Wohnen in der Moderne

Wohnen in der Moderne

Langen-Oberlinden, Aufbau der "Wohnstadt" im Jahr 1961 (Bild: Bundesarchiv, B 145 Bild F011036-0002, CC BY SA 3.0)
Eines der zahlreichen Wohnbauprojekte der Nachckriegsmoderne im Rhein-Main-Gebiet: die „Wohnstadt Oberlinden“ in Langen im Jahr 1961 (Bild: Bundesarchiv, B 145 Bild F011036-0002, CC BY SA 3.0)

Im 20. Jahrhundert bildete das Thema „Wohnen“ für die Architekten wohl die Herkulesaufgabe: angefangen mit Wohnmodellen über Stadt- und Landschaftsplanungen der klassischen Moderne bis hin zu Bauten der „Avantgarde“ und den Einflüssen des Congrès Internationaux d’Architecture Moderne. Die Moderne schuf Projekte mit Modellcharakter, neue wissenschaftliche Disziplinen, Produktionsweisen und Organisationsformen. Was sieht die Zukunft für dieses architektonische Erbe aus?

Die 13. Karlsruher Tagung „WOHNEN in der Architektur der Moderne“, die vom 26. bis 27. Februar 2016 im KIT Karlsruhe stattfinden wird, will die Entwicklungen des Wohnens im 20. Jahrhundert anhand ausgewählter Beispiele diskutieren. Über den aktuellen Erkenntnisstand hinaus geht es dabei um Zukunftsperspektiven. Denn längst sind Architektur, städtische Kultur und Substanz, Landschaft und Bebauung zum Spielball der wirtschaftlichen Kräfte geworden. Beiträge aus Forschung, Architektur- und Kunsttheorie, aus der Praxis des Entwerfens, aus der künstlerischen Arbeit und aus der Politik sollen dazu aktuelle Denkanstöße geben. Nach den vorangegangenen Tagungen mit Fallbeispielen aus verschiedenen Ländern und mit aktuellen Themen wie „Authentizität“, „Original + Ersatz“, „Technologie“, „Energie“ oder „Ethik + Ästhetik“, bietet die 13. Karlsruher Tagung einen konzentrierten Diskurs und eine Exkursion zu aktuellen Wohn-Projekten. (kb, 7.1.15)

Wohnen mit Autobanhnanschluss

Wohnen mit Autobahnanschluss?

Limburg, Planungsvision zur Autobahnbrücke (Bild: A. Egenolf)
Könnte so in Zukunft die Lahntalbrücke bei Limburg aussehen? (Bild: A. Egenolf)

Fast sieht es ein bisschen aus wie Überreste aus der goldenen Zeit der Verkehrslandschaften um 1970, was aus Limburg und Zürich vorgeschlagen wird. Zwei Planungsvisionen setzen sich für eine Neuinterpretation von Autobahnen ein und stellen dabei Bezüge zum Wohnen her – beide Male mit großen Strukturen. Für die Autobahnbrücke der A3 bei Limburg– nach ihrer Kriegszerstörung 1964 wiederaufgebaut – schlug der Unternehmer Albert Egenolf vor, sie mit spangenartigen Körpern zu überbauen. Denn, wenn die Brücke schon saniert werden muss (und dem Staat das Geld dafür fehlt), kann man doch auch einen Schritt weitergehen. Einen beachtlichen Schauwert hat sein Vorschlag zweifellos.

Ob diese Idee aber realistisch ist und wie sie sich mit dem Landschaftsbild verträgt: Das muss diskutiert werden. Für die Stadtautobahn in Zürich träumt Architekt Claude Schelling davon, sie mit Wohngebieten zu überbauen – und auch hier mit großen als Gesamtheit verstandenen Strukturen. Der Ansatz ist im Detail freilich anders als in Limburg, sollen doch Autobahn und ihre Emissionen eingehaust werden. Der Vergleich zu Limburg liegt trotzdem nahe. Eines steht fest: Die ungeheuer ausgeweitete Verkehrsinfrastruktur fordert uns zum Handeln und Neudenken auf. (mb, 19.9.14)

Ein Besuch in der Girondelle 84-90

von Claudia Volberg

Der Weg von Bochums Innenstadt zum Campus führt entlang der Universitätsstraße, die in den 1960er Jahren als Verbindungsachse durch die Grüngebiete gelegt wurde. Hier findet sich die damals geplante Randstadt, die Wohnraum für die wachsende Metropole bieten sollte. Es mag seltsam anmuten, doch ein Abstecher lohnt sich. Denn in diesem Potpourri aus Bauten der 1970er bis 1990er Jahre überrascht der Wohnkomplex Girondelle 84-90 mit einer klaren Formensprache und räumlichen Qualität, die sich von den massigen Bauten der Nachbarschaft positiv abhebt.

