Die Goldene Abrissbirne 2020 geht an …

Sie ist die einzige ihrer Art: Die „Goldene Abrissbirne“ wird in diesem Jahr zum ersten Mal vergeben. Der Verband Deutscher Kunsthistoriker überreicht sie virtuell an die bayerische Gemeinde Kochel am See, wo (noch) das ehemalige Verstärkeramt steht. Für die Inkunabel, errichtet unter Leitung von Franz Holzhammer, scheint ein Abriss möglich, da bereits ein Bebauungsplan existierte, bevor sie 2018 unter Denkmalschutz gestellt wurde. An ihrer Stelle sollen ein Bauhof und Wohnungen entstehen. Gegen den Abriss dieses bedeutenden Beispiels der Bayerischen Postbauschule wandten sich auch Architekturhistoriker wie Wolfgang Voigt, Wolfgang Sonne und Christoph Hölz – gebracht hat es bislang nichts.

Das Objekt wurde im Juni 2020 in die Rote Liste des Verbands Deutscher Kunsthistoriker aufgenommen. Damals schienen es noch möglich, das Denkmal zu retten und einer sinnvolle Nutzung zuzuführen. Im November schlug man im Handstreich erste große Löcher in die Fassade – scheinbar, um den Abriss vorzubereiten. Noch wäre Rettung möglich, so der Kunsthistorikerverband, und hofft auf einen Effekt der „Goldenen Abrissbirne“. Die Gemeinde Kochel am See wurde über den Preis informiert. (kb, 19.12.20)

Kochel, Verstärkeramt im November 2020 – kombiniert mit dem Signet der „Goldene Abrissbirne“ des Deutschen Kunsthistorikerverbands (Bild: buerger-forum.org (Kochel), Deutscher Kunsthistorikerverband (Logo))

Kochel: Der Abriss läuft

Zum anhaltenden Streit um den Abriss des Verstärkeramts in Kochel (1926/27) am See stand noch ein Urteil des Bayerischen Verfassungsgerichtshofs aus. Anfang November gab’s aber die Überrumpelung: Samstags waren plötzlich die Bagger da und rissen an mehreren Stellen die Fassade auf. Sebastian Salvamoser von der SPD Kochel glüht: „Bürgermeister Holz lässt das (…) wertvolle Gebäude so zerstören, dass ein vollständiger Abriss unvermeidbar wird. Er nutzt damit in mehrfacher Weise die Pandemie für ein höchst undemokratisches Vorgehen: Einerseits sind die Gerichte, (…) wegen der vielen Klagen aktuell überlastet. Andererseits können sich die Bürgerinnen und Bürger derzeit kaum wehren oder informieren, da öffentliche Aktionen (…) durch die Corona-Maßnahmen kaum möglich sind.“ Das Vorgehen nennt die SPD einen Akt der Barbarei.

Das Verstärkeramt, unter Leitung von Franz Holzhammer errichtet, kann abgerissen werden, da bereits ein Bebauungsplan existierte, bevor es 2018 unter Denkmalschutz gestellt wurde. An seiner Stelle sollen ein Bauhof und Wohnungen entstehen. Gegen den Abriss dieses bedeutenden Beispiels der Bayerischen Postbauschule wandten sich auch Architekturhistoriker wie Wolfgang Voigt, Wolfgang Sonne und Christoph Hölz – gebracht hat es nichts. Kochels Bürgermeister Thomas Holz (CSU) dürfte es auch kaum interessieren, dass die Süddeutsche Zeitung in einer Glosse zur Hoppladihop-Teilzerstörung den Begriff „Architektur-Rambo“ verwendete … (db, 19.11.20)

Kochel, Verstärkeramt November 2020 (Bild: Birgitt Borio/ www.buerger-forum.org)

Fall Kochel vorm Verfassungsgericht

Die Debatte um die Zukunft des Verstärkeramts (mR berichtete) im südbayerischen Kochel am See ist noch nicht beendet. Schon seit einigen Jahren schwelt der Streit um das 1927 erbaute Zeugnis der Postbauschule um Robert Vorhölzer. Letzterer war seines Zeichens einer der Vorkämpfer des Neuen Bauens in Süddeutschland und brachte die Moderne vielerorts nach Bayern – so auch an den Kochelsee. Doch hier wünscht man sich anstelle des Kulturdenkmals einen neuen Bauhof, Vereinsräume und Wohnungen. Allerdings erhält die Gemeinde heftigen Gegenwind aus der Bevölkerung. Wie der Bayerische Rundfunk berichtet, hat eine Bürgerinitivative unlängst Beschwerde beim Bayerischen Verfassungsgerichtshof eingereicht.

Damit soll der von der Gemeinde beschlossene Abriss noch abgewendet werden, obwohl das Landesdenkmalamt diesem bereits zugestimmt hatte. Der Vorschlag einer Sanierung des Gebäudes, ins Spiel gebracht von der Bürgerinitivative, konnte die Gemeinde bislang nicht zum Umdenken bewegen. Übrigens ist das Verstärkeramt nicht das einzige bedrohte Zeugnis des Neuen Bauen. Auch ein Ferienheim, 1930 nach Plänen von Emil Freymuth am Kochelsee entstanden, steht seit mittlerweile 10 Jahren leer uns wartet auf neue Nutzung – und womöglich darauf, unter Denkmalschutz gestellt zu werden. (mk, 9.8.20)

Kochel, Verstärkeramt (Bild: Benedikt Köhler, CC BY-SA 2.0)