Leidenschaft für die Leinwand

Wer verblassten Glamour und Ruinenromantik sucht, wird in der ehemaligen DDR allenfalls noch punktuell fündig – ganz anders sieht es in Kuba aus. Im Sozialismus unter Palmen erlangten die prachtvollen Überbleibsel der vorrevolutionären Zeit eine ganz besondere Patina, die heute Touristen anlockt. In den kälteren Gefilden Ostdeutschlands bot sich 1990 noch ein ähnlicher Eindruck – vielleicht ein wenig grauer. Die Fotografin Margarete Freudenstadt dokumentierte damals die stolzen Kinopaläste in den neuen Bundesländern, bevor sie in der Marktwirtschaft den großen Ketten zum Opfer fielen. 

Rund dreißig Jahre später machte sie sich auf den Weg nach Kuba und wählte sich dasselbe Sujet. Namen wie „Florida“ erinnern an die Zeiten, in denen die USA die Geschicke der Insel mitgestaltete und zu einem Kinoboom führte. Teilweise ungenutzt, sehen diese Schmuckkästen wie die Brüder und Schwestern in der Ex-DDR einer ungewissen Zukunft entgegen – je nach dem, wie sich das Tauwetter entwickelt. Im Hirmer Verlag erscheint nun der Bildband „Cinemas. From Babylon Berlin to La Rampa Havana“ – interessante Gegenüberstellung der Kinokultur in zwei gleichen Systemen und doch ungleichen Ländern. (jm, 20.10.19)

Wagner, Christoph (Hg.), Cinemas. From Babylon Berlin to La Rampa Havana, Fotografien von Margarete Freudenstadt, Hirmer Verlag, München 2019, 96 Seiten, 80 Farbabbildungen, 26 x 29 cm, gebunden, ISBN 978-3-7774-3458-2.

Titelmotiv: Buchcover (Bild: Hirmer Verlag)

Hamburg-Harburg: Jetzt wird doch verkauft!

Das kam für viele unerwartet, auch wenn die Frage seit – mindestens – zwölf Jahren im Raum steht: Die Dreifaltigkeitskirche in Hamburg-Harburg ist zum Verkauf ausgeschrieben. 1966 von Friedrich und Ingeborg Spengelin fertiggestellt, handelt es sich um den Wiederaufbau eines barocken, 1944 zerstörten Vorgängers. Daran erinnern z. B. das erhaltene Westportal, das heute zum Innenhof führt, und einige Ausstattungsstücke. Vor Kurzem musste bereits aus Sicherheitsgründen die kriegsversehrte, dem Gedenken gewidmete Christusfigur über dem barocken Westportal entfernt werden.

Für das nicht mehr regelmäßig liturgisch genutzte Ensemble wurden bereits viele Konzepte geschmiedet. Eine gastronomische Nutzung wurde kurz vor knapp von der Gemeinde gestoppt. Ab 2018 lief mit dem Nutzungskonzept „3falt. Kunst – Kultur – Kreativität“ eine Erprobungsphase, die von der zuständigen Pastorin Sabine Kaiser-Reis im als der „letzte Versuch“ bezeichnet wurde. Dieser wurde nun für gescheitert erklärt, denn ein Stadtentwicklungsbüro hat das Ensemble (im Auftrag von Gemeinde und Kirchenkreis) via Interessenbekundungsverfahren für 1,5 Millionen Euro ausgeschrieben. Interessenten müssen ein Nutzungskonzept vorlegen. Südkultur, einer der damaligen Träger von „3falt“, ist nicht mehr im Rennen. Doch ein Vertreter des damals zweite Trägers Stadtkulturhafen will mit neuen Bündnispartnern sein Interesse bekunden. Ein Besichtigungstermin ist für Montag angesetzt. (kb, 19.1.19)

Hamburg-Harburg, Dreifaltigkeitskirche, 2014 (Bild: Ajepbah, CC BY SA 3.0)

Hamburg-Harburg, Dreifaltigkeitskirche (Bilder: oben: Holger X., via fotocummunity.de, unten: Ajepbah, CC BY SA 3.0)

Rottenburg: Wie viel Moderne braucht der Denkmalschutz?

Es sind nicht immer nur die Bauten der „klassischen“ oder der Nachkriegsmoderne, die vom Abriss bedroht sind. So aktuell auch in Rottenburg: Eduard Krüger (1901-67) war der Architekt des Sparkassengebäudes am Marktplatz. Der jetzige Eigentümer möchte an diese Stelle einen Neubau setzten. Nun ist der Sparkassenbau Krügers von 1953 alles andere als eine Inkunabel der Nachkriegsmodene. Der zeitlebens in Württemberg tätige Architekt gehört zu den wenigen Schülern von Bonatz und Schmitthenner, die auch nach 1945 dem Stil der Stuttgarter Schule treu blieben. Aber es ist gerade der gekonnte Umgang mit dem städtebaulichen Umfeld, der in Rotteburg hervorzuheben ist. Krüger nahm die Proportionen des barocken Vorgängerbaus auf. Mit wenigen Details setzte er Akzente: In der Fensterachse über dem Rundbogenportal z. B. betonte er mit einem kleinen Zwerchgiebel mit Uhr weithin sichtbar den Eingang.

Auch in Schwäbisch Hall, Balingen und in Crailsheim hatte Krüger Bauten für die Sparkasse errichten können. Im Gegensatz zu Rottenburg haben z. B. Schwäbisch Hall und Balingen die Bedeutung der dortigen Krüger-Bauten im Stile der „Neuen Tradition“ erkannt und sie als Kulturdenkmale nach §2 DSchG eingetragen. Eines muss den Entscheidungsträgern der Stadt Rottenburg bei einer Zustimmung zum Abriss klar sein: Jeder Neubau dürfte sich bei weitem nicht so zurückhaltend in das Ensemble des Markplatzes einfügen. Große Glasflächen würden die gut proportionierte Lochfassade ersetzen. Denn gerade die Zurüchaltung und das behutsame Einfügen zeichnen des bestehende Sparkassengebäude aus. (pr, 18.10.19)

Titelmotiv/unten: Rottenburg, Sparkasse (Bild: Peter Raaf, 2019)