Vitsoe

Architektur im Alltag: der Vitsoe 620

Kronberg, Roter Hang (Bild: K. Berkemann)
Eine „Ikone des Möbeldesigns“: der Vitsoe 620 im Kronberger Eigenheim seines Erfinders Dieter Rams (Bild: K. Berkemann)

Manchmal sagt ein Gebrauchsgegenstand mehr über einen Bau als eine lange kunsthistorische Beschreibung. Spiegelt er doch, mit welchem Leben die Menschen hier den hehren Architektenentwurf füllen, ob sie ihren Platz im Raum gefunden haben. Im diesem Fall geht es um einen Sessel, der es rasch zum Designklassiker geschafft hat: der Vitsoe 620, ein Werk des langjährigen Braun-Designers Dieter Rams (* 1932). Viele seiner Entwürfe – wie das Audiomöbel „Phonosuper SK4“, der sog. Schneewittchensarg – sind längst Kult. Seine Designphilosophie wird heute an den Hochschulen gelehrt, seine  klaren Formen werden von internationalen Marken wie Apple zitiert. Auch mit renommierten Herstellern wie Vitsoe (+ Zapf) oder FSB entwickelte Rams allerlei Funktionales und Formschönes für den Alltag: darunter der legendäre Vitsoe-Sessel 620 aus dem Jahr 1962, der aktuell im Vitra Design Museum zu bestaunen ist. Oder man wirft einen Blick in Rams Eigenheim, das er mit Eigenentwürfen ausgestattet hat.

 

Eleganz in der Bungalowsiedlung

Rams schuf ein so vielgestaltiges Werk („Gutes Design umfasst doch das ganze Leben.“), dass er sein Domizil problemlos mit eigenen Entwürfen ausstatten konnte. An den Hängen der Taunusstadt Kronberg, in der Neubausiedlung Roter Hang, liegt sein modernes Wohn- und Atelierhaus aus dem Jahr 1971. An der Idee zur Neubausiedlung „Roter Hang“, dessen Vorbild u. a. in der schweizerischen Siedlung Halen (Aterlier 5, 1962) liegt, hat Rams prägenden Anteil – ausgeführt wurde sie vom Königsteiner Architekten Rudolf Kramer mit dem Bauträger Polensky & Zöllner.

Die Siedlung am Hang umfasst – zwischen an den Rand gesetzten Doppel- und Mehrfamilienhäusern – vor allem Einzelbungalows. Ineinandergefügt umfangen sie geschützte „Intimhöfe“, für jede Familie einen. Die Garagen wurden ursprünglich am Eingang zur Siedlung zusammengefasst, im Inneren blieben die Wege und Treppen zwischen den Häusern ohne Autoverkehr. Für sein eigenes Domizil am oberen Rand des Roten Hangs verband Rams zwei Standard-Bungalows: im Norden das Wohnhaus, am Hang nach Süden das Atelier mit Büro und Werkstatt. Mit zwei kleinen Ausnahmen von der übrigen Siedlung, einem Carport und einem Pool („Für meinen Rücken muss ich viel schwimmen.“).

 

Gemütlichkeit in „der Molkerei“

Das Haus Rams trug in der Siedlung rasch den Spitznamen „Molkerei“, wegen der weiß gefliesten Böden. Im Wohnbereich kombiniert er Design-Klassiker wie Thonet-Stühle mit Eigenentwürfen. Ob im Wohn- oder Arbeitsbereich (eine freie Stufe markiert den Übergang), alles entspricht dem Rams-Ethos („Less but better.“).  Er lernte die (Möbel-)Schreinerei als Kind in der Werkstatt seines Großvaters kennen. Nach dem Krieg studierte Rams an der Werkkunstschule Wiesbaden, arbeitete im Anschluss kurz im Frankfurter Architekturbüro Otto Apel , um schließlich seine Lebensaufgabe als Designer für Braun zu finden.

