Plaste und Elaste – in Bonn!

Die Kunststoff-Verglasung des Bonner Viktoriabads soll restauriert werden. Das LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland (LVR-ADR) hat in Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer-Institut für Silicatforschung ISC in Würzburg und der Stadt Bonn eine Machbarkeitsstudie gestartet, in dem mögliche Konservierungsmethoden erprobt werden. Die Arbeiten werden eng begleitet von der Unteren Denkmalbehörde der Stadt Bonn. Finanziert wird das Projekt durch die Regionale Kulturförderung des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR). Nachdem zunächst in einem ersten Bauabschnitt 1964 bis 1967 der Heilbädertrakt an der Franziskanerstraße errichtet worden war, in dem sich heute das Stadtmuseum befindet, erfolgte im zweiten Bauabschnitt von 1968 bis 1971 die Ausrichtung des Hallenbades zum Belderberg. Die unter Denkmalschutz stehende 30 Meter lange Fassade der seit 2010 nicht mehr genutzten Halle besteht aus rund 300 Kunstharzscheiben, auf denen eine nordische Geysir-Landschaft dargestellt ist. Entworfen wurde sie von Wilhelm Jungherz, künstlerischer Mitarbeiter im Büro Gottfried Böhm. Hergestellt wurde die Kunstverglasung in der einstigen Kölner Glaswerkstatt Botz & Miesen. Das Fensterbild steht samt seiner umgebenden Fassade seit 2013 unter Denkmalschutz.

Besonders von außen sind die bis zu 3,5 mm dicken Scheiben durch Witterung und direkte Sonneneinstrahlung stark geschädigt. Hier sind Mikrorisse zu finden, die sich wie ein Netz über die Scheiben gelegt haben. Gängige Konservierungsmethoden sind an den Fenstern nicht anwendbar, will man die Transparenz der Materialien erhalten und die Leuchtkraft der Kunststofffenster wiederherstellen. Zusätzliche Aspekte, etwa im Hinblick auf die Statik, müssen berücksichtigt werden. Ziel der nun gestarteten Machbarkeitsstudie ist es, die Eignung vorhandener Materialien und Restarierungstechniken auf kleinen Flächen zu testen. Anfang 2023 könnte mit den Ergebnissen der Studie ein speziell auf das frühere Viktoriabad zugeschnittenes Konservierungskonzept entwickelt werden. (db, 5.7.22)

Bonn, Victoriabad, Kunstharzfenster (Bild: TVBuddha, CC BY-SA 4.0)

Baggern in Mainz

Schon seit den frühen 2000er Jahren wurde über die Zukunft des in Nähe zum Dom befindlichen Mainzer Karstadt-Areals und einiger angrenzender Bauten, die dem Bistum Mainz gehören, diskutiert. Mitte März fiel nach 17 Jahren Hin und Her der Startschuss für den Neubau eines Einkaufszentrums an der Ludwigsstraße. Entstehen soll hier der „Boulevard LU“ der offene Shops und große Filialen mit einem Hotel, Kultureinrichtungen und Gastronomie verbinden soll. Der gesamte Neubau wird den Bereich bis zum Gutenbergplatz umfassen, stehen bleibt nur der „China-Pavillon“, in dem sich unter anderem ein Eiscafé und der „Stadtbalkon“ befinden: Hier waren die Besitzer nicht bereit, ihr Gebäude auf Abbruch zu verkaufen. An ihnen biss sich auch der Investor ECE die Zähne aus, der sich 2017 nach langem Tauziehen aus dem Projekt zurückgezogen hatte. Neuer Besitzer wurde die Ingelheimer Bauunternehmung Gemünden. Mittlerweile gibt es eine Boulevard Lu GmbH und Co. KG, deren Zusammensetzung niemand mehr so wirklich durchblickt; den Bau des Komplexes an der Fuststraße, von Gutenberg- bis Bischofsplatz konnte sie nun starten.

