INTERVIEW: Peter Cachola Schmal, DAM

„Vollkommen abgedrehter Komplex“

Mit Peter Cachola Schmal in Offenbach

 

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Die Verhältnisse auf den Kopf stellen: DAM-Direktor Peter Cachola Schmal im Gothaer-Haus in Offenbach (Bild: D. Bartetzko)

Berliner Straße 175, ein Tag im Juli: Drei Männer drücken sich mit kindlicher Begeisterung auf Feuerwehr-Umläufen herum, fotografieren ihre Spiegelbilder in der Glasfassade und erfreuen sich an leberwurstfarbenen Kieselplatten im Treppenhaus. Das Kopfkino läuft auf Hochtouren. Was könnte man in den vier Geschäfts- und Büroetagen einrichten, wie das darüber thronende Wohnhochhaus beleben? Ein urbaner Spielplatz für Menschen mit Visionen: Julius Reinsberg und Daniel Bartetzko treffen Peter Cachola Schmal, den Direktor des Deutschen Architektur Museum (DAM) im 1977 eröffneten Gothaer-Haus in Offenbach am Main.

„In der jetzigen Form wird es dieses Gebäude in zehn Jahren wohl nicht mehr geben“, sagt Schmal. Auch Offenbach leidet darunter, dass die ungeliebten Spätsiebziger-Kuben entweder saniert werden müssen oder schon zur Unkenntlichkeit gedämmt wurden. Kurzfristig dürfte sich kein Investor finden, der einen Sinn für diesen Großbau mit Spiegelglasfassade hat. Das Gothaer-Haus steht bald zum Verkauf.

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Stadt im Spiegel: In den Siebzigern bot Offenbach bessere Hochhäuser als Frankfurt (Bild: D. Bartetzko)

„Weiß jemand, wer der Architekt dieses vollkommen abgedrehten Komplexes ist?“ fragt der DAM-Direktor 2013 via Facebook. Seit einem Jahr wohnt er in Offenbach und fährt täglich am Spiegelturm vorbei. Wochen später führt er Interessierte für die Initiative Offenbach loves U durchs Gebäude. Den „abgedrehten Komplex“ auf spitzwinkligem Grundstück entwarfen die Darmstädter Martin Müller (1921-1993) und Peter Opitz (*1938). Zwar wurde der einstige Versicherungssitz 1977 eingeweiht, doch stammen die Pläne von 1972. Damit zählt er zu den frühen Vertretern jener multifunktionalen Großbauten, die damals als zukunftsweisend galten.

Peter Cachola Schmal: Das Gebäude ist ein Kind seiner Zeit: braunes Spiegelglas, Trapezblech, Edelstahl, Marmorplatten, die skulpturale Form. Dazu die Einheit von Wohnen, Einkaufen und Arbeiten plus Tiefgarage und Parkdeck: Das ist urban gedacht, sehr edel ausgestattet und an diesem Platz spektakulär.

Offenbach, Gothaer Haus, Seitenansicht (Bild: D. Bartetzko/J. Reinsberg)
„Seiner Zeit um Haaresbreite voraus“, bescheinigt Schmal dem Gothaer-Haus (Bild: D. Bartetzko/J. Reinsberg)

moderneREGIONAL: Und warum begeistern wir uns heute für diesen Bau? Ist es der Charme des Schrägen oder ist es sein Konzept?

PCS: Letztlich beides. Wir befinden uns hier zwischen Moderne und Postmoderne, ein Teil der phantastischen Bewegung der 1970er. Klare Strukturen wie die Fensterbänder oder die Rasterfassade des Parkdecks stehen im Kontrast zum kunstvoll zerklüfteten Wohnhaus – das erinnert etwa an die japanischen Metabolisten um Kenzo Tange, Kiyonori Kikutake und Kisho Kurokawa. Das Nutzungskonzept folgt einem wieder aktuellen Anspruch: weg von der Trennung von Wohnen und Arbeiten. Die Entmischung wurde gerade in den Siebzigern ja gefördert und hat manche Innenstädte veröden lassen.

mR: Also ist dieser Bau sogar moderner als gedacht?

