von Ulrich Coenen (August 2025)
Spätestens seit Werner Durth 1986 sein Buch „Deutsche Architekten – Biographische Verflechtungen 1900–1970“ veröffentlicht hat, ist klar: Viele Baumeister:innen setzten ihre Karrieren im 20. Jahrhundert durch wechselnde politische Systeme hindurch nahtlos fort. Die Initiative „Bauen mit Backstein“ beispielsweise benannte 2022 ihren Fritz-Höger-Preis um – zum Erich-Mendelsohn-Preis. Denn der Historiker Thomas Großbölting hatte kurz zuvor Högers (eigentlich bekannte) Nähe zum Nationalsozialismus (NS) neu ins Bewusstsein gerückt. Auch in Karlsruhe zeigt sich, wie bruchlos manche Karrieren den Übergang vom Nationalsozialismus in die Demokratie überstanden. Darunter finden sich namhafte Architekten wie Erich Schelling, Hermann Alker und Egon Eiermann.

Karlsruhe, Hochschulstadion, Hermann Alker mit Erich Schilling, 1930 (Bild: Ulrich Coenen)
In der NS-Zeit
Seit 1992 werden Preise vergeben, die den Architekten Erich Schelling im Namen tragen. Die zugehörige Stiftung wurde ins Leben gerufen von dessen Witwe Trude Schelling-Karrer und von Heinrich Klotz, dem späteren Gründungsdirektor des Karlsruher Zentrums für Kunst und Medien (ZKM). Nur wenige Tage vor der offiziellen Verleihung entzog die Stiftung dem britischen Künstler und Kunsttheoretiker James Bridle 2024 den Preis für Architekturtheorie – wegen seiner Unterstützung eines Boykotts gegen israelische Kulturinstitutionen. Verärgert verwies Bridle wiederum auf die NS-Vergangenheit Schellings, die der Historiker Holger Köhn für die Stiftung bereits 2009 aufgearbeitet hatte.
Erich Schelling, 1904 in Wiesloch geboren, studierte ab 1923 am Staatstechnikum Karlsruhe (später Fachhochschule) und ab 1930 an der Technischen Hochschule Karlsruhe (TH, heute KIT). Nach seinem Diplom im Jahr 1933 arbeitete er im Büro von Hermann Alker, dem wichtigsten Vertreter der Moderne im Karlsruhe der 1920er Jahre. Alker wurde wegen konservativer Widerstände an der TH 1924 nur außerordentlicher Professor. Zwischen 1929 und 1930 verwirklichte er mit einem Wohnblock Ebertstraße eines der besten Beispiele des Neuen Bauens in Karlsruhe. Alker ist auch Architekt des Hochschulstadions, an dessen Ausführung Schelling beteiligt war. Die Weltwirtschaftskrise brachte Alkers Büro in finanzielle Bedrängnis; 1933 trat er daraufhin der NSDAP bei.

Karlsruhe, Verlagshaus des NS-Blatts „Der Führer“, heute Sitz der „Badischen Neuesten Nachrichten“, Erich Schelling, 1939 (Bild: Ulrich Coenen)
Gebrochene Karrieren
Den Bruch mit seinen Bauten, die von den Nationalsozialist:innen abgelehnt worden waren, vollzog Alker 1935 durch die Heidelberger Thingstätte. Sein Engagement für den NS-Staat wurde 1937 mit der Ernennung zum Münchener Stadtbaurat belohnt. Das Amt verlor er bereits im folgenden Jahr, nachdem er sich mit Adolf Hitler über dessen Konzept der „Hauptstadt der Bewegung“ gestritten hatte. Daraufhin erhielt Alker 1939 einen Lehrstuhl an der TH Karlsruhe, den er 1945 wegen NS-Verstrickungen wieder einbüßte. Seine Professur übernahm Egon Eiermann, der während des Nationalsozialismus zahlreiche Fabriken errichtet hatte.
Erich Schelling war 1933 der SA und 1937 der NSDAP beigetreten. Als sein Chef Alker nach München wechselte, erhielt er eine große Karrierechance: Im Auftrag des NS-Blatts „Der Führer“ durfte er in Karlsruhe von 1937 bis 1939 ein Verlagshaus errichten. Ingrid Ehrhardt sieht in ihrer Dissertation über Schelling „auffallende Parallelen zum Reichsluftfahrtministerium in Berlin“, das von Ernst Sagebiel geplant worden war.

Baden-Baden, Siedlung Ooswinkel, Paul Schmitthenner, ab 1921 (Bild: Ulrich Coenen)
Traditionalismen
Im NS-Staat dominierten zwei Baustile. Für Repräsentationsbauten setzte Adolf Hitler auf einen monumentalen Neoklassizismus, für den der Architekt Albert Speer stand. Daneben bevorzugte man im Nationalsozialismus eine traditionelle Moderne, allen voran die Stuttgarter Schule, die sich bereits in den 1920er Jahren in scharfer Abgrenzung zum Bauhaus positioniert hatte. Diese ideologische wie gestalterische Konkurrenz prägte eine der vielfältigsten Phasen deutscher Architektur.
Nach 1933 hatten die Vertreter:innen der traditionellen Moderne einen Vorteil: Ihre gemäßigteren Formen entsprachen eher Hitlers Geschmack. Während Bauhaus-Größen wie Gropius und Mies van der Rohe mit ihrer Annäherung an das Regime scheiterten und emigrierten, konnte Paul Schmitthenner seine Karriere fortsetzen. Nach 1945 verlor er seinen Stuttgarter Lehrstuhl – wie der Architekturhistoriker Hartmut Frank meint, allerdings weniger aus politischen Gründen. Dabei sei es vielmehr darum gegangen, die gesamte traditionelle Moderne als NS-nah zu diskreditieren, obwohl ihre Vertreter:innen nicht stärker belastet gewesen seien als die der Klassischen Moderne.

