Zählt die Kugelleuchten!

Heute sind Fußgängerzonen zu tristen Wüsten geworden. Die großen Shoppingmalls haben die Kunden extra muros gezogen und der Innenstadt das Wasser abgegraben. Ohnehin sind hier die Mieten nur noch für Filialisten erschwinglich, der Onlinehandel tat ein Übriges. Manche Kommunen werben mit „neuer Attraktivität“ für ihre Zentren. Oftmals werden bei solchen „Verschlimmbesserungen“ – es muss ja auch pflegeleicht sein – die Gestaltungsideen der 1950er bis 1980er Jahre aufgegeben. Dieser Epoche widmet sich nun ein Buch des Architekturkritikers und Bauwelt-Redakteurs Ulrich Brinckmann: „Achtung vor dem Blumenkübel!“ Vielleicht eine Warnung beim (verbotenen) Befahren der Fußgängerzonen. Oder der Hinweis, den quasi historischen Blumenkübeln mehr Beachtung zu schenken.

Paderborn, Marienplatz mit Rathaus (Bild: historische Postkarte, Wolfgang Hans Klocke Verlag Paderborn)

Drei Raumtypen

In der Stadt der Nachkriegsjahrzehnte gibt es, so Brinckmann, drei Raumtypen: die Fußgängerzone im Zentrum, die Wohnsiedlung am Stadtrand sowie die Ein- und Ausfallstraßen mitsamt den Magistralen und Ringstraßen. Geplant ist eine Buchtrilogie zu diesem architektonischen Dreigestirn zwischen 1949 und 1989. Den Fußgängerzonen hat Brinckmann nun den ersten Band gewidmet, die er anhand von Postkarten betrachtet. Er wählt bewusst Fotos, die nicht für einen Wettbewerb geschossen wurden. Professionelle Aufnahmen, die aber nicht von der Stadtverwaltung oder einem Planungsbüro in Auftrag gegeben wurden.

Solche Postkarten dokumentieren bei Brinckmann den Wandel der Innenstadt – gleichsam in Ost und West. In den 1950er Jahren stand vor allem der Wiederaufbau kriegszerstörter Gebäude im Mittelpunkt, im Hintergrund retuschierte man gern noch die letzten Ruinen. Die Innenstädte wandelten sich in den 1960er Jahren zu Geschäftszentren mit Parkhäusern. Ab Mitte der 1970er Jahre, immerhin war 1975 das Europäische Denkmalschutzjahr, wurde schließlich mehr Rücksicht genommen auf das historisch Gewachsene.

Magdeburg, Karl-Marx-Straße (Bild: historische Postkarte, VEB Bilddruck Magdeburg)

Die ersten Fußgängerzonen

Brinckmann untersucht insgesamt 200 ausgewählte Postkarten. Einleitend schaut er auf Paderborn – auch vor der eigentlich im Buch behandelten Zeit, um den Kontext herzustellen. Das nächste Kapitel führt durch die Geschichte der Fußgängerzonen: anhand von Beispielen wie Rotterdam, Kassel (als erste bundesdeutsche Fußgängerzone), Magdeburg (als Projekt der DDR) und Kiel. In der Folge betrachtet Brinckmann einige Phänomenen wie Pflasterbeläge, Brunnen, Kunst im öffentlichen Raum, Pflanzschalen und Werbung. Ein Exkurs beschreibt die bis heute oft als Bausünden verschrienen Warenhäuser: Horten, Merkur oder Kaufhof mit den Wabenfassaden, die sich gegen die innerstädtische Kleinteiligkeit lehnten.

Ein besonderes Augenmerk legt das Buch auf die Prager Straße in Dresden. Dieses Paradebeispiel einer DDR-Fußgängerzone wurde auf besonders vielen Postkarten abgedruckt. Auch die zuvor erwähnten Shoppingzentren werden zum Thema, sind sie doch auch nichts anders als eine Fußgängerzone – nur eben außerhalb der Stadt und mit Dach. Dieses darf dann gerne, wie in Marl, aus einem dauerhaft gefüllten Luftkissen bestehen. Gegen Ende wagt der Autor noch einen Ausblick auf die Frage: Wie steht es um sie Zukunft der Fußgängerzonen?

Essen, Kettwiger Straße (Bild: historische Postkarte, Schöning und Co.)