PCS: Begrünte Dachflächen, für jeden Mieter ein Platz in der Tiefgarage, schlichte und luxuriöse Wohnungen beieinander – das war seiner Zeit um Haaresbreite voraus. Zugegeben, was uns vordergründig begeistert, ist das Unzeitgemäße: Spiegelglas statt klobiger Fassadendämmung. Eine wilde skulpturale Komposition von Einzelteilen statt eines klaren stereometrischen Baukörpers. Und die verwendeten Bronzetöne der Fassaden treffen nicht nur den damaligen Geschmack, sondern auch unseren bald wieder. Leider wurde das dunkle Wellblech überstrichen, aber ernsthaft in die Bausubstanz eingegriffen hat man bis heute nicht.

Offenbach, Gothaer Haus (Bild: D. Bartetzko/Julius Reinsberg)
Heute wieder zu 75 % ausgelastet (Bild: J. Reinsberg)

2001 war das elfgeschossige Gothaer-Haus noch zu 30 % genutzt. Eine neue Hausverwaltung hat das Gebäude durch hohes Engagement nun wieder zu 75 % vermietet, unliebsame Nutzer sind verschwunden: Der frühere Kinderspielplatz auf der Terrasse im 5. Stock war zeitweise Drogenumschlagsplatz. Die Büroetagen beherbergten etliche Scheinfirmen.

mR: Die Betriebs- und Instandhaltungskosten eines derartigen Großbaus sind hoch. Und der Sanierungsbedarf kündigt sich an einigen Ecken an. Ist das eine Sackgasse?

PCS: Wir stehen zwar nicht in einer Ruine, aber man sieht den Handlungsbedarf. Das könnte auch erklären, warum sich die Denkmalpflege noch zurückhält. Es ist ein Dilemma: Eine Unterschutzstellung wird Kaufinteressenten abschrecken. Gleichwohl drohen dem Amt Kosten, wenn es eine Sanierung fördern müsste. Momentan kann man hoffen, dass der Status Quo erhalten bleibt: Es wird nicht saniert, aber der Verfall gebremst. Solange das Grundstück noch nicht so viel wert ist, ist der Bau nicht bedroht. Er steht ja nicht auf der Frankfurter Zeil, wo selbst die Zeilgalerie von 1992 möglicherweise abgerissen wird.

mR: Und wäre das Gothaer-Haus für Sie ein Baudenkmal?

PCS: Definitiv. Unter Denkmalschutz stellen bedeutet ja, ein besonders typisches Bauwerk zu retten, nicht ein besonders gefälliges.

Offenbach, Gothaer Haus (Bild: J. Reinsberg)
Blick ins Ungewisse (Bild: J. Reinsberg)

„Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“, sagte Altkanzler Helmut Schmidt einmal. Die Anwesenden, die vor ihrem geistigen Auge Künstlerateliers in Praxisräumen und wucherndes Grün auf kahlen Flachdächern sehen, fühlen sich gesund – und bestätigt: Die Frankfurter Rundschau schrieb 1977: „Hier wurde ein wertbeständiges Haus für 100 Jahre nach dem Grundsatz der Solidität für eine gemischte, möglichst vielseitig verwertbare Nutzung bestellt.“ 21 Millionen D-Mark kostete der Bau, heute dürfte er günstiger zu haben sein. Wer greift zu?

Das Gespräch führten Daniel Bartetzko und Julius Reinsberg  (Heft 14/2).

 

Zur Person Peter Cachola Schmal

Peter Cachola Schmahl auf dem Gothaer Haus in Offenbach (Bild: D. Bartetzko/J. Reinsberg) Peter Cachola Schmal, geboren 1960, studierte Architektur in Darmstadt. Nachdem er 1989 für Behnisch + Partner tätig war, arbeitete er von 1990-1993 als angestellter Architekt bei Eisenbach + Partner. Von 1992 bis 1997 war Schmal wiss. Mitarbeiter an der TU Darmstadt, lehrte im Anschluss bis 2000 an der FH Frankfurt. Für das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt ist Schmal seit 2000 als Kurator, seit 2006 als Direktor tätig.