 

Ein „soziologischer Komplex“

Die Bauten der Girondelle 84-90 sind nicht nur ein ambitioniertes Projekt der 1960er Jahre, sondern bieten gleichzeitig interessante Ansätze für die heutige Debatte über leistbare und langlebige Wohn- und Stadtkonzepte. Zwar erfüllt der Komplex viele Parameter eines attraktiven Wohnraums, doch wurde er im Laufe der Jahre stark negativ verändert und damit seine räumliche wie kulturelle Qualität in den Hintergrund gerückt. Um diese Werte zu vermitteln und in die Ressource hochwertigen identitätsstiftenden Wohnbaus zu integrieren, bedarf es einer Reflexion über seine Entstehungszeit. Als experimentellen sozialen Wohnbau entwarfen Albin Hennig und Dieter Dietrich 1966 das bis 1971 umgesetzte Terrassenhaus Girondelle. Es sollte nicht nur eine hohe Bewohnerdichte, sondern auch den Anspruch eines „soziologischen Komplexes“ gewährleisten. Hierfür verband der Architekt vielfältige Wohnungstypen mit hochwertigen Innen- und privaten Außenräumen.

 

Das Beton-Revival

Wichtig für diese Wahrnehmung sind ebenso die Formensprache und die Materialität. Die Annahme, „beton brut“ sei immer ein Zeichen minderwertigen sozialen Wohnbaus, wird nicht nur durch das Revival des Sichtbetons seit den 1990er Jahren widerlegt. Auch dient das Material als Bedeutungsträger einer ganzen Generation, wie bei den Kindern der Siedlung Halen (1962, Atelier 5). Entscheidend für eine positive Beurteilung von Beton ist vor allem seine Qualität: Ist der Baustoff gealtert und verdreckt, steht er meist für eine minderwertige Architektur. Dabei wird einer betonplastischen Formensprache, anders als bei Serienprodukten, eine gewisse Langlebigkeit und Individualität zugeschrieben. Im Terrassenhaus Girondelle sorgen Vor- und Rücksprünge für Plastizität und räumliche Dichte, die jedem flächigen Massen-Wohnungsbau abgehen.

 

Aufregende Grautöne

Der Baustoff Beton und die dunkler gehaltenen Betonfertigteiltröge erzeugen beim Terrassenhaus Girondelle ein in sich ruhendes Lichtspiel und changierende Graustufen, wie sie mit einer flächigen Textur nicht möglich gewesen wären. Diese Unaufgeregtheit macht den gebauten und umgebenden Raum umso stärker wahrnehmbar. Es braucht kein pastelltoniges Farbenmeer, um architektonische Unzulänglichkeiten oder eine fehlende Orientierung zu kaschieren. Zwischen dichter grauer Masse und bewusst platzierten Bepflanzungen betonen die Grünbereiche einen individuell gestaltbaren Lebensraum. Hier muss angemerkt werden, dass die derzeitige sehr spärliche Bepflanzung der Tröge und des Erdgeschosses dringend verbessert werden müsste.

 

Wie eine Fußgängerzone

Wie sich der öffentliche Außenraum rund um die Girondelle heute darbietet, zeigt die Problempunkte eines alleinstehenden Terrassenhauses: Wenn es unabhängig von seinem städtebaulichen Umfeld behandelt wird, entstehen qualitäts- und identitätslose Rest- und Grünflächen. Durch administrative, rechtliche und ökonomische Gegebenheiten wurden die früheren gemeinschaftlichen Außenbereiche mit den Jahren voneinander abgegrenzt und nicht als räumliche Einheit behandelt. Versteht man aber den Außenraum als Verbindungsglied zwischen Wohnbauten und Nahversorgungszentrum, kann man ihn nutzen, aufwerten und ihm den Charakter einer autofreien „Fußgängerzone“ zurückgeben.

 

Erinnerungsraum für Generationen

Der derzeit desolate Zustand des Terrassenhauses Girondelle verdeutlicht, wie dringend die beschriebenen Potenziale erkannt werden müssen. Nur so lassen sich die notwendigen Sanierungen und Reparaturen angemessen durchführen, um die Siedlung aufzuwerten. Sonst droht dieser besondere identifikationsstiftende Wohnkomplex zu einem mittelmäßigen unproportionierten Klotz zu zerfallen. Mit gezielten Eingriffen kann das Terrassenhaus Girondelle als Teil des baulichen Erbes und kollektiven Gedächtnisses nicht nur zum interessanten Ziel für Architekturtouristen, sondern auch zum Teil des hochwertigen Wohnbaus und zum Erinnerungsraum für kommende Generationen werden. (12.12.17)

Titelmotiv: Bochum, Terrassenhaus Girondelle 84-90 (Bild: Claudia Volberg)