Was Gropius für Halle plante

Eine moderne Stadtkrone sollte es werden, als der Architekt Walter Gropius 1927 am Wettbewerb für einen monumentalen Kulturbau in Halle/Saale teilnahm: mit Konzert- und Kongresshalle, Sportforum und Kunstmuseum. Der Gropius-Entwurf „Hängende Gärten“ wurde seinerzeit weder prämiert noch umgesetzt. So ist es dem Kunstmuseum Moritzburg – in Kooperation mit dem Studiengang Multimedia | VR-Design der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle – zu verdanken, dass den Plan aus der Schublade geholt und virtuell in 3D umgesetzt wurde. Im rekonstruierten Innenraum stellte man eigens die 1937 beschlagnahmte moderne Kunstsammlung anhand von Bildscans nach. Die Simulation ist noch bis zum 19. Januar 2020 erlebbar wird – mit VR-Brille.

Dieses Projekt ist Teil der großangelegten Sonderausstellung „Das Comeback“, einem Beitrag zum Bauhaus-Jubiläumsjahr. Hierfür wurde die erste moderne Sammlung des Kunstmuseums Moritzburg rekonstruiert und um weitere Meisterwerke dieser Stilphase ergänzt. In Halle ist die Schau noch bis zum 12. Januar 2020 zu sehen. Wer das Bauhaus ganz handfest mit nach Hause tragen möchte, dem sei noch die Meißen-Kandinsky-Edition empfohlen, die einen bislang unverwirklichten Geschirrentwurf des abstrakten Malers auflegt. (kb, 11.10.19)

Halle/Saale, VR-Installation mit allen 1937 beschlagnahmten Werken (Bild: Team Stadtkrone.VR, Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle, ©VG Bild-Kunst, Bonn 2019)

Jeder hier nennt mich Frau Bauhaus

Inzwischen hat es sich herumgesprochen, dass viele „Frauen hinter“ den Architekturgrößen mehr zu bieten haben, als bislang in den Architektur-Geschichtsbüchern erzählt wird. Eine von ihnen, Ise Frank, stand in den 1920er Jahren am Anfang einer Karriere als Buchhändlerin und Rezensentin, als sie mit 26 Jahren auf Walter Gropius traf. Die Tochter aus großbürgerlichen jüdischen Verhältnissen wurde die zweite Ehefrau des Bauhaus-Gründers, als dessen Sekretärin sie wirkte. Zugleich prägte sie als Journalistin und Autorin den Kurs des Bauhauses entscheidend mit. Und sie hütete den Gral der Bauhaus-Ideale, damit diese in der NS- und Nachkriegszeit nicht vergessen wurden.

Jana Revedin, Professorin für Architektur und Städtebau an der Ecole spéciale d’architecture de Paris, widmete Ise Frank/Gropius 2018 einen eigenen historischen Roman und holte sie damit hinein in die mediale Aufmerksamkeit des Bauhaus-Jubiläums. Am 26. Mai liest die Autorin um 15.30 Uhr im Deutschen Architekturmuseum Frankfurt aus ihrem Werk. Die Veranstaltung bildet eine Kooperation mit hr2-Kultur und dem Hessischen Literaturrat im Rahmen des Netzwerkprojekts „Literaturland Hessen“ zum „Tag für die Literatur“. (kb, 25.5.19)

Revedin, Jana, Jeder nennt mich hier Frau Bauhaus. Das Leben der Ise Frank, Dumont Verlag, Köln 2018, 304 Seiten, ISBN 978-3-8321-8354-7.

„Jeder hier nennt mich Frau Bauhaus“ (Bild: Dumont Verlag, Buchcover)

Gropius gefunden

Waren Sie schon mal in Kirchbrak? Zugegeben, moderneREGIONAL auch nicht. Der Ort mit 994 Einwohnern gehört zur Samtgemeinde Bodenwerder-Polle im Landkreis Holzminden und könnte bald zur Architektur-Tourismusattraktion werden. Denn hier steht ein vermeintlich vergessener echter Gropius – ein Fabrikgebäude der Holzbearbeitungs-Firma August Müller und Co. (AMCO), das 1925 errichtet und 2017 stillgelegt wurde. Doch der großen Namen nicht genug: Die Bauunterlagen sind allesamt von Ernst Neufert unterzeichnet, der damals bei Walter Gropius angestellt war, ehe er 1926 als Professor für Planung an die neue Bauhochschule Weimar wechselte. Doch egal, ob nun mehr Gropius oder mehr Neufert in dem großzügig verglasten Stahlskelettbau stecken, ist es ein Kuriosum, dass er im Bauhaus-Feierjahr als Wiederentdeckung gilt und tatsächlich nicht unter Denkmalschutz steht.

Der ortsansässige Ingenieur Günter Staeffler hat das Denkmalamt schon vor Jahren erfolglos auf den Bauhaus-Bau hingewiesen. Ein Beitrag von Wilhelm Klauser in der Bauwelt 16.2018 hat wohl endlich Bewegung in die Sache gebracht, und schließlich berichtete der NDR Ende März 2019 über das erste Gebäude, das das Atelier Gropius nach dem erzwungenen Wegzug aus Weimar realisierte. Nun wird der vergessene Bau unter Schutz gestellt, auch die Eigentümerin signalisierte Gesprächsbereitschaft für eine neue, denkmalgerechte Nutzung. Unser Urlaubstipp 2019: Besuchen Sie doch mal Kirchbrak! (db, 19.4.18)

Kirchbrak, Amco-Gebäude 2019 (Bild: Axel Hindemith, CC BY SA 3.0)