Jahreshoroskop 2022

Das Jahr 2021 war ein virtuelles, auch bei moderneREGIONAL (mR). Unsere Online-Themenhefte schlugen einen weiten Bogen vom Nachtleben (Redaktion: Johannes Medebach) über die Stadtmöblierung (Redaktion: Daniel Bartetzko) von bis zu Lücken und Stolpersteinen (Redaktion: Karin Berkemann) sowie Bauten der Bildung (Redaktion: Maximilian Kraemer/Alexandra Vinzenz). Der diesjährige (noch laufende) Adventskalender drehte sich rund um das Motiv Flughafen. Ebenso freuen wir uns über Verstärkung im mR-Redaktionsteam, wo Peter Liptau nun unterstützt wird durch Jasmin Rettinger und Fabian Schmerbeck. Ein Schwerpunkt des Jahres 2021 lag im Start des Projekts “Best of 90s” zur Architektur der 1990er Jahre, das moderneREGIONAL umsetzt gemeinsam mit Baukultur NRW, dem BDA Hessen, dem Denkmalschutzamt Hamburg und dem baden-württembergischen Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart, beraten durch Fachleute aus Architektur(geschichte) und Denkmalpflege. Zum Startpunkt wurde nach einem Call im Juli ein virtueller Studientag möglich, der Ende November in eine Publikation zum Thema mündete. Mit dem Projekt wird es 2022 organisch weitergehen – alle 14 Tage erscheint ein Porträt zur Baukunst der 1990er Jahre.

Für das kommende Jahr, das hoffentlich wieder mehr Raum für das Analoge lassen wird, sind für die Themenhefte diese Schwerpunkte geplant: Corporate Identity, Gesundheit, Fliegende Bauten und Kommunitäres Wohnen. Als analoge Ausstellung und Publikation steht für September 2022 die Ausstellung “Turm und Tunnel” zum Kirchen- und U-Bahnbau des Hamburger Architekten Friedhelm Grundmann auf dem Plan, die mR gemeinsam mit der Universität Hamburg (Frank Schmitz) kuratiert. Daher möchten wir uns von mR an dieser Stelle bei allen Kooperationspartner:innen, Unterstützter:innen und Leser:innen herzlich bedanken und freuen uns auf ein Neues 2022: Mögen weder Abrisse noch andere modernistische Übel Ihren Weg kreuzen! (mR, 14.12.21)

Glückskeks (Bild: Amatulic, CC0 1.0)

Die Zukunft des 20. Jahrhunderts

Warum noch über die Architektur einzelner Räume streiten, wenn der Weltraum näher rückt? Es war die Zeit, als man einfach groß denken musste. In den Bildern und Diskussionen des inzwischen vergangenen Jahrhunderts ging es um nichts Geringes als die Zukunft. Ein Thema, das heute Gegenstand der historischen Forschung geworden ist: Die Geschichtswissenschaft wendet sich seit einigen Jahren “den Fragen der Zeitlichkeit” zu. So auch der Historiker Lucian Hölscher, Professor für Neuere Geschichte und Theorie der Geschichte in Bochum.

Insbesondere Zukunftsentwürfe erfahren demnach heute große Aufmerksamkeit: Sie stellen für Historiker eine Möglichkeit dar, sich historischen Systembrüchen aus ganz neuen Perspektiven zu nähern. Denn die klassische Geschichtsschreibung tendiert dazu, die Vergangenheit als Vorlauf der Gegenwart zu betrachten. Verworfenen oder nicht umgesetzten Ideen und Projekten schenkt sie dagegen nur wenig Beachtung. Die Untersuchung von vergangenen Zukunftskonzepten führt also nicht in geschlossene Geschichtsbilder, sondern löst diese vielmehr auf in eine “Pluralität von Geschichtserzählungen”. Auf diesen Weg nimmt Hölscher den Leser mit in seinem neuesten Sammelband “Die Zukunft des 20. Jahrhunderts”, erschienen im Frankfurter Campus Verlag, folgen (kb, 13.9.17)

The Tale of Tomorrow

Die utopistischen Bauten der 1960er und 1970er Jahre kommen nie aus der Mode – oder vielleicht sind sie es auch gerade wieder. In jedem Fall hat sich der Berliner Verlag “gestalten” in einer englischen Publikation dieser radikalen und visionären Architekturen angenommen. Ob mit gigantomanischen Masterplänen oder kleinen Einzelentwürfen – die utopistische Architektur entfernte sich damals mit großen Schritten vom Traditionalismus der Mitte des letzten Jahrhunderts. Diese gewagten, futuristischen und hoffnungsvollen Designs waren nicht auf einen kleinen Teil der Welt beschränkt. Dieser visionäre Zugang zur Architektur tauchte zunächst in Frankreich, Japan und den USA auf.

Die Publikation “The Tale of Tomorrow” dokumentiert anhand seiner gebauten Zeugen eine Zeit, als – auch in der Architektur – alles möglich schien. Gezeigt werden die utopistischen Entwürfe in der alltäglichen Umgebung, in der sie architektonisch tatsächlich umgesetzt wurden. Auch kommen Projekte mit einer mehr brutalistischen Geste nicht zu kurz. Damit wird wieder etwas von der suggestiven Kraft nachvollziehbar, die von diesen Projekten einstmals ausging – und vielfach bis heute ausgeht. (kb, 8.4.16)

Klaten, Robert/Borges, Sofia (Hg.), The Tale of Tomorrow. Utopian Architecture in the Modernist Realm, Berlin 2016. 24,5 x 33 cm, 400 Seiten, zahlreiche Farbabbildungen, ISBN 978-3-89955-570-7.

Ein reich bebildeter Blick in einstige Zukunftsvisionen (Bild: Gestalten-Verlag)