Kleine Sehschule

Das Buch bietet einen durchaus bemerkenswerten Überblick über Innenstadtgestaltungen im heutigen Bundesgebiet. Durch das lobenswerte Namens-, Orts- und Sachregister ist zugleich ein wissenschaftlich erschlossenes Nachschlagewerk entstanden. Die Texte bilden eine gelungene Handreichung, um sich selbst die Bilder genauer anzusehen und zu vergleichen. Also: Zählt die Kugelleuchten! (pl, 11.10.20)

Brinkmann, Ulrich, Achtung vor dem Blumenkübel! Die Fußgängerzone als Element des Städtebaus. Ansichtspostkarten in Ost- und Westdeutschland 1949 bis 1989, Dom Publishers, Berlin 2020, 248 Seiten, 200 Abbildungen, Softcover, ISBN 978-3-86922-717-7.

Titelmotiv: Kassel, Treppenstraße (Bild: historische Postkarte, Bild-Druck & Verlag GmbH, Lübeck)

Tirol: Widerstand und Wandel – jetzt noch länger

In Tirol war die Architektur in den 1970er Jahren geprägt von Amtsplanungen und Funktionalismus. Bis weit in die Nachkriegszeit hinein wurden die Region und ihre Zivilgesellschaft ausgezeichnet durch eine starke Heimatverbundenheit, einen ausgeprägten Patriotismus und eine beständige (religiöse) Tradition. Entsprechend schwer hatten es Moderne und Innovation, auch in der Architektur. Bauwerke wurden damals fast ausschließlich von Absolventen der Technischen Universität Wien oder der Akademie der bildenden Künste in Graz entworfen.

Innsbruck, Schule der Usulinen (Josef Lackner, 1979) (Bild: © Günter R. Wett)

Ein erster innovativer Schritt war damals der bundeweite, vom Ministerium für Bauen und Technik ausgelobte Wettbewerb „Wohnen morgen“. 1970 wurde in Innsbruck zudem die Fakultät für Bauingenieurwesen und Architektur gegründet. Nicht zuletzt brachten die Olympischen Winterspiele 1964 und 1976 neue Gestaltungsformen in die Region. Die Innsbrucker Ausstellung „widerstand und wandel. über die 1970er-jahre in tirol“, die aktuell bis zum 24. Oktober 2020 verlängert wurde, spannt im Adambräu-Gebäude einen roten Faden durch die 1970er Jahre – entlang der Architektur Tirols. Begleitend wurden ein Katalog und ein umfangreiches virtuelles Angebot aufgelegt: Coronabedingt sind damit weite Teile von Ausstellung und Buch frei zugänglich online eingestellt. (pl, 10.9.20)

Wörgl, Modellschule (Viktor Hufnagl/Fritz Gerhard Mayr, 1973) (Bild: © Günter R. Wett)

Titelmotiv: Innsbruck, Wohnanlage Mariahilfpark (Franz Kotek, 1973) (Bild: © Günter R. Wett)

„Nicht mein Ding“

Die Ausstellung „Nicht mein Ding“ widmet sich im HfG-Archiv Ulm noch bis zum 19. Mai dem geschlechtsspezifischen Design, oder neudeutsch: Genderdesign. Für die Ulmer Hochschule für Gestaltung (HfG) wird beispielsweise ein geometrisch reduzierter Tierbaukasten des Designers Hans von Klier aus dem Jahre 1958 vorgestellt – geschlechterneutral so ganz ohne Rosa und Blau. Nicht zuletzt der Verein „spiel gut e. V.“, 1954 ebenfalls in Ulm gegründet, hat in seiner Kriterienliste auch „Geschlechterfaktoren“ verankert. Bei den Erwachsenen geht es nicht anders zu: So wird zum Beispiel eine Tabelle zur Badezimmerplanung aufgeführt. Sie listet, welches Familienmitglied wann, wie oft und wozu das Bad nutzt. Beim Faktor „Wäsche waschen“ ist lediglich die Frau eingetragen.

Neben solch nachkriegsmodernen Beispielen widmet sich ein großer Teil der Ausstellung aktuellen Produkten, Fragestellungen und künstlerischen Positionen. Männerspielzeuge wie Akkuschrauber hingegen tragen ein maskulin schwarz-goldenes Design – oder sollen durch rosa Außenhülle nun auch endlich für Frauen geeignet sein. Und das Kunstprojekt „The Pink Project“ bzw. „The Blue Project“ enthüllt, wie die Gender-Farbcodierung bereits im frühen Kindesalter greift. (pl, 21.3.19)

links: The Pink Project – Emily and Her Pink Things, NY, USA 2005 (Bild: © JeongMee Yoon), rechts: The Blue Project I – Jake and His Blue Things, NY, USA, Light jet Print 2006 (Bild: © Jeon)