Es ist ein Stück Archäologie der Moderne, das die Künstlerinnen Sung Tieu (*1987) und Henrike Naumann (1984–2026) zur diesjährigen Biennale in Venedig – zur Kunstbiennale wohlgemerkt – in Szene setzen. Kuratiert von Kathleen Reinhardt, Leiterin des Georg Kolbe Museums in Berlin, wird dabei nicht nur das Innere als Ausstellungsraum genutzt, sondern auch die Architektur des Deutschen Pavillons (1938, Ernst Haiger) einbezogen. Dessen neoklassizistische Architektur und nationalsozialistische Vergangenheit hat immer wieder zu solchen Eingriffen in das Bauwerk selbst herausgefordert, allerdings meist während der Architekturbiennale. Für die 61. Kunstbiennale stellen die beiden Künstlerinnen ihre Arbeiten unter den gemeinsamen Titel „Ruin“, den sie nicht statisch, sondern als Verb gelesen wissen möchten.
Den Außenbau verkleidete Sung Tieu mit Mosaik-Elementen, die an Plattenbaumodule erinnern sollen. Sie bezieht sich damit auf die Wohnung ihrer Kindheit in einem DDR-Block der Berliner Gehrenseestraße, in dem u. a. vietnamesischen Vertragsarbeiter:innen lebten. Durch das Äußere und Innere der Installation der beiden Künstlerinnen ziehen sich weitere Architekturanspielungen vom Palast der Republik in Berlin, der nach der Wende und langer Diskussion 2008 abgerissen wurde, bis zum Sonnenblumenhaus in Rostock, auf das 1992 ein ausländerfeindlicher Anschlag verübt wurde und heute teils als Dokumentationszentrum genutzt wird. Ergänzt wird die Installation durch Readymades, die Design und Innenarchitektur in Ost- und Westdeutschland der Nachkriegsjahrzehnte thematisieren. Die 61. Kunstbiennale ist in Venedig noch bis zum 22. November 2026 zu sehen. (kb, 5.8.26)

Venedig, Deutscher Pavillon, Gestaltung von Sung Tieu: „Human Dignity Shall Be Inviolable“, 2026 (Bild: mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin, Foto: Andrea Rossetti)
