Leopold Messmer – ein Nachruf

Ja, er habe in Karlsruhe studiert. Und nein, nicht bei Egon Eiermann. Bei dem habe er Anfang der 1960er kurz gearbeitet. In Berlin, beim Bau der Neuen Gedächtniskirche! Als Karin Berkemann und ich Leopold Messmer im Sommer 2017 in seiner Wohnung in Villingen interviewten, war dies einer der größten Aha-Momente. Und von denen gab es bei der Recherche zu unserer Ausstellung märklinMODERNE wahrhaft reichlich. Der gebürtige Furtwanger hat unser Thema – die Vorbildarchitektur von Modellbahnhäuschen – praktisch erfunden. Und das nicht einmal mit Vorsatz: Messmer war von 1954/55 bis Ende der 1980er Firmenarchitekt des Modellbahnzubehör-Produzenten Faller in Gütenbach. Aus seiner Feder stammen die beiden Firmenhochhäuser im Ort, zudem das Rathaus, die Erweiterung der Hanhart-Uhrenfabrik und die Privatvillen der Firmengründer Edwin und Hermann Faller. Dessen Haus, 1961 fertiggestellt, war die “Villa im Tessin”.

Faller-Modell "Villa im Tessin" (Foto: Hagen Stier)

Faller-Modell B 271 “Villa im Tessin” (Foto: Hagen Stier)

Okay, es war nicht die echte Villa im Tessin: Die haben die Brüder Alberto und Aldo Guscetti ein paar Jahre zuvor wirklich dort – in Ambri nahe des Gotthard-Massivs – gebaut. Herrmann Faller, auf dem Weg in den Urlaub dieses Meisterwerks ansichtig, wünschte sich auch solch ein Haus. Und so entstand in Deutschland ein hinreißender Zitate-Bau, im Hochschwarzwald in einen steilen Hang hineingesetzt. Er war gemeinsam mit der Schweizer Villa sogleich Vorbild für den Bausatz “B-271 Villa im Tessin”, den der Faller-Modellbauer Oswald Scherzinger (1929-2018) konstruierte. Hunderttausendfach wurde das Spielzeug ab 1961 produziert, der geflügelte Begriff der “Villa im Tessin” (der Klaus Staeck zu seinem Plakat inspirierte) dürfte damals wohl – bewusst oder unbewusst – durch das mondäne Plastikhäuschen im Maßstab 1:87 entstanden sein. Auch die Faller-Fabrik fand im Hochhausbausatz B-905 einen kleinen Wiedergänger, und noch heute finden sich in Gütenbach etliche reale Gebäude, die stark an die Modellbahn-Kreationen von Faller aus den 1960ern erinnern: Messmer-Entwürfe allesamt.

Das Vorbild zum Faller-Modell "Hochhaus": das Faller-Hochhaus (1959/63, Leopold Messmer) in Gütenbach im Schwarzwald (Copyright: Hagen Stier)

Vorbild des Faller-Modells B-905 “Hochhaus”: die Faller-Fabrik (1959/63, Leopold Messmer) in Gütenbach im Schwarzwald (Foto: Hagen Stier)

Mit den Faller-Brüdern verband Leopold Messmer eine Freundschaft, im Lauf seiner Karriere baute er aber für viele, besaß in den 1980ern zeitweilig das größte Architekturbüro im Kreis Furtwangen. Gelernt hatte er zunächst Zimmermann bei seinem Vater, dann Maurer. Nach dem Krieg folgte die Architekten-Ausbildung am damaligen Staatstechnikum Karlsruhe (heute Hochschule Karlsruhe) und schon 1954 der Start mit dem eigenen Büro. Dies leitet seit 1994 sein Sohn Poldi Messmer, aus der Architektur hat sich Leopold Messmer erst 2010 ganz zurückgezogen. So detailfreudig wie in den Jahren um 1960 sollten seine späteren Gebäude nie mehr sein, doch auch die deutlich nüchterneren Projekte wie die Firmenzentrale der SSS.Siedle ohg oder der Hauptbau der Rehaklinik Katharinenhöhe zeugen von sorgsamer Planung und absolut sicherem Umgang mit Proportionen. Oder anders gesagt: Auch diese Häuser hätten auf einer Modellbahn stehen können. Dorthin schaffen es nur die besten Bauten, nicht unbedingt die spektakulärsten. Bereits am 30. November 2020 ist Leopold Messmer im Alter von 92 Jahren gestorben, wir haben es erst jetzt erfahren. Und sind dankbar, dass wir von ihm noch so viel über die wunderbar verrückte Geschichte der “Villa im Tessin” erfahren durften. Dem vielleicht schönsten Modellbahn-Häuschen aller Zeiten. (db, 22.3.21)

Furtwangen 2017: Leopold Messmer signiert Villen-Bausätze

Leopold Messmer 2017 (Bild: Daniel Bartetzko)

Klaus Staeck feiert einen runden Geburtstag

“Heute noch – ich bin sehr viel mit der Bahn unterwegs – gibt es immer mindestens einen der kommt und sagt: ‘Sind Sie nicht der mit der Villa im Tessin?'” So erzählte Klaus Staeck im Interview für die Ausstellung “märklinMODERNE” (Vernissage am 18. Mai im Deutschen Architekturmuseum Frankfurt). International bekannt wurde der 1938 geborene Grafikdesigner, der Ausbildung nach ernsthafter Jurist, als politischer Plakatkünstler. 1972 gestaltete er ein damals aufsehenerregendes Plakat zur Bundestagswahl : “Deutsche Arbeiter! Die SPD will euch eure Villen im Tessin wegnehmen”. Die darunter abgebildete Villa erscheint vielen Modellbahnern wohlbekannt, erinnert sie doch an den Faller-Bausatz „Villa im Tessin”.

Dabei zeigt das Motiv eigentlich ein Stuttgarter Wohnhaus (Chen Kuen Lee, 1961), dessen Foto auch noch um ein Stockwerk eingekürzt wurde, um Platz für den Text zu schaffen. Staeck ging es weniger um den Plastikbausatz (das sei ihm erst später aufgegangen), als vielmehr um das italiensehnsüchtige Neureichentum der Nachkriegsjahrzehnte. Bis heute mischt er sich kunstvoll und leidenschaftlich in den politischen Diskurs ein. Der langjährige Präsident der Akademie der Künste und bekennende Bahnfahrer feiert heute seine 80. Geburtstag – wir gratulieren! (kb, 28.2.18)

Klaus Staeck – vor seinem berühmten Plakat, mit dem Faller-Modell “Villa im Tessin” – im Interview für “märklinMODERNE” (Screenshot aus dem Film zur Ausstellung, Regie: Otto Schweitzer)