Jürgen Patzschke ist gestorben

Am 10. September verstarb Jürgen Patzschke im Alter von 81 Jahren. Bekannt wurde er gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder Rüdiger in den 1990er Jahren als einer der beiden „Adlonarchitekten“. Ihre Pläne für den Wiederaufbau des Grandhotels lösten in den 1990er Jahren eine große Debatte aus – über die Rekonstruktion an sich und im wiedervereinigten Berlin im Besonderen. Die Patzschke-Brüder handelten unter dem tiefen Eindruck der Zerstörung – schon im Kindesalter sollen sie mit Schaudern beobachtet haben, wie man den Stuck von den Gründerzeithäusern schlug.

Studiert hatten beide in Berlin. Auf die Tabula-rasa-Mentalität der Moderne antworteten sie schon früh mit dem Rückgriff auf historische Bau- und Siedlungsformen, die sie nicht postmodern neu arrangierten, sondern möglichst originalgetreu wiederaufleben ließen. Zunächst stieß ihr Ansatz auf wenig Gegenliebe. Doch im Berlin der Wendezeit, unter der Bauverwaltung von Hans Stimmann, rannten sie mit dieser Haltung schließlich offenen Türen ein. Der Erfolg gab ihnen zuletzt Recht, dem Adlon folgten zahlreiche weitere Aufträge – das 1968 begründete Büro wird inzwischen erfolgreich in der nächsten Generation fortgeführt. (jm, 21.9.20)

Berlin, Hotel Adlon (Bild: © Raimond Spekking, CC BY SA 4.0, via wikimedia commons, 2004)

Im Gespräch: Der Mainzer Ernst-Ludwig-Platz

Lange Zeit wurde der Ernst-Ludwig-Platz vernachlässigt, nun wird er zum Stadtgespräch: Am Donnerstag, den 16. Januar 2020 um 18 Uhr findet im Landesmuseum Mainz eine Gesprächsrunde mit dem Thema „Der Ernst-Ludwig-Platz in Mainz. Ein Freiraum der Nachkriegsmoderne im Spannungsfeld zwischen denkmalpflegerischer Würdigung, städtebaulicher Verdichtung und historisierender Neuschöpfung“ statt. Thomas Metz von der Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz wird mit einem Einführungsvortrag über die Hintergründe des Mainzer Wiederaufbaus informieren und die Entwürfe der beteiligten Planer Egon Hartmann und Ernst May vorstellen. Der Eintritt ist frei.

Den Rahmen für Vortrag und Gesprächsrunde bildet die aktuelle Ausstellung des Landesmuseums über den Architekten Egon Hartmann. Eine sehenswerte Ausstellung, da Hartmann sowohl in der DDR als auch in der BRD wichtige Positionen bekleidete und für die Nachkriegsarchitektur von der Stalinallee in Berlin bis zum Münchener Stadtteil Neuperlach wesentliche Impulse gab. Der breiten Öffentlichkeit blieb er jedoch bisher weitgehend unbekannt. Die Ausstellung ist noch bis zum 1. März 2020 im Landesmuseum Mainz zu sehen. (mk, 15.01.20)

Wirtschaftswunder in Käfertown

Die Stadt Wolfsburg ist noch jung: 1938 wurde sie als „Stadt des KdF-Wagens bei Fallersleben“ gegründet. Aus dem NS-Projekt KdF-Wagen wurde der weltberühmte VW Käfer, und die Stadt rund ums imposante Automobilwerk erhielt am 25. Mai 1945 den Namen Wolfsburg – analog zum nahegelegenen Schloss Wolfsburg. Was folgte, war ein ganz eigenes Wirtschaftswunder. Hier wurde kein Wiederaufbau betrieben, hier entstand eine komplett neue Großstadt in der Formensprache der Nachkriegs- und Spätmoderne. In Wolfsburg bauten unter anderem Hans Scharoun, Alvar Aalto und Zaha Hadid.

Dem stürmischen Stadtaufbau kann man derzeit im Stadtmuseum Wolfsburg noch einmal in Farbe beiwohnen. Rummel an der Stadthalle, Ruderboote auf dem Schillerteich, nächtliche Neonwerbung in der Porschestraße: Festgehalten hat diese Motive der Lehrer und engagierte Hobbyfotograf Wilhelm Marschner (1907-1984), der mit sicherem Blick und großem Können die Stadt und ihre Menschen in den Jahren des Booms verewigte. Das Stadtmuseum im M2K zeigt Marschners Wolfsburg-Ansichten im Rahmen einer Sonderausstellung noch bis 19. April (der Eintritt ist frei). Begleitend gibt es am 16. Februar um 15 Uhr eine Führung mit dem Kurator Dr. Arne Steinert und am 19. März um 18.30 dann auch einen klassischen Dia-Abend mit den historischen Bildern von „Käfertown“. (Kulturwerk im M2K, Goethestraße 48, 38440 Wolfsburg). (db, 14.1.20)

Wolfsburg, Porschestraße, um 1960 (Bild: Wilhelm Marschner/Stadtmuseum Wolfsburg)