Vor 51 Jahren machte eine Ausstellung in Zürich Schule: Unter dem Titel „Tendenzen. Neuere Architektur im Tessin“ erregte sie 1975 an der ETH Aufmerksamkeit. Im Mittelpunkt stand eine junge Architekt:innengeneration, die im Kanton Tessin seit den 1960er Jahren aufregend neue Bauten gestaltet hatte. Zur so gezeigten „Tessiner Schule“ zählten später international bekannte Namen wie Mario Botta, Aurelio Galfetti, Flora Ruchat-Roncati, Luigi Snozzi oder Livio Vacchini. Die starke Wirkung dieser Richtung, die sich mit ihren Bauten auf den historischen wie städtebaulichen Kontext bezog, war in Zürich vor allem Aldo Rossi als ETH-Gastprofessor zu verdanken. Nicht nur der – trotz mehrerer Nachdrucke – rasch vergriffene Katalog steht dafür, dass die Tendenzen-Ausstellung einen Nerv traf. Auch die seinerzeit von Martin Steinmann und Thomas Boga kuratierte Ausstellung ging für zehn Jahre auf Wanderschaft durch ganz Europa und beeinflusste eine ganze Architekt:innengeneration.
In diesen Wochen werden die Inhalte und Auswirkungen der Tendenzen-Schau von 1975 neu nachgezeichnet – am gta (Institut für Geschichte und Theorie der Architektur an der ETH) in Zürich. Dabei vertrauen die Kuratorinnen Irina Davidovici und Frida Grahn nicht allein auf Pläne und Notizen. Als Herzstück dient ein 16 Meter langes Modell der Ausstellung von 1975 samt der damaligen Tafeln und Stationen. Nicht zu vergessen eine Installation mit gut 40 Tendenzen-Katalogen, die nach einem Aufruf im In- und Ausland gesammelt wurden. Das heutige Aussehen der damals gezeigten Bauten dokumentiert Stefano Graziani in einem Fotoessay. Damit trifft man nach 51 Jahren in Zürich zwei hochaktuelle Punkte: Wie verbreiten sich architektonische Ideen? Und wie schauen wir heute auf die Bauten der seinerzeit jungen Architekturgeneration? Die Ausstellung „Tendenzen: Neuere Architektur im Tessin“ ist noch bis zum 8. Mai 2026 in Zürich zu sehen. (kb, 7.4.26)

Riva San Vitale, Elementarschule, 1972, Aurelio Galfetti (Bild: Brutarchitekt, CC BY SA 4.0, 2021)
