Bielefeld, Fotosymposion im FH-Gebäude (Bild: Karin Berkemann, 2019)

Wand Wand

Es gibt kaum etwas Privateres als die Aufnahme einer Wohnung – jeder leere Sessel, jede benutzte Teetasse, jede „Wohnlichkeitsattrappe“ befeuert das Kopfkino des Betrachters. Und genau diese Gratwanderung zwischen zurückhaltender Dokumentation, künstlerischer Inszenierung und ungestraftem Voyeurismus macht den besonderen Reiz der Architekturfotografie aus. Für die neue Ausstellung „Wand Wand“ näherten sich Studierende der FH Bielefeld dem Thema. Anlass der Aktion ist das Ende des dreijährigen Projekts „Erkenntnisformen der Fotografie“ mit dem Forschungsprojekt „Bilder des Wohnens“, was vom 8. bis 10. Mai 2019 mit dem 37. Bielefelder Fotosymposion feierlich begangen wurde. Referenten und Besucher der Tagung waren für drei Tage lebendiger Teil der studentischen Inszenierung: zwischen dem Abbild eines streng gerasterten Wolkenkratzers und der Videosequenz über ein kleinstädtisches Walmdach.

Auf den drei Ebenen des FH-Gebäudes hatten die Studierenden ihre Fotografien, Filme, Medieninstallationen und Objekte eng auf die nachkriegsmoderne Architektur bezogen: Da führte eine Treppe scheinbar direkt auf die Dachlandschaft einer Favela und bogen Häuserzeilen um die Ecke. Derweil referierten und diskutierten die Gäste des 37. Bielefelder Fotosymposiums über Grundlegendes: Wie viel Foto-Montage vertrug eine Architekturzeitschrift um 1900 (erstaunlich wenig, so Marie-Christin Kajewski aus Bielefeld/Köln)? Wie stark war der Einfluss des Modells beim Entwerfen nachkriegsmoderner Architekturen (kaum zu überschätzen, so Ralf Liptau aus Wien)? Wie viel Arbeit macht die Inszenierung der neuesten Handtaschen der Saison für eine Fotostrecke (viel (Spaß), so Thomas Rook aus Berlin)? Und wie lesen wir heute die Wohnungs-Erinnerungsfotos jüdischer Emigranten (mit aller Vorsicht vor unserem eigenen Kopfkino, so Annette Tietenberg aus Braunschweig)? Wie eindimensional erscheint dagegen die Bildsprache der pädagogisch ambitionierten Einrichtungsratgeber der 1920er und 1930er Jahre (Anna Zika) mit ihren zwei Foto-Kategorien: gut und böse. (kb, 11.5.19)

Die Ausstellung, die in Bielefeld (Lampingstraße 3) bis zum 29. Mai 2019 zu sehen ist, wurde erarbeitet von den Studierenden Georg Barbe, Daniela Djukic, Lea Fender, Robert ter Horst, Alina Medvedeva, Morgane Overath und Serafima Rayskina gemeinsam mit Prof. Dr. Kirsten Wagner und Prof. Suse Wiegand. Die Leitung des Forschungsprojekt hat Prof. Dr. Kirsten Wagner, weitere Beteiligte sind Prof. Roman Bezjak als Vizesprecher, Prof. Axel Grünewald, die Doktorandin Marie-Christin Kajewski, Prof. Emanuel Raab, Prof. Suse Wiegand und Prof Dr. Anna Zika. Beim Fotosymposium referierten Kirsten Wagner (Bielefeld), Marie-Christin Kajewski (Bielefeld/Köln), Lutz Robbers (Oldenburg), Ralf Liptau (Wien), Sarine Waltenspül (Zürich), Cora Waschke (Berlin), Inaki Bergera (Zaragosa), Davide Deriu (London), Matthias Noell (Berlin), Annette Tietenberg (Braunschweig), Beate Söntgen (Lüneburg), Anna Zika (Bielefeld), Thomas Rook (Berlin) und Ann Christin Schubert (Berlin). Titelmotiv dieses Beitrags: Blick in die Ausstellung „Wand Wand“ in der FH Bielefeld (Bild: Karin Berkemann, 2019).