Rolf Gutbrod: „Eine Haltung, kein Stil“

von Peter Liptau

Noch zu Lebzeiten gab der damals 85-jährige Architekt Rolf Gutbrod (1910-1999) seinen Vorlass 1995 nach Karlsruhe. Dort wurde der Bestand am Südwestdeutschen Archiv für Architektur und Ingenieurbau (saai) verzeichnet, genutzt und intensiv erforscht – an erster Stelle von Joachim Kleinmanns. Nun ist das Ergebnis seiner architekturhistorischen Arbeit in einer umfassenden Publikation bei DOM Publishers erschienen – in der gleichnamigen Reihe als „Grundlage“ geadelt. Darin wird die Biografie Gutbords umfassend aufbereitet, vor allem mit einem kundigen Blick auf das bislang fast unbekannte Frühwerk des berühmten Baumeisters.

Berlin, IBM-Forum (Bild: © Christoph Engel)

Berlin, IBM-Forum (Bild: © Christoph Engel)

Von Stuttgart nach Stuttgart

1910 in Stuttgart geboren, erfährt Gutbrod auf der ersten Stuttgarter Walldorfschule seine anthroposophische Bildung. Pragmatismus ist es, der ihn später zum Bauwesen treibt: Zunächst entscheidet er sich für ein Studium in Berlin, bis ihn ein Vortrag von Paul Schmitthenner wieder in die baden-württembergische Landeshauptstadt zieht. Ein Zwischenpraktikum führt ihn für kurze Zeit nach Düsseldorf zu Gustav August Munzer, der zu jener Zeit das Marineehrenmal in Laboe plant. In Stuttgart lernt Gutbord bei Bonatz, Wetzel und Keuerleber. Dort tritt er dem SS-Reit- und Fahrverein bei – damals wohl eine Strategie, der vollständigen NSDAP-Mitgliedschaft zu entgehen. Mit seiner anthroposophischen Ausbildung gilt er ohnehin als „weltanschaulich ungeeignet“.

Gutbrod absolviert seine Diplomprüfung bei Paul Bonatz mit dem Thema „Der Reichsnährstand in Goslar“: 2,4 Kilometer Gebäudeabfolge mit Büros, Thinghalle, Ehrenhöfen etc. Nach dem Studium leistet er seinem Wehrdienst, um anschließend beim Stuttgarter Architekten Günter Wilhelm zu arbeiten. Durch den Auftrag eines Privathauses kommt er in Kontakt mit dem Bauleiter des Luftwaffenstützpunktes in Friedrichshafen. In der Folge wird ihm die architektonische Verantwortung für die gesamte dortige Flakkaserne übertragen. Dabei plant er neben klassischen Militärgebäuden auch ein – nach eigenen Angaben – „anthroposophisch angehauchtes Heizhaus“. Dieses war als technische Anlage seinerzeit noch nicht der nationalsozialistischen Formensprache unterlegen.

Friedrichshafen, Heizhaus (Bild: © Christoph Engel)

Friedrichshafen, Heizhaus (Bild: © Christoph Engel)

Zwischen Porsche und Milchbar

In den folgenden Jahren zieht es Gutbrod über unterschiedliche Stationen durch die Lande: Zunächst sind Memmingen, München und Belgien zu nennen. Ab 1941 kommt er als Feldbauamtsvorstand in Libyen erstmals in Berührung mit der arabischen Kultur. Von dort geht es weiter als Verbindungsingenieur zur Bauleitung der italienischen Luftwaffe nach Rom. Bis zuletzt ist Gutbrod kein Parteimitglied. Nach Kriegsende verdingt er sich als Lastwagenfahrer, um schon 1946 wieder als freier Architekt in Stuttgart tätig zu werden. Zunächst übernimmt er vorwiegend den Wiederaufbau zerstörter Häuser, aber auch Werksgebäude für die Firma Porsche. Letzte wird ihn (in Form von Autos und Projekten) durch sein Leben begleiten. In Stuttgart entwickelt sich in diesen Jahren eine neue klare Formensprache, die maßgeblich durch Gutbrod geprägt ist – u. a. durch seine Milchbar, die er zur Deutschen Gartenschau 1950 gestaltet.

Stuttgart, Liederhalle (Bild: © Christoph Engel)

Stuttgart, Liederhalle (Bild: © Christoph Engel)

Internationale Werke

1959 wird für Gutbrod zum Wendepunkt: Er beteiligt sich an Wettbewerben für die deutsche Botschaft in Wien, für die IBM-Zentrale in Berlin und für den Kölner Unicampus. In allen Fällen gewinnt er. Daraufhin verlegt er den Hauptsitz seines Büros nach Berlin, eine Dependance in Köln kommt hinzu, doch die Filiale in Stuttgart bleibt bestehen. In Montreal gestaltet er gemeinsam mit Frei Otto den Deutschen Pavillon für die Expo 1967 – das erste internationale Projekt Gutbrods. Dieser Pavillon gilt als Vorbote für zahlreiche leichte Flächentragwerke vor allem in den arabischen Staaten, aber nicht zuletzt auch für die berühmten Münchener Olympiabauten von 1972.

