Anklam: Wenn die letzte Platte fällt

Zu den letzten Wahlen warb „Die Partei“ in Vorpommern mit dem Slogan: „Damit Greifswald nicht Anklam wird!“ Die Wahrheit hinter dem ironisch gemeinten Spruch ist eine bittere: Im Vergleich zur bildungsbürgerlichen Wohlfühlatmosphäre der Universitäts- und Hansestadt Greifswald gilt Anklam oft als das hässliche Entlein. Die von Abwanderung und Rückbau gebeutelte Hafenstadt wirkt auch politisch braun getönt.

Blickt man allein auf die Bauten der Altstadt, ist der schlechte Ruf jedoch unbegründet: Vom gotischen Rathaus bis zum pittoresken Hafen, Anklam hat Besuchern wie Bewohnern viel zu bieten. Bis vor Kurzem gehörte auch ein respektabler Block Ostmoderne zwischen Markt und Nikolaikirche dazu – gestaltet in der klassischen WBS-70-Platte. Doch im Bemühen, gegen das Schmuddelimage anzubauen, wurden bereits weite Teile dieser Wohnbauten niedergelegt. Noch zwei Plattenbauten sind übrig in der Max-Sander-Straße – und diese sollen, wie die städtische Grundstücks- und Wohnungswirtschaft Anklam (GWA) ankündigt, nun Ende Juni fallen. Die Sanierung der Bestandswohnungen habe sich als unwirtschaftlich erwiesen. An ihre Stelle sollen neue kleinteilige Wohnbauten treten. (kb, 1.6.20)

Anklam, Ausgrabungen am Markt mit inzwischen abgerissenem Plattenbau im Hintergrund (Bild: Chron Paul, CC BY SA 3.0, 2003)

Geschützte Terrassen

Das Terrassenhochhaus in der Bertolt-Brecht-Straße in Rostock-Evershagen steht ab sofort unter Denkmalschutz. Seit 1977 prägt die als „Stadt in der Stadt“ konzipierte Wohnscheibe, die aus den WBS 70-Plattenelementen montiert wurde, den Stadtteil. Der Rostocker Architekt Peter Baumbach präsentierte die kühnen Planungen für das 4000 Menschen Wohnraum bietende Gebäude 1969 auf der Ostseemesse: begrünte Dachgärten, Kindertagesstätte, Restaurants, Waschsalon, Sauna und Bibliothek waren integriert. Die DDR-Wohnarchitektur sollte seinerzeit in der europäischen Liga mitspielen. Realisiert wurde auf Druck der Regierung dann eine abgespeckte Version ohne Grün und Sauna, die aber immer noch als großer Wurf galt. Und bis heute bei den Bewohnern beliebt ist.

„Das war damals auf der Höhe der Zeit der internationalen Architektur“, sagt Rostocks Stadtkonservator Peter Writschan. Trotz aller Reglementierung hätten die Architekten aus den Möglichkeiten der WBS 70 das Beste herausgeholt. Zudem hat die kommunale Wohnungsgesellschaft WIRO in den 1990ern die Gebäude in der Bertolt-Brecht-Straße ohne Fassadendämmung saniert – was sie gerettet hat: Die Außenhüllen samt Terrassen der Hausnummern 8 bis 10 sind nun als Einzeldenkmale ausgewiesen. Der Terrassen-Block war die erste Großwohneinheit Rostocks und Vorbild unter anderem für die Südstadt und Lichtenhagen. (db, 18.12.19)

Rostock-Everhagen, Bertolt-Brecht-Straße (Bild: Florian Koppe, CC BY-SA 3.0)