICC in Form eines „Hockeyschlägers“, von 1974 bis 1976 die Ausfahrt vom Parkhaus Süd, von 1975 bis 1977 Ausfahrbauwerke aus dem ICC und zuletzt das Treppenhaus zur Bushaltestelle. Am aufwändigsten gestalteten sich 1974/75 die Arbeiten für die Passerelle, das Fußgängerzwischengeschoss unter Messedamm, Masurenallee und Neuer Kantstraße. Damit sah man sich bestens vorbereitet für die Eröffnung des ICC im Jahr 1979.

 

So war es gedacht

Am Ende stand eine Unterführung mit sechs Zugängen, diversen (Roll-)Treppen und Aufzügen sowie einer „Bedürfnisanstalt“. Darüber verliefen die Auto-Verkehrsstraßen Messedamm/Masurenallee/Neue Kantstraße, darunter die Röhre für die U 3. Die Passerelle erhielt einen direkten Zugang zum ICC, Rundstützen, runde braune Deckenleuchten und durchgängig orangefarbene Kacheln. Die anspruchsvolle Stahlbetonkonstruktion musste nach den damals geltenden U-Bahnbaurichtlinien abgedichtet werden. Man ging bis in 16 Meter Tiefe, rechnete wegen des darüber verlaufenden Schwerlastverkehrs mit Belastungen von bis zu 150 Tonnen. Gestalterisch bewegt sich das Fußgängerzwischengeschoss an der Grenze zwischen den ICC-Architekten Ralf Schüler/Ursulina Schüler-Witte und der städtischen Bauverwaltung unter der Leitung von Rainer G. Rümmler. Die Baumaßnahme wurde durchgeführt mit der Bietergemeinschaft Berger-Bauboag/Baresel/Huta-Hegerfeld und kostete insgesamt 16,7 Millionen DM. Grundsätzlich war die Anlage offen für spätere Läden und Kioske, sollte auch bei einem Ausbau der U-Bahn funktionieren – beide Optionen wurden bis heute nicht wahrgenommen.

 

Warum eigentlich nicht?

Nun scheint der einstige Stolz der Verkehrsplaner nicht mehr zeitgemäß. Die Argumente sind die bekannten: Barrierefreiheit, Brandschutz und Fußgängersicherheit. Die Passerelle beruhe „auf den überkommenen Planungsphilosophien der autogerechten Stadt“, werde regelmäßig von Urin und Graffitis verschmutzt und verschlinge jährlich 340.000 Euro Unterhaltskosten. Behalten will man den vorbereiteten, aktuell als musealer Lagerraum genutzten U-Tunnel für eine mögliche Verlängerung von „Uhlandstraße“ bis zum Theodor-Heuss-Platz. Die Passerelle könnte umgebaut, „rückgebaut“ oder „verkehrssicher“ geschlossen werden. Eine letzte Option wird kaum diskutiert – die Weiternutzung zu anderen Zwecken. Der Charlottenburger Baustadtrat Oliver Schruoffeneger (Grüne) brachte eine Öffnung für die „Jugendkultur“ ins Spiel: für Dinge wie Skat, Tischtennis oder Skaten (gegen größere Veranstaltungen spreche der Brandschutz). Und welcher in der Jugendarbeit Aktive hätte sich nicht schon einmal einen nachbarschaftsfreien, vollständig abwaschbaren Raum gewünscht? Hier wäre er, noch dazu in wundervollstem Orange! (kb, 16.2.18)

Titelmotiv: Die Berliner Passerelle in den „Tributen von Panem“ (Bild: youtube-Still, The Hunger Games)

 

 

Literaturauswahl

Dollezal, E./Herrmann, H.-R., Verkehrs- und Tiefbaumaßnahmen zur Erschließung des Internationalen Congress Centrum Berlin (ICC), in: Berliner Bauwirtschaft 28, 177, 18, S. 441-447.

Kurpjuweit, Klaus, Schicht am Ende des Tunnels, in: Der Tagesspiegel 18. Januar 2018.

Kurpjuweit, Klaus, Berlin Charlottenburg-Wilmersdorf. Unterführung am Messegelände wird geschlossen, in: Der Tagesspiegel 18. Januar 2018. 

Machbarkeitsuntersuchung zur Schließung der Passerelle im Knoten Messedamm/ Masurenallee – Neue Kantstraße einschließlich Umgestaltung des Knotenpunktes, hg. von der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz, Berlin, 15. Januar 2018 (Leistungsbeschreibung mit Anlagen).

FOTOSTRECKE: Untergründe

mit Aufnahmen von Holger Happel und Frieder Salm/Berliner Unterwelten e. V.

Berlin, AEG-Versuchstunnel (Bild: Holger Happel)
Berlin, AEG-Versuchstunnel (Bild: Holger Happel)

Das 20. Jahrhundert bescherte Berlin bekanntlich eine äußerst bewegte Geschichte. Während deren architektonische Landmarken oft innerhalb kurzer Zeit wieder verschwanden, zeigen sich die baulichen Zeitzeugen im Untergeschoss der Stadt deutlich langlebiger. Kanäle, Bunkeranlagen, Kellergewölbe und U-Bahn-Schächte beleuchten die wechselnden Stadtkonzeptionen Berlins vor dem Hintergrund rasanter Stadtexpansionen, der NS-Diktatur, des Zweiten Weltkriegs oder der deutschen Teilung. Eine Auswahl haben wir hier zusammengestellt – mit freundlicher Unterstützung der Berliner Unterwelten e. V. Der Verein erschließt die unterirdischen Strukturen der Hauptstadt in speziellen Führungen. Viele der hier gezeigten Orte sind jedoch für gewöhnlich unzugänglich – wir bedanken uns herzlich für die Bilder und diesen exklusiven Einblick in den Berliner Untergrund!

Die in dieser Fotostrecke veröffentlichten Werke unterliegen dem deutschen Urheberrecht. Jede Art der Verwertung, Vervielfältigung, Bearbeitung und Verbreitung bedarf der vorherigen schriftlichen Zustimmung des Berliner Unterwelten e. V.