Kraftwerk Schmargendorf kommt weg

Das Berliner Kraftwerk Wilmersdorf liegt eigentlich im Stadtteil Schmargendorf. 1911 wurde auf dem Areal nach Entwürfen des Architekten Hans Liepe (1876–1969) zuerst das Elektrizitätswerk Südwest in Betrieb genommen. Bauherr war die „Elektricitätswerk Südwest-AG“ , die 1938 im städtischen Versorgungsunternehmen Bewag (damals: Berliner Kraft und Licht AG) aufging. 1945 demontierte die Rote Armee große Teile der Anlage, bis das Gelände dem Britischen Sektor zufiel. In reduziertem Umfang blieb das Elektrizitätswerk danach noch bis 1964 in Betrieb, die erhaltenen historischen Bauteile nebst Verwaltungsgebäude (Beamtenhaus und Schalthaus) stehen als Gesamtanlage unter Denkmalschutz. Der Bau des neuen Heizkraftwerks Wilmersdorf begann 1973, Bauherr war wiederum die Bewag. 1977 nahm es den Betrieb auf. Gebaut wurde der preisgekrönte Entwurf vom Bauunternehmen H. Klammt AG, das in Berlin unter anderem auch das Europacenter und das ICC errichtete.

Das alles ist mittlerweile Geschichte: Die Klammt AG wurde 2000 von Wayss und Freytag geschluckt, 2002 ging die Bewag im schwedischen Energiekonzern Vattenfall auf. Und das Heizkraftwerk Wilmersdorf hat am 1. April 2021 den Betrieb eingestellt, nachdem es zuvor schon längere Zeit nur noch als sogenannte Spitzenlastanlage bei besonders hohem Energiebedarf zugeschaltet wurde. Das heißt auch, dass Vattenfall die drei gewaltigen, jeweils 102 Meter hohen Schornsteine an der Autobahn A 100 nun abreißen wird. Schon in der zweiten Juni-Hälfte soll es damit losgehen. Der Betreiber nennt den Abschied vom Kraftwerk „einen Meilenstein auf dem Weg zu Berlins Klimaneutralität“. Dem ist technologisch nicht zu widersprechen – Berlins Ziel ist, bis 2050 Klimaneutral zu werden und die Emission von Treibhausgasen im Vergleich zu 1990 um 95 Prozent zu reduzieren. Ob dazu (auch unter dem Stichwort Graue Energie) der Abriss eines Technikmonuments unabwendbar nötig ist, bleibt eine andere Frage. Berlins Südwesten büßt jedenfalls einen Teil seiner Silhouette ein. (db, 7.4.21)

Berlin, Kraftwerk Schmargendorf (Bild: Dirk Ingo Franke, CC BY-SA 3.0)

Bedrohte Moderne in Wilmersdorf

Bedrohte Moderne in Wilmersdorf

Berlin-Wilmersdorf, Willy Hoffmann, Postvermittlungsstelle (Bild: Ulrich Borgert)
Die Treppenhäuser von Willy Hoffmanns Postvermittlungsstelle in Berlin-Wilmersdorf weisen bereits Spuren des Abrisses auf (Bild: Ulrich Borgert)

In Berlin-Wilmersdorf droht ein Stück klassische Moderne sang- und klanglos zu verschwinden. Am Hochmeisterplatz rollten kurz vor Jahresende 2015 unvermittelt Bagger an und rückten der ehemaligen Postvermittlungsstelle zu Leibe. Sie soll einer großangelegten Wohnbebauung weichen. Offenbar scheint der Investor mit dem Abriss Fakten schaffen zu wollen: Nach Informationen der Berliner Woche lagen zum Zeitpunkt des Abrissbeginns weder Bauantrag noch -genehmigung für die Nachfolgebauten an.

Die Postvermittlungsstelle ist zwar ein bedeutendes Beispiel neu-sachlicher Architektur in Berlin, steht aber bislang nicht unter Denkmalschutz. Sie wurde 1931-33 nach Plänen Willy Hoffmanns unter Mitarbeit des Statikers Gerhard Mensch errichtet. Mit seinem Stahlskelett, das Flexibilität bei der Aufteilung der einzelnen Geschosse garantierte und einer Fassade im Stile der Neuen Sachlichkeit war die Postvermittlungsstelle zur Eröffnung hochmodern. Das Bauwerk korrespondiert mit dem benachbarten, ebenfalls Anfang der 1930er Jahre erbauten WOGA-Komplex von Erich Mendelsohn. Doch es ist fraglich, ob es nach den ersten Abbrucharbeiten noch Chancen auf einen Erhalt gibt. (jr, 4.2.16)

Das moderne Charlottenburg

Gedächtniskirche, Kongresszentrum, Corbusierhaus – die Liste berühmter Bauten der Nachkriegszeit in Berlin-Charlottenburg ist lang. Bis zum 31. August 2014 zeigt das Museum Charlottenburg-Wilmersdorf daher in der Villa Oppenheim mit der Ausstellung „Nachkriegsmoderne“ Fotografien der noch erhaltenen und bereits verlorenen Baukunstwerke im zentralen Stadtteil. Nach 1945 präsentierte sich West-Berlin fortschrittlich – und moderne Architektur wurde zum Zeichen des von den Alliierten geförderten Wiederaufbaus.

Bedeutende Kulturbauten wie die Deutsche Oper oder der Konzertsaal der Universität der Künste werden in der Ausstellung ebenso thematisiert, wie Büro-Geschäftshäuser vom Breitscheidplatz bis zum 1953 umbenannten Ernst-Reuter-Platz. Kaum ein Bau verkörperte dabei das Neue Wohnen so aussagekräftig wie das Corbusierhaus von 1957/58. Heute, 25 Jahre nach Mauerfall, sind einige dieser Baukunstwerke bereits getilgt oder ersetzt, darunter das Schimmelpfeng-Haus der Architekten Franz-Heinrich Sobotka und Gustav Müller von 1960. Begleitend zur Ausstellung werden Stadtrundgänge und ein umfassender Architekturführer zur Nachkriegsmoderne angeboten. Am Tag des offenen Denkmals, dem 14. September 2014, kann man – nach telefonischer Vornameldung (030/902924106) – um 11 Uhr an einer Führung durch die Kuratorin Mila Hacke teilnehmen. (kb, 11.5./8.9.14)

Jewish Architecture (Bild: TU Braunschweig)