Der Vitsoe-Showroom in Frankfurt, ca. 1971 (Foto: Ingeborg Kracht Rams)
Das Sesselprogramm 620 im Jahr 1971, im Jahr der Fertigstellung des Rams-Bugnalows in Kronberg, im Vitsoe-Showroom in Frankfurt am Main (Foto: Ingeborg Kracht Rams)

Für Vitsoe (damals Vitsoe & Zapf) entwarf Rams ab 1960 Regal (606), Tisch (621) und besagten Sessel. Sie sind als System kombinier- und ausbaubar, so kann man z. B. zwei 620 zu einem Sofa verbinden. Der Original-Sessel bestand aus einer fiberglasverstärkten Kunststoffschale mit Sprungfederkern für die Sitzkissen. Wer den 620 selbst be-sitzen mag, kann ihn (für eine vierstellige Summe) in der überarbeiteten Neuauflage erwerben: die Außenschale aus gefrästem Birkensperrholz, die Sprungfedern mit einer „latexierter Kokosfasermatte“ abgedeckt, die Kissen in Anillin-Vollleder gehüllt. Doch die Schale wird weiterhin in den Originalformen hergestellt, ist also nach wie vor mit den ersten Stücken der Möbelserie kompatibel. In Kronberg soll aktuell die Siedlung „Roter Hang“ mitsamt Rams-Doppelbungalow unter Denkmalschutz gestellt werden – und der berühmte Sessel mittendrin. (kb, 18.11.16)

 

Mehr?

Lesen Sie das ausführliche Interview, das mR mit Dieter Rams 2014 in seinem Kronberger Domizil führen konnte, blättern Sie durch „Less but better“ von Jo Klatt oder besuchen Sie die Ausstellung „Dieter Rams. Modular World“, die noch bis zum 12. März 2017 im Vitra Museum zu sehen ist.

„Und wieder hatte ich Glück …“

INTERVIEW: Zu Hause bei Dieter Rams

 

Kronberg, Roter Hang (Bild: K. Berkemann)
Der Braun-Designer Dieter Rams zeigt sein Kronberger Atelier- und Wohnhaus (Bild: K. Berkemann)

Wie wohnt ein Designer, der das Zuhause von zwei Generationen eingerichtet hat? Ganze 40 Jahre war Dieter Rams (* 1932) für den Elektrogerätehersteller Braun kreativ. Viele seiner Entwürfe – wie das Audiomöbel „Phonosuper SK4“, der sog. Schneewittchensarg – sind längst Kult. Ihre klare Formen werden heute von internationalen Marken wie Apple zitiert. Ob Sessel, Regal oder Türklinke, mit renommierten Herstellern wie Vitsoe (+ Zapf) oder FSB entwickelte Rams alles Denkbare für Arbeit und Freizeit. Ein so umfassendes Lebenswerk, dass Rams sein Domizil problemlos mit eigenen Entwürfen ausstatten konnte. An den Hängen der Taunusstadt Kronberg, in der Neubausiedlung Roter Hang, liegt sein modernes Wohn- und Atellierhaus aus dem Jahr 1971. Und mit dessen Gestaltung ist der gelernte Innenarchitekt ebenfalls eng verwoben. Herr Rams, Sie leben inmitten Ihrer eigenen Entwürfe. Haben Sie denn nie frei? Warum sollte ich? Gutes Design umfasst doch das ganze Leben. Darum haben wir damals am Roten Hang zwei Grundstücke bebaut: im Norden das Wohnhaus, am Hang nach Süden das Atelier. Hier richtete ich mir ein Büro und eine Werkstatt ein. Meine Frau – sie ist Fotografin – hatte lange eine Dunkelkammer. Wohn- und Arbeitsbereich sind über einen Flur verbunden. Eine freie Stufe markiert, dass zwei Dinge gleichberechtigt aufeinander treffen. Aber manchmal sitze ich hier einfach auch nur gerne. Und der Pool in Ihrem Garten? Eine Ausnahme in der Siedlung. Für meinen Rücken muss ich viel schwimmen. Und ich schaue gerne vom Büro und Wohnzimmer auf den Pool.

Kronberg, Roter Hang (Bild: K. Berkemann)
Im Wohnzimmer mischt Rams Thonet-Stühle unter eigene Entwürfe (Bild: K. Berkemann)

„Gutes Design ist ästhetisch. … Denn ganz sicher ist es unangenehm und mühsam, Tag für Tag mit Produkten zu tun zu haben, die verwirrend sind, die einem buchstäblich auf die Nerven gehen“. (D. Rams, Zehn Thesen zum Design, 1995)

Angefangen haben Sie mit der Architektur? Den Beschluss fasste ich in der Werkstatt meines Großvaters, in der ich groß geworden bin. Er war Schreiner und Spezialist für Oberflächen. Wenn es ein Klavier zu restaurieren gab, war er der richtige Mann. Nach dem Krieg hatte ich Glück und studierte an der Werkkunstschule Wiesbaden. Vertreten waren alle Richtungen, von der Mode über die Keramik bis zur Gebrauchsgrafik. Wie ein kleines Bauhaus. Und wieder hatte ich Glück und konnte 1953 im Frankfurter Architekturbüro Otto Apel anfangen.