Mit Aufträgen im arabischen Raum rettet Gutbrod seine Büros über die Ölkrise hinweg. Doch ein Großprojekt, das ab 1965 geplante Berliner Kulturforum, wird ohne einen einzigen Bauschritt 1973 zurückgestellt. Letztendlich wird 1985 nur ein einziges Haus nach seinen Entwürfen errichtet. Und dieses wird ob seiner obsoleten Formensprache hart kritisiert – immerhin liegen zwischen Plan und Fertigstellung nahezu 20 Jahre. Daraufhin entzieht man ihm den Auftrag für die restlichen Bauten. Später berichtet er in einem Interview, dass dies „sein Berliner Büro hat zu Grunde gehen lassen“.

Montreal, Expo-Pavillon (Bild: © saai, Werkarchiv Frei Otto)

Montreal, Expo-Pavillon (Bild: © saai, Werkarchiv Frei Otto)

Bislang Unbekanntes

Kleinmanns Recherchen erschließen dem Leser neue Zeiträume in Gutbrods Biografie. Besonders die frühen Jahre und Projekte dieser Architektenbiografie waren bislang weitgehend unbekannt. Der detailreich dargelegte Lebenslauf lässt oftmals die Parallelen zwischen persönlichen Verbindungen und Aufträgen herstellen. Wichtig ist für Kleinmanns auch die Rolle Gutbrods als Lehrer und Diskussionsteilnehmer – u. a. bei den Aulendorfer Treffen, die nach dem Krieg im kleinen oberschwäbischen Ort stattfinden. Hier entstehen zeitgleich auch ein Verlags- und ein Wohnhaus. Viele Gutbrod-Gebäude sind bis heute weitgehend erhalten. Dies wird im Buch deutlich im Fotoessay von Christoph Engel und Bernd Seeland, deren Bilder vor wenigen Jahren für einer Ausstellung zu Gutbrods Bauten der 1960er Jahre entstanden. Ein Verlust ist am Ende dann doch zu vermelden: die Wiener Botschaft, die 2020 dem Erdboden gleichgemacht wurde. (7.2.21)

Aulendorf, Versandbuchhandlung und Appartmenthaus Rieck (Bild: © Christoph Engel)

Aulendorf, Versandbuchhandlung und Apartmenthaus Rieck (Bild: © Christoph Engel)

Kleinmanns, Joachim, Eine Haltung, kein Stil. Das architektonische Werk von Rolf Gutbrod, Dom Publishers, Berlin 2021, 300 Seiten, 260 Abbildungen, Softcover, 21 × 23 cm, ISBN 978-3-86922-757-3.

Titelmotiv: Stuttgart, Milchbar (Bild: © Christoph Engel)

Zählt die Kugelleuchten!

Heute sind Fußgängerzonen zu tristen Wüsten geworden. Die großen Shoppingmalls haben die Kunden extra muros gezogen und der Innenstadt das Wasser abgegraben. Ohnehin sind hier die Mieten nur noch für Filialisten erschwinglich, der Onlinehandel tat ein Übriges. Manche Kommunen werben mit „neuer Attraktivität“ für ihre Zentren. Oftmals werden bei solchen „Verschlimmbesserungen“ – es muss ja auch pflegeleicht sein – die Gestaltungsideen der 1950er bis 1980er Jahre aufgegeben. Dieser Epoche widmet sich nun ein Buch des Architekturkritikers und Bauwelt-Redakteurs Ulrich Brinckmann: „Achtung vor dem Blumenkübel!“ Vielleicht eine Warnung beim (verbotenen) Befahren der Fußgängerzonen. Oder der Hinweis, den quasi historischen Blumenkübeln mehr Beachtung zu schenken.

Paderborn, Marienplatz mit Rathaus (Bild: historische Postkarte, Wolfgang Hans Klocke Verlag Paderborn)

Drei Raumtypen

In der Stadt der Nachkriegsjahrzehnte gibt es, so Brinckmann, drei Raumtypen: die Fußgängerzone im Zentrum, die Wohnsiedlung am Stadtrand sowie die Ein- und Ausfallstraßen mitsamt den Magistralen und Ringstraßen. Geplant ist eine Buchtrilogie zu diesem architektonischen Dreigestirn zwischen 1949 und 1989. Den Fußgängerzonen hat Brinckmann nun den ersten Band gewidmet, die er anhand von Postkarten betrachtet. Er wählt bewusst Fotos, die nicht für einen Wettbewerb geschossen wurden. Professionelle Aufnahmen, die aber nicht von der Stadtverwaltung oder einem Planungsbüro in Auftrag gegeben wurden.

Solche Postkarten dokumentieren bei Brinckmann den Wandel der Innenstadt – gleichsam in Ost und West. In den 1950er Jahren stand vor allem der Wiederaufbau kriegszerstörter Gebäude im Mittelpunkt, im Hintergrund retuschierte man gern noch die letzten Ruinen. Die Innenstädte wandelten sich in den 1960er Jahren zu Geschäftszentren mit Parkhäusern. Ab Mitte der 1970er Jahre, immerhin war 1975 das Europäische Denkmalschutzjahr, wurde schließlich mehr Rücksicht genommen auf das historisch Gewachsene.

Magdeburg, Karl-Marx-Straße (Bild: historische Postkarte, VEB Bilddruck Magdeburg)

Die ersten Fußgängerzonen

Brinckmann untersucht insgesamt 200 ausgewählte Postkarten. Einleitend schaut er auf Paderborn – auch vor der eigentlich im Buch behandelten Zeit, um den Kontext herzustellen. Das nächste Kapitel führt durch die Geschichte der Fußgängerzonen: anhand von Beispielen wie Rotterdam, Kassel (als erste bundesdeutsche Fußgängerzone), Magdeburg (als Projekt der DDR) und Kiel. In der Folge betrachtet Brinckmann einige Phänomenen wie Pflasterbeläge, Brunnen, Kunst im öffentlichen Raum, Pflanzschalen und Werbung. Ein Exkurs beschreibt die bis heute oft als Bausünden verschrienen Warenhäuser: Horten, Merkur oder Kaufhof mit den Wabenfassaden, die sich gegen die innerstädtische Kleinteiligkeit lehnten.

Ein besonderes Augenmerk legt das Buch auf die Prager Straße in Dresden. Dieses Paradebeispiel einer DDR-Fußgängerzone wurde auf besonders vielen Postkarten abgedruckt. Auch die zuvor erwähnten Shoppingzentren werden zum Thema, sind sie doch auch nichts anders als eine Fußgängerzone – nur eben außerhalb der Stadt und mit Dach. Dieses darf dann gerne, wie in Marl, aus einem dauerhaft gefüllten Luftkissen bestehen. Gegen Ende wagt der Autor noch einen Ausblick auf die Frage: Wie steht es um sie Zukunft der Fußgängerzonen?

Essen, Kettwiger Straße (Bild: historische Postkarte, Schöning und Co.)

Kleine Sehschule

Das Buch bietet einen durchaus bemerkenswerten Überblick über Innenstadtgestaltungen im heutigen Bundesgebiet. Durch das lobenswerte Namens-, Orts- und Sachregister ist zugleich ein wissenschaftlich erschlossenes Nachschlagewerk entstanden. Die Texte bilden eine gelungene Handreichung, um sich selbst die Bilder genauer anzusehen und zu vergleichen. Also: Zählt die Kugelleuchten! (pl, 11.10.20)

Brinkmann, Ulrich, Achtung vor dem Blumenkübel! Die Fußgängerzone als Element des Städtebaus. Ansichtspostkarten in Ost- und Westdeutschland 1949 bis 1989, Dom Publishers, Berlin 2020, 248 Seiten, 200 Abbildungen, Softcover, ISBN 978-3-86922-717-7.

Titelmotiv: Kassel, Treppenstraße (Bild: historische Postkarte, Bild-Druck & Verlag GmbH, Lübeck)

Tirol: Widerstand und Wandel – jetzt noch länger

In Tirol war die Architektur in den 1970er Jahren geprägt von Amtsplanungen und Funktionalismus. Bis weit in die Nachkriegszeit hinein wurden die Region und ihre Zivilgesellschaft ausgezeichnet durch eine starke Heimatverbundenheit, einen ausgeprägten Patriotismus und eine beständige (religiöse) Tradition. Entsprechend schwer hatten es Moderne und Innovation, auch in der Architektur. Bauwerke wurden damals fast ausschließlich von Absolventen der Technischen Universität Wien oder der Akademie der bildenden Künste in Graz entworfen.

Innsbruck, Schule der Usulinen (Josef Lackner, 1979) (Bild: © Günter R. Wett)

Ein erster innovativer Schritt war damals der bundeweite, vom Ministerium für Bauen und Technik ausgelobte Wettbewerb „Wohnen morgen“. 1970 wurde in Innsbruck zudem die Fakultät für Bauingenieurwesen und Architektur gegründet. Nicht zuletzt brachten die Olympischen Winterspiele 1964 und 1976 neue Gestaltungsformen in die Region. Die Innsbrucker Ausstellung „widerstand und wandel. über die 1970er-jahre in tirol“, die aktuell bis zum 24. Oktober 2020 verlängert wurde, spannt im Adambräu-Gebäude einen roten Faden durch die 1970er Jahre – entlang der Architektur Tirols. Begleitend wurden ein Katalog und ein umfangreiches virtuelles Angebot aufgelegt: Coronabedingt sind damit weite Teile von Ausstellung und Buch frei zugänglich online eingestellt. (pl, 10.9.20)

Wörgl, Modellschule (Viktor Hufnagl/Fritz Gerhard Mayr, 1973) (Bild: © Günter R. Wett)

Titelmotiv: Innsbruck, Wohnanlage Mariahilfpark (Franz Kotek, 1973) (Bild: © Günter R. Wett)