Wuppertal-Barmen: Vorwerk auf dem Rückmarsch?

Im Wirtschaftswunderland wurde von hier aus so mancher Haushaltstraum erfüllt: Die Firma Vorwerk in Wuppertal sorgte in dieser Zeit mit qualitativ hochwertiger Weißware für Aufmerksamkeit. Staubsauger, Mixer und andere Geräte erleichterten die mühsame Arbeit der Hausfrauen und -männer. Ein solch fortschrittliches Unternehmen brauchte selbstverständlich eine moderne Firmenzentrale, die den eigenen Anspruch nach außen repräsentieren sollte. So entstand von 1954 bis 1965 die Hauptverwaltung nach den Plänen eines der großen Namen der Epoche: Bernhard Hermkes – feinste Nachkriegsmoderne in zartem Rotbraun.

Rund 60 Jahre später hält die Firmenleitung den Vorzeigebau von einst für altbacken. Er entspreche schlichtweg nicht mehr den heutigen Anforderungen. Das ist kein gutes Omen, zumal kein Denkmalschutz für das Objekt besteht. Im letzten Jahr wurde schon ein Wettbewerb für den Neubau ausgelobt, ein Abriss sehr warscheinlich. Besser sieht es mit dem kleinen Bruder der Zentrale aus. Das Appartementhaus Vorwerk, ursprünglich als Hauptsitz geplant und ebenfalls von Hermkes’ Reißbrett, steht bereits seit 2002 unter Schutz. (jm, 28.8.19)

Wuppertal-Barmen, Vorwerk-Hauptverwaltung (Bild: Cesare Lazaros Borgia, 2019)

Schwerelos durch die Stadt

Wuppertal ohne die Schwebebahn, das wäre wie Paris ohne den Eiffelturm. Nicht ohne Grund sind die Bewohner stolz auf den stählernen Zeugen des ungebremsten Fortschrittswillens der vorletzten Jahrhundertwende. 1901 wurde das ungewöhnliche öffentliche Verkehrsmittel in der damaligen Boomregion eröffnet. Es gab der losen Agglomeration von Industriestädten, die erst später zu Wuppertal werden sollte, eine verkehrstechnische Struktur. In fast 120 Betriebsjahren kam es allerdings auch immer wieder zu Unfällen. Der letzte ereignete sich am 18. November vergangenen Jahres, als sich eine durchhängende Stromschiene von der Strecke löste. Bis letzte Woche mussten die Wuppertaler daher den öffentlichen Nahverkehr mit Bodenhaftung bewältigen. 

Zur feierlichen Wiederaufnahme des Betriebes gab es für die frühen Schwebebahn-Enthusiasten sogar Frühstück von der Betreibergesellschaft. Von einem anderen gewohnten Anblick müssen sich die Fans allerdings dieses Jahr verabschieden. Die charakteristischen poppig orange-blauen Wagen der „Baureihe 1972“ fuhren im Mai zum letzten Mal in einen Bahnhof ein, bevor sie davonschwebten. Glücklicherweise nicht in die Schrottpresse. Die Wuppertaler Stadtwerke waren sich des ikonischen Wertes bewusst und boten die ausrangierten Waggons zum Verkauf an Liebhaber an. Einer wanderte zu einer metallverarbeitenden Firma ins Sauerland, wo er an einem Gerüst aufgehängt als Showroom für deren Produkte fungieren soll. Umnutzung mal anders! (jm, 10.8.19)

Wuppertal, Schwebebahn (Bild: Hermann Luyken, CCO 1.0)

Sonnenuntergang in Wuppertal

Spaß- und Freizeitbäder waren ein großer Trend in den späten 1980er Jahren. Mittlerweile sind viele von ihnen längst wieder verschwunden oder stehen kurz vorm Abbruch, etwa das Rebstockbad in Frankfurt/Main (1982) oder das Blub in Berlin (1985). Auch in Wuppertal eröffnete eint ein Erlebnisbad: Die Bergische Sonne strahlte ab 1992 auf dem Lichtscheid, der höchsten Erhebung des Stadtgebiets. Auf 6000 Quadratmetern bot das in Bad diverse Sauna-Bereiche, ein Fitnesstudio, Wasserrutschen, Außen- und Wellenbecken sowie Gastronomie. Die „Bergische Sonne“ manifestierte sich in einer Brunnenskulptur des Documenta-Teilnehmers und ehemaligen Professors der Kunstakademie Düsseldorf Klaus Rinke.

Anfang 2002 vermeldeten die Sonne-Betreiber noch 450.000 Besucher imJahr, danach ging es aber im wahren Wortsinn bergab. 2009 meldeten sie Insolvenz an, nach einigen Besitzer- und Konzeptwechseln wurde die Bergische Sonne im Juli 2012 geschlossen. Es folgte das Übliche: Leerstand, Vandalismus, etliche kühne und wenige bescheidene Pläne zur Revitalisierung sowie weitere Besitzerwechsel. 2018 kaufte die Stadt Wuppertal das Areal mit dem Ziel, das Freizeitbad abzureißen und eine Wohnbebauung auf dem Gelände zu ermöglichen. Mitte April legten hirnlose Zeitgenossen in den Spätmoderne-Gebäuden Feuer, sodass die Stadt jetzt schnellstmöglich den Abriss einleiten will. Dies sollte nach bisherigen Planungen der erhoffte Investor übernehmen. Was aus dem Rinke-Kunstwerk werden soll, ist übrigens noch unklar. (db, 22.4.19)

Freizeitbad Bergische Sonne (Bild: Rico Marc Rüde)