Bis Sie Erwin Braun begegnet sind … Richtig, durch ihn kam ich zum Design. Erwin und Artur Braun bauten damals etwas Neues auf. Die Firma expandierte von Frankfurt nach Kronberg. Mit der Ulmer Hochschule für Gestaltung entwickelten wir moderne Elektrogeräte – von Radio bis zum Rasierapparat.

Kronberg, Roter Hang (Bild: K. Berkemann)
Der heimische Werkstattraum entstanden viele Entwürfe (Bild: K. Berkemann)

„Gutes Design ist unaufdringlich. Produkte, die einen Zweck erfüllen, haben Werkzeugcharakter. Sie sind weder dekorative Objekte noch Kunstwerke. Ihr Design sollte daher neutral sein“. (D. Rams, Zehn Thesen zum Design, 1995)

Was war Ihr Gestaltungsprinzip? „Less but better.“ Später habe ich für Studenten, aber nicht nur für Studenten, die „Zehn Gebote zum Design“ formuliert. Gutes Design ist ästhetisch, funktional, … Aber es läuft immer wieder auf diesen einfachen Satz hinaus: Weniger, aber besser. Die Firma Braun erwarb von der Stadt Kronberg das Vorkaufsrecht für den Roten Hang. Was sollte hier entstehen? Erwin Braun hatte eine Vision. Schon 1954 gründete er für das Unternehmen einen Gesundheitsdienst mit Gymnastikraum und Diätküche. Am Roten Hang sollte eine Siedlung für Mitarbeiter und Gäste entstehen. Von einer Reise nach Bern brachte ich die Idee der modernen Halensiedlung mit: maßstäbliche Reihenhäuser mit viel Lebensqualität. Als Braun an Gillette verkauft wurde, wurde die Siedlung schließlich durch den Königsteiner Architekten Rudolf Kramer und den Frankfurter Bauträger Polensky & Zöllner umgesetzt.

Kronberg, Roter Hang (Bild: K. Berkemann)
Der Vitsoe-Sessel 620, von Rams 1962 entworfen, in der Selbsterprobung (Bild: K. Berkemann)

„Gutes Design ist innovativ. … darin, dass es im Hinblick auf die Funktionen eines Produkts deutliche Fortschritte erreicht. Die Möglichkeiten dafür sind noch längst nicht ausgeschöpft.“ (D. Rams, Zehn Thesen zum Design, 1995)

Dann wurde es eine Siedlung für Braun-Mitarbeiter? Eingezogen sind nur vier Braun-Mitarbeiter. Zumeist kamen junge Familien. Anfangs gab es Straßenfeste, gemeinsame Fahrdienste für die Kinder … Doch schnell machten viele Karriere, bekamen eine Stelle in Hamburg oder New York und zogen weg. Was wird jetzt aus der damaligen Utopie? Mit meiner Frau habe ich eine Stiftung gegründet, die sich um Forschung und Lehre für gutes Design kümmert. Und für den Roten Hang können wir nur hoffen. Es lässt sich hier sehr gut leben. Aber wir müssen gemeinsam darauf achten, dass die guten Dinge bleiben: die klaren Formen und Farben, die verschlungenen Fußgängerwege ohne störende Autos, die flachen Dächer mit dem weiten Blick ins Grüne.

Das Gespräch führte Karin Berkemann (Heft 14/1).

 

Zur Person Dieter Rams

Kronberg, Roter Hang (Bild: K. Berkemann)
Dieter Rams vor seinem Kronberger Bungalow mit Pool (Bild: K. Berkemann)

Dieter Rams, geboren 1932 in Wiesbaden, gilt als führender Industriedesigner der deutschen Nachkriegsmoderne. Sein Studium an der Werkkunstschule Wiesbaden – unterbrochen durch ein Tischler-Praktikum – schloss er 1953 als Innenarchitekt ab. Nach zwei Jahren beim Frankfurter Architekturbüro Otto Apel wirkte Rams von 1955 bis 1995 als Designer für die Firma Braun und gestaltete Produkte für weitere Markenhersteller. Rams lehrte an der Hamburger Hochschule für bildende Künste und erhielt zahlreiche internationale Ehrungen.

Ein Rundgang durch den Roten Hang