Auch der Abriss der Fünfziger-Jahre Bebauung des Bistums ist fast abgeschlossen, hier entstehen Wohnungen und weitere Einkaufsmöglichkeiten. Doch zunächst gibt es sechs Monate Zeit für die Bodendenkmalpflege, auf dem Gelände Grabungen durchzuführen: Das Gelände grenzt an die Johanniskirche, die nach Stand der Forschung der erste Dom von Mainz und damit eine der ältesten christlichen Kirchen Deutschlands ist. Die Archäologen hoffen auf Funde von Mittelalter bis zur Römerzeit, neben dem „Alten Dom“ könnte eine zweite mittelalterliche Kirche gestanden haben. Die spätere Neubebauung soll nach Plänen der Mainzer Bürogemeinschaft Faerber Architekten, Jestaedt + Partner sowie Bierbaum.Aichele Landschaftsarchitekten errichtet werden. Und während gegraben wird, fällt nun auch das 1963 eröffnete und 2020 geschlossene Karstadt-Gebäude mit seinen charakteristischen Pavillon-Vorbauten, die nun fast 60 Jahre das Straßenbild prägten. (db, 4.7.22)

Mainz, Karstadt 2020 (Bild: BankenSusanne, CC BY-SA 4.0)

Tatra-Comeback in Dresden

Die Firma Tatra aus der einstigen Tschechoslowakei war einer der größten Hersteller von Straßenbahnen in Osteuropa. 1946 ging sie als staatlicher Betrieb aus der Ringhoffer-Tatra AG vor. Auch nach dem Ende des Sozialismus existierte Tatra weiter: Die in der Stadt Kopřivnice beheimatete Automobilsparte fand neue Investoren und bis heute als Hersteller von Lkw aktiv. Das Straßenbahnwerk geriet in den 1990ern unter privater Führung in Schwierigkeiten, die Staatsbank übernahm den Wackelkandidaten. 1997 endete die Produktion von Straßenbahnen, 2000 musste Insolvenz angemeldet werden. Eine Siemens-Tochtergesellschaft kaufte das Werk in Prag 2001. Nach mittelprächtig erfolgreichen Jahren schloss das Werk 2009, da Siemens keinen Käufer fand. Endgültig erloschen ist “ČKD Dopravní systémy” , so der letzte Name, erst 2019, als die Liquidation abgeschlossen war.

In vielen deutschen Großstädten wie Halle, Leipzig und Dresden waren noch weit bis in die 2010er Jahre Tatra-Straßenbahnen unterwegs. Und da es derzeit infolge Corona-Krise und Ukraine-Krieg an allen Ecken klemmt, erleben in Dresden auch gerade einige Oldtimer des Typs Tatra T4D ein Comeback: Im Fuhrpark der Verkehrsbetriebe herrscht nämlich gerade Materialmangel. Für die aktuellen Niederflurbahnen fehlen Ersatzteile, der Start der allerneuesten Stadtbahn-Generation verspätet sich. Seit 1. Juli sind daher auf den Linien 3 und 9 wieder vier Tatra-Züge im Einsatz. Die sind zwar leider nicht barrierefrei (daher fahren sie im Wechseltakt mit den neueren Bahnen), dafür aber technisch unverwüstlich. Seit 2010 werden sie eigentlich nur noch als Sonderzüge sowie als Zubringer für das Straßenbahnmuseum genutzt. Die Renaissance der Tatras im Liniendienst soll bis Herbst dauern, danach wird wohl ein großer Teil der elf Wagen ausgemustert, da dann die neueste Straßenbahn-Generation den Dienst antreten soll. Als (mehrheitliche) Oldtimer-Liebhaber*innen steht das Team von moderneREGIONAL den Zukunftsplänen natürlich skeptisch gegenüber… (db, 3.7.22)

Dresden, Tatra T4, Station Nürnberger Platz 2010 (Bild: Darts Toaster, CC BY-SA 4.0)