 

 

Ein Rundgang durch das Gothaer-Haus

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Sommer 14: Gestrandete Wale

LEITARTIKEL: Kann ein Bau stranden?

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Kerstin Wittmann-Englert vergleicht die Wale mit Architektur: Gestandet seien die modernen Großbauten hoffentlich nicht.

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Karin Wilhelm schildert Berlins Aufbruch der Nachkriegszeit: als 1957 das „Bikini-Haus“ von Paul Schwebes und Hans Schoszberger entstand.

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Olaf Gisbertz geht in Hannover auf Spurensuche nach dem gebauten, zerstörten und wiederaufgebauten Stadtzentrum – mit dem Kröpcke-Center aus dem Jahr 1976.

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Sylvia Necker folgt der Zwischennutzung des Hamburger Frappant. 1977 als Geschäfts- und Wohngebäude eingeweiht, steht heute an seiner Stelle ein neuer IKEA.

INTERVIEW: Peter Cachola Schmal, DAM

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Der DAM-Direktor zeigt das Gothaer-Haus in Offenbach, das im Jahr 1977 die veschiedensten Nutzungen einfach übereinander stapelte.

PORTRÄT: Das Kulturhaus Zinnowitz

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INTERVIEW: Zu Hause bei Dieter Rams

„Und wieder hatte ich Glück …“

 

Kronberg, Roter Hang (Bild: K. Berkemann)
Der Braun-Designer Dieter Rams zeigt sein Kronberger Atelier- und Wohnhaus (Bild: K. Berkemann)

Wie wohnt ein Designer, der das Zuhause von zwei Generationen eingerichtet hat? Ganze 40 Jahre war Dieter Rams (* 1932) für den Elektrogerätehersteller Braun kreativ. Viele seiner Entwürfe – wie das Audiomöbel „Phonosuper SK4“, der sog. Schneewittchensarg – sind längst Kult. Ihre klare Formen werden heute von internationalen Marken wie Apple zitiert. Ob Sessel, Regal oder Türklinke, mit renommierten Herstellern wie Vitsoe (+ Zapf) oder FSB entwickelte Rams alles Denkbare für Arbeit und Freizeit. Ein so umfassendes Lebenswerk, dass Rams sein Domizil problemlos mit eigenen Entwürfen ausstatten konnte. An den Hängen der Taunusstadt Kronberg, in der Neubausiedlung Roter Hang, liegt sein modernes Wohn- und Atellierhaus aus dem Jahr 1971. Und mit dessen Gestaltung ist der gelernte Innenarchitekt ebenfalls eng verwoben.

Herr Rams, Sie leben inmitten Ihrer eigenen Entwürfe. Haben Sie denn nie frei?

Warum sollte ich? Gutes Design umfasst doch das ganze Leben. Darum haben wir damals am Roten Hang zwei Grundstücke bebaut: im Norden das Wohnhaus, am Hang nach Süden das Atelier. Hier richtete ich mir ein Büro und eine Werkstatt ein. Meine Frau – sie ist Fotografin – hatte lange eine Dunkelkammer. Wohn- und Arbeitsbereich sind über einen Flur verbunden. Eine freie Stufe markiert, dass zwei Dinge gleichberechtigt aufeinander treffen. Aber manchmal sitze ich hier einfach auch nur gerne.

Und der Pool in Ihrem Garten?

Eine Ausnahme in der Siedlung. Für meinen Rücken muss ich viel schwimmen. Und ich schaue gerne vom Büro und Wohnzimmer auf den Pool.

