"Wessen Stadt?" (Bild: Film-Still, Regie: Hans Christian Post)

Wessen Stadt?

ein Interview mit dem Filmemacher Hans Christian Post

Erst am vergangenen Wochenende demonstrierten mehr als 10.000 Berliner gegen den „Mietwahnsinn“. Diese ungeschönte Seite Berlins zeigte der dänische Filmemacher Hans Christian Post bereits 2015 in seinem Dokumentarfilmdebüt „Last Exit Alexanderplatz“. Zwei Jahre später folgte „Wessen Stadt?“, eine Zeitreise in das wilde raue Berlin der frühen Nachwendejahre. In eine Zeit, als hitzig über die Architektur der künftigen Hauptstadt diskutiert wurde. Damit zog der Filmemacher auch Bilanz: Was hat sich verändert? Wirken die damaligen Entscheidungen bis heute fort? moderneREGIONAL sprach mit Post über seinen besonderen Blick auf die letzten Jahrzehnte Hauptstadt:

mR: Herr Post, was fasziniert Sie am Berlin der Nachwende-Zeit?

Hans Christian Post: Ich kam 2002 nach Berlin, noch als Student, und schrieb über Architektur und Städteplanung. Später reizte mich der Umgang mit dem baukulturellen Erbe nach dem Mauerfall. Meine Doktorarbeit verfasste ich in Kopenhagen – über den Alexanderplatz. Genauer gesagt über den Wettbewerb zu dessen Neugestaltung. Die Entwürfe waren Teil des bundesweiten Architekturstreits der 1990er Jahre. Aus meinen Recherchen ist 2015 der Alexanderplatz-Film entstanden. Aber ich wollte noch einen Film speziell über die dahinterliegende Architekturdebatte drehen. Obwohl ich kein Zeitzeuge bin, hat mich die Auseinandersetzung fasziniert: Sie fand auf einem sehr hohen Niveau statt, gleichzeitig kam sie mir albern vor. Es ging um Ästhetik, eine sehr bürgerliche Ästhetik. Die wirklich wichtigen sozialen Fragen wurden ausgeblendet. Inzwischen haben sich die damaligen Entscheidungen durchgesetzt. Heute kommen die Häuser schick und historisierend daher, sind aber in der Ausführung billig. Gleichzeitig ist die Stadt teuer geworden.

mR: Berlin galt nie als besonders ästhetische Metropole. Woher kam dann diese Sehnsucht nach einem geheilten Stadtbild?

HCP: Unter der Oberfläche der Diskussion um Schönheit und Gründerzeit ging es eigentlich um eine neoliberale Tagesordnung. Man hatte aufgehört, über die soziale Frage zu sprechen. Ich glaube, das war eine Generationenfrage: Die damaligen Entscheidungsträger waren Männer, die um 1945 geboren wurden und sich nach einer heilen Welt sehnten. Viele, die sich für die Rekonstruktion stark machten, kamen gar nicht aus Berlin. Die Stadt, wie sie 1990 vorlag, wurde von dieser Generation nicht geschätzt. Die jetzt amtierende Staatsekretärin der Senatsverwaltung für Stadtverwaltung und Wohnen, Regula Lüscher, ist zum Beispiel 20 Jahre jünger. Sie ist begeistert von Filmemachern wie Wim Wenders, der dieses widersprüchliche Berlin inszeniert hat.

mR: In diesen Wochen begehren vor allem jüngere Berliner auf. Sind die eingeschlagenen Pfade nicht schon viel zu verfestigt, um jetzt noch etwas zu ändern?

HCP: Die Stadt muss mehr machen, als sie tut. Sie darf sich nicht durch die großen Wohnungsbauunternehmen steuern lassen. Nach der Wende hatte Berlin viele Möglichkeiten, besaß Wohnungen und Grundstücke. Gerade nach dem Bankenskandal in den 2000er Jahren wurde viel davon verkauft. Hätte man von Beginn an über die soziale Frage und die „Stadt für Alle“ diskutiert, wären nicht in diesem Maße Kapital und Handlungschancen veräußert worden. Inzwischen gibt es aber auch Politiker, die verstanden haben, dass keiner von dieser Entwicklung profitieren wird.

mR: Man könnte entgegnen, dass eine starre Ruinenromantik wenig fortschrittlich ist – vor allem, wenn Berlin als Welt- und Haupstadt ersten Ranges gelten will.

HCP: Solche Argumente sind provinziell. Ein Großflughafen macht noch keine Weltstadt. Berlin muss nicht Paris oder New York sein. Das Kapital von Berlin waren nicht die Ruinen oder Brachen an sich, sondern deren Möglichkeiten. Die Entwicklung der geteilten Stadt ist einzigartig. Das ist nicht unbedingt hübsch, aber genau der Reichtum, mit dem wir arbeiten sollten. Was man nach der Wende etwa am Potsdamer Platz geschaffen hat, ist im Vergleich nicht sonderlich beeindruckend.

mR: Ist denn zu befürchten, dass Berlin sein Gesicht gänzlich verliert?

HCP: Das hängt jetzt von der Politik ab. Vielleicht sollte die Stadt zulassen, dass mehr gebaut wird: gemischte, soziale Projekte. Ich schaue immer nach Rotterdam, das im Krieg auch sehr zerstört wurde. Dort wollte lange keiner wohnen. Dann hat man entschieden: Wir umarmen jetzt die Moderne und lassen viel zu. Alles, selbst ein Hochhaus darf gebaut werden, aber es muss sozial sein. Auch Berlin könnte – gerade aufgrund seiner Historie und Bausubstanz – eine solche Modellstadt werden. Frau Lüscher sagt in meinem Film „Wessen Stadt?“: Wir brauchen neue Konzepte für die Großwohnsiedlungen der Moderne. Kann man hier sinnvoll nachverdichten und die Qualitäten hervorheben? In Berlin gibt es viele dieser Siedlungen wie die Gropiusstadt, die inzwischen eine ganz eigene Geschichte haben. Diese Gebiete haben eine Zukunft, die man weiterentwickeln muss.

mR: Gerade die Bauten der Nachkriegsmoderne gelten in der jüngeren Generation heute wieder als progressiv.

HCP: Genau! Wir brauchen wieder solche Utopien, den Glauben, dass es besser werden kann. Ich glaube, damals entstanden auch sehr gute Dinge, die wir neu entdecken können.

Das Gespräch führte Johannes Medebach (11.4.19)

Hans Christian Post (Bild: privat)Hans Christian Post, *1971 in Kopenhagen. Vor seiner Promo­tion 2011 arbeitete er zwei Jahre für die Produktionsfirma WTS-Mixed­ Media in Berlin. Heute unterrichtet er an der University of Southern Denmark in Odense. Filmografie: „We are here“ (2019), „Wessen Stadt?“ (2017), „Last Exit Alexanderplatz“ (2015). Aktuell ist er dabei, einen Film über Dresden zu machen (Arbeitstitel „Wohin mit der Geschichte?“) sowie einen Film über Kopenhagen (Arbeitstitel „Best in the world?“).

Zum Nach-Schauen: „Last Exit Alexanderplatz“ wird am 9. Juni um 18 Uhr in der Cinematheque Leipzig gezeigt – im Rahmen der Ausstellung „Bauhaus in Sachsen“.  „Last Exit Alexanderplatz“ und „Wessen Stadt?“ sind am 27. Mai um 19 Uhr in Lichtmess Kino in Hamburg Altona zu sehen – im Rahmen von Architektursommer 2019. „Wessen Stadt“ ist fürs Heimkino als DVD erhältlich.