Als Hans Stimmann 1991 Senatsbaudirektor in Berlin wurde, erfüllte er qua Herkunft schon einmal eine der wichtigsten Grundvoraussetzungen: Er war kein Berliner – geboren wurde er 1941 in Lübeck. Hier absolvierte er eine Maurerlehre und studierte bis 1965 Architektur an der Staatlichen Ingenieurschule (heute TH). Danach arbeitete er als Angestellter Architekt in Frankfurt am Main, erlebte dort den studentischen Aufbruch, trat den Jusos bei und startete – revolutionär motiviert – schließlich 1970 in Berlin ein Studium der Stadt- und Raumplanung. In der Stadt, in welcher gerade flächendeckend gründerzeitliche Miethäuser zum Abriss zugunsten von Mega-Wohnanlagen und Stadtautobahnen vorgesehen waren. 1977 promovierte er und arbeitete anschließend in der Senatsverwaltung für Bau- und Wohnungswesen, danach als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TU Berlin. 1986 kehrte er als Bausenator nach Lübeck zurück mit der Vision, die Altstadt wieder zum Wohnort zu machen, und auch das sogenannte Gründungsviertel vor der Marienkirche wiederzubeleben (was hier erstmal zu großflächigen Abrissen führte). 1991 erfolgte schließlich durch Bausenator Wolfgang Nagel der Ruf als Berliner Stadtbaudirektor. Endlich angekommen.
Ganz der Kritischen Rekonstruktion verschrieben, prägte Stimmann von 1991 bis 2006 (mit kurzer Unterbrechung 1996-99) die Stadtplanung des wiedervereinigten Berlin. Die tollkühne, gerne Maßstäbe sprengende „West-Berlin-Moderne“ der späten 1970er hatte keine Chance mehr, ebenso wenig milliardenschwere Investoren mit Stararchitekten im Schlepp: Stimmann propagierte die klassische Blockrandbebauung, 22 Meter hoch plus zwei Staffelgeschosse, dazu klassisch durchfensterte verputzte oder Naturstein-Fassaden – adieu Stahl und Glas. Das wirkte erst einmal arg konservativ, brachte mitunter auch recht öde Ergebnisse hervor, und nicht zuletzt auch Applaus aus reaktionären (Architektur-)Kreisen. Vor fast 20 Jahren endete seine Berliner Tätigkeit – und in der Rückschau wirkt das konsequente Einbremsen der schlangestehenden neoliberalen Bauherren dann doch ausgesprochen weitsichtig: Hans Stimmann hat Berlin wohl davor gerettet, von Investoren gefressen zu werden. Das ist ein großes Erbe, ungeachtet manch kritikwürdiger Projekte (Planwerk Innenstadt!). Am 30. August ist der in Debatten oft gar nicht so vornehm-zurückhaltende Hanseat in seiner Heimatstadt Lübeck im Alter von 84 Jahren gestorben.
Ach ja, warum Stimmann als Nicht-Berliner für sein Amt prädestiniert war, müssen wir noch auflösen: Etliche seiner Vorgänger waren ebenfalls zugezogen. James Hobrecht, 1862 Gestalter des ersten Berliner Bebauungsplans, stammte aus Litauen. Der große Karl Friedrich Schinkel aus Neuruppin. Ludwig Hoffmann war gebürtiger Darmstädter und Martin Wagner kam aus Königsberg. Ludwig Lemmer, mitverantwortlich für das Hansaviertel und Architekt der Kaiser-Friedrich-Gedächtniskirche, stammte aus Remscheid. Auch nach Hans Stimmann setzte die Reihe fort: Seine Nachfolgerin Regula Lüscher ist in Basel geboren, die derzeitige Amtsinhaberin Petra Kahlfeld in Kaiserslautern. Alla hopp! (db, 4.9.25)
Berlin, Regent-Hotel am Gendarmenmarkt, Josef Paul Kleihues 1993-1996 (Bild: Jörg Zägel, CC BY-SA 3.0)