Kronberg, Roter Hang (Bild: K. Berkemann)
Im Wohnzimmer mischt Rams Thonet-Stühle unter eigene Entwürfe (Bild: K. Berkemann)

„Gutes Design ist ästhetisch. … Denn ganz sicher ist es unangenehm und mühsam, Tag für Tag mit Produkten zu tun zu haben, die verwirrend sind, die einem buchstäblich auf die Nerven gehen“. (D. Rams, Zehn Thesen zum Design, 1995)

Angefangen haben Sie mit der Architektur?

Den Beschluss fasste ich in der Werkstatt meines Großvaters, in der ich groß geworden bin. Er war Schreiner und Spezialist für Oberflächen. Wenn es ein Klavier zu restaurieren gab, war er der richtige Mann. Nach dem Krieg hatte ich Glück und studierte an der Werkkunstschule Wiesbaden. Vertreten waren alle Richtungen, von der Mode über die Keramik bis zur Gebrauchsgrafik. Wie ein kleines Bauhaus. Und wieder hatte ich Glück und konnte 1953 im Frankfurter Architekturbüro Otto Apel anfangen.

Bis Sie Erwin Braun begegnet sind …

Richtig, durch ihn kam ich zum Design. Erwin und Artur Braun bauten damals etwas Neues auf. Die Firma expandierte von Frankfurt nach Kronberg. Mit der Ulmer Hochschule für Gestaltung entwickelten wir moderne Elektrogeräte – von Radio bis zum Rasierapparat.

Kronberg, Roter Hang (Bild: K. Berkemann)
Der heimische Werkstattraum entstanden viele Entwürfe (Bild: K. Berkemann)

„Gutes Design ist unaufdringlich. Produkte, die einen Zweck erfüllen, haben Werkzeugcharakter. Sie sind weder dekorative Objekte noch Kunstwerke. Ihr Design sollte daher neutral sein“. (D. Rams, Zehn Thesen zum Design, 1995)

Was war Ihr Gestaltungsprinzip?

„Less but better.“ Später habe ich für Studenten, aber nicht nur für Studenten, die „Zehn Gebote zum Design“ formuliert. Gutes Design ist ästhetisch, funktional, … Aber es läuft immer wieder auf diesen einfachen Satz hinaus: Weniger, aber besser.

Die Firma Braun erwarb von der Stadt Kronberg das Vorkaufsrecht für den Roten Hang. Was sollte hier entstehen?

Erwin Braun hatte eine Vision. Schon 1954 gründete er für das Unternehmen einen Gesundheitsdienst mit Gymnastikraum und Diätküche. Am Roten Hang sollte eine Siedlung für Mitarbeiter und Gäste entstehen. Von einer Reise nach Bern brachte ich die Idee der modernen Halensiedlung mit: maßstäbliche Reihenhäuser mit viel Lebensqualität. Als Braun an Gillette verkauft wurde, wurde die Siedlung schließlich durch den Königsteiner Architekten Rudolf Kramer und den Frankfurter Bauträger Polensky & Zöllner umgesetzt.

Kronberg, Roter Hang (Bild: K. Berkemann)
Der Vitsoe-Sessel 620, von Rams 1962 entworfen, in der Selbsterprobung (Bild: K. Berkemann)

„Gutes Design ist innovativ. … darin, dass es im Hinblick auf die Funktionen eines Produkts deutliche Fortschritte erreicht. Die Möglichkeiten dafür sind noch längst nicht ausgeschöpft.“ (D. Rams, Zehn Thesen zum Design, 1995)

Dann wurde es eine Siedlung für Braun-Mitarbeiter?

Eingezogen sind nur vier Braun-Mitarbeiter. Zumeist kamen junge Familien. Anfangs gab es Straßenfeste, gemeinsame Fahrdienste für die Kinder … Doch schnell machten viele Karriere, bekamen eine Stelle in Hamburg oder New York und zogen weg.

Was wird jetzt aus der damaligen Utopie?

