In jeder Landesregierung oder Königsfamilie, die etwas auf sich hält, reisen die Spitzenkräfte getrennt voneinander zu großen Festen oder Konferenzen. So würde im Fall eines Unglücks zumindest ein Teil für den Fortbestand von Politik bzw. Dynastie sorgen können. Dagegen wirkte die diesjährige Jahrestagung der VDL (Vereinigung der Denkmalfachämter in den Ländern) wie Rock ’n’ Roll, als die führenden Expert:innen der Denkmalpflege zum selben Zeitpunkt mit Reisebussen auf der Landstraße von Wermsdorf unterwegs waren. Denn hätte (Konjunktiv Plusquamperfekt!) eine Rehgruppe ihren Weg gekreuzt, es stünde jetzt schlecht um Umbaukultur und Nachhaltigkeit. Genau darin sahen die Fachleute den „MehrWert“ ihrer Berufsgruppe – und so hielten sie es gemeinsam in ihrer Leipziger Erklärung fest.

Wermsdorf, Schloss Hubertusburg (Bild: Karin Berkemann, 2026)

Umbrüche

In Leipzig widmeten sich unter dem Titel „Umbrüche“ verschiedene Sektionen dem Thema Transformationen. Nachdem sie mit unterschiedlichen Schwerpunkten auf Exkursionen unterwegs waren, sammelten sie die Gruppen am Abend zum gemeinsamen Empfang auf dem Land. Eine gute Stunde von Leipzig entfernt, bot die barocke Hubertusburg in Wermsdorf den perfekten Rahmen für Gespräche und Führungen. Zeichenhaft treffen hier frisch sanierte Bauteile mit hohem Rekoanteil auf anspruchsvoll restaurierte Ausstellungsräume, die ihre Zeitschichten offenlegen. Nicht zu vergessen die Flügel, die noch auf ihre Wiedererweckung warten.

Am Folgetag wurden die Arbeitsergebnisse in den Sektionen vertieft, um sie beim Abschlussplenum zu bündeln und zu vernetzen. Doch bei allen Fachdebatten, ein Thema beherrschte in den Pausen die Stehtischgespräche: Wie kann es angesichts der Gesetzesnovellen und Umstrukturierungen weitergehen mit der Denkmalpflege? Schon im Vorfeld hatten Expert:innen in den Medien davor gewarnt, (nicht nur) in Sachsen vorschnell die Fachstellen für Archäologie und Denkmalpflege zu fusionieren. Das würde nicht nur die Personal- und Finanzdecke über Gebühr ausdünnen. Am Ende wären die Fachämter nur noch für eine kleine erlesene Denkmalgruppe zuständig. Alle übrigen Schutzobjekte fielen in die Verantwortung der Kommunen, was sie zu Denkmalen zweiter Klasse degradieren könnte.

Wermsdorf, Schloss Hubertusburg (Bild: Karin Berkemann, 2026)

Wermsdorf/Sachsen, kommende Kulturwerte, typische Muster der Nachwendezeit im ÖPNV (Bild: Karin Berkemann, Juni 2026)

MehrWert

Einer solchen Entwicklung stemmt sich die Leipziger Erklärung entgegen. In diplomatisch fein abgewogenen Formulierungen ist dennoch klar zu lesen, dass die Expert:innen in allen Bundesländern um die Qualität ihrer Arbeit fürchten. Sie betonen, anknüpfend an die seit 2025 laufende Imagekampagne der VDL, die Stärken und den Mehrwert der Denkmalpflege: Sie „schont Ressourcen, nutzt graue Energie, erhält handwerkliches Können und stärkt regionale Wertschöpfung“. Von Identität, Baukultur und Nachhaltigkeit ist die Rede.

Niemand habe etwas gegen Effizienz, doch immer komplexere Bauaufgaben (von Klimaveränderung bis Barrierefreiheit) ließen sich nicht mit immer weniger Personal bewältigen. Deshalb arbeite man gerne daran mit, die Verwaltung moderner aufzustellen und die Zivilgesellschaft stärker einzubeziehen. Allein, ohne eine unabhängige Fachexpertise könne Denkmalpflege ihre zukunftsstiftende Aufgabe nicht erfüllen. Auf Hubertusburg klappte dieses Leben und Lebenlassen schon hervorragend: Die Schwalben hatten für ihre Nester gerade die barocken Fassadenversprünge für sich entdeckt. So traf luftiger Lehmbau in baukulturellem Ambiente auf gelebten Naturschutz – und alle mochten es. (kb, 12.6.26)

Wernsdorf, Schloss Hubertusburg (Bild: Karin Berkemann, 2026)

Wermsdorf/Sachsen, Hubertusburg, Deckenspiegel der Kapelle (Bild: Karin Berkemann, Juni 2026)

Wermsdorf, Schloss Hubertusburg (Bild: Karin Berkemann, 2026)

Wermsdorf/Sachsen, Hubertusburg, sanierte Ausstellungsräume (Bild: Karin Berkemann, Juni 2026)

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