Karlsruhe, Campus Süd des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT), ehemaliges Versuchskraftwerk der TH Karlsruhe, Egon Eiermann, 1956 (Bild: Ulrich Coenen)
Unpolitische Moderne?
Die Legende von der unpolitischen Moderne im Nationalsozialismus geht maßgeblich auf den Architekten Rudolf Lodders zurück, der 1947 die Idee einer „Zuflucht im Industriebau“ prägte. Er sprach von Berufskollegen, die sich auf diese Bauaufgabe mit ihrer meist klaren Formensprache spezialisierten, um sich dem Zugriff des Regimes zu entziehen. Egon Eiermann gilt als prominentester Vertreter dieses Phänomens.
In ihrer Dissertation widerlegte die Architekturhistorikerin Sonja Hildebrand 1999 diese These. Zwar war Eiermann – anders als Alker, Schelling oder Schmitthenner – kein NSDAP-Mitglied. Doch seine Beteiligung an der Propagandaausstellung „Gebt mir vier Jahre Zeit!“ 1937 in Berlin ist gut dokumentiert. Er gestaltete dort den Filmraum und Halle II, deren Zentrum ein 20 Meter hohes Hitlerporträt bildete, flankiert von Technik und Waffen als Symbole nationalsozialistischer Stärke. Joseph Goebbels notierte in sein Tagebuch: „Führer ist begeistert.“
Eiermann avancierte zu einem der bedeutendsten deutschen Architekten der Nachkriegszeit. Auch seine Bauherr:innen nach 1945 waren zuvor häufig in den Nationalsozialismus verstrickt. Beispiele sind Burda Moden und Müller Stahlbau in Offenburg. Die Fakultät für Architektur des KIT ehrte ihren 1970 verstorbenen Professor, indem sie einen Hörsaal nach ihm benannte. In Karlsruhe gibt es auch eine Egon-Eiermann-Allee.

Karlsruhe, Schwarzwaldhalle, Erich Schelling, 1953 (Bild: Ulrich Coenen)
Schellings steiler Aufstieg
Erich Schelling machte im NS-Staat eine steile Karriere. Ab 1939 Professor am Staatstechnikum, wurde er 1942 für Bauaufgaben im besetzten Elsass freigestellt. Er stand in enger Verbindung zum badischen Reichsstatthalter Robert Wagner, auf dessen Initiative er am Wettbewerb zur geplanten Umgestaltung Straßburgs zur Gauhauptstadt teilnahm. Sein Entwurf zeigt deutliche Anleihen an die NS-Ideologie und orientierte sich an den monumentalen Dimensionen der geplanten Reichshauptstadt „Germania“.
1948 stufte die Spruchkammer Schelling als „Mitläufer“ ein, wohl auch, weil er nach Kriegsende drei Jahre lang im Schwarzwald untertauchte. Der Direktor des Staatstechnikums hingegen nannte ihn den „Leibarchitekten des Reichsstatthalters“. Diese Einschätzung tat Schellings Karriere keinen Abbruch, immerhin prägte er den Wiederaufbau Karlsruhes mit Projekten wie der Schwarzwaldhalle (1953) und dem Hochhaus der Landesversicherungsanstalt (1963). Was für ihn gilt, galt für viele: Während des Nationalsozialismus waren nahezu alle in Deutschland aktiven Architekt:innen in das NS-System eingebunden. Ohne politische Anpassung gab es so gut wie keine Aufträge.

Karlsruhe, sog. Alkerblock, Hermann Alker, 1930 (Bild: Ulrich Coenen)
„Bauen für Despoten?“
Spätestens seit dem Spiegel-Interview mit den Architekten Meinhard von Gerkan und Christoph Ingenhoven, das 2008 unter dem Titel „Bauen für Despoten?“ erschien, ist die Frage in der Gegenwart angekommen. Ingenhoven lehnte Bauen für Diktaturen ab, Gerkan hingegen verteidigte es: Es gebe kaum „blütenweiße Demokratien“. 2014 rechtfertigte Zaha Hadid im „Daily Telegraph“ ihr Stadion für die umstrittene Fußball-Weltmeisterschaft in Katar mit dem Hinweis, Menschenrechte seien nicht ihr Thema. Diese Liste ließe sich um Zitate von Architekt:innen wie Wolf Prix, Philip Johnson oder Ole Scheeren fortsetzen. Heute wie damals bedeutet(e) Bauen stets auch politische Repräsentation. Viele der im NS-Staat aktiven Architekt:innen nutzten nach 1945 die zweite Chance, andere wurden zu Bauernopfern. Gerade im Vergleich mit Schelling und Eiermann erscheint der Fall Alker – nach dem Krieg war nicht nur seine akademische Karriere beendet, er erhielt auch keine Aufträge mehr – nicht frei von persönlicher Tragik für den ersten bedeutenden Modernisten Karlsruhes.

Offenburg, Verlagshaus für Burda Moden in Offenburg, Egon Eiermann, ab 1953 (Bild: Ulrich Coenen)

Offenburg, Verwaltungsgebäude von Müller Stahlbau, Egon Eiermann, 1961, jüngst ergänzt um einen zweiten Turm (rechts im Bild) durch den Architekten und Projektentwickler Jürgen Grossmann (Bild: Ulrich Coenen)
