Adaptive Re-Use

Sie sind in die Jahre gekommen: Siedlungen der Nachkriegsjahrzehnte. Hinzu kommen neue Erwartungen und Auflagen zu Energieeffizienz, Barrierefreiheit und Freiraumnutzung. Damit geraten vor allem die baulichen Strukturen der Jahre 1945 bis 1975 unter hohen Veränderungsdruck. In Regionen mit vielen Wohnungssuchenden werden die nachkriegsmodernen Siedlungen aktuell als Raumreserve wiederentdeckt. Auf der anderen Seite sind noch längst nicht alle von ihnen von der Denkmalpflege gesichtet und bewertet. Daher stellt sich gerade hier die Frage, wie ein behutsamer Umgang mit dem Bestand aussehen kann, ohne die eigentlichen Werte der Nachkriegssiedlungen zu zerstören.

Mit der Tagung „Adaptive Re-Use“ thematisiert das Forschungslabor Baukultur und Siedlungsbau der Nachkriegsmoderne an der Frankfurt University of Applied Science, thematisiert am 11. Oktober 2019 den Umgang mit der Nachkriegsmoderne. Anhand von europäischen Beispielen sollen Perspektiven für Großwohnungsbauten und Siedlungsstrukturen der Jahre 1945 bis 1975 aufgezeigt werden: Wie werden Siedlungen in unterschiedlichen Ländern vom Denkmalschutz erfasst und behandelt? Welche Rolle kommt der Architektur für den Erhalt zu? Und wie kann der Siedlungsbestand qualifiziert weiterentwickelt werden? Die Tagung, für die eine Gebühr erhoben wird, ist von der Architekten- und Stadtplanerkammer Hessen als Fortbildung anerkannt. Anmeldungen werden erbeten bis zum 7. Oktober 2019. (kb, 22.9.19)

Berlin-Spandau, Falkenhagener Feld (Bild: Gunnar Klack, CC BY SA 2.0, via flickr.com)

Neue Heime

Das Hamburger Wohnbauunternehmen „Neue Heimat“ wurde 1926 aus der Taufe gehoben, 1933 von der Deutschen Arbeitsfront übernommen und 1950 wiederbegründet. In den folgenden Jahrzehnten avancierte das Unternehmen zur größten Wohnungsbaugesellschaft der nicht-kommunistischen Welt. Über ein halbes Jahrhundert lang setzte der gewerkschaftseigene Konzern im deutschen Wohnungs- und Städtebau Maßstäbe. Doch in den späten Jahren verheddert sich die Neue Heimat zunehmend in Expansionen, Tochtergesellschaften und Auslandsbeteiligungen. 1982 beschleunigte dann ein Korruptionsskandal das Ende der Neuen Heimat, die ab 1986 vollständig abgewickelt wurde.

Für viele schien damals mit der Neuen Heimat auch das Wohlfahrtsversprechen der Nachkriegsmoderne zu Grabe getragen. Rückblickend wird diese Phase des bundesdeutschen Städte- und Wohnungsbaus gerade wiederentdeckt. Vor diesem Hintergrund untersucht die aktuell bei DOM Publishers erschienene Publikation „Neue Heime als Grundzellen eines gesundes Staates“ erstmals die Konzernzeitschrift „Neue Heimat Monatshefte“ der 1950er bis 1970er Jahre. Für das Frühjahr 2019 ist in der Pinakothek der Moderne (Architekturmuseum der TU München) die Ausstellung „Die Neue Heimat (1950-1986). Eine sozialdemokratische Utopie und ihre Bauten“ geplant. (kb, 28.10.18)

Mönninger, Michael, „Neue Heime als Grundzellen eines gesunden Staates“. Städte- und Wohnungsbau der Nachkriegsmoderne. Die Konzernzeitschrift Neue Heimat Monatshefte 1954-1981, Berlin 2018, Dom Publishers, 21 × 23  cm, 480 Seiten, 300 Abbildungen, Softcover, ISBN 978-3-86922-504-3.

Stuttgart-Rot, Neue-Heimat-Siedlung (Bild: Gunnar Klack, CC BY SA 4.0, 2017)

Stuttgart: 130 Jahre Häuslebau

Schaffe, schaffe, Häusle baue – dass dieses schwäbische Motto kein reines Klischee ist und durchaus mit guter Architektur vwerbunden werden kann, zeigt die jüngst erschienene Monografie „WohnOrte²“. Das Buch versammelt 90 Projekte aus 130 Jahren Wohnbaugeschichte in Stuttgart. Es knüpft damit an den 2002 / 2004 erschienenen Vorgänger „WohnOrte“ an. Anlass für die Fortsetzung sind  das 90-jährige Jubiläum der Weißenhofsiedlung im Jahr 2017, die Aufnahme von Le Corbusiers Beitrag in die Welterbe-Liste der UNESCO 2016 sowie die Überlegungen zur Internationalen Bauausstellung (IBA) Stadt-Region Stuttgart, die für das Jahr 2027 geplant ist.

Prominentester Vertreter des Stuttgarter Wohnungsbaus ist natürlich die legendäre Weißenhofsiedlung, die auch das Cover des Buches ziert. 1927 realisierten hier Architekten aus aller Welt Prototypen für den Wohnungsbau der Zukunft realisierten. Doch auch andere Projekte zeugen von der Vielseitigkeit der Stuttgarter Wohnarchitektur, so zum Beispiel das Eisenbahnerdörfle, die Wohntürme Romeo und Julia von Hans Scharoun oder die Fasanenhofsiedlung. (jr, 27.8.18)

Simon-Philipp, Christina (Hg.), WohnOrte². 90 Wohnquartiere in Stuttgart von 1890 bis 2017. Entwicklungen und Perspektiven, Karl Krämer Verlag Stuttgart 2017, ISBN 978-3-7828-1325-9.

Scharoun, Hochhäuser Romeo und Julia, Stuttgart (Bild: pjt, CC BY SA 3.0)