Mit meiner Frau habe ich eine Stiftung gegründet, die sich um Forschung und Lehre für gutes Design kümmert. Und für den Roten Hang können wir nur hoffen. Es lässt sich hier sehr gut leben. Aber wir müssen gemeinsam darauf achten, dass die guten Dinge bleiben: die klaren Formen und Farben, die verschlungenen Fußgängerwege ohne störende Autos, die flachen Dächer mit dem weiten Blick ins Grüne.

Das Gespräch führte Karin Berkemann (Heft 14/1).

 

Zur Person Dieter Rams

Kronberg, Roter Hang (Bild: K. Berkemann)
Dieter Rams vor seinem Kronberger Bungalow mit Pool (Bild: K. Berkemann)

Dieter Rams, geboren 1932 in Wiesbaden, gilt als führender Industriedesigner der deutschen Nachkriegsmoderne. Sein Studium an der Werkkunstschule Wiesbaden – unterbrochen durch ein Tischler-Praktikum – schloss er 1953 als Innenarchitekt ab. Nach zwei Jahren beim Frankfurter Architekturbüro Otto Apel wirkte Rams von 1955 bis 1995 als Designer für die Firma Braun und gestaltete Produkte für weitereMarkenhersteller. Rams lehrte an der Hamburger Hochschule für bildende Künste und erhielt zahlreiche internationale Ehrungen.

Ein Rundgang durch den Roten Hang

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Frühjahr 14: Sport und Spektakel

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Ingeborg Flagge sieht hinter den modernen Freizeitbauten eine Gesellschaft aufscheinen, die alles auf einmal will – und doch nur ein Zuhause sucht. Dabei brauche es weder vordergründiges Spektakel noch pure Funktion und Konstruktion. Sie ist sich sicher: Wirklich gute Architektur nimmt ein, überzeugt und erfreut.

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Karin Berkemann zeigt den Bäderbau der Nachkriegszeit: am Kurbad Königstein, das Otto Herbert Hajek 1977 künstlerisch gestaltete.

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Daniel Bartetzko blickt auf den Geschwindigkeitsrausch und die sprechenden Architektur am Hockenheimring.

INTERVIEW: Zu Hause bei Dieter Rams

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Der langjährige Braun-Designer zeigt sein Kronberger Haus: Wohn- und Atelierräume als Gesamtkunstwerk.

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PORTRÄT: Das Gloria in Weißenfels

Sarah Huke beschreibt die moderne Baugeschichte und ungewisse Zukunft des Lichtspieltheaters Gloria in Weißenfels.

INTERVIEW: Haverkampf über die Zeil

„Das Verkehrschaos blieb aus“

Hans-Erhard Haverkampf über die Zeil

 

Frankfurt am Main, Zeil bei Nacht (Bild: Mylius, GFDL 1.2 oder FAL)
Die Frankfurter Zeil heute bei Nacht (Bild: Mylius, GFDL 1.2/FAL)

Am 9. September 1973 wurde der westliche Teil der Frankfurter Zeil für den Kraftverkehr gesperrt – gegen den Widerstand vieler Gewerbetreibender. Auch die Debatte, wie man die nun autofreie Straße zwischen Haupt- und Konstablerwache gestalten solle, zog sich in die Länge. Dass ab 1976 die U-Bahn gebaut wurde, gab den Planern Zeit: Erst 1985 weihte man die Fußgänger-Zeil feierlich ein. Lange war sie die umsatzstärkste deutsche Einkaufsmeile. Und noch immer liegt die von Kaufhäusern gesäumte Straße in der nördlichen Innenstadt unter den kommerziellen „Top 5“ der Republik. Dr. Hans-Erhard Haverkampf (SPD) war in den Jahren, in der die Zeil ihr heutiges Gesicht erhielt, Baudezernent in Frankfurt am Main. Daniel Bartetzko sprach für moderneREGIONAL mit ihm über „die erste postmoderne Fußgängerzone Deutschlands“, über die Beweggründe und die Hoffnungen der Stadtplaner in den 1970er Jahren.

Daniel Bartetzko: Waren Fußgängerzonen die Rettung der Cities und im Speziellen der Frankfurter Innenstadt?

