Jung, aber Denkmal: die Altstadtplatte

Unter dem Motto „Jung, aber Denkmal“ diskutieren Expert:innen in Berlin in einer Veranstaltungsreihe über Baukunstwerke der jüngeren Moderne. Dies Mal dreht sich am 7. April 2021 ab 19 Uhr alles um das Nikolaiviertel. Dessen Wiederaufbau wurde 1987 – pünktlich zur 750-Jahr-Feier der Stadt – vollendet. Doch hier erhielt das Thema Rekonstruktion eine überraschend moderne Wende, denn viele der Häuser zeigen eine historisierenden bis postmoderne Fertigteilfassade. Die Tourist:innen liebten es und machten das neue alte Nikolaiviertel rasch zu einer der beliebtesten Sehenswürdigkeiten der Hauptstadt der DDR.

Seit 2017 steht dieses (p)ostmoderne Highlight unter Denkmalschutz. In der Reihe „Jung, aber Denkmal“ soll das Beispiel Nikolaivierte nun den Blick auf weitere sog. Altstadtplatten in Berlin lenken: innerstädtische Plattenbauten in angepasster Gestaltung. Bereits jetzt steht fest, dass die Veranstaltung via Livestream aus der Urania übertragen wird. Nach einer Einführung durch Landeskonservator Dr. Christoph Rauhut wird eine Podiumsdiskussion mit ca. fünf Teilnehmer:innen – moderiert von der Architekturhistorikerin Kirsten Angermann – die Erhaltungschancen dieser Baugattung ausloten. moderneREGIONAL begleitet diese Veranstaltung – wie die gesamte Reihe – als Medienpartner. (kb, 24.2.21)

Berlin, Altstadtplatte im Nikolaiviertel (Bild: Anne Herdin, Landesdenkmalamt Berlin)

Iserlohn: Abriss trotz Denkmalschutz?

Für das Rathaus I am Schillerplatz in Iserlohn stehen die Zeichen auf Abriss. Noch 2018 gab es Grund zur Freude, denn damals wurde der 1974 fertiggestellte Bau aus der Feder des örtlichen Architekten Ernst Dossmann unter Denkmalschutz gestellt. Damit verstummten vorübergehend die Pläne für einen Rathaus-Neubau. Doch bereits im November 2019 häuften sich die schlechten Nachrichten: Wegen erheblicher Brandschutzmängel wird nun erneut die Option Abriss geprüft. Im Rahmen einer Benehmensherstellung, so Stadtbaurat Thorsten Grote gegenüber ikz-online, soll der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) Münster erklärt haben: Man könne die Argumentation der Kommune nachvollziehen, dass eine Sanierung technisch unmöglich sei.

Die Stadt Iserlohn verweist im Detail darauf, dass eine geeignete Brandschutzsanierung nicht umsetzbar sei. Denn mit dem ursprünglich geplanten Rückbau auf das Betonskelett allein sei es nicht getan. Fehlende beziehungsweise mangelhafte Rettungswege würden einen Eingriff in die Tragstruktur erforderlich machen. Dieser werde statisch durch die instabile Bodensubstanz erschwert, wofür der Baugrund wiederum mit Betonpfählen ertüchtigt werden müsste. Doch für das notwendige Großgerät fehle im Untergeschoss des Rathauses der Platz. Demnach scheint der Erhalt des Gebäudes daran zu scheitern, dass die Räume im Untergeschoss schlicht zu niedrig sind. Noch steht der brutalistische Bau unter Denkmalschutz, aber könnte bald mit der Prüfung des Abrissantrags aus der Denkmalliste gestrichen werden. Und damit käme dann wieder der alte Neubauplan auf den Tisch. Wann genau der Abriss starten soll, ist noch offen – immerhin sind noch nicht alle Rathausräume leergezogen. (re, 23.2.21)

Iserlohn, Rathaus (Bild: Sauerlandtom, via mapio.de)

„Bricolage statt Perfektion“

Der Mannheimer Architekt Helmut Striffler sprach gerne vom „geflickten Kittel“ – für ihn war eine sichtbare Betonsanierung ehrlicher und damit auch schöner als eine übertünchte Fassade. Tobias Flessenkemper (Rheinischer Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz/RVDL) nannte es in seiner Begrüßung zum heutigen zweiten „Forum Nachkriegsarchitektur“ des RVDL (AG Nachkriegsarchitektur im Rheinland) „Bricolage statt Perfektion“. Gemeint ist der denkmalgerechte Umgang mit den Fassaden, speziell mit der äußeren Haut des Mainzer Rathauses. Das von Arne Jacobsen mit Otto Weitling 1973 gestaltete Gesamtkunstwerk sollte für das neue Selbstbewusstsein des wiederaufgebauten Mainz stehen. Heute präsentiert es sich als dringend sanierungsbedürftig – vor allem die Fassadenplatten bereiten den Experten Sorgen. 2018 entschied sich der Stadtrat – nach einer langen und kontroversen öffentlichen Debatte – für die Sanierung. Doch um das „wie“ wird immer noch gerungen – so auch heute virtuell mit zwei Vorträgen und einer Diskussion, moderiert von Alexander Kleinschrodt und Maximilian Kürten.

