Loos-Villa in Nöten

1912/13 gestaltete der Architekt Adolf Loos für den Rechtsanwalt Gustaf Scheu n Wien ein Terrassenhaus, wie es Mitteleuropa bis dahin noch nicht gesehen hatte. Das Flachdach wurde nach Osten, zur Sonne hin mehrfach abgetreppt. sodass jede Wohnebene ihre eigene Dachterrasse erhielt. Im Inneren fanden vorwiegend fest eingebaute, nach dem Entwurf des Architekten gefertigte Möbel ihren passgenauen Platz. Um die Baugenehmigung zu erhalten, musste Loos der Stadt zusichern, die Fassade zu begrünen. Und er erhielt die Auflage, eine passende Planung für die (nicht umgesetzte) Bebauung des Nachbargrundstücks vorzulegen. Da dieses Haus ein gekuppeltes Dach erhalten hätte, war für die angedachte Verbindung beider Bauteile scherzhaft von der „Scheu-Lok“ die Rede. Im Werk des Architekten nimmt dieses Terrassenhaus in seiner klaren kubischen Form eine frühe Sonderstellung ein.

Die Konzeption von Loos wurde bereits 1923 verändert, indem eine der Dachterrassen aufgemauert wurde. Doch 1978/79 führte man die Inkunabel in den Ursprungszustand zurück. Bislang hatte das Haus besondere Aufmerksamkeit und denkmalpflegerisch sensible Besitzer:innen genossen. In diesem Sommer aber wollte der neue Eigentümer das Haus auf eigene Faust sanieren, ohne Genehmigung. Dabei steht der Bau, samt Innenausstattung, seit 1971 unter Denkmalschutz. Die Initiative „Bauten in Not“ wurde auf die rechtswidrigen Arbeiten aufmerksam, als sie eine Gerüststellung am Haus bemerkte (auch von einem Kran ist die Rede) und die Behörden informierte. Im Inneren hatte der neue Eigentümer feste Einbauten und Fliesen entfernt. Nach Aussage der Expert:innen sind diese Veränderungen wohl reversibel. Vom Bundesdenkmalamt wurde Ende September ein Baustopp verhängt, um Schlimmeres zu verhindern. Nun werden die Behörden wohl ein genaues Auge auf die weiteren Planungen haben. (kb, 27.10.21)

Wien, Haus Scheu (Bild: John Lord, CC BY 2.0, 2018, via flickr)

Wien, Nachkriegsmodern

Architektur und Design der 1950er bis 1960er Jahre findet man überall in Wien. Ob Wohnbauten, öffentliche Gebäude, städtische Infrastruktur oder Freizeitanlagen: Vieles aus dieser Zeit wird auch heute noch von uns allen genutzt. Während jedoch Landmarks wie die Stadthalle oder der Ringturm Beachtung finden, wird das „Mid-Century Design“ im Alltag gern übersehen. Das mag auch an der Formensprache liegen: Es ist keine Avantgarde, die uns hier begegnet, sondern eine konservative Moderne aus dem restaurativen politischen Klima der Nachkriegszeit – angesiedelt zwischen Beschwingtheit und Biederkeit; nur keine Experimente. Zum Zug kamen vornehmlich Architekten, die auch während der NS-Zeit, im Austrofaschismus oder im Roten Wien bauen durften. Die nach dem „Anschluss“ 1938 vertriebenen oder schon zuvor emigrierten Architekt*innen fanden nach 1945 in Wien kein Betätigungsfeld mehr, eine junge Generation stand erst in den Startlöchern. 

Die allgegenwärtigen Zeugen der Nachkriegsmoderne in Wien sichtbar zu machen, war das Ziel des Grafikers Tom Koch. Gemeinsam mit dem Fotografen Stephan Doleschal hat er ein Buch und eine Ausstellung konzipiert und dafür Gebäude, Interieurs und „Stadtmöbel“ aus den Jahren 1950 bis 1965 aufgespürt. Neben Ikonen wie dem Gartenbaukino, der Stadthalle oder dem Café Prückel sind auch weniger bekannte Beispiele des Mid-Century-Designs vertreten. Darunter befinden sich öffentliche Bauten wie die Hans-Radl-Schule in Gersthof, die Senderanlage Bisamberg oder das Atominstitut beim Prater, Freizeitangebote wie die Minigolfanlage am Postsportplatz in Hernals und das Bundesbad Alte Donau sowie Geschäftslokale wie „Nähzubehör Hartinger“ in der Spiegelgasse 13 (1. Bezirk). Die Ausstellung, ab dem 23. September beim WienMuseum am Karlsplatz Open Air zu sehen, präsentiert diese Fundstücke nach dem Baukastenprinzip: Formen, Farben und typische Materialien laden dazu ein, die Stadt mit geschärfter Wahrnehmung selbst neu zu erkunden. Das Thema passt perfekt zum Ausstellungsort: Denn das Wien Museum, 1959 als Historisches Museum der Stadt Wien eröffnet, ist ein weiteres herausragendes Beispieljener Ära. (db, 11.9.21)

Wien, Hans-Radl-Schule (Bild: Stephan Doleschal/ Mid-Century Vienna)

70 Jahre Siemensstraße

Mehr als 86.000 Wohnungen waren nach dem Zweiten Weltkrieg in Wien zerstört. Die Stadt reagierte 1950 mit einem „Schnellbauprogramm“ zur Schaffung von zusätzlichem sozialen Wohnraum. Federführend war der moderat moderne Architekt Franz Schuster (1892-1972). Nach seinen Plänen entstand 1950-54 die Siedlung Siemensstraße im Gemeindebezirk Floridsdorf. Eingebettet in Frei- und Grünflächen („Soziales Grün“) wurden Zeilenwohnbauten errichtet, dazu ein Volksheim, ein Kindergarten, ein Kinderfreibad und eine Ladenzeile. Charakteristisch für diese Nachkriegssiedlungen ist die sogenannte Duplex-Wohnung: eine Kleinwohnung, die bei Bedarf zusammengelegt werden konnte. Mit über 1.700 Wohnungen war die Siedlung zur Bauzeit die größte kommunale Wohnhausanlage Wiens

In die Zeit des „Schnellbauprogramms“ führt nun die Ausstellung „Terra Nova. 70 Jahre Siemensstraße“ zurück, die sich mit der mittlerweile denkmalgeschützten Siedlung befasst. Erstellt wurde sie vom Nachbarschaftsservice wohnpartner (Team 21), dem Referat Wohnbauforschung und internationale Beziehungen und dem Wien Museum. In Zusammenarbeit mit ZeitzeugInnen konzipiert, streift man auch die Wohnkultur und das Alltagsleben der 1950er-Jahre. Im Ausstellungsraum warten neben historischen Plänen und Fotos auch Leihgaben wie das Lohner-Moped „Sissy“ und Exponate der SW-Möbellinie (Soziale Wohnkultur) auf die Besucher. Öffnungszeiten (nur nach Voranmeldung): freitags 12.00-18.00 Uhr bzw. nach Terminvereinbarung in der „Duplex-Wohnung 21.“, Scottgasse 5, Stiege 107/1. Aufgrund der COVID-Vorgaben ist eine Terminvereinbarung unter Tel. 0043/1/24 503-21080 (Mo.-Fr. 9:00 bis 16:00) oder lokal21@wohnpartner-wien.at) unbedingt erforderlich. (db, 20.10.20)

Wien Großjedlersdorf, Gemeindebau Siemensstraße (Bild: Bwag, CC BY-SA 4.0)