Dr. Hans-Erhard Haverkampf: Sie waren Anfang der 1970er vor allem die Antwort auf den drohenden Verkehrskollaps. Und sie sorgten dafür, dass die Aufenthaltsqualität in den Städten erhalten blieb. Von den Planern wurde damals gerne Walter Benjamins „Passagen-Werk“ bemüht, in dem er ja unter anderem übers Flanieren durch die Passagen von Paris reflektiert. Und auch, wenn das selbstvergessene Spazieren durch die Konsumwelt schon zu Benjamins Lebzeiten so nicht mehr möglich war, war das doch ein tolles Leitbild: Die ehedem autoverstopfte hektische Innenstadt bevölkert von entspannten Flaneuren, die an den Schaufenstern vorbeiziehen. Ein Ideal der Entschleunigung, das den Bürgern leicht zu vermitteln war.

Frankfurt am Main, Zeil bei Nacht, 1970 (Bild: Dontworry, CC BY-SA 2.0. de)
Die Frankfurter Zeil bei Nacht im Jahr 1970, als Fußgänger noch eine Randerscheinung waren (Bild: Dontworry, CC BY-SA 2.0. de)

DB: Widerstände hat es aber trotzdem gegeben.

HH: Sicher. Die Planung der Frankfurter Fußgängerzonen stammt ja noch aus Zeiten der Oberbürgermeister Willi Brundert und Walter Möller, also den späten 1960ern, frühen 1970ern. Damals war die autogerechte Stadt noch ein Ideal bei vielen. Leider auch bei den Kaufleuten auf der Zeil, die folgerichtig Sturm liefen. Als ich die Arbeit beim Magistrat aufnahm, war die Sperrung aber schon durchgesetzt. Und das Verkehrschaos blieb ebenso aus, wie der Umsatzeinbruch bei den Kaufhäusern.

DB: Dafür kam ein großes Loch. Und bis in die 1980er Jahre der oberirdische Umbau.

HH: Ja, mit dem U-Bahn-Bau startete die grundlegende Umgestaltung der Zeil. Hier haben wir noch in großen Teilen die Möller-Planungen umgesetzt. Es war klar, dass durch die dichte Bebauung später kein grünes Paradies entstehen würde. Auch der Gedanke an eine transparente Überdachung war bald vom Tisch – dafür war die Straße schließlich doch zu breit. Das „grüne Dach“ durch angepflanzte Platanen, eine Idee des Architekten Udo Nieper, hat sich für uns als beste Lösung angeboten: Sie wurzeln nicht zu tief, so dass sie im flachen Erdreich zwischen U-Bahn-Tunnel und Straßenpflaster ordentlich gedeihen.

Tinguely-Brief an H.-E. Haverkampf (Bild: H.-E. Haverkampf)
Ende der 1980er Jahre tauschte sich der Schweizer Bildhauer Jean Tinguely per Postkarte mit dem Frankfurter Stadtbaurat Hans-Erhard-Haverkampf über einen möglichen Brunnen auf der Zeil aus: „Also wenn, wann, wo, wie, was geschehen sollte: dann sollten wir uns mal sehen! Treffen wir uns?“ (Bild: H.-E. Haverkampf)

DB: Kritisiert wird die Gestaltung der Konstablerwache: Die Platzanlage wurde durch ein vermeintlich sinnfreies Podest um einige Stufen erhöht.

HH: Sinnfrei ist es leider nicht: Beim damaligen Stand der Technik war es notwendig, um die neue B-Ebene des U-Bahnhofs Konstablerwache zu überfassen, ohne das gesamte Straßenniveau anzuheben. Es stimmt natürlich – einladend ist der Platz nicht. Auf dem Podest sollte eigentlich ein Brunnen des Schweizers Jean Tinguely entstehen. Kulturdezernent Hilmar Hoffmann und ich hatten ihn lange bekniet. Doch als er endlich bereit war, erkrankte er und das Projekt wurde nie realisiert. Leider, denn Tinguely hatte eine famose Idee: Er wollte eine skelettierte Rinderherde aus Stahl in ein Wasserbassin stellen. ‚Totentanz‘ sollte das Ganze heißen …

DB: Über die Möblierung der Zeil wurde auch leidenschaftlich debattiert.

HH: Ja, denn natürlich wollten wir uns von den bereits realisierten Fußgängerzonen abheben. Die Ödnis mancher Frühsiebziger-Konzepte wollten wir nicht wiederholen, und so orientierten wir uns an der aktuellen Architektur. Vielleicht ist die Zeil Deutschlands erste postmoderne Fußgängerzone. Eindeutig in diese Ära passt jedenfalls der Marmorbrunnen von Lutz Brockhaus, der ja vor Ort aus dem Vollen gehauen wurde. Nur leider krankheitsbedingt nicht ausschließlich von Brockhaus, sondern auch von zwei seiner Mitarbeiter. Ich war über das Ergebnis nicht glücklich, doch heute wird der Brunnen offenbar angenommen – er steht jetzt seit 30 Jahren. Die als Ruhepunkte errichteten vier Pavillons wurden dagegen schon abgerissen und durch Neubauten ersetzt.

Frankfurt am Main, Zeil, 2009 (Bild: Alecconnell, GFDL oder CC BY 3.0)
Bis heute laden die grünen Platanen der 1980er Jahre auf der Zeil zum Flanieren ein (Bild: Alecconnell, GFDL oder CC BY 3.0)

DB: 30 Jahre, Sie haben es erwähnt. Trotz jüngster Umbauten ist die Frankfurter Zeil nach wie vor ein Kind der 1980er. Würden Sie sagen, sie funktioniert noch immer?

HH: Ja, sie wird nach wie vor stark frequentiert. Und dass die Geschäftszentren immer stärker von Filial-Ketten dominiert werden, ist ja eine allgemeine Entwicklung. Auch wenn manche Vorgehensweise von damals heute hemdsärmlig erscheinen mag – die Beteiligten haben wirklich Herzblut investiert. Und ich auch eigenes Geld: Die relativ teuren Natursteine der Konstablerwache wurden gegen Spenden symbolisch an die Bürger verkauft. Man wurde dann mit Namen und, wenn gewünscht, einem Sinnspruch im Boden verewigt. Neulich habe ich meinen eigenen Stein beim Spazierengehen wiedergefunden.

DB: Steht etwas darauf?

HH: ‚Lieber eine freundliche U-Bahn als ein freundliches U-Boot.‘

Das Gespräch führte D. Bartetzko (Heft 15/2).

Zur Person Dr. Hans-Erhard Haverkampf

H-E_Haverkampf_Bild_privatHans-Erhard Haverkampf (*1940), promovierter Finanzwissenschaftler, war von 1975 bis 1977 Planungs-, bis 1989 Baudezernent in Frankfurt am Main, danach freiberuflich tätig. Ab 1997 leitete er den Neubau des Bundeskanzleramtes in Berlin sowie zweier Bundestagsbauten. 2003 bis 2005 wirkte Haverkampf als Geschäftsführer der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas. Anschließend war er in verschiedenen kulturellen Bereichen tätig, u. a. als Schriftsteller („Meercazzing“).

Ein Rundgang durch die Zeil

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Frühjahr 15: Fußläufig

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LEITARTIKEL: Grenzenloses Vergnügen?

Dirk Schubert über die Ursprünge, Formen und Chancen der städtebaulichen Idee „Fußgängerzone“.

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Sylvia Necker folgt Spuren der Karl-Marx-Stadt, die in ihrem Zentrum einen eigenen Boulevard erhielt.

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PORTRÄT: Kassel, Treppenstraße

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INTERVIEW: Haverkampf über die Zeil

INTERVIEW: Haverkampf über die Zeil

Der Stadtbaurat über „Deutschlands erste postmoderne Fußgängerzone“ – wie die Frankfurter Zeil begann und welchen Sinn sie heute noch macht.