Mainz, Rathaus (Bild: Kandschwar, CC BY SA 3.0)

Mainz, Rathaus, Ratssaal (Bild: Kandschwar, CC BY SA 3.0)

„Der Rede wert“

Wieviel ist den Mainzer:innen ihr Rathaus wert? In seinem Grußwort lobte Michael Ebling, Oberbürgermeister der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt, das „Gesamtkunstwerk“ Rathaus als „sichtbares Bürgermanifest“, an dem sich die Geister scheiden und scheiden dürfen. Denn, so Ebling, schon zur Eröffnung bemerkte Weitling: „Ein Haus, über das man nicht redet, ist meist nicht der Rede wert“. Der heutige Sanierungsbedarf sei nicht auf Baumängel, sondern auf mangelnde Sorgfalt in Unterhalt und Pflege zurückzuführen. Aktuell stehe die Stadt im Bauantrag und warte auf den Entscheid.

In ihrem folgenden Referat betonte auch Landeskonservatorin Dr. Roswitha Kaiser (Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz) den (Denkmal-)Wert des Rathauses, blickte aber durchaus kritisch auf den aktuellen Umgang damit. Im Laufe ihrer Dienstzeit sei ihr immer bewusster geworden, wie wichtig das Element Prozessteuerung für eine gelingende Denkmalpflege sei. Doch eben dieses regelmäßige Zusammentreffen der am Bau Beteiligten, der wiederkehrende Austausch, sei in Mainz eher „eindimensional“ ausgefallen. Die bereits erfolgte Demontage der so prägenden Sonnenschutzgitter sei noch reversibel, da diese inventarisiert und eingelagert wurden. Auch bilde die Nutzungskontinuität ein großes Geschenk, das man nicht durch den nachträglichen Einbau eines „Bürgerforums“ vorschnell verspielen solle.

Mainz, Rathaus (Bild: Symposiarc, GFDL oder CC BY-SA 3.0-2.5-2.0-1.0)

Mainz, Rathaus, Ratsweinkeller (Bild: Symposiarc, GFDL oder CC BY-SA 3.0-2.5-2.0-1.0)

Gemeinschaftsgefühle

Darauf antworte die Architektin Dr.-Ing. Elke Nagel (Strebewerk-Architekten), die sich in einem bauhistorischen Gutachten mit dem Mainzer Rathaus beschäftigt hatte: Der Bau umfasse viel Symbolisches und Symbolhaftes. Hier wird etwa im kreisrunden Teppichmotiv die Bürgergemeinschaft versinnbildlicht, das zentrale Licht rückt die Einheit in den Mittelpunkt. So liegt in jedem Detail ein besonderer Wert. Alles sei, so Nagel, durchgeplant „wie ein Designerkleid“. Zugleich erwies sich das Architektenduo als Meister der Schwellenbildung – nichts ist selbstverständlich. Und dieses Rundumkonzept sei zwar nicht mehr vollständig, aber – teils eher durch Zufall als durch Absicht – noch gut erhalten und nachvollziehbar. Man könne dem Bauwerk mit Liebe zum Detail seine Identität zurückgeben.

Die mit-veranstaltenden „Betonisten“ – vertreten durch Maximilian Kürten – machen sich in Mainz dauerhaft stark für den Erhalt der städtischen Nachkriegsmoderne, darunter prominent das Rathaus. Zeitnah will die Initiative den Bauzaun mit Fotografien und Texten bespielen, um weiterhin auf den Wert dieses besonderen Gesamtkunstwerks hinzuweisen. Entsprechend äußerten sich die beiden Referentinnen in der Diskussion: Dokumentiert sei der Wert des Rathauses inzwischen bestens, eine Universallösung gebe es bei einem solchen Unikat nicht. Jetzt müsse transparent informiert und behutsam restauriert werden. Selbst die umstrittenen Sonnenschutzgitter würden fehlen, ließe man sie dauerhaft und vollflächig weg. Oder, um es mit Frau Kaiser zu sagen, das Rathaus wäre dann „nackig“. (kb, 22.2.21)

Titelmotiv: Mainz, Rathaus, Mitte der 1970er Jahre (Bild: Gerd Eichmann, CC BY SA 4.0)