(K)ein Idyll

Der Traum von den eigenen vier Wänden. Aus dem kleinen Häuschen in der Arbeitersiedlung wird in den Nachkriegsjahrzehnten der fast obligatorische Bausparvertrag für die grüne Wiese. Was die Bau- und Immobilienwirtschaft seinerzeit freute, befindet sich heute oft im Generationsumbruch. Die Erben oder neuen Eigentümer stehen vor der Herausforderung, das alte Konzept an ihre neuen Bedürfnisse anzupassen. Vor diesem Hintergrund will der Journalist Stefan Hartmann mit seiner Publikation „(K)ein Idyll“, frisch erschienen im Triest-Verlag, mehr bieten als eine Geschichte des Einfamilienhauses. Vielmehr legt er den Finger in die wohnpolitische Wunde und sucht nach neuen Wegen für ein angestammtes Siedlungskonzept.

Ein Kernproblem sieht Hartmann in der aufgelockerten Bauweise, welche die leeren Kassen der Gemeinden ebenso belaste wie das knappe Zeitbudget der Bewohner. Als Ausweg stellt er mögliche Szenarien vor, um bestehende Einfamilienhausgebiete neu betrachten und weiterentwickeln zu können. Zu seinen Nutzungsstrategien zählen neben der Erhaltung auch die Sanierung und maßvolle Verdichtung. Das Buch „(K)ein Idyll“ wird bereichert durch ein Fotoessay von Retro Schlatter.

Hartmann, Stefan, (K)ein Idyll – das Einfamilienhaus. Eine Wohnform in der Sackgasse, Zürich 2020, Triest-Verlag, 176 Seiten, 20 x 27 cm, Klappenbroschur, ISBN: 978-3038630265.

Titelmotiv: Buchcover, Detail

Ab heute: Neue Heimat in Frankfurt

Eigentlich steht sie seit dem 14. März 2020 im Deutschen Architekturmuseum (DAM) in Frankfurt: die Ausstellung „Neue Heimat“. Aber erst heute ist der Lockdown soweit gelockert, dass Besucher – unter gewissen Beschränkungen – die Schau auch analog sehen können. Mit der „Neuen Heimat“ verbindet man zwei zweifelhafte Superlative: großformatige Trabantenstädte und die spektakuläre Pleite des gewerkschaftlichen Unternehmens. Doch die Neue Heimat war mehr als ihr öffentliches Scheitern. In der Wirtschaftswunder- und Wiederaufbaueuphorie verband sich mit ihr vor allem die Hoffnung auf ein besseres Leben – „Wohnen für alle“. So entstanden bis unter dem Dach der Neuen Heimat über 400.000 Wohnungen, aber auch Großprojekte wie das Berliner ICC.

Was vom sozialdemokratischen Anspruch dieses Projekts blieb, zeigt nun das DAM in Frankfurt in der Schau: „Die ‚Neue Heimat‘ (1950-1986)“. In Zusammenarbeit mit dem Hamburgischen Architekturarchiv und dem Architekturmuseum der TUM wagt die Ausstellung eine Bilanz, über 30 Jahre nach dem Verschwinden der Neuen Heimat. Gerade angesichts der aktuellen Wohnungskrise kommen damit längst überholt geglaubte Konzepte wieder in den Diskurs. Anhand von ausgewählten Beispielen, vertreten durch Planmaterial, Originalaufnahmen und Modelle, findet eine kritische Neubewertung statt. (kb, 5.5.20)

Darmstadt, Siedlung Kranichstein (1965–1968 Ernst May, Neue Heimat Südwest, Stadtplanungsamt Darmstadt, Günther Grzimek (Landschaftsarchitektur)) (Bild: © Hamburgisches Architekturarchiv)

Adaptive Re-Use

Sie sind in die Jahre gekommen: Siedlungen der Nachkriegsjahrzehnte. Hinzu kommen neue Erwartungen und Auflagen zu Energieeffizienz, Barrierefreiheit und Freiraumnutzung. Damit geraten vor allem die baulichen Strukturen der Jahre 1945 bis 1975 unter hohen Veränderungsdruck. In Regionen mit vielen Wohnungssuchenden werden die nachkriegsmodernen Siedlungen aktuell als Raumreserve wiederentdeckt. Auf der anderen Seite sind noch längst nicht alle von ihnen von der Denkmalpflege gesichtet und bewertet. Daher stellt sich gerade hier die Frage, wie ein behutsamer Umgang mit dem Bestand aussehen kann, ohne die eigentlichen Werte der Nachkriegssiedlungen zu zerstören.

Mit der Tagung „Adaptive Re-Use“ thematisiert das Forschungslabor Baukultur und Siedlungsbau der Nachkriegsmoderne an der Frankfurt University of Applied Science, thematisiert am 11. Oktober 2019 den Umgang mit der Nachkriegsmoderne. Anhand von europäischen Beispielen sollen Perspektiven für Großwohnungsbauten und Siedlungsstrukturen der Jahre 1945 bis 1975 aufgezeigt werden: Wie werden Siedlungen in unterschiedlichen Ländern vom Denkmalschutz erfasst und behandelt? Welche Rolle kommt der Architektur für den Erhalt zu? Und wie kann der Siedlungsbestand qualifiziert weiterentwickelt werden? Die Tagung, für die eine Gebühr erhoben wird, ist von der Architekten- und Stadtplanerkammer Hessen als Fortbildung anerkannt. Anmeldungen werden erbeten bis zum 7. Oktober 2019. (kb, 22.9.19)

Berlin-Spandau, Falkenhagener Feld (Bild: Gunnar Klack, CC BY SA 2.0, via flickr.com)