Sailauf, Auferstehungskirche im Bau (Bild: Nachlass Karl-Heinz Liebler; Stadt- und Stiftsarchiv Aschaffenburg)

Zweieinhalb Bücher gegen das Vergessen

Da ist dieser eine Bücherstapel auf dem Nachtschränkchen, der einfach nicht kleiner werden will. Nicht, weil man die Bände nicht zu Ende liest – ganz im Gegenteil: Man wird einfach nicht fertig mit ihnen. Dazu gehören aktuell drei Publikationen zu modernen Kirchen, die keine Kirchen mehr sind. Und mit diesem Verlust gehen die drei Bücher – zwei Kompendien und ein nicht minder ehrenswertes Bändchen – auf ganz unterschiedliche, äußerst lesenswerte Weise um.

1 x Trauerbewältigung

Ein schlichtes scharzes Buch, das ein wenig wie eine Trauermappe aussieht, befasst sich mit einer der gelungensten 70er-Jahre-Kirchen Bayerns. Die angedeutete Trauerflor ist dabei in der Tat berechtigt, denn die Auferstehungskirche in Sailauf nahe Aschaffenburg wurde vor gut 10 Jahren abgerissen: Nur 38 Jahre hatte der betonsichtige Bau nach Plänen des Architekten Emil Mai also bestanden, dann wählte die Gemeinde wieder den ursprünglichen, spätbarocken Kirchenbau als neue, alte Heimat. Der Band des Sailaufer Architekten Peter Wohlwender, erschienen unter dem Titel „Auferstehungskirche zu Sailauf“ im Verlag Dreiviertelhaus, wird vervollständigt durch einen Beitrag des Publizisten Wilhelm Opatz, der auch die Grafik übernahm. Als Autor kommt zudem der Dokumentarfilmer Dieter Wieland zu Wort, der kurz vor Schluss den wohl entscheidenden Satz zum Schicksal des Baus schreibt: „Die Kirche hatte keinen Beschützer“. Mit der Beton-Ästhetik der 1970er Jahre konnte und wollte sich damals niemand mehr auseinandersetzen …

Und so setzt dieses Buch dem verlorenen Denkmal ein Denkmal und stellt zu Recht Fragen: Warum ließ man sich überhaupt einen derart anspruchsvollen Bau errichten? Warum wurde weder ernsthaft eine Sanierung angegangen und erst recht nicht über eine Neunutzung nachgedacht? Interessenten hätte es gegeben. Doch gegen das vorherrschende Desinteresse konnte sich seinerzeit offenbar niemand durchsetzen. Längst ist der ungewöhnliche – und ungewöhnlich gute – Kirchenbau verschwunden, und natürlich darf man fragen, was eine posthume Würdigung nun bringen mag? Neben der Tatsache, dass ein emotionales Architektur-Geschichtsbuch entstanden ist, sorgt es vielleicht auch dafür, dass derartige Fehler im Umgang mit dem jüngeren baulichen Erbe nicht mehr so geräuschlos unter den Teppich gekehrt werden können.

1 x Durchzählen

Moderne Kirchenbauten haben also offenkundig eine unsichere Zukunft, als Einzelstück ebenso wie als ganze Kirchenlandschaft. Die bei Schnell und Steiner erschienene Studie „Die Zukunft von Sakralbauten im Rheinland“ schaut hinter die Kulissen und fragt nach Gründen und Lösungsstrategien. In seiner kunsthistorischen Dissertation kommt Martin Bredenbeck zu dem Schluss: Der Nachwuchsmangel und die wirtschaftliche Neuorganisation der Kirchen gefährden gerade moderne Sakralbauten. Anhand des Rheinlands untersucht er exemplarisch, welche (bau-)künstlerischen Verluste damit einhergehen. Und er hat sich zum Ziel gesetzt, gute Möglichkeiten zur Bewahrung des wertvollen Bestands aufzuzeigen.

Auch und gerade im Rheinland sehen sich die beiden großen christlichen Kirchen dazu gezwungen, ihre Gemeinden zu fusionieren, ihre – zumeist modernen – Kirchen stillzulegen, umzubauen, zu verkaufen und abzureißen. Bredenbeck dokumentiert diese Entwicklung im Rheinland und würdigt die positiven Ansätze: Schwerpunktkirchen, Kulturkirchen, Kolumbarien, die Nutzung durch neue Gemeinden oder ein respektvoller Leerstand. Gerade der auf CD-Rom beigelegte Katalog betroffener Bauten liefert einen wertvollen Daten- und Erfahrungsschatz einer untergehenden Kulturlandschaft. Trotzdem, oder gerade deshalb schließt Bredenbeck hoffnungsvoll: „Die Zukunft von Sakralbauten in Deutschland sieht gut aus, wenn sie jetzt offen und verantwortlich gestaltet wird.“

1 x Träumen

Manche hängen (aus gutem Grund) Teesiebe in die Fenster, manche öffnen ihre Türen für Radfahrer: Um seine Kirche unterhalten zu können, muss man sich (nicht nur) in Thüringen schon etwas einfallen lassen. Das 2018 bei Jovis erschienene Buch „500 Kirchen, 500 Ideen“ entstand als Begleitung und Dokumentation eines Ausstellungsprojekts der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland auf der Internationale Bauausstellung (IBA). Gesammelt wurden Ideen für die Zukunft der 500 leerstehenden der rund 2.000 thüringischen Kirchen, darunter auch moderne Vertreter wie Heilig Kreuz in Meiningen. Neben vertiefenden Fachbeiträgen werden Modellprojekte ebenso vorgestellt wie inspirierende Ideen von der Gesundheits- bis zur Herbergskirche. Träumen wird ja noch erlaubt sein! (db/kb, 8.4.19)

Wohlwender, Peter, Auferstehungskirche zu Sailauf, Beitrag/Grafik von Wilhelm E. Opatz, mit einem Vorwort von Dieter Wieland, Verlag Dreiviertelhaus, Elbtal 2019, 104 Seiten, ISBN 978-3-96242-901-0.

Willinghöfer, Jürgen/Weitemeier, Lars (Hg ), 500 Kirchen, 500 Ideen. Neue Nutzung für sakrale Räume, hg. von der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), der Internationale Bauausstellung (IBA) Thüringen, Jovis Verlag, Berlin 2018, Klappenbroschur, 23,5 x 28 cm, 200 Seiten, 259 farb. Abb. Deutsch/Englisch, ISBN 978-3-86859-494-2.

Bredenbeck, Martin, Die Zukunft von Sakralbauten im Rheinland (Studien zu Kirche und Kunst 10), Schnell und Steiner, Freiburg im Breisgau 2015, (zugl. Diss., Universität Bonn, 2011) 416 Seiten, 450 Schwarzweiß-Abbildungen, Softcover, 17 x 24 cm, ISBN 978-3-7954-2650-7.

Titelmotiv: Sailauf, Auferstehungskirche im Bau (Bild: Nachlass Karl-Heinz Liebler; Stadt- und Stiftsarchiv